Kurzbeschreibung:
Jonathan ist ein einsames Kind. In dem englischen Knabeninternat Kirkston Abbey fühlt er sich unglücklich, denn seine Klassenkameraden hänseln ihn wegen seiner einfachen Herkunft. Auch einzelne Lehrer finden, dass er an der exklusiven Schule nichts zu suchen hat; man schreibt das Jahr 1954, und die englische Oberschicht verteidigt unerbittlich ihre Privilegien. Nur allzu oft ist Jonathan Zielscheibe von Spott und Hohn - bis zu jenem Vormittag, als sein Mitschüler Richard ihm in der Lateinstunde aus der Patsche hilft. Richard ist auch ein einsames Kind, doch im Gegensatz zu Jonathan sondert er sich bewusst von den anderen ab. Seine Altersgenossen bewundern ihn dafür, wirkt er doch stark und unabhängig. Nichts scheint ihn anzufechten, auch nicht das Internatssystem, das nach menschenverachtenden Gesetzen funktioniert und für viele die Hölle auf Erden bedeutet. Jonathan fühlt sich von Richards Interesse geschmeichelt, und die beiden werden unzertrennlich. Richard zeigt Jonathan, wie er sich gegen den Psychoterror der anderen wehren kann. Wie ein Ertrinkender greift Jonathan nach der rettenden Hand. Er vertraut sich Richard an und beginnt, dessen Spiel mitzuspielen. Er ist glücklich über diesen Freund - auch wenn ihn manchmal das seltsame Licht in dessen Augen ängstigt. Er lernt zu gewinnen, und seine Macht über andere wächst. Doch Richard ist das nicht genug. Er überzeugt Jonathan, dass sie ihre geheimnisvollen Kräfte nicht nur gegen jene richten sollen, die einst Jonathan gedemütigt haben, sondern gegen alle, die versuchen, sich ihrer immer enger werdenden Freundschaft in den Weg zu stellen. Ein tödliches Spiel nimmt seinen Lauf ...
Leseprobe:
Alles hat seinen eigenen Anfang. Das längste Buch beginnt mit einem einzigen Wort, die längste Reise mit einem einzigen Schritt.
In Kirkston Abbey bestand der erste Schritt in einem unerwarteten Akt der Freundlichkeit: einem Fleck perfekten Blaus, der das Grau eines Oktobertags erhellte. Bald würde dieses Blau matt werden, es würde verderben und verrotten und seine Fäulnis über den ganzen Himmel verbreiten.
Die Morgenandacht näherte sich ihrem Ende. Das Gotteshaus der Schule hallte wider vom Klang dreihundert jugendlicher Stimmen, die die Schönheit eines der erbaulichsten englischen Kirchenlieder zwar mindern, aber nicht völlig zerstören konnten:
»Bring me my bow of burning gold!
Bring me my arrows of Desire!
Bring me my spear! O Clouds, unfold!
Bring me my chariot of fire!
I will not cease from mental fight,
Nor shall my sword sleep in my hand,
Till we have built Jerusalem,
In England's green and pleasant land.«
Das Lied war zu Ende.
»Lasset uns beten!«, intonierte Mr. Howard, der Schuldirektor, von seinem Platz vor dem Chorgestühl. Die Schüler knieten nieder. Mit einem dumpfen Geräusch lehnten sich hunderte von Körpern gegen die Kanten der Holzbänke.
»Herr, blicke herab auf uns, deine Diener, die wir heute hier versammelt sind. Gib uns die Kraft, dein Werk zu tun und deine Gebote zu befolgen, heute und alle Tage. Im Namen von Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.«
»Amen«, wiederholten die Schüler.
Dreißig Sekunden Schweigen. Eine Gelegenheit zu beten, wehmütig an das gerade zu Ende gegangene Wochenende zu denken oder wegen nicht gemachter Hausaufgaben in Panik zu geraten.
Die Orgel setzte wieder ein. Der Klang von Toccata und Fuge erfüllte die Kirche. Die Schüler erhoben sich und begannen hinauszuströmen. Haus für Haus, Reihe für Reihe, wobei jeder Junge sich nach vorn wandte und respektvoll in Richtung Altar nickte, bevor er den Gang entlangschritt und in den klaren Herbstmorgen hinaustrat.
