Kurzbeschreibung:
Zum ersten Mal wird Herman Melvilles Roman "Pierre" in einer Ausgabe vorgelegt,
die seinem Rang als Meisterwerk gerecht wird. Es ist die Geschichte eines
jungen Mannes, der alles aufs Spiel setzt, als er mit seiner Geliebten,
einer bedrohlichen Schönheit, nach New York flieht und nicht nur seine
Verlobte, sondern sein ganzes bisheriges Leben hinter sich lässt. Ein Roman
voller Tragik und Leidenschaft.
Leseprobe:
"Seiner Allerhöchsten Majestät
Mount Greylock
Es gab Zeiten, da machten die Schriftsteller voller Stolz Gebrauch von ihrem Privileg, ihre Werke einer Majestät widmen zu dürfen. Fürwahr ein trefflicher Brauch, zu dem wir hier in den Berkshires zurückkehren sollten. Denn hier bei uns in den Berkshires sind wir, ob wir wollen oder nicht, geradezu umringt von Majestäten, die dasitzen wie ein gigantischer Wiener Kongreß von majestätischen Berggipfeln und uns unablässig Huldigungen abfordern.
Weil Seine Majestät Mount Greylock - mein eigentlicher Herr und König - seit unzähligen Zeitaltern der einzig grandiose Empfänger ist, dem die Sonne hier bei uns in Berkshire jeglichen Morgen ihre ersten Strahlen widmet, so weiß ich nicht, wie Seine Kaiserliche Majestät im Purpurstaat (Porphyrogenitus: von königlichem Geblüte) es aufnehmen wird, wenn ich ihm diesen einen einzigen, armseligen Strahl meines Geistes zueigne.
Und dennoch ist es nur recht und billig, daß ich, da ich hier inmitten meiner treu ergebenen Nachbarn, der Ahornbäume und der Buchen, in dem Amphitheater wohne, dessen Mitte und Herrscher er ist, und da er mich so üppig und freigebig mit seinen Segnungen überschüttet, in Demut niederknie und meine Dankbarkeit zu ihm hinaufsende, ganz gleich, ob Seine Majestät im Purpurstaat, der Allerhöchste Mount Greylock, mir sein in Ehren ergrautes Haupt wohlwollend zuzuwenden geruht oder nicht.
Pittsfield, Mass.
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Buch I
PIERRE ENTWÄCHST DEN
KINDERSCHUHEN
Es gibt auf dem Lande bisweilen merkwürdige Sommermorgen, da sollte der Städter, der nur als Gast hier weilt, beizeiten hinauswandern in die Felder und sprachlos vor Staunen die grüngoldene Welt betrachten, die daliegt wie in Trance. Keine Blume regt sich; die Bäume vergessen zu rauschen, es scheint, als habe selbst das Gras aufgehört zu wachsen; und als sei sie plötzlich des ihr innewohnenden tiefen Geheimnisses gewahr geworden und wüßte daraus keinen anderen Ausweg als Schweigen, versinkt die ganze Natur in diese wunderbare, unbeschreibliche Ruhe.
So war es an jenem Junimorgen, als Pierre, taufrisch und beseelt vom Schlafe, aus seinem baumbeschatteten, hochgiebeligen alten Vaterhause trat, fröhlich in die lange, breite, von Ulmen überwölbte Dorfstraße einbog und seine Schritte beinahe unwillkürlich zu einem Landhäuschen lenkte, das weiter vorn vor seinen Augen auftauchte.
Nah und fern nichts als sattgrüne Trance; und darinnen nichts als gescheckte Kühe, die verträumt zu ihren Weiden zogen, gefolgt, nicht getrieben, von rotbackigen, bleichfüßigen Burschen.
Gleichsam ergriffen und verzaubert vom Liebreiz dieses Schweigens, näherte sich Pierre dem Häuschen und blickte auf, blieb unvermittelt stehen, schaute hoch zu einem Fenster im Obergeschoß, das offenstand. Weshalb nun dieses bebende, knabenscheue Verharren? Woher dieses Feuer auf den Wangen und im Auge? Im Fenster liegt, schneeweiß leuchtend, ein Kopfkissen, und ein emporrankender Strauch hat leis eine prangende, blutrote Blüte darangelehnt.
Recht tust du, dir dies Kissen auszusuchen, du duftende Blume, dachte Pierre; es ist gewiß noch keine Stunde her, daß ihre Wange darauf ruhte. "Lucy!"
"Pierre!"..."
Rezension:
"Eine glänzende neue Übersetzung." Verena Lueken, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.02