Eliza wusste noch nicht, wohin sie fahren würden, als sie im Auto durch das Heckfenster das Haus kleiner werden sah. In den vorangegangenen Wochen waren in der Wohnung immer mehr Gegenstände von ihrem Platz verschwunden. Mutter hatte energisch Schubladen und Schranktüren geöffnet und den Inhalt der Möbel in Kisten verstaut. Die Zimmer waren von Tag zu Tag leerer geworden, und es war Eliza vorgekommen, als würde gleichzeitig ihre Stimme darin lauter. Ein paar Nachbarkinder, mit denen Eliza manchmal gespielt hatte, rannten gerade aus einem Hauseingang auf den Gehsteig. Eliza klopfte gegen die Scheibe und winkte ihren kleiner werdenden Rücken nach. Sie verließen auf einer Nebenstraße den Bezirk, in dem sie gewohnt hatten, bogen in eine breite Straße und schleusten sich im Schatten, den die Hochhäuser warfen, in den stockenden Strom des Morgenverkehrs. Eliza sah, wie sich ihr kleiner gelber Wagen in den Schaufenstern der Geschäfte spiegelte, dicht gefolgt von den Fahrzeugen hinter ihnen, als wären sie nur ein Glied einer langen Kette, die sich löste, sobald die Abzweigungen und Ausfahrten kamen und die Wagen wie ein plötzlich aufgeklappter Fächer in verschiedene Richtungen fuhren. Großmutter Augusta wohnte nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt in einem Haus, das früher einmal als Vorratsspeicher gedient hatte. Der alte Speicher, umgeben von Bergen und Wäldern, lag in der Nähe eines kleinen Dorfes, von dem aus man die Stadt weder sehen noch hören konnte. Schon von weitem erkannte Eliza die an einem Waldrand dicht zusammengedrängten Häuser, die hinter den Kurven und Hügeln auf- und abtauchten, als versteckten sie sich vor ihren Blicken. Eine kaum befahrene Schnellstraße hatte in das Dorf eine Schneise geschlagen und es in seiner Mitte geteilt. An den Straßenseiten reihten sich die Bauernhäuser. Als sie das Dorf erreichten, bemerkte Eliza, wie ein Mann, die Ellbogen auf das Fensterbrett gestützt, laut mit einer Frau sprach, die im gegenüberliegenden Haus die Blumen am Fenster goss. Der Motorenlärm riss gewaltsam ihre einander von Fenster zu Fenster zugeworfenen Sätze entzwei, sie verstummten einen Augenblick und schauten beide dem gelben Wagen nach, der beim Lebensmittelgeschäft an der Ecke in die abschüssige Straße bog. Der Speicher lag etwas außerhalb des Dorfes auf einer Anhöhe. Ein Laubengang führte um das ganze Haus herum. Eliza erkannte Großmutter, die rauchend in der Laube stand, als habe sie ihre Ankunft erwartet. Auf einer steilen Außentreppe stieg Eliza zur Laube hoch und fiel in Augustas ausgebreitete Arme. Großmutter drückte Eliza an ihre Brust, wo es nach Hafer und Rauch roch. Eliza hätte gerne noch lange so an Großmutter geschmiegt dagestanden, aber Mutter, die bereits hineingegangen war, rief ungeduldig aus dem Wohnzimmer. Großmutter führte Eliza in die Küche, holte eine Schachtel mit Gebäck aus dem Schrank und hieß sie warten. Einen Butterkeks kauend, stand Eliza in der Küche und blickte durch das kleine Fenster der Tür in den Garten. Sie erinnerte sich, dass sie einmal mit Großmutter durch die Beete gegangen war und sie sich über die Blumen unterhalten hatten, wie über gemeinsame Freunde. Großmutter hatte ihr den Namen der Blume genannt, und Eliza antwortete ihr jedes Mal, ob der Name zu der jeweiligen Pflanze passte oder nicht. Die meisten schienen ihr falsch, und sie gab ihnen neue: »Die Nachtkerze ist eine Flammensäule«, hatte sie zu Großmutter gesagt oder: »Die Mohnblüte ist ein aufgeplatzter Zwergenschirm.« Jetzt aber neigten sich die Blütenköpfe zu Boden, als hätte ihnen die Sonne das Genick gebrochen. Großmutter Augusta war ein warmer rauchender Berg. Die Luft in der Stube war immer schwer vom blauen Nebel, der aus ihrer Meerschaumpfeife stieg und sich in ihren großen Röcken verfing. Augusta trug stets mehrere Röcke übereinander. In ihren Stoffschichten wie in einer Rauchglocke wandelnd, ging sie durch den Speicher, als müsse sie darin irgendwann selber zu Rauch werden. Rauch, der zur Decke steigt und sich
"Unzählige Male hatte sie schon beobachtet, wie die Menschen in einem dieser kleinen Busse zu ihrem Flugzeug gebracht wurden, und sich dabei gewünscht, einer von ihnen zu sein. Und als die Tür geschlossen wurde und das Flugzeug langsam auf die Abflugrampe zurollte, dachte sie an die Menschen hinter dem Band aus lauter kleinen Fenstern und dass sie alle einen Namen hatten, einen Pass und ein Ziel."
