Welche Qualen ein Museumsbesucher erleidet, das weiss man erst, seit ein Museumsshop sie lindert: Hier kann man alles anfassen, kaufen und mit nach Hause nehmen; hier findet der Konsument nach der Geisterwelt des Unberürbaren und Unverkäuflichen ins wahre Leben zurück. Ist er dort glücklich?
"Die letzte Zigarette
Eine Fortsetzungsgeschichte
Die erste Zigarette, vor rund vierzig Jahren mit Spielkameraden aus der dörflichen Volksschule in einem leeren Hühnerstall geraucht, stammte aus einer angebrochenen Packung Mercedes. Nachdem diese imZimmer des großen Bruders entdeckt worden war, konnte der kleinere Bruder, unser Gastgeber, zum Ausprobieren überredet werden. Dafür hatte er allerdings zu büßen. Zwar blieben die Wichtigtuer unentdeckt und konnten ihre ersten Zigaretten in aller Ruhezu Ende rauchen, aber für zwei von ihnen hatte das Folgen, die gegen Abend erkennbar wurden und zu den üblichen Verhören führten - Anfänger, dachte man sich am nächsten Morgen, als auf dem Schulhof die häuslichen Szenen gewürdigt wurden, können ihren Müttern aber auch rein gar nichts verheimlichen!
Die erste Zigarette ist oft der Beginn einer lebenslänglichen Freundschaft zwischen Mensch und Droge, die - wie richtige Freundschaften - ihre Krisen und Schwankungen kennt, Hingabe und Über dr uß, abrupte Trennung und sentimentale Wiedervereinigung. Die ersten Stationen lagen in der Kindheit, Nachahmungstaten, deren Motive mit dem Rauchen selbst noch wenig zu tun hatten. Später wurde es zum Abzeichen des Älterwerdens, sich mit Zigaretten sehen zu lassen. Als Signal der Männlichkeit und der Zugehörigkeit zur Berufswelt gab sie den Absolventen der Volksschule, vierzehnjährigen Lehrlingen, den Auftritt von Initiierten.
Für den in die Stadt pendelnden Gymnasiasten blieben die Begegnungen dagegen noch lange Zeit Einzelfälle: Die Packung Collie wurde weggeworfen, nachdem man sie vor einem Jagdunterstand hinter dem Bahndamm angebrochen hatte; filterlose Zigaretten mit heute vergessenen Namen wie Emir oder Juno bestätigten den Verdacht der Ungenießbarkeit; Simon Arzt wurde dagegen mit Begeisterung hinter dem Rücken des großen Bruders geraucht, wenn er über der Modelleisenbahn die brennende Zigarette im Aschenbecher vergaß. Später lernte man es, sich mit einer zu Hause gut ver s teckten Packung Peter Stuyvesant auf dem Spielplatz in die Büsche zurückzuziehen: Wer wollte nicht am 'Duft der großen weiten Welt' teilhaben; wer konnte in diesem Alter schon so gegen die Werbung imprägniert sein, daß er ihr nicht jeden hinausposaunten Mythos geglaubt hätte?
Jeder Raucher hat noch ein anderes erstes Mal in Erinnerung, nämlich die Erfahrung, die ihn zum dauerhaften Kunden werden ließ; auch die hing mit dem großen Bruder zusammen. Es war seine Hochzeit, bei der man, mit anderen Knaben aus der neuen Verwandtschaft spazierengehend und nicht mehr ganz nüchtern, wie man so sagt: auf den Geschmack kam, in diesem Fall den von Astor. Das war in der Quarta, also mit dreizehn. Von da an blieben Zigaretten im Blickfeld, gleichgültig, ob man sie selber rauchte oder nicht. Man lernte, daß Zigaretten vier verschiedene olfaktorische Aggregatzustände haben: Den würzigen Tabakgeruch, den sie aus der frisch geöffneten Packung verströmen; die verführerisch duftende Glutfahne, die s ich in die Nasen der Umstehenden kringelt; den harten und trockenen, beinahe nuancenlosen Rauch, den man mit wachsender Indifferenz inhaliert, schließlich den morgendlichen Gestank verqualmter Räume und voller Aschenbecher.
So reifte ein jugendlicher Konsument heran, den Haßliebe immer mehr an das Objekt seiner wachsenden Begierde band. Es gelang ihm sogar in der Obertertia, also mit fünfzehn, für eine Klassenfahrt den erwünschten Zielort durchzusetzen, Konstanz am Bodensee, der geographisch und bildungsbürgerlich begründet sein wollte, in Wahrheit aber vorgeschlagen worden war, um in die Nähe von Ländern zu kommen, wo man auf deutschen Märkten noch nicht beheimatete Marken erwerben konnte. Hier wurde, bei einer Seerundfahrt, die erste Camel geraucht, filterlos, wie es sich damals verstand. Daß der aus diesem Grund besuchte Ort später auch zu dem des Studiums wurde, hatte mit Zigaretten nichts zu tun, sondern mit einer Armbeweg
Welche Qualen ein Museumsbesucher erleidet, das weiß man erst, seit ein Museumsshop sie lindert: Hier kann man alles anfassen, kaufen und mit nach Hause nehmen; hier findet der Konsument nach der Geisterwelt des Unberührbaren und Unverkäuflichen ins wahre Leben zurück. Ist er dort glücklich? Das ist die Frage, der Walter Grasskamp in seinen zahlreichen Streifzügen durch die Warenwelt nachgeht. Auf ihnen portraitiert er Teetrinker und Zigarettenraucher, Sofabildbesitzer und Popmusikfans, Schmuckträger und Markenbekleidete im Verhältnis zu den Gütern, für die sie das Wertvollste geben, das sie haben, ihr Geld - es sei denn, sie gehören zu den Ladendieben, denen eine eigene Betrachtung gewidmet ist.
Walter Grasskamp, geboren 1950, ist Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seine Arbeitsschwerpunkte sind moderne und zeitgenössische Kunst, Museumsgeschichte, Kulturpolitik sowie Kunst im öffentlichen Raum.
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