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Ufer der Hoffnung

von Nora Roberts, Angelika Naujokat (Buch)

  • ISBN:3-453-86486-7
  • EAN:9783453864863
  • Veröffentlichungsdatum:Juli 2011
  • Gewicht in g:352
  • Auflage:4. Auflage
  • Reihe:Heyne-Bücher Allgemeine Reihe
  • Seiten:432
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Aus dem ängstlichen Jungen Seth Quinn ist ein erfolgreicher Maler geworden, aber die Schatten der Vergangenheit lassen ihm keine Ruhe. Zuhause, bei seiner Familie hofft er, Frieden zu finden. Die schöne Drusilla kämpft gegen ihre eigenen Dämonen, doch gemeinsam haben sie und Seth eine Hoffnung auf Liebe...


Ein neuer Roman der Bestsellerautorin aus der erfolgreichen Quinn-Saga.



Leseprobe:

Er kehrte heim.
Heim an die Ostküste Marylands mit ihren Sumpf- und Wattgebieten, mit den weiten Feldern, auf denen die Kulturen wie Soldaten in Reih und Glied standen, den Flüssen mit ihren scharfen Biegungen und den versteckten Bächen, wo die Reiher ihr Futter fanden.
Heim in eine Welt, in der Krebse und die Chesapeake Bay und die Männer, die dort fischten, eine große Rolle spielten.
Wenn er zurückblickte auf das erste, unglückliche Jahrzehnt seines Lebens oder auch auf die letzten Jahre, in denen er sich nunmehr dem Ende seines dritten Lebensjahrzehnts näherte, so stellte er fest, dass nur dort immer seine Heimat gewesen war.
Es gab zahllose Bilder in seinem Kopf, zahllose Erinnerungen an diese Heimat, und jedes einzelne stand so strahlend und hell vor seinem inneren Auge wie die Sonne, die sich auf dem Wasser der Bucht spiegelte.
Als er über die Brücke fuhr, hätte sein Künstlerauge am liebsten diesen Moment eingefangen: das tiefblaue Wasser und die Boote, die über die Oberfläche hinwegglitten, die weißen Wellenkämme und die herabstoßenden, gierigen Möwen, das Land, das sich in seinen Braun- und Grüntönen ergoss, die dichten Blätter der Gummi- und Eichenbäume und die vielen Farbtupfer, die sich beim näheren Hinsehen als Blumen entpuppten, die sich in der Frühlingssonne zu wärmen schienen.
Er wollte sich an diesen Moment erinnern, genauso wie an jenes erste Mal, als er die Bucht zur Ostküste hinüber überquert hatte. Damals war er ein mürrischer, verängstigter Junge gewesen, neben einem Mann sitzend, der ihm ein neues Leben versprochen hatte.


Seth hatte auf dem Beifahrersitz eines Wagens gesessen. Er wurde von dem Mann gesteuert, den er kaum kannte. Seth besaß nur die Kleider, die er am Leib trug, und ein paar wenige Dinge in einer Papiertüte.
Sein Magen war vor Nervosität ganz verkrampft, aber er versuchte, seinem Gesicht einen gelangweilten Ausdruck zu verleihen, und starrte aus dem Fenster.
So lange er bei dem alten Mann war, war er wenigstens nicht bei ihr. Und das schien seiner Ansicht nach ein guter Tausch zu sein.
Außerdem war der alte Mann ziemlich cool.
Er stank nicht nach Alkohol – oder womöglich nach Pfefferminz, um eine Fahne zu überdecken, wie es einige der Arschlöcher taten, die Gloria in das Dreckloch anschleppte, in dem sie hausten. Und die wenigen Male, die sie zuvor schon zusammen gewesen waren, hatte ihm der alte Mann – er hieß Ray – immer einen Hamburger oder eine Pizza gekauft.
Und er hatte sich mit ihm unterhalten.
Nach Seths Erfahrung sprachen Erwachsene nicht mit Kindern. Sie schrien sie an, redeten über ihre Köpfe hinweg oder beschwerten sich über sie. Aber sich mit ihnen unterhalten, nein, das taten sie nicht.
