"10.00. Es schlug zehn. Er hatte schon alle Einladungen geschrieben. Nur den Umschlag der letzten mußte er noch aufsetzen, für seinen intimsten Freund: Piet Van Saal. Doch eine große Kraft hielt ihn davon ab. Etwas wie bleierne Krallen legte sich auf seine Schultern und zog ihn von seinen Pflichten fort. Er blieb lange Zeit mit dem Kopf gegen die Rückenlehne des Drehstuhls gelehnt sitzen. Die Schlaffheit schien ihm einen Bart wachsen zu lassen. Später öffnete er sanft die Augen, und als wolle er die Müdigkeit täuschen, näherte er seinen Oberkörper langsam wieder dem Schreibtisch. Er blickte nach links und rechts, voller Vorsicht - wie jemand, der eine Schandtat im Sinn hat -, und nahm die Feder. Doch er konnte nicht mehr schreiben als das S von Senor. Ein schlankes und elegantes S in Form eines Schlachterhakens. Und an ihm hängte er das Fleisch auf: seine Ermüdung, und die Seele: seinen Überdruß ..."
"Eine Sache ist es, die Freiheit zu benutzen, die Henry Miller oder Celine zeigten, und eine ganz andere, es wie Filloy vor ihnen getan zu haben." (Bernardo Verbitsky)
Der Roman "Op Oloop" beschreibt minutiös den Verlauf dieses einen Tages im Leben der Hauptfigur, dessen geregelter Ablauf durch eine winzige Abweichung gestört wird. Auf seinen Irrwegen durch Buenos Aires durchlebt Op Oloop unterschiedlichste Szenarien bis hin zu dem Festmahl anläßlich seines Junggesellenabschieds, bei dem sich sein skurriler Freundeskreis ein Stelldichein gibt, um den bevorstehenden 1000. Bordellbesuch des Romanhelden zu feiern. Selbst sein Liebesleben hält dieser nämlich - ganz Statistiker - in Listen und Tabellen fest. Über den Roman sagte Filloy selbst: "Op Oloop ist zu 80% Filloy." Tatsächlich pflegte auch der Autor einen sehr geordneten und regelmäßigen Lebensstil, stand immer zur gleichen Zeit auf, schrieb am liebsten am frühen Morgen, trank zum Essen stets die gleiche Menge Wein, gönnte sich jeden Tag eine Siesta und verhehlte auch nie, daß er vor seiner Hochzeit ein regelmäßiger Bordellbesucher gewesen war.
393217051-2Rezension"Eine Sache ist es, die Freiheit zu benutzen, die Henry Miller oder Céline zeigten, und eine ganz andere, es wie Filloy vor ihnen getan zu haben." Bernardo Verbitsky
Juan Filloy starb im Juli 2000 im Alter von 105 Jahren in der Provinz Córdoba in Argentinien. Neben zahlreichen argentinischen Preisen erhielt er u.a. das italienische Verdienstkreuz und die Ernennung zum "Chevalier des Arts et des Lettres" durch Jack Lang. Sein Gesamtwerk umfaßt über 40 Titel und knapp 14.000 Palindrome.
393217051-2Leseprobe10.00. Es schlug zehn. Er hatte schon alle Einladungen geschrieben. Nur den Umschlag der letzten mußte er noch aufsetzen, für seinen intimsten Freund: Piet Van Saal. Doch eine große Kraft hielt ihn davon ab. Etwas wie bleierne Krallen legte sich auf seine Schultern und zog ihn von seinen Pflichten fort. Er blieb lange Zeit mit dem Kopf gegen die Rückenlehne des Drehstuhls gelehnt sitzen. Die Schlaffheit schien ihm einen Bart wachsen zu lassen. Später öffnete er sanft die Augen, und als wolle er die Müdigkeit täuschen, näherte er seinen Oberkörper langsam wieder dem Schreibtisch. Er blickte nach links und rechts, voller Vorsicht - wie jemand, der eine Schandtat im Sinn hat -, und nahm die Feder. Doch er konnte nicht mehr schreiben als das S von Seńor. Ein schlankes und elegantes S in Form eines Schlachterhakens. Und an ihm hängte er das Fleisch auf: seine Ermüdung, und die Seele: seinen Überdruß. Op Oloop hatte sich gerade einmal mehr davon überzeugt, daß es nicht möglich ist, sich selbst untreu zu sein. SONNTAG: VON SIEBEN BIS ZEHN SCHREIBEN, lautete die Regel. Wenn das Leben wie eine Gleichung geordnet ist, kann man die mathematischen Zusammenhänge nicht außer acht lassen. Er war nicht dazu in der Lage, irgendeinen Verstoß gegen die festgelegten Normen zu begehen; nicht einmal zu dem äußerst geringen graphischen Verstoß, Namen und Anschrift auf einen bereits begonnenen Umschlag zu schreiben. "Ich werde ihn persönlich übergeben", tröstete er sich. Op Oloop, bedächtiger Henker jeglicher Spontaneität, war bereits die Methode in persona. Die zum Wort gewordene Methode. Die Methode, die Illusionen, Gefühle und Willensäußerungen tiefgründig kanalisiert. Die schon verinnerlichte Methode, die das Aufbäumen des Geistes und die Bocksprünge des Fleisches vermeidet. Wie war ihr rhythmisches Auf und Ab zu unterbrechen? Wie ihr gewohnheitsmäßiger Fluß abzuändern?
393217052-0SchlagzeileDebüt eines jungen deutschen Autors mit einer eigenwillig poetischen Sprache zwischen amerikanischer Short story und europäischer Erzähl- und Märchentradition.
393217052-0KurztextIn seinem Debüt "Wolfskinderringe" legt der junge Autor Kevin Vennemann neun Erzählungen vor, die sich durch sorgfältige Beobachtung und realistische Beschreibung auszeichnen, zugleich aber oft märchenhaft-geheimnisvoll wirken.
Juan Filloy starb im Juli 2000 im Alter von 105 Jahren in der Provinz Cordoba in Argentinien. Neben zahlreichen argentinischen Preisen erhielt er u. a. das italienische Verdienstkreuz und die Ernennung zum "Chevalier des Arts et des Lettres" durch Jack Lang. Sein Gesamtwerk umfasst über 40 Titel und knapp 14.000 Palindrome.
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