Leseprobe:
Eins
Mit seinen schweren Stiefeln stapfte er die Treppe hinauf. Auf dem burgunderfarbenen Teppich mit Blumenmuster klangen seine Schritte dumpf, an den fadenscheinigen Stellen, wo das verkratzte Eichenholz durchschimmerte, etwas heller.
Das Treppenhaus war dunkel. In einem Viertel wie diesem wurden die Birnen aus den Deckenlampen und Notausgangsbeleuchtungen geklaut, sobald sie eingesetzt worden waren.
John Pellam hob den Kopf und versuchte, den seltsamen Geruch einzuordnen. Er konnte es nicht, wusste nur, dass er ihn beunruhigte und leicht nervös machte.
Erster Stock und weiter in den nächsten.
Er war vielleicht zum zehnten Mal in diesem alten Mietshaus, doch immer noch entdeckte er Dinge, die ihm bei den anderen Besuchen entgangen waren. Heute Abend wurde sein Blick auf einen Bleiglas-Einsatz mit einem über einer gelben Blume schwebenden Kolibri gelenkt.
Was machte dieses wunderschöne Bleiglas-Bild in einem hundert Jahre alten Mietshaus in einem der übelsten Viertel von New York? Und warum ein Kolibri?
Er hörte ein Schlurfen über sich und blickte nach oben. Er hatte gedacht, er wäre allein. Ein leiser Schlag, als etwas auf den Boden fiel. Ein Seufzen.
Wie der undefinierbare Geruch weckte auch dieses Geräusch ein unbehagliches Gefühl in ihm.
Im zweiten Stock hielt Pellam kurz an und betrachtete den Glaseinsatz über der Tür von Apartment 3B. Dieses Bild, ein Rotkehl-Hüttensänger oder Eichelhäher auf einem Zweig, war genauso sorgfältig gearbeitet wie der Kolibri im ersten Stock. Bei seinem ersten Besuch hier vor einigen Monaten hatte er die schäbige Fassade gesehen und erwartet, dass das Haus innen genauso verfallen wäre. Doch er hatte Unrecht gehabt. Es war ein Meisterstück der Handwerkskunst – Eichenholzdielen, die so dicht aneinander lagen wie Stahlplatten, Gips, der so makellos war wie Marmor, gedrechselte Geländer und Pfosten, bogenförmige Nischen, in denen früher bestimmt einmal katholische Heiligenbilder gestanden hatten. Er …
Wieder dieser Geruch. Diesmal stärker. Seine Nasenflügel flatterten. Noch ein Schlag über ihm. Jemand keuchte. Er spürte, dass es irgendwie dringend war, und stieg mit nach oben gerichtetem Blick weiter die enge Treppe hinauf, während er sich gegen das Gewicht seiner Tasche – Videokamera, Akkus und Zubehör – stemmte. Er war schweißgebadet. Es war zehn Uhr abends, doch im August war New York einfach nur die Hölle.
Was war das für ein Geruch?
Er weckte Erinnerungen in ihm, dann war er wieder verschwunden, überdeckt von dem Duft nach gebratenen Zwiebeln, Knoblauch und zu oft verwendetem Öl. Er erinnerte sich, dass an Etties Herd immer eine leere Dose Folgers-Kaffee mit altem Fett stand. »Ich kann Ihnen sagen, damit spare ich eine ganze Menge Geld.«
Auf halbem Wege zwischen dem zweiten und dritten Stock blieb Pellam noch einmal stehen und rieb sich die brennenden Augen. In dem Moment fiel es ihm ein:
Ein Studebaker.
Er stellte sich vor, wie der purpurrote, Ende der Fünfzigerjahre gebaute Wagen seiner Eltern, der wie ein Raumschiff ausgesehen hatte, langsam bis auf die Reifen abgebrannt war. Sein Vater hatte aus Versehen eine Zigarette auf den Sitz fallen lassen, und das Polster des Buck-Rogers-Wagens hatte Feuer gefangen. Pellam, seine Eltern und alle Nachbarn hatten sich das Schauspiel schockiert, erschrocken oder in heimlicher Freude betrachtet.