Ray unterhielt sich aber mit ihm. Und er hörte auch zu. Und als der alte Mann ihn geradeheraus gefragt hatte, ob er – der doch nichts weiter war als ein kleiner Junge – bei ihm leben wollte, da hatte er nicht jene Furcht verspürt, die einem den Atem nahm, und auch keine plötzliche Panik. Stattdessen hatte sich in ihm die leise Hoffnung geregt, dass er mit Hilfe dieses Mannes vielleicht – nur vielleicht – die Chance auf eine kleine Atempause hatte.
Nur weg von ihr. Das war das Beste daran. Je länger sie fuhren, desto weiter entfernten sie sich von ihr.
Wenn es Schwierigkeiten geben sollte, konnte er immer noch weglaufen. Der Kerl war wirklich alt. Zwar verdammt riesig, aber alt. Die Haare, die noch sehr dicht auf seinem Kopf wuchsen, waren schlohweiß, und sein breites Gesicht war von Falten durchzogen.
Seth warf Ray einen Seitenblick zu und begann, dieses Gesicht im Geiste zu malen.
Die Augen des alten Mannes waren von einem intensiven Blau, was irgendwie seltsam war, denn seine eigenen hatten die gleiche Farbe.
Ray hatte eine laute Stimme, obwohl er nie brüllte, wenn er etwas zu sagen hatte. Er klang stets besonnen, vielleicht sogar ein wenig müde.
Und inzwischen sah er wirklich ziemlich müde aus.
»Wir sind beinahe zu Hause«, sagte Ray, als sie sich der Brücke näherten. »Hungrig?«
»Keine Ahnung. Ja, vielleicht. Ein bisschen.«
»Meiner Erfahrung nach sind Jungs immer hungrig. Habe drei großgezogen, von denen jeder einzelne einen Magen hatte wie ein Fass ohne Boden.«
Es lag eine Fröhlichkeit in seiner dröhnenden Stimme, aber die klang gezwungen. Der Junge mochte wohl erst zehn Jahre alt sein, aber er erkannte sehr wohl falsche Töne.
Inzwischen waren sie weit genug weg – falls er fliehen musste. Also konnte er genauso gut die Karten auf den Tisch legen, um in Erfahrung zu bringen, was eigentlich Sache war.
»Warum nehmen Sie mich mit zu sich nach Hause?«
»Weil du ein Dach über dem Kopf brauchst.«
»Ach, hören Sie schon auf. So ’nen Scheiß macht doch keiner.«
»Manche Leute schon. Stella, meine Frau, und ich, wir haben so ’nen Scheiß gemacht.«
»Haben Sie ihr gesagt, dass Sie mich mitbringen?«
Ray lächelte, aber es lag eine große Traurigkeit in diesem Lächeln. »Auf meine Weise schon. Sie ist vor einiger Zeit gestorben. Du hättest sie gemocht. Und sie hätte nur einen einzigen Blick auf dich geworfen und sofort die Ärmel aufgekrempelt.«
Der Junge wusste nicht, was er darauf antworten sollte. »Und was soll ich tun, wenn wir dort angekommen sind, wo wir hinfahren?«
»Leben«, erwiderte Ray. »Ein Junge sein. Zur Schule gehen, etwas anstellen. Und segeln lernen. Das werde ich dir auf jeden Fall beibringen.«
»Auf einem Boot?«
Jetzt lachte Ray, ein mächtiges, dröhnendes Lachen, das den Wagen erfüllte und aus irgendeinem Grund, den der Junge nicht verstand, die Verkrampfungen in seinem Bauch löste. »Jawohl, auf einem Boot. Und ich habe einen Hundewelpen ohne jeden Verstand – ich scheine immer die ohne Grips zu kriegen –, den ich stubenrein bekommen muss. Dabei kannst du mir helfen. Du wirst einige Pflichten haben, aber das werden wir noch genauer besprechen. Wir stellen Regeln auf und du wirst dich daran halten. Glaub nur nicht, dass du mit mir ein leichtes Spiel hast, nur weil ich ein paar Jährchen auf dem Buckel habe.«
