Kurzbeschreibung:
Die weltberühmten fünf Freunde: Anne, Georg (die eigentlich Georgina heißt), Richard, Julius und Tim, der Hund. Alle 21 Bände der erfolgreichsten Serie von Enid Blyton, neu bearbeitet von Elisabeth Lang. Nach einer stürmischen Nacht unternehmen die fünf Freunde einen Ausflug zum berüchtigten "Schmugglerhügel". Früher soll es ein beliebter Treffpunkt gewesen sein, der nur durch einen verborgenen Pfad von der Küste her zu erreichen war. Ein neues Abenteuer steht bevor: Sie entdecken einen versteckten Schacht, beobachten geheimnisvolle Lichtsignale, und dann kommt es zu einem nächtlichen Überfall...
Leseprobe:
Daheim im Felsenhaus
Eines Tages, kurz nach Beginn der Osterferien, saßen vier Kinder und ein Hund zusammen in der Eisenbahn.
»Bald werden wir da sein«, sagte Julius, ein großer Junge mit entschlossenem Gesicht.
»Wau!«, bellte Tim, der Hund. Er richtete sich auf und versuchte aus dem Fenster zu schauen.
»Setz dich, Tim, und versperr uns nicht die Aussicht! Anne ist auch noch da.«
Anne war die kleine Schwester von Julius. Sie steckte ihren Kopf zum Fenster hinaus. »Station Felsenburg! Wir sind gleich am Ziel!«, rief sie aufgeregt. »Hoffentlich holt uns Tante Fanny ab.«
»Natürlich«, sagte Georg, ihre Kusine. Sie glich mehr einem Jungen als einem Mädchen, denn sie trug ihr lockiges Haar ganz kurz geschnitten und hatte die gleichen forschen Gesichtszüge wie Julius. Sie schob Anne zur Seite und reckte sich aus dem Fenster.
»Es ist doch schön heimzufahren«, meinte sie. »Ich gehe gern zur Schule, aber daheim im Felsenhaus ist es viel schöner. Vielleicht rudern wir auch wieder hinaus zur Felseninsel und besuchen die Burgruine. Seit letztem Sommer waren wir nicht mehr dort.«
»Richard könnte auch einmal die Gegend betrachten«, sagte Julius. Er wandte sich an seinen jüngeren Bruder, einen Jungen mit einem fröhlichen Gesicht, der, in ein Buch vertieft, in einer Ecke des Abteils saß. »Wir sind gleich in Felsenburg, Richard. Kannst du nicht endlich das Lesen einstellen?«
»Wenn du eine Ahnung hättest, wie spannend das Buch ist«, gab Richard zur Antwort und klappte es zu. »Jede Menge Abenteuer. Das reißt dich glatt vom Hocker.«
»Pah! Ich kann mir nicht denken, dass es aufregender ist als die Abenteuer, die wir selbst erlebt haben«, warf Anne ein.
Die fünf Freunde, einschließlich Tim, der immer und überall dabei war, hatten tatsächlich schon die erstaunlichsten Abenteuer miteinander bestanden. Im Augenblick sah es so aus, als ob sie ganz friedlichen Ferien entgegenfuhren, ausgefüllt mit weiten Spaziergängen über die Klippen, mit Baden am Strand und vielleicht auch mit Fahrten in Georgs Ruderboot zur Felseninsel.
»Ich habe im letzten Schuljahr tüchtig gebüffelt«, sagte Julius. »Mir würden ein paar geruhsame Ferientage schon gut tun.«
»Ja, du bist richtig dünn geworden, Ju«, meinte seine Kusine Georgina. Niemand nannte das Mädchen so, alle riefen sie Georg. Auf irgendeinen anderen Namen reagierte sie nicht.