Und jetzt hatte er den gleichen Geruch in der Nase: schwelendes Feuer, Rauch. Plötzlich war er von heißen Rauchschwaden umhüllt. Er beugte sich über das Geländer und blickte ins Treppenhaus. Zuerst war alles nur dunkel und rauchig. Doch plötzlich wurde in einer heftigen Explosion die Tür im Erdgeschoss nach innen gerissen, und Flammen wie aus einer startenden Rakete schossen ins Treppenhaus und in den kleinen Flur im Erdgeschoss hinaus.
»Feuer!«, rief Pellam, als die schwarze Wolke den Flammen voraus zu ihm hinaufjagte. Er hämmerte an die nächstgelegene Tür. Keine Antwort. Er rannte die Treppen hinunter, doch die Flammen hielten ihn zurück, die wogende Welle aus Rauch und Funken war zu dicht. Der Würgereiz ließ ihn am ganzen Körper erzittern.
Verdammt, das Feuer kam rasend schnell näher! Flammen, Papierfetzen und Funken wurden wie in einem Wirbelsturm durchs Treppenhaus nach oben bis in den fünften, den obersten Stock getrieben.
Über sich hörte er einen Schrei und blickte hinauf.
»Ettie!«
Die alte Dame, eine Schwarze, hatte sich im vierten Stock übers Geländer gebeugt und blickte entsetzt in die Flammen. Sie muss es gewesen sein, die er vorher gehört hatte, als sie vor ihm die Stufen hinaufgeschlurft war. Die Plastiktüte mit Lebensmitteln rutschte ihr aus der Hand. Drei Orangen rollten an ihm vorbei und wurden zischend und blaue Funken sprühend von den Flammen verschluckt.
»John!«, rief sie. »Was ist …?« Sie hustete. »… das Haus.« Mehr konnte er nicht verstehen.
Er wollte zu ihr rennen, doch der Teppich und ein Müllhaufen im dritten Stock standen in Flammen. Sie schlugen ihm ins Gesicht, die orangefarbenen Tentakeln griffen nach ihm, sodass er rückwärts nach unten taumelte. Ein Stück brennender Tapete schwebte nach oben und um seinen Kopf herum. Bevor es Schaden anrichten konnte, war es zu Asche verbrannt. Pellam stolperte nach unten in den zweiten Stock, wo er an eine andere Tür pochte.
»Ettie«, rief er ins Treppenhaus hinauf. »Gehen Sie zu einer Feuerleiter! Gehen Sie raus!«
Am Ende des Flurs wurde vorsichtig eine Tür geöffnet, und ein spanisch aussehender Junge mit weit aufgerissenen Augen und einem gelben Power Ranger in der Hand blickte ihm entgegen.
»Ruf die neun-eins-eins!«, rief Pellam. »Los, beeil dich!«
Die Tür wurde wieder zugeschlagen. Pellam pochte heftig dagegen. Er dachte, er würde Schreie hören, doch er war sich nicht sicher, weil der Lärm des Feuers, der sich wie ein beschleunigender Lastwagen anhörte, alles andere übertönte. Die Flammen fraßen sich durch den Teppich nach oben, verzehrten das Geländer wie Pappe.
»Ettie«, rief er hustend nach oben und ließ sich auf die Knie fallen.
»John! Hauen Sie ab. Los, bringen Sie sich in Sicherheit!«
Die Flammen zwischen ihnen wurden immer dichter, wanderten über Wände, Fußboden und Teppich. Das Glasbild explodierte, Scherben von Bleiglas-Vögeln regneten auf ihn herab.
Wie konnte sich das Feuer so schnell ausbreiten, fragte sich Pellam, der immer schwächer wurde. Funken sprühten um ihn herum, knackten und knallten wie Querschläger. Die Luft war aufgebraucht, er konnte nicht mehr atmen.
»John, helfen Sie mir!«, schrie Ettie. »Es brennt auch auf der anderen Seite! Ich kann nicht …« Die Feuerwand hatte sich um sie geschlossen und ihr den Weg zum Fenster abgeschnitten, an dem sich die Feuerleiter befand.
Vom dritten Stock abwärts und ersten Stock aufwärts rasten die Flammen auf ihn zu. Oben sah er Ettie im vierten Stock, wie sie vor der näher rückenden Feuerwand zurückwich. Der Teil der Treppe, der sie voneinander trennte, brach zusammen. Zwei Stockwerke über ihm saß Ettie in der Falle.