»Sie haben ihr Geld gegeben.«
Ray löste seinen Blick für einen Moment von der Straße und sah in die Augen des Jungen, die den seinen so sehr ähnelten. »Das stimmt. Das ist eine Sprache, die sie versteht, wenn ich sie richtig einschätze. Aber dich hat sie nie verstanden, was, mein Junge?«
Etwas ging in Seths Inneren vor sich. Ein Gefühl, das ihn aufwühlte, das er aber nicht als Hoffnung erkannte. »Wenn Sie sauer auf mich werden oder es leid sind, mich um sich zu haben, oder Ihnen aus irgendeinem Grund danach ist, werden Sie mich zu ihr zurückschicken. Aber ich werde nicht wieder zurückgehen.«
Sie hatten inzwischen die Brücke überquert. Ray fuhr den Wagen auf den Seitenstreifen der Straße und wuchtete seinen mächtigen Körper im Sitz herum, sodass sie einander ins Gesicht sehen konnten. »Ich werde ganz bestimmt irgendwann einmal sauer auf dich sein, und in meinem Alter wird man von Zeit zu Zeit auch manche Dinge leid, aber ich mache dir hier und jetzt ein Versprechen, und ich gebe dir mein Wort darauf: Ich werde dich nicht zurückschicken.«
»Aber wenn sie –«
»Ich werde nicht zulassen, dass sie dich von mir wegholt«, unterbrach Ray ihn, da er ahnte, was der Junge sagen wollte. »Egal, was ich tun muss, du gehörst jetzt zu mir. Zu meiner Familie. Und du kannst bei mir bleiben, solange du willst. Wenn ein Quinn ein Versprechen gibt«, fügte er hinzu und streckte die Hand aus, »dann hält er es auch. Und von jetzt an duzt du mich und nennst mich Ray.«
Seth blickte erst auf die ihm dargebotene Hand und dann auf seine eigene, die feucht war vor Aufregung. »Ich mag es nicht, wenn man mich anfasst.«
Ray nickte. »Kein Problem. Aber mein Wort gilt trotzdem.« Er lenkte den Wagen wieder auf die Straße und warf dem Jungen einen letzten Blick zu. »Wir sind beinahe zu Hause«, wiederholte er.
Nur wenige Monate später war Ray Quinn gestorben, aber er hatte sein Wort gehalten. Er hatte es durch die drei Männer gehalten, die er zu seinen Söhnen gemacht hatte. Diese Männer schenkten dem mageren, misstrauischen, verletzten kleinen Jungen ein neues Leben.
Sie gaben ihm ein Zuhause und machten einen Mann aus ihm.
Cameron, der rasch aufbrausende, leidenschaftliche Herumtreiber, Ethan, der geduldige, verlässliche Fischer, Phillip, der elegante, gewiefte Manager. Sie waren für ihn eingestanden, hatten um ihn gekämpft. Sie hatten ihn gerettet.
Seine Brüder.


Das goldene Licht der späten Nachmittagssonne tauchte das Sumpfgras, die Wattenmeere und die flachen Felder mit den ordentlich gepflanzten Reihen in einen schimmernden Glanz. Seth fuhr mit heruntergelassenen Fenstern und sog den Geruch des Meeres in sich auf, als er an der kleinen Stadt St. Christopher vorüberfuhr.
Er überlegte, in die Stadt abzubiegen und als Erstes zu der alten, backsteinernen Bootswerkstatt zu fahren. »Boats by Quinn« – dort wurden immer noch Holzboote nach den individuellen Wünschen der Kunden gebaut, und seit der Gründung der Firma vor achtzehn Jahren – an deren Anfang ein Traum, List und Tücke und viel Schweiß gestanden hatten – haftete ihr der Ruf an, für Qualität und handwerkliches Können zu stehen.
