Klaus Bergdolt bietet in seinem Buch, das medizinische wie wirtschafts- und gesellschaftsgeschichtliche, theologische wie kunst- und literaturhistorische Erkenntnisse berücksichtigt, ein umfassendes Bild des "Schwarzen Todes", der Europa verändert hat wie danach erst wieder die Weltkriege unserer Zeit.
"Die Pest des frühen Mittelalters
Obgleich ein Vorkommen von Yersinia Pestis in der Antike nicht beweisbar ist, handelte es sich bei der Katastrophe von 1348/51 keinesfalls um die erste nachweisbare Pest der europäischen Geschichte. Interpretieren wir die Quellen richtig, wurde die Beulenpest bereits 541 unter Justinian von Ägypten aus in die levantinischen Hafenstädte eingeschleppt. Prokop, der Chronist am Kaiserhof in Byzanz und sein Nachfolger Agathias, ferner Evagrius Scholastikus aus Antiochia, der Historiker Johannes Malal s, der Rhetor Zacharias und - weit im Westen, am Merowingerhof - Gregor, der Bischof von Tours, beschrieben die Justinianische Pest aus unmittelbarer Erfahrung, wobei sie in ihren rhetorischen Berichten recht unverblümtdie Seuchenbeschreibung des Thukydides imitierten. Die Mimesis des angesehensten Historikers der Antike gab ihren Schriften, obwohl es sich in Athen, wie wir sahen, gerade nicht um eine wirkliche Pest gehandelt hatte, besonderen Glanz. Spät estens im Winter 543 hatte die Seuche im Osten Aserbeidschan (Atropatene), im Westen Dalmatien, Italien, Spanien und Nordafrika erreicht, im Norden Reims und Trier. Die Menschenverluste waren enorm, besonders in den Hafenstädten des Mittelmeers. Der Schiffsverkehr und - nach dem Zeugnis des Evagrius - Kranke auf der Flucht sorgten für eine rasche Ausbreitung der Epidemie, die literarisch freilich weit weniger bekannt wurde als der Schwarze Tod des 14. Jahrhunderts. Während der Kaiser sie optimistisch im März 544 'offiziell' für erloschen erklärte, flackerte die erste gesicherte Pest der europäischen Geschichte bereits 577 wieder auf und blieb etwa 200 Jahre endemisch (nicht zufällig etablierte sich um 680 in Rom der Kult des hl. Sebastian, des wichtigsten Pestheiligen im ersten Jahrtausend). Die verlustreichste Epidemiewelle überzog um 750 Italien. Kurz darauf erlosch die Pest endgültig. Erst 1347, nach rund 600 Jahren, sollte die Krankheit Europa wieder in Angst und Schrecken v ersetzen.
Die Parallelenzwischen dem Schwarzen Tod und der Justinianischen Pest waren vielfältig. Wie im 14. Jahrhundert deutete man bereits zur Völkerwanderungszeit eine merkwürdige Häufung von Naturkatastrophen, Vulkanausbrüchen, Überschwemmungen und Kometenerscheinungen als unheilvolle Vorzeichen von Kriegen und Seuchen und brachte sie mit der Pest in Zusammenhang. 'Die Zukunft liegt im Dunkeln. Sie wird sich entwickeln, wie es Gott gefällt, der auch die Ursache kennt', notierte Evagrius pessimistisch. Die meisten Zeitgenossen waren davon überzeugt, daß Gott die Menschheit strafen wollte. Theophanes Homologetes vermutete, daß 'der Pesttod kam ..., um den frevelhaften Konstantinos (d. h. Kaiser Konstantinos V. Kopronymos, 741 - 755) zu züchtigen und ihn von seiner Raserei gegen die heiligen Kirchen und die ehrwürdigen Ikonen abzubringen'. Die Seuche wurde so zweifellos auch politisch ausgeschlachtet. Bekanntlich stellte der Bilderstreit über Jahrhunderte ein Hauptproblem ..."
"Der Medizinhistoriker Klaus Bergdolt bietet in seiner faszinierenden Monographie ... eine souveräne Zusammenfassung dessen, was die sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung in den letzten Jahren herausgefunden hat."(Die Zeit)
"Spannend in der Sache, wissenschaftlich exakt, mit aufregenden Einzelheiten, ohne den Leser in der Flut des gewaltigen Stoffes ertrinken zu lassen, wird ein Drama von überhistorischer Bedeutung erzählt: Europa in elendster Krise und doch im Aufbruch zu einer neuen Zeit." (Die Welt)
Etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung wurde in den Jahren 1346 bis 1350 Opfer der Pest. Die Angst vor der Ansteckung ließ die Menschen verrohen, Verantwortungsgefühl kam ihnen abhanden, und Moralgesetze wurden außer Kraft gesetzt. Anhand zeitgenössischer Beschreibungen stellt Klaus Bergdolt den Seuchenalltag dar. Er schildert die Auswirkungen der Pest auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Sozialgefüge sowie das Verhalten der Geistlichen und Ärzte. Auch auf die Einflußnahme der Seuche auf Kunst und Literatur des Spätmittelalters geht er ein.
Klaus Bergdolt ist Facharzt für Augenheilkunde und habilitierte sich in Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. Er ist Professor für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Medizin- und Kunstgeschichte.
€ 12,90