Er würgte, schlug die glühenden Fetzen fort, die Löcher in sein Hemd und seine Jeans brannten. Die Wand zerbarst unter dem Druck des Feuers und fiel nach außen. Flammen züngelten in seine Richtung und verfingen sich im Ärmel seines grauen Hemds.
Der Gedanke an den Tod wurde verdrängt von den heftigen Schmerzen durch das Feuer, das ihn blind machen, seine Haut zu schwarzem Gewebe verbrennen und seine Lungen zum Platzen bringen wollte.
Er ließ sich auf seinen Arm fallen, um die Flammen zu ersticken, und richtete sich mühsam wieder auf. »Ettie!«
Er sah, wie sie sich umdrehte und ein Fenster aufriss.
»Ettie«, rief er wieder. »Versuchen Sie, aufs Dach zu klettern. Die Feuerwehr wird mit einem Wagen kommen …« Er trat ebenfalls an ein Fenster und schleuderte nach kurzem Zögern die Segeltuchtasche mit der vierzigtausend Dollar teuren Kameraausrüstung durch die Scheibe, wo sie auf der anderen Seite auf der Metalltreppe liegen blieb. Ein halbes Dutzend andere Bewohner rannte achtlos an der Tasche vorbei hinunter auf die Gasse.
Pellam kletterte auf die Feuerleiter und blickte zurück.
»Aufs Dach!«, rief er noch einmal zu Ettie hinauf.
Doch vielleicht war auch dieser Weg versperrt; die Flammen waren mittlerweile überall.
Oder vielleicht konnte sie in ihrer Panik nicht denken.
Durch das tosende Feuer hindurch warf sie ihm ein schwaches Lächeln zu. Ohne dass er sie schreien oder rufen hörte, zerschmetterte Etta Wilkes Washington ein seit langem übermaltes Fenster und hielt einen Moment inne, während sie nach unten taumelte. Dann sprang sie hinaus, fünfzehn Meter über der Gasse mit den Pflastersteinen, auf die Isaac B. Cleveland fünfundfünfzig Jahre zuvor seine Liebeserklärung an die junge Ettie Wilkes geschrieben hatte. Die unscharfen Umrisse der alten Frau verschwanden im Rauch.
Holz und Stahl keuchten, dann ein Schlag wie mit dem Holzhammer auf Metall, als irgendwo ein tragendes Teil nachgab. Pellam sprang bis an den Rand der Feuerleiter, wo er fast über das Geländer stolperte. Während er nach unten hechtete, regneten orangefarbene Flammen auf ihn herab.
Er hatte es genauso eilig wie die Bewohner – doch er floh nicht vor dem verheerenden Feuer, sondern er wollte, in Gedanken an Etties Tochter, die Leiche der Frau fortbringen, bevor das Gebäude zusammenbrechen und sie in einem glühend heißen, nicht zu erkennenden Grab verschluckt haben würde.
Zwei
Als er die Augen öffnete, blickte ein Wachmann auf ihn herab.
»Sir, sind Sie Patient hier?«
Er schnellte hoch und merkte, dass er sich bei der Flucht vor dem Feuer verletzt und Brandwunden zugezogen hatte. Aber erst die fünf Stunden, die er in der Notaufnahme auf dem orangefarbenen Fiberglasstuhl geschlafen hatte, hatten ihn so richtig fertig gemacht. Sein Nacken tat höllisch weh, als er sich bewegte.
»Ich bin eingeschlafen.«
»Sie können hier nicht schlafen.«
»Ich war Patient hier. Ich wurde gestern Abend hier behandelt, und dann bin ich eingeschlafen.«
»Ja, Sir. Sie wurden hier zwar behandelt, aber Sie können trotzdem nicht bleiben.«
Seine Jeans waren voller Brandlöcher, und er hatte den leisen Verdacht, dass er völlig verdreckt war. Die Wache muss ihn für einen Landstreicher gehalten haben.