Von der Kirche aus strömten sie auf das Hauptgebäude der Schule zu. Jungen in schmucken blauen Blazern, auf denen das Schulwappen prangte, grauen Hosen mit scharfen Bügelfalten und auf Hochglanz polierten schwarzen Schuhen. Eine Masse geordneter Uniformität, belebt durch die Farbflecken der Aufsichtsschüler, denen es gestattet war, Jacken ihrer eigenen Wahl zu tragen. Der Wind pfiff über die flache Landschaft und durch die Äste der Buchen zu beiden Seiten des Weges. Es war ein bitterkalter, salziger Wind, der vom fünf Kilometer nördlich gelegenen Meer blies.
Weiter vorn teilte sich der Weg. Ein Teil der Jungen bog auf einen Pfad ein, der auf den Wald und zwei Wohngebäude zuführte, Heatherfield und Monmouth, die versteckt zwischen den Bäumen lagen. Der Rest folgte dem Weg an den Rugbyfeldern vorbei auf das Haupthaus zu, ein riesiges viktorianisches Gebäude, das trotz seiner gotischen Architektur unter dem weiten Himmel Norfolks klein wirkte. Eigentlich handelte es sich um zwei Bauten, die durch einen Kreuzgang miteinander verbunden waren. Das Gebäude auf der rechten Seite beherbergte die Klassenzimmer und die Aula. In dem linken Gebäude waren zwei weitere Wohnbereiche untergebracht: Abbey House und Old School House.
Die Jungen strömten in ihre jeweiligen Häuser, um die Bücher zu holen, die sie für die Unterrichtsstunden dieses Vormittags brauchen würden.
Jonathan Palmer, ein Schüler im vierten Jahr, schob sich zusammen mit den anderen Jungen aus Old School House durch den Kreuzgang in Richtung Klassenzimmer.
Er war ein schlanker, gut aussehender Junge mit hellbraunem Haar und feinen Gesichtszügen. Drei Monate zuvor war er vierzehn Jahre alt geworden.
Jonathan ging an der Aula vorbei und folgte dann einem langen Gang. Um ihn herum drängelten und schubsten sich Jungen, die Neuigkeiten austauschten, sich gegenseitig hänselten und die letzten Reste ihrer Wochenendenergie aufbrauchten, bevor der Schultrott wieder begann. In der Luft hing der Geruch von Bohnerwachs. Zu beiden Seiten des Ganges lagen Klassenzimmer. Jedes hatte einen Namen, der in goldenen Lettern auf die Tür gemalt war: Drake und Walpole, Pitt und Melbourne - die glorreichen Namen, die dazu beigetragen hatten, Großbritannien Größe zu verleihen.
Er betrat das Klassenzimmer Melbourne, dessen kalte weiße Mauern Reihen ramponierter Doppelpulte beherbergten, die wie Käfige wirkten. Die Käfige füllten sich gerade mit Jungen. Einige unterhielten sich mit ihren Nachbarn, andere starrten auf ihre Bücher oder ins Leere. Alle warteten auf den Beginn der ersten Unterrichtsstunde, einer Lateinstunde. Die Wände hallten von den Kommentaren wider, die sie schon die letzten hundert Jahre gehört hatten und auch noch weitere hundert Jahre hören würden:
»…so ungerecht! Jeder weiß, dass ich besser bin, aber sein Bruder ist Captain, und deswegen haben sie statt mir ihn genommen…«
»…ich bin nicht dazu gekommen, die Mathe-Hausaufgabe zu machen. Kann ich sie von dir abschreiben…?«
»…du hast ja keine Ahnung, wie es ist, mit ihm das Zimmer zu teilen!…«
»…und mein Vater hat gesagt, wir dürfen nach London fahren und uns eine Show ansehen…«
Jonathan setzte sich an seinen üblichen Platz. An der Wand vor ihm hing ein Bild der Königin. Um den Patriotismus der Schule zu demonstrieren, war es im Vorjahr anlässlich der Krönung aufgehängt und seitdem noch nicht wieder abgenommen worden. Jonathan hatte jenen Tag mit seiner Mutter und ihren Nachbarn verbracht. Sie hatten sich alle zusammen in das einzige Haus in der Straße gedrängt, in dem es einen Fernsehapparat gab. Es war das erste Mal gewesen, dass er überhaupt ferngesehen hatte.
Der Platz neben ihm blieb leer, ebenso wie das Doppelpult vor ihm: die Plätze von Nicholas Scott und den Perriman-Zwillingen, die in Monmouth House wohnten. Ohne die drei fühlte sich Jonathan hilflos und verletzlich. Er starrte auf das schmuddelige Stück Papier hinunter, auf dem er versucht hatte, die Sätze zu übersetzen, mit denen sie sich in den nächsten vierzig Minuten beschäftigen würden. Bei den meisten war er gescheitert, aber das machte nichts. Nicholas würde alle Sätze richtig haben. Er hatte die Lateinhausaufgabe immer richtig.