Wahrscheinlich wären seine Brüder um diese Uhrzeit noch da und arbeiteten: Cam, der herumfluchte, während er die letzten Feinarbeiten in einer Kajüte erledigte, Ethan, der schweigend die Planken bearbeitete, und Phil, der sich oben im Büro irgendeine flotte Werbekampagne einfallen ließ.
Er könnte bei Crawford’s vorbeifahren und ein Sechserpack Bier holen. Vielleicht würden sich seine Brüder ein kühles Schlückchen genehmigen. Aber es war eher anzunehmen, dass Cam ihm einen Hammer in die Hand drücken und ihn auffordern würde, seinen Hintern an die Arbeit zu bewegen.
Es hätte ihm Spaß gemacht, aber es war nicht das, wonach ihm jetzt der Sinn stand. Irgendetwas zog ihn geradezu magisch über diese schmale Landstraße entlang des Sumpfes, wo die Bäume ihre knorrigen Äste mit den zartgrünen Blättern ausbreiteten.
Von allen Orten, die er gesehen hatte – ob es Florenz mit seinen großartigen Kuppeln und Türmen war, Paris mit seiner reich verzierten Schönheit oder Irland mit seinen atemberaubend grünen Hügel – gab es doch nur einen, bei dessen Anblick ihm die Kehle eng wurde und das Herz aufging: Es war das alte weiße Haus mit dem verblassten blauen Holzwerk, das auf einer unebenen Wiese am Rande eines ruhigen Gewässers stand.
Seth bog in die Auffahrt und hielt hinter der alten, weißen Corvette, die einmal Ray und Stella Quinn gehört hatte. Der Wagen sah noch genauso tadellos aus wie an jenem Tag, als er den Ausstellungsraum verlassen hatte. Das war Cams Verdienst. Er würde sagen, es gehöre sich eben, einem so außergewöhnlichen Wagen den Respekt zu zollen, den er verdiente, aber Seth wusste, dass es dabei allein um Ray und Stella ging. Um die Familie. Um Liebe.
Der Flieder im Vorgarten stand in voller Blüte. Seth hatte Anna den kleinen Busch zum Muttertag geschenkt, als er zwölf war.
Anna war Cams Frau und dadurch auf gewisse Art Seths Schwester. Aber tief in seinem Inneren, wo es wirklich zählte, war sie wie eine Mutter für ihn.
Die Quinns hatten sich immer schon gut in andere Menschen einfühlen können.
Er schaltete den Motor aus und stieg aus dem Wagen. Ringsum herrschte eine herrliche Stille. Als er das erste Mal vor diesem Haus gestanden hatte, war er noch ein magerer Junge mit zu großen Füßen und Misstrauen im Blick gewesen.
Er war sozusagen in diese Füße hineingewachsen. Heute maß er einen Meter fünfundachtzig und besaß einen drahtigen Körper, der zur Schlaksigkeit neigte. Sein Haar war zu einem Bronzebraun nachgedunkelt und erinnerte nur noch entfernt an das Rotblond seiner Mähne in jugendlichen Jahren. Seth legte wenig Wert auf seine Frisur, und als er sich jetzt mit der Hand durch die Haare fuhr, fiel ihm mit Schrecken ein, dass er sie sich eigentlich vor seiner Abreise in Rom noch hatte schneiden lassen wollen.
Die Jungs würden ihn wegen des kleinen Pferdeschwanzes aufziehen, was bedeutete, dass er ihn noch eine Weile behalten musste – schon aus Prinzip.
Er zuckte mit den Schultern, stopfte die Hände in die Taschen seiner abgetragenen Jeans und machte sich auf den Weg. Sein Blick schweifte über Annas Blumen, die Schaukelstühle auf der vorderen Veranda, den Wald, der an den Seiten bis an die Grundstücksgrenzen heranreichte und in dem er als Junge so gern herumgetobt war.
An dem alten, über dem Wasser schwankenden Anlegesteg war die weiße Schaluppe vertäut.
Seth stand da, das Gesicht hohlwangig und gebräunt, und blickte aufs Wasser hinaus.
Seine vollen, festen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Er spürte, wie sich ein Gewicht, von dem er gar nicht gewusst hatte, wie schwer es auf seinem Herzen lastete, zu heben begann.