»Gut«, sagte er, »noch eine Minute.«
Pellam drehte seinen Kopf langsam im Kreis. Tief in seinem Nacken knackte es, dann ein stechender Schmerz, als würde sich ein Eisgetränk in seinem Kopf ausbreiten. Er zuckte zusammen und blickte sich schließlich um. Er verstand, warum ihn die Wache rausschmeißen wollte. Das Zimmer war voller Patienten, die auf ihre Behandlung warteten. Aufgeregte Gespräche brandeten durch den Raum – englisch, spanisch, arabisch. Alle Anwesenden hatten Angst oder waren resigniert oder gereizt. Die Resignierten fand Pellam am schlimmsten. Neben ihm saß ein Mann, nach vorne gebeugt, die Unterarme auf die Knie gestützt. In seiner rechten Hand baumelte ein Kinderschuh.
Der Wachmann hatte seine Botschaft überbracht, aber keine Lust, für die Durchsetzung zu sorgen. Statt dessen ging er zu zwei Jugendlichen, die in einer Ecke einen Joint rauchten.
Pellam stand auf und reckte sich. Er kramte in der Tasche und fand den Zettel, den er am Abend zuvor erhalten hatte. Blinzelnd las er, was darauf stand. Dann schnappte er sich seine Videokamera und ging den langen Flur entlang, wo er den Schildern zum Flügel B folgte.
Die dünne grüne Linie bewegte sich kaum einen Millimeter.
Der stattliche indische Arzt neben dem Bett hob den Kopf, als würde er überlegen, ob der Hewlett-Packard-Bildschirm kaputt war. Er blickte hinunter auf seine Patientin, die regungslos unter der Bettdecke lag, und hängte das Klemmbrett an den Haken.
John Pellam stand in der Tür. Sein Blick glitt von der dämmrigen Landschaft vor den Fenstern des Manhattan Hospital zurück zu Ettie Washington.
»Liegt sie im Koma?«, fragte er.
»Nein«, antwortete der Arzt. »Sie schläft. Sediert.«
»Kommt sie wieder in Ordnung?«
»Sie hat sich einen Arm gebrochen und einen Knöchel verstaucht. Wir haben keine inneren Verletzungen gefunden. Wir werden noch ein paar Untersuchungen durchführen. Am Gehirn. Sie ist auf den Kopf geknallt, als sie aus dem Fenster gesprungen ist. Sie wissen aber, dass nur Familienmitglieder in die Intensivstation dürfen?«
»Oh«, seufzte Pellam erschöpft. »Ich bin ihr Sohn.«
Der Arzt starrte ihn einen Augenblick an, dann blinzelte er in Ettie Washingtons Richtung, deren Haut so dunkel wie ein Mahagonigeländer war.
»Sie … ihr Sohn?« Die leeren Augen blickten wieder zu ihm auf.
Von einem Arzt, der auf der wilden West Side von Manhattan arbeitet, würde man mehr Sinn für Humor erwarten. »Ich sag Ihnen was«, meinte Pellam. »Lassen Sie mich fünf Minuten hier sitzen. Ich werde schon keine Bettpfannen klauen. Sie können sie ja nachzählen, bevor ich gehe.«
Immer noch kein Lächeln. »Fünf Minuten«, sagte er schließlich.
Pellam ließ sich auf den Stuhl fallen und stützte sein Kinn in die Hände. Sein Nacken brannte vor Schmerzen. Er setzte sich aufrecht hin und neigte den Kopf zur Seite.
Zwei Stunden später stürmte eine Krankenschwester ins Zimmer und weckte ihn. Sie interessierte sich mehr für Pellams Verband und seine zerrissenen Jeans als für seine Anwesenheit an sich.
»Was ist los, dass hier so viele Patienten sind?«, fragte sie in ihrem kehligen, langgezogenen Dallas-Tonfall. »Und wer ist hier zu Besuch?«
Pellam massierte seinen Nacken und nickte in Richtung des Bettes. »Wir wechseln uns ab. Wie geht’s ihr?«
»Oh, sie ist eine zähe, alte Dame.«
»Wieso wacht sie nicht auf?«
»Vollgedröhnt.«
»Der Arzt hat von weiteren Untersuchungen geredet.«
»Das tun sie immer. Bringen ihren Arsch in Sicherheit. Ich denke, sie kommt wieder in Ordnung. Ich habe vorher mit ihr geredet.«
»Tatsächlich? Was hat sie gesagt?«
»So was Ähnliches wie: ›Jemand hat meine Wohnung abgefackelt. Es ist doch unsäglich, so was zu tun, oder?‹ Na ja, sie hat ein anderes Wort als ›unsäglich‹ verwendet.«
»Ja, unsere Ettie.«
»Das gleiche Feuer?«, fragte die Schwester mit Blick auf seine verbrannte Kleidung.