Julius grinste. »Ich werde im Felsenhaus wieder ganz schön zunehmen, nur keine Bange! Tante Fanny wird schon dafür sorgen. Sie versteht es ja großartig, uns zu verwöhnen. Wie schön, dass wir deine Mutter wiedersehen, Georg. Sie ist immer so lieb zu uns.«
»Das stimmt, Julius«, bestätigte Georg. »Ich hoffe, dass mein Vater in diesen Ferien in besserer Stimmung sein wird. Er hat nämlich einige neue Versuche beendet, die recht erfolgreich ausgefallen sind. Meine Mutter hat's mir geschrieben.«
Georgs Vater war ein Gelehrter, der an neuen Erfindungen arbeitete. Er liebte die Stille und Einsamkeit. Manchmal geriet er in Zorn, wenn er die Ruhe nicht finden konnte, die er für seine Arbeit brauchte, oder wenn die Dinge nicht genauso liefen, wie er es sich in den Kopf gesetzt hatte. Die Kinder dachten oft bei sich, Georg sei mit ihrem leicht erregbaren Wesen ihrem Vater sehr ähnlich. Sie konnte genauso wütend und eigensinnig werden, wenn etwas nicht nach ihrem Willen ging.
Der Zug hielt. Tante Fanny stand am Bahnsteig, um die Kinder in Empfang zu nehmen. Sie sprangen von der Plattform und stürzten auf ihre Tante zu. Georg war der Erste. Sie liebte ihre Mutter sehr, und diese tröstete sie oft, wenn der Vater gar zu streng mit ihr war. Tim drehte sich im Kreise und bellte vor lauter Freude.
Tante Fanny streichelte ihn und er versuchte an ihr hochzuspringen und ihr das Gesicht zu lecken. Auch er hing sehr an der Mutter seines Frauchens.
»Tim ist stolzer und erwachsener denn je«, sagte sie lachend. »Setz dich, Junge! Du wirfst mich sonst noch um!«
Tim war in der Tat ein mächtiges Tier. Alle vier Kinder liebten ihn, denn er war treu, gut und zuverlässig. Seine braunen Augen blickten von einem zum anderen. Er freute sich sehr über die gute Stimmung der Kinder. Er teilte ihre Aufregung, wie er an allem teilnahm, was die Kinder betraf. Aber am meisten liebte er doch Georg. Er gehörte ihr schon, als er noch ein winziges Hündchen war. Sie nahm ihn sogar mit zum Unterricht, denn Georg und Anne besuchten ein Internat, in dem es erlaubt war, die Lieblingstiere mitzubringen.
Vor dem Bahnhof wartete der Ponywagen auf die Gäste. Sie setzten sich hinein und auf ging's zum Felsenhaus. Es war windig und kalt, die Kinder fröstelten und wickelten sich fest in ihre Mäntel.
»Es ist furchtbar kalt«, stellte Anne fest und ihre Zähne schlugen aufeinander. »Kälter als im Winter.«
»Das ist der Wind«, sagte ihre Tante und zog die Decke fester an sich. »Seit zwei Tagen bläst hier ein so scharfer Wind. Die Fischer haben ihre Boote bereits am Ufer festgemacht, weil sie fürchten, dass wir schweren Sturm bekommen.«
Die Kinder sahen im Vorbeifahren die verankerten Boote am Strand, wo sie so oft gebadet hatten. Aber jetzt verspürten sie keine Lust dazu. Sie bekamen Gänsehaut, wenn sie nur daran dachten.
Der Wind heulte über die See. Riesige Wolkenfetzen rasten darüber hin. Die Wellen brachen sich am Strand und verursachten ein fürchterliches Getöse. Der Lärm regte Tim so auf, dass er anfing zu bellen.
