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Schwelende Feuer

von Gabriela Prahm, Sandra Brown (Buch)

  • ISBN:3-442-42216-7
  • EAN:9783442422166
  • Veröffentlichungsdatum:Oktober 1993
  • Gewicht in g:291
  • Auflage:4. Auflage
  • Reihe:Goldmanns Taschenbücher
  • Seiten:480
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Heaven - ein kleiner verträumter Ort im Süden von Louisiana, doch unter der trügerischen Idylle brodeln die dunklen Geheimnisse seiner Bewohner heißer als die Hölle. Schyler Crandall, die Adoptivtochter des mächtigsten Mannes in Heaven, hatte als junges Mädchen mit gebrochenem Herzen die Stadt verlassen. Als attraktive, erfolgreiche Frau, die genau weiß, was sie will, kehrt sie zurück. Schon nach kurzer Zeit hat sie das Gefühl, sie sticht in ein Wespennest: dunkle Affären, hinterhältige Intrigen, bei denen ihre durchtriebene kleine Schwester Tricia offenbar ihre Finger im Spiel hat. Das Imperium ihres Vaters steht kurz vor dem Ruin. Auch Cash, ebenso verführerisch wie undurchschaubar, ist in die Sache verwickelt. Doch kein Mann hat Schyler bisher so um den Verstand gebracht und konnte ihr so gefährlich werden wie er ...



Leseprobe:

Im ersten Moment war sie nicht sicher, ob er wirklich dort stand.
Sie hatte gedöst; den Kopf auf dem Arm, der eingeschlafen war und anfing zu kribbeln. Sie schlug die Augen auf, streckte sich wohlig und schaute zur Seite. Da sah sie ihn. Und mit einem Schlag war das lästige Kribbeln im Arm vergessen.
Zunächst glaubte sie, ihre Augen würden ihr einen Streich spielen; vielleicht lag es auch nur an ihrer Schläfrigkeit und der Trägheit dieses heißen Sommernachmittags. Sie zwinkerte mehrmals. Doch er stand immer noch dort.
Die Umrisse seines Körpers waren so detailliert zu erkennen, als wären sie aus schwarzem Karton mit einer Nagelschere ausgeschnitten. Deutlich zeichnete er sich vor der untergehenden Sonne ab, die in einer wahren Lichtkaskade von Zinnoberrot bis Gold am Horizont versank.
Reglos stand er dort, wie die Kiefern, die aussahen wie majestätische und hoch aufgeschossene Wächter. Kein Windhauch rührte in ihren Zweigen. Schyler selbst lag unter einer Lebenseiche, von deren Ästen Spanisches Moos herabhing, trauriger als sonst wegen der unerbittlichen Hitze.
Die regungslose Gestalt war eindeutig männlich. Ebenso die Pose. O ja, seine Pose war aufreizend und arrogant männlich; das Knie leicht gebeugt, die Hüfte herausgestellt.
Es war ein höchst unbehagliches Gefühl, aus einem Nickerchen zu erwachen und festzustellen, daß keine 20 Meter entfernt jemand stand und einen schweigend und lauernd wie ein Raubtier beobachtete. Und noch beunruhigender war es, daß dieser jemand ein selbstsicheres männliches Wesen war, in dessen Augen sie selbst der Eindringling war.
Doch was Schyler am meisten beunruhigte, war die große Hacke, die er auf den Schultern trug. Ein an sich harmloses Bild. Seine