Als er ein Rascheln im Wald vernahm, drehte er sich blitzartig um, um sich notfalls sofort verteidigen zu können – ein Überbleibsel aus jener Zeit, als er noch ein misstrauischer kleiner Junge gewesen war. Zwischen den Bäumen kam eine schwarze Kugel hervorgeschossen.
»Witless!« Seths Stimme hatte einen autoritären Klang, in dem aber eine gute Portion von Amüsiertheit mitschwang. Der Hund blieb stehen und musterte den Mann mit baumelnden Ohren und heraushängender Zunge.
»Komm schon, so lange ist es doch nun wirklich nicht her.« Seth hockte sich hin und streckte eine Hand aus. »Erinnerst du dich noch an mich?«
Witless bedachte ihn mit jenem schwachsinnigen Grinsen, das ihm seinen Namen eingebracht hatte, ließ sich dann auf den Boden plumpsen und rollte sich auf den Rücken, um sich den Bauch kraulen zu lassen.
»Na, also. So ist’s richtig.«
In dem weißen Haus hatte es immer einen Hund gegeben, so, wie auch immer ein Boot am Anlegesteg vertäut gewesen war und ein Schaukelstuhl auf der Veranda gestanden hatte.
»Oh ja, du erinnerst dich an mich.« Während er Witless kraulte, blickte Seth zum hinteren Ende des Gartens hinüber, wo Anna eine Hortensie auf das Grab seines eigenen Hundes gepflanzt hatte. Der treue und geliebte Foolish.
»Ich bin’s Seth«, murmelte er. »Ich bin viel zu lange weg gewesen.«
Er vernahm den Klang eines Motors, dann das Quietschen von Reifen, die eine Kurve einen Tick schneller nahmen, als das Gesetz es erlaubte. Während er sich langsam aufrichtete, sprang der Hund auf und rannte zur Auffahrt.
Seth, der den Augenblick genießen wollte, folgte ihm langsamer. Er lauschte auf das Zuknallen der Autotür und hörte dann, wie sich eine weibliche Stimme hob und in einem singenden Tonfall mit dem Hund sprach.
Seth schaute die Frau für einen Moment nur an – Anna Spinelli Quinn mit ihrer lockigen, dunklen Haarmähne, die von der Fahrt verzaust war, die Arme voll gepackt mit Papiertüten, die sie offenbar gerade aus dem Wagen gehoben hatte.
Sein Grinsen vertiefte sich, als er sah, wie sie versuchte, die aufdringlichen Zuneigungsbekundungen des Hundes abzuwehren.
»Wie oft muss ich diese eine, simple Regel eigentlich noch wiederholen?«, fragte sie. »Man springt Leute nicht einfach so an, ganz besonders nicht mich – und schon mal gar nicht, wenn ich ein Kostüm trage.«
»Klasse Kostüm!«, rief Seth. »Aber die Beine gefallen mir noch besser.«
Ihr Kopf fuhr herum, und ihre tiefbraunen Augen, in denen sich Schock und Freude zugleich spiegelten, weiteten sich.
»Oh mein Gott!« Ohne auf den Inhalt zu achten, warf Anna die Tüten durch die geöffnete Tür ins Innere des Wagens zurück und rannte los.
Er fing sie auf, hob sie gute fünfzehn Zentimeter in die Luft und wirbelte sie einmal herum, bevor er sie wieder auf dem Boden absetzte. Aber er ließ sie immer noch nicht los. Stattdessen vergrub er sein Gesicht in ihrem Haar.
»Hallo, Anna«, flüsterte er.
»Seth! Oh, Seth!« Sie umklammerte ihn, ohne den Hund zu beachten, der winselnd an ihnen hochsprang und versuchte, seine Schnauze zwischen sie zu schieben. »Ich kann es einfach nicht glauben, dass du wirklich da bist.«
»Weine doch nicht!«
»Nur ein bisschen. Lass dich einmal ansehen.« Ihre Hände umfassten sein Gesicht, und sie trat ein Stück zurück. Er war ein so gut aussehender Kerl. Und so erwachsen geworden. »Sieh sich das mal einer an«, murmelte sie und strich mit der Hand über sein Haar.