»Sei ruhig, Tim«, sagte Georg und streichelte ihn. »Du musst dir Mühe geben, ein vernünftiger Hund zu werden, und ruhig und brav sein, wenn wir wieder zu Hause sind. Sonst wird mein Vater ärgerlich und macht dir das Leben schwer. Ist Vater sehr beschäftigt, Mutter?«
»Ja, Kind. Aber er will nicht mehr so viel arbeiten, wenn ihr da seid, und hat sich vorgenommen, öfter Spaziergänge mit euch zu unternehmen oder Boot zu fahren, wenn es windstill ist.«
Die Kinder blickten einander an. Onkel Quentin war nicht der beste Gesellschafter. Er hatte keinen Sinn für Humor und Ausgelassenheit, und wenn die Kinder in lautes Gelächter ausbrachen, was dutzende Male am Tag vorkommen konnte, verstand er kaum ihre Scherze und Neckereien.
»Ob die Ferien diesmal auch so schön werden, wenn uns Onkel Quentin die meiste Zeit begleitet?«, flüsterte Richard seinem Bruder zu.
»Pst«, machte Julius und legte den Finger an den Mund. Er war besorgt, dass Tante Fanny es hören und verstimmt sein könnte.
Georg blickte finster drein. »Mutter! Vater wird sich in unserer Gesellschaft bestimmt langweilen und uns wird es sicher nicht anders gehen.«
Georg war sehr offenherzig. Sie hatte noch immer nicht gelernt, ihre Zunge im Zaum zu halten. Ihre Mutter seufzte kummervoll.
»Sprich nicht so, Georg. Im Übrigen nehme ich an, dass es Vater nach kurzer Zeit leid sein wird, mit euch spazieren zu gehen. Aber es wird ihm gut tun, wenn er mal ein paar junge Leute um sich hat.«
»Wir sind da!«, rief Julius, als der Wagen vor einem alten Gebäude hielt. »Felsenhaus! Alles aussteigen! Mein Gott, wie der Wind hier ringsherum heult.«
»So tobte das Wetter die ganze letzte Nacht«, sagte Tante Fanny. »Fahr den Wagen hinter das Haus, Julius, und wir tragen das Gepäck hinein. Ach, da ist euer Onkel, er will auch helfen.«
Onkel Quentin kam gerade aus dem Haus heraus. Er war ein klug aussehender Mann mit sehr starken Augenbrauen unter der gewölbten Stirn. Er freute sich aufrichtig über die Kinder und gab Georg und Anne einen Kuss.
»Willkommen im Felsenhaus!«, begrüßte er sie. »Ich bin froh, dass eure Eltern verreist sind, sonst hätten wir euch nicht wieder bei uns.«
Bald saßen alle am gedeckten Tisch. Tante Fanny wusste von früher her, dass die kleine Gesellschaft nach der langen Reise tüchtigen Hunger mitbrachte. Deswegen hatte sie auch diesmal aufgetischt, was das Herz begehrte.
Sogar Georg hatte ihren Hunger schließlich gestillt, lehnte sich behaglich in ihren Stuhl zurück und wünschte, sie könnte noch mehr von Mutters köstlichen, frisch gebackenen Brötchen verzehren.
Tim saß bei ihr. Er war es nicht gewöhnt, während des Essens gefüttert zu werden; um so überraschter war er über die vielen Krümel und Bröckchen, die den Weg unter den Tisch fanden.
Der Wind heulte um das Haus. Die Fensterläden klapperten, die Türen schlugen auf und zu, und die Läufer hoben sich durch den Luftzug vom Boden ab.
»Als ob sich Schlangen unter ihnen ringeln«, sagte Anne. Tim beobachtete ebenfalls die »lebendigen« Matten und knurrte leise. Er war ein kluger Hund, wusste aber doch nicht, warum sich die Vorleger so merkwürdig bewegten.