Die Oberfläche seines Pults war mit tief in das Holz eingeritzten Namen und Daten übersät. Mit seinen schlanken Fingern fuhr er die Linien nach: John Forrest, 1937, Peter Ashley, 1912, Charles Huntley, 1896. Jungen, die längst zu Männern herangewachsen waren und ihre Schultage weit hinter sich gelassen hatten.
Noch immer strömten Jungen in das Klassenzimmer. Der Lärmpegel stieg an. Richard Rokeby kam mit ein paar Büchern unter dem Arm herein und steuerte auf seinen Platz am Fenster zu. Aus dem hinteren Teil des Klassenzimmers schossen James Wheatley und George Turner mit Papierkügelchen auf Colin Vale, der vergeblich versuchte, ihnen mit einem Lachen die Freude an ihrem Bombardement zu verderben.
Stephen Perriman betrat das Klassenzimmer, gefolgt von seinem Bruder Michael. Sie ließen sich an dem Doppelpult vor Jonathan nieder und starrten ihn aus ihren blassblauen Augen an.
»Wo ist Nick?«, fragte er.
Michael tat, als müsste er sich übergeben.
»Er hat gestern Abend zu kotzen angefangen«, erklärte Stephen. »Wir haben ihn auf die Krankenstation gebracht. Sie glauben, dass er sich irgendeinen Bazillus eingefangen hat.«
Jonathan verließ der Mut. Er machte sich natürlich wegen Nicholas' Gesundheitszustand Sorgen, aber noch mehr war er wegen des Zustands seiner Übersetzung besorgt.
»Wir haben versucht, die Sätze hinzukriegen«, sagte Michael zu ihm, »ist uns aber nicht besonders gut gelungen.«
»Wir?«, rief sein Bruder.
Jonathan bemerkte, dass sich über Stephens rechtem Auge ein kleiner Bluterguss bildete. »Wo hast du denn den her?«
»Wir sind gestern Abend von der Fünften überfallen worden. Sie waren eigentlich hinter denen aus der Dritten her, aber die hatten sich verbarrikadiert.«
»Sie haben das Bettzeug von unseren Betten gerissen«, fügte Michael hinzu »und dann wollten sie mit den Wäschekörben Autoskooter spielen. In den einen haben sie Julian Archer gesetzt, und in den anderen wollten sie mich stecken, aber Stephen hat gesagt, er stelle sich statt meiner zur Verfügung. Es war ein solcher Lärm, dass Mr. Soper aufgetaucht ist. Die aus der Fünften sind durch die Waschräume abgehauen, aber Stephen und Julian saßen noch in den Körben. Mr. Soper hat sie rausgelassen und Stephen gefragt, was los gewesen sei.«
»Hast du es ihm gesagt?«, fragte Jonathan.
Stephen starrte ihn an, als sei Jonathan nicht ganz richtig im Kopf. »Na klar! Als ob du es sagen würdest, wenn Wheatley und seine Gang eines Abends beschließen, sich an dir abzureagieren.«
Jonathan drehte sich nach James Wheatley um, der noch immer mit leuchtenden Augen Colin Vale mit Papierkügelchen traktierte. Noch immer versuchte Colin so zu tun, als mache es ihm nichts aus, aber als ihn eine der Kugeln ins Auge traf, schien er den Tränen nahe. Jonathan spürte, wie Wut in ihm hochstieg.
Gleichzeitig war da aber noch ein anderes Gefühl, für das er sich ein bisschen schämte. Wenigstens trifft es nicht mich.
»Lass uns die Sätze vergleichen«, schlug Stephen vor.
Sie wollten gerade damit anfangen, als Mr. Ackerley mit wehender Robe hereinrauschte. Sofort herrschte Ruhe im Klassenzimmer.
Mr. Ackerley, ein großer Mann mit stechenden, tief liegenden grauen Augen und einem bleichen Patriziergesicht, ließ den Blick über die Klasse schweifen. An dem leeren Platz neben Jonathan blieb er hängen. »Wo ist Scott?«
»Er ist krank, Sir«, erklärte Stephen.
»Verstehe. Ich nehme an, ihr habt alle eure Hausaufgaben gemacht.«
»Ja, Sir«, antwortete die Klasse im Chor. Einige Stimmen klangen überzeugter als andere.