»Ich wollte es eigentlich schon längst schneiden lassen.«
»Es gefällt mir.« Tränen liefen über ihr lächelndes Gesicht. »Du siehst wundervoll aus, ganz wundervoll. Wie ein richtiger Künstler.«
»Und du bist die schönste Frau auf der ganzen Welt.«
»Ach, du meine Güte!« Anna schniefte und schüttelte den Kopf. Dann wischte sie sich die Tränen vom Gesicht. »Wann bist du denn angekommen? Ich dachte, du wärest in Rom.«
»War ich auch. Aber ich hatte Sehnsucht.«
»Warum hast du nicht angerufen? Dann hätten wir dich vom Flughafen abgeholt.«
»Ich wollte euch überraschen.« Seth ging auf den Wagen zu, um die Einkaufstüten herauszuholen. »Ist Cam in der Werkstatt?«
»Müsste er eigentlich. Warte, ich nehme das schon. Du musst doch deine Sachen hineintragen.«
»Die hole ich später. Wo sind Kevin und Jake?«
Sie ging neben ihm her und warf einen Blick auf ihre Uhr, während sie überlegte, wo ihre Söhne wohl gerade stecken mochten. »Welcher Tag ist heute? In meinem Kopf dreht sich noch alles.«
»Donnerstag.«
»Ach ja. Kevin ist bei der Theaterprobe. Sie führen in der Schule ein Stück auf. Und Jake ist beim Softball-Training. Kevin hat seinen Führerschein gemacht, Gott steh uns bei, und holt seinen Bruder auf dem Rückweg ab.« Sie schloss die Haustür auf. »Sie müssten in einer Stunde wieder da sein, dann ist es mit dem Frieden im Land vorbei.«
Alles ist noch wie früher, dachte Seth. Es spielte keine Rolle, welche Farbe die Wände hatten, ob ein neues Sofa das alte ersetzt hatte oder eine neue Lampe auf dem Tisch stand. Es war alles noch wie früher, weil es sich wie früher anfühlte.
Der Hund drängte sich an seinen Beinen vorbei und trottete schnurstracks in die Küche.
»Setz dich hin.« Anna nickte zum Küchentisch hinüber, unter dem Witless sich bereits ausgestreckt hatte und zufrieden an einem dicken Stück Seil zu kauen begann. »Du musst mir alles erzählen. Möchtest du ein Glas Wein?«
»Klar, nachdem ich dir dabei geholfen habe, das ganze Zeug hier wegzuräumen.« Als ihre Augenbrauen in die Höhe wanderten, verharrte er mit der Milch in der Hand vor der Kühlschranktür. »Was ist?«
»Ich musste mich gerade daran erinnern, wie sämtliche Bewohner dieses Hauses – du eingeschlossen – immer dann verschwanden, wenn es Zeit war, die Einkäufe wegzuräumen.«
»Weil du uns immer erklärt hast, dass wir sie an die falschen Stellen räumen würden.«
»Das hast du auch immer ganz besonders gern gemacht. Aber es war Absicht, weil du wolltest, dass ich dich aus der Küche werfe.«
»Das wusstest du?«
»Wenn es um meine Jungs geht, weiß ich alles. Mir entgeht nichts, mein Freund. Ist irgendwas in Rom vorgefallen?«
»Nein.« Seth fuhr fort, die Tüten auszupacken. Er wusste, wo die Lebensmittel in Annas Küche ihren Platz hatten, hatte es schon immer gewusst. »Keine Sorge, ich stecke nicht in Schwierigkeiten, Anna.«

Autorenportrait:

Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte sie 1979 ein eisiger Schneesturm in ihrer Heimat Maryland ans Haus. Um sich zu beschäftigen, schrieb sie ihren ersten Roman. Zum Glück - denn inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Boonsboro/ Maryland.
Unter dem Namen J.D. Robb veröffentlicht Nora Roberts seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane.

8,95* EUR