Pellam nickte und erzählte ihr von Etties Sprung aus dem Fenster. Sie war nämlich nicht auf dem Kopfsteinpflaster gelandet, sondern die Müllsäcke der letzten zwei Tage hatten den Aufprall gedämpft. Pellam hatte sie zur Rettungsmannschaft gebracht und war zurück ins Haus gegangen, um den anderen Bewohnern zu helfen. Schließlich hatte auch ihm der Rauch so sehr zugesetzt, dass er in Ohnmacht gefallen war. Erst hier im Krankenhaus war er wieder aufgewacht.
»Sie wissen schon, dass Sie voller Ruß sind?«, fragte die Krankenschwester. »Sie sehen aus wie jemand aus den Kommandotruppen in den Schwarzenegger-Filmen.«
Pellam wischte über sein Gesicht und betrachtete seine fünf schwarzen Fingerspitzen.
»Moment.« Die Schwester verschwand im Flur und kam mit einem nassen Lappen zurück. Kurz überlegte sie, ob sie ihm das Gesicht abwischen sollte, gab dann aber Pellam den Lappen. Pellam putzte sich das Gesicht ab, bis der Lappen schwarz war.
»Äh, möchten Sie einen Kaffee?«, fragte sie.
In Pellams Magen rumorte es. Er vermutete, dass er mindestens ein Pfund Asche geschluckt hatte. »Nein, danke. Wie sieht mein Gesicht aus?«
»Jetzt nur noch dreckig. Jedenfalls besser als vorher. Ich muss die Pfannen wechseln. Tschüss, erst mal.« Und weg war sie.
Pellam streckte seine langen Beine aus und untersuchte die Löcher in seiner Levi’s. Völlig hinüber. Für die Überprüfung seiner Betacam brauchte er länger; irgendeine nette Seele hatte sie den Sanitätern gegeben und dafür gesorgt, dass sie mit zur Notaufnahme genommen wurde. Er führte den Standardtest durch – schütteln. Nichts klapperte. Der Ampex-Rekorder hatte ein paar Dellen, doch die Mechanik lief einwandfrei, und das Band, das darin lag – mit dem letzten Interview, das je in der Sechsunddreißigsten Straße West Nummer 458 aufgenommen wurde –, war unversehrt.
Also, John, worüber wollen wir heute reden? Möchten Sie mehr über Billy Doyle hören, meinen ersten Mann? Der alte Hurensohn. Wissen Sie, dieser Kerl und Hell’s Kitchen waren eins. Hier war er groß, aber überall sonst ganz klein. Woanders war er ein Nichts. Hell’s Kitchen war wie dieses Haus, wie eine eigene Welt. Hmm, ich muss Ihnen eine gute Geschichte über ihn erzählen. Ich denke, sie wird Ihnen gefallen …
An viel mehr von dem, was ihm Ettie beim letzten Interview vor einigen Tagen erzählt hatte, konnte er sich nicht mehr erinnern. Er hatte die Kamera in ihrer kleinen Wohnung aufgebaut, die angefüllt war mit den Momentaufnahmen eines sieben Jahrzehnte währenden Lebens – mit etwa hundert Bildern, mit Körben, Schnickschnack, billigen Möbeln von Goodwill und Essen, das zum Schutz vor Kakerlaken in Tupperdosen verwahrt wurde, die sie sich eigentlich gar nicht leisten konnte. Er hatte die Kamera aufgestellt und eingeschaltet und Ettie dann einfach reden lassen.
Also, Leute, die in Hell’s Kitchen wohnen, kommen auf solche Gedanken. Sie schmieden Pläne, wissen Sie. Billy wollte Land. Er hatte ein Auge auf ein paar Grundstücke geworfen, die in der Nähe vom heutigen Javits Center lagen. Ich sag Ihnen, wenn er das gemacht hätte, wäre er ein reicher Stinker geworden. Ich darf ›Stinker‹ sagen, weil er das über sich selbst auch gesagt hat.
Eine Bewegung auf dem Bett riss ihn aus seinen Gedanken.