»Hoffentlich legt sich der Sturm heute Abend«, wünschte sich Tante Fanny. »Die letzte Nacht konnte ich kein Auge zutun. Lieber Julius, du bist schmal geworden«, wandte sie sich an den Jungen. »Hast du so viel arbeiten müssen? Ich muss dich tüchtig rausfüttern.«
Die Kinder lachten. »Dasselbe haben wir auch schon gedacht, Mutter«, meinte Georg. »Um Gottes willen, was war das?«
Sie saßen plötzlich alle ganz still und lauschten. Ein heftiger Schlag, der vom Dach herzukommen schien, hatte sie erschreckt. Tim stellte die Ohren auf und bellte wütend.
»Ein Dachziegel hat sich gelöst«, erklärte Onkel Quentin. »Wie ärgerlich! Sowie der Sturm nachlässt, müssen wir nachsehen, ob noch mehr Ziegel lose sind, sonst kann es hereinregnen.«
Die Kinder hatten gehofft, dass ihr Onkel sich nach dem Essen wieder an seine Arbeit begeben würde, wie er es sonst immer getan hatte. Aber diesmal sah es nicht danach aus. Sie hatten sich schon auf ein lustiges Spiel gefreut, aber daraus wurde nichts, wenn Onkel Quentin dabei war. Es war ihm ja nichts recht, nicht einmal ein so harmloses Spiel wie Schnipp-Schnapp.
»Kennt ihr einen Jungen namens Peter Schwarz?«, fragte Onkel Quentin plötzlich und zog einen Brief aus der Tasche. »Er besucht, glaube ich, dieselbe Schule wie Julius und Richard.«
»Peter Schwarz? Oh, du meinst Master Black?«, sagte Julius. »Ja, er wird auch Rußpeter genannt und ist in Richards Klasse. Ein ganz verrückter Kerl!«
»Rußpeter. Warum nennt ihr ihn so? Das ist doch ein alberner Name für einen Jungen.«
»Das nimmt er nicht übel, Onkel Quentin. Er sagt, ein Spitzname ist besser als gar keiner.« Julius lachte. »Er ist auffallend dunkel. Sein Haar ist schwarz und Augen und Augenbrauen ebenso.«
»Schon recht. Trotzdem finde ich den Namen ›Rußpeter‹ nicht schön«, beharrte Onkel Quentin. »Wenn schon, dann fände ich Blacky angemessener. Also, ich hatte kürzlich einen Briefwechsel mit seinem Vater. Uns beide beschäftigen die gleichen wissenschaftlichen Fragen. Daraufhin habe ich ihn gebeten, mich einige Tage zu besuchen und seinen Jungen, Peter also, mitzubringen.«
»O fein!«, sagte Richard und schaute vergnügt drein. »Es wäre nicht übel, wenn Rußpeter, nein Blacky mitkäme, Onkel. Aber er ist ziemlich verrückt. Er tut nie das, was er soll, er klettert wie ein Affe und kann furchtbar frech sein. Ich weiß nicht, ob er dir gefallen wird.«
In Onkel Quentins Gesicht drückte sich Besorgnis aus. Er konnte ungezogene Jungen nicht leiden, und noch weniger, wenn sie schwierig waren.
»Hm«, meinte er und legte den Brief beiseite. »Ich hätte erst mit euch reden sollen, ehe ich die Einladung ausspreche. Es lässt sich aber vielleicht noch ändern.«
»Nein, tu das nicht, Vater«, bettelte Georg, die an leicht verrückten Menschen Gefallen fand. »Lass ihn nur kommen. Er wird Abwechslung ins Haus bringen. Er könnte mit uns zusammen sein, sodass er dich nicht stört.«
»Wir wollen mal sehen«, sagte ihr Vater. Innerlich war er eigentlich schon entschlossen, den Jungen auf keinen Fall im Felsenhaus aufzunehmen. Georg allein war schon wild genug. Sie brauchte nicht noch von einem Jungen zu tollen Streichen angespornt zu werden.
Die Kinder atmeten erleichtert auf, als sich Onkel Quentin zurückzog, um noch bis acht Uhr für sich allein zu lesen. Tante Fanny sah auf die Uhr.