Eines Morgens verlässt Eliza mit ihrer Mutter die Stadt. Eliza wird aufs Land gebracht, zur Großmutter Augusta. Die Spur der Mutter verliert sich - für immer. Für Eliza beginnt eine glückliche Zeit. Bis der plötzliche Tod der geliebten Großmutter dem unbeschwerten Leben ein Ende setzt. Eliza wird in ein Waisenhaus gebracht. Zu ihrer Überraschung holen die Rosenbergs sie eines Tages in ihr großes Haus auf dem Goldhügel. Aber das gegebene Versprechen ist brüchig. So brüchig wie die Welt, die Eliza umgibt.
Zoë Jenny entfaltet Stück für Stück, Jahr um Jahr, Elizas Lebensgeschichte. Von der ersten Seite an blättert sie einen fesselnden, atmosphärisch dichten erzählerischen Reigen auf und erzählt in lakonischem, alles Überflüssige aussparendem Stil die bewegende Geschichte des Mädchens Eliza auf der Suche nach Geborgenheit und einer eigenen, einer unzerstörbaren Heimat.
"Zoë Jenny skizziert meisterhaft die Ausweglosigkeit, das ungebremste Zusteuern auf die Katastrophe."
Nürnberger Nachrichten
"Unzählige Male hatte sie schon beobachtet, wie die Menschen in einem dieser kleinen Busse zu ihrem Flugzeug gebracht wurden, und sich dabei gewünscht, einer von ihnen zu sein. Und als die Tür geschlossen wurde und das Flugzeug langsam auf die Abflugrampe zurollte, dachte sie an die Menschen hinter dem Band aus lauter kleinen Fenstern und dass sie alle einen Namen hatten, einen Pass und ein Ziel."<br>Eines Morgens verlässt Eliza mit ihrer Mutter die Stadt. Eliza wird aufs Land gebracht, zur Großmutter Augusta. Die Spur der Mutter verliert sich - für immer. Für Eliza beginnt eine glückliche Zeit. Bis der plötzliche Tod der geliebten Großmutter dem unbeschwerten Leben ein Ende setzt. Eliza wird in ein Waisenhaus gebracht. Zu ihrer Überraschung holen die Rosenbergs sie eines Tages in ihr großes Haus auf dem Goldhügel. Aber das gegebene Versprechen ist brüchig. So brüchig wie die Welt, die Eliza umgibt.<br>Zoë Jenny entfaltet Stück für Stück, Jahr um Jahr, Elizas Lebensgeschichte. Von der ersten Seite an blättert sie einen fesselnden, atmosphärisch dichten erzählerischen Reigen auf und erzählt in lakonischem, alles Überflüssige aussparendem Stil die bewegende Geschichte des Mädchens Eliza auf der Suche nach Geborgenheit und einer eigenen, einer unzerstörbaren Heimat. "Zoë Jenny skizziert meisterhaft die Ausweglosigkeit, das ungebremste Zusteuern auf die Katastrophe."
Nürnberger Nachrichten
Zoë Jenny, geboren 1974 in Basel, aufgewachsen dort sowie in Carona/Tessin) und Griechenland. Veröffentlichung mehrerer Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Auszeichnung u. a. mit dem 3sat-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung und dem aspekte-Literaturpreis.
€ 8,00