»Gut.« Er ließ sich an seinem Katheder nieder. »Schlagt eure Bücher auf Seite 56 auf.«
Jonathan tat, wie ihm geheißen. Verwirrt starrte er auf ein Diagramm sich überschneidender Dreiecke. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass er das falsche Buch mitgebracht hatte. Er spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte. Ausgerechnet in der Lateinstunde musste ihm dieser Fehler passieren. Seine eigene Dummheit verfluchend, meldete er sich.
Mr. Ackerley, der gerade mit der Unterrichtsstunde beginnen wollte, bemerkte die hochgereckte Hand. »Was ist, Palmer?«
»Es tut mir leid, Sir. Ich habe mein Buch vergessen. Kann ich es schnell holen?«
Die strengen grauen Augen verdrehten sich gen Himmel. »Du weißt doch, was für eine Stunde das ist, Palmer, oder?«
»Ja, Sir.«
»Warum hast du dann das falsche Buch mitgebracht? Für die Lateinstunde braucht man das Lateinbuch. Das ist doch nicht so schwierig, nicht einmal für jemanden wie dich.«
Hinter Jonathan kicherte jemand. Er spürte, wie er rot wurde. Es war besser, sich eine Antwort zu verkneifen, aber das Wissen, dass Mr. Ackerley keine so große Sache daraus gemacht hätte, wenn es sich um jemand anderen gehandelt hätte, brachte ihn dazu, sich zu verteidigen. »Ich habe versehentlich mein Mathebuch mitgenommen, Sir. Es hat die gleiche Farbe und Größe wie das Lateinbuch, sodass einem dieser Fehler ziemlich leicht unterlaufen kann.« Während er sprach, wurde ihm bewusst, dass sein Yorkshire-Dialekt immer deutlicher hervortrat, und er wünschte, er hätte den Mund gehalten.
»Mein Gott, Palmer, hör auf, mit dieser blöden Stimme vor dich hinzujammern. Kein Mensch interessiert sich für deine Erklärungen!« Mr. Ackerley hielt nach einem leeren Sitzplatz Ausschau. »Setz dich neben Rokeby.«
Jonathan erhob sich mit hochrotem Kopf. Er hasste das Gefühl, von allen angeglotzt zu werden. Michael Perriman lächelte ihm mitfühlend zu.
Er ging nach vorn zu dem Doppelpult, an dem Richard Rokeby allein saß und durch das Fenster auf die Felder hinter der Schule hinausstarrte.
Richard Rokeby war der Einzelgänger der Schule, ein Junge, der alle anderen mit kaum verhohlener Verachtung behandelte. Er hatte keine Freunde, sprach mit so wenig Leuten wie möglich und schien sich selbst zu genügen.
Dieses Verhalten war Jonathan immer seltsam erschienen. Seine Mutter hatte ihm erklärt, dass solche Einzelgänger die Welt auf Distanz hielten, weil sie an Minderwertigkeitskomplexen litten. Sie wusste das, weil sie es in einer ihrer Zeitschriften gelesen hatte. Jonathan war sicher, dass sie Recht hatte, konnte sich aber schlecht vorstellen, weswegen sich Richard Rokeby minderwertig fühlen sollte. Er war ausgesprochen intelligent, äußerst selbstsicher und - wenn er sich schon einmal dazu herabließ, es unter Beweis zu stellen - bemerkenswert redegewandt.
Sein auffallendstes Merkmal aber war sein gutes Aussehen. Er war groß und athletisch gebaut, hatte blau-schwarzes Haar, markante schöne Gesichtszüge und tief liegende, stechend blaue Augen, die die Welt mit verächtlichen Blicken bedachten, in denen immer auch etwas Herausforderndes lag.
Jonathan ließ sich neben Richard nieder und lächelte ihn verlegen an. Richard antwortete mit einem desinteressierten Nicken, schob sein Lateinbuch in die Mitte des Doppelpults und starrte dann wieder zum Fenster hinaus.
Mr. Ackerley ließ den Blick übers Klassenzimmer schweifen. »Upton, übersetze den ersten Satz.«
Die Stunde begann. Adam Upton, ein eifriger Junge, hielt sich an die bei Übersetzungen übliche Vorgehensweise: Er las ein lateinisches Wort vor, nannte seine englische Entsprechung und machte so weiter, bis der ganze Satz übersetzt war. Alle anderen zappelten währenddessen ängstlich auf ihren Plätzen herum und hofften, nicht als Nächster dranzukommen. Jonathan starrte auf seine unzureichenden Übersetzungsversuche. Er war sicher, dass er aufgerufen werden würde, und betete, dass es sich bei dem betreffenden Satz nicht ausgerechnet um Nummer fünf oder acht handeln würde.
Satz zwei. Colin Vale. Ebenfalls eine gute Leistung. Satz drei. Michael Perriman. Nicht ganz so gut. Michael machte Fehler und musste sich von Stephen helfen lassen, der ihn immer wieder flüsternd korrigierte. Mr. Ackerley wurde wütend. »Lieber Himmel, Perriman, du hättest das zu Hause vorbereiten sollen! Und wenn dir dein Bruder noch einmal hilft, muss er nachsitzen. Nächstes Mal machst du deine Hausaufgaben wieder ordentlich!«
Satz vier. Stuart Young. Nicht gerade brillant, aber besser als Michael Perriman.
Satz fünf. Mr. Ackerleys Blick schweifte über die Klasse. Jonathan, der auf sein Pult hinunterstarrte, spürte, wie der Blick des Lehrers in seine Richtung wanderte. Sein Körper verkrampfte sich vor Angst.
»Rokeby!«
Richard Rokeby wandte sich vom Fenster ab und sah Mr. Ackerley an. »Sir?«
»Rokeby, entschuldige, dass ich dich störe. Würdest du uns die große Ehre erweisen, den fünften Satz zu übersetzen, oder würdest du lieber weiter zusehen, wie der Platzwart das Spielfeld absteckt?« Ein paar Schüler kicherten. Mr. Ackerley neigte leicht den Kopf, als wolle er sich für den Applaus bedanken.
»Ich würde lieber dem Platzwart zusehen, Sir«, antwortete Richard Rokeby.
Wieder war Kichern zu hören, diesmal allerdings kein anbiederndes. Es verstummte sofort wieder.
»Wie bitte?«, fragte Mr. Ackerley, der offensichtlich der Meinung war, sich verhört zu haben.
»Ich habe gesagt, ich würde lieber dem Platzwart zusehen, Sir.«
Mr. Ackerley riss die Augen auf. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. »Hältst du das für lustig?«, fragte er. Die Schüler rutschten nervös auf ihren Plätzen hin und her, weil sie spürten, dass am Horizont Gewitterwolken aufzogen.
Richard Rokeby schien die Aussicht auf schlechtes Wetter nichts auszumachen. »Ich beantworte bloß Ihre Frage, Sir«, entgegnete er kühl. »Ich nehme doch an, dass Sie eine Antwort erwartet haben. Warum würden Sie mir sonst eine solche Frage stellen?«
»Du versuchst nicht zufällig, mich als Idioten hinzustellen, Rokeby?«, fragte Mr. Ackerley. Seine Stimme klang beängstigend ruhig.
Richard Rokeby dachte kurz nach, bevor er antwortete: »Nicht absichtlich, Sir.«
Der Rest der Klasse schnappte hörbar nach Luft. Alle warteten angespannt auf die Explosion.
Aber sie blieb aus. Stattdessen schien sich Mr. Ackerley krampfhaft zu bemühen, seinen Zorn hinunterzuschlucken. Überrascht registrierte Jonathan, dass Richard Mr. Ackerleys stechenden Blick mit einer Miene erwiderte, die deutlich machte, dass er sich von einer wütenden Stimme nicht aus der Ruhe bringen lassen würde.
»Satz fünf, Rokeby«, sagte Mr. Ackerley leise.
»Was ist damit, Sir?«, fragte Richard höflich.
»Du sollst ihn übersetzen!«
Richard seufzte leise, aber hörbar. Er starrte auf das Buch hinunter. Dann las er den ganzen Satz laut vor und präsentierte anschließend etwas, das wie eine perfekte Übersetzung klang.
»Sehr gut, Rokeby«, sagte Mr. Ackerley mit ziemlich gepresst klingender Stimme.
Richard nickte gnädig und wandte sich wieder dem Fenster zu. Mr. Ackerley wirkte plötzlich sehr wütend. Er sah aus, als wolle er etwas sagen, überlegte es sich aber anders.
Die Stunde ging weiter.
Satz sechs. Sean Spencer. In Ordnung.
Satz sieben. Henry Osborne. Eine hervorragende Leistung. Was niemanden überraschte. Henry hatte im Vorjahr den Preis für Latein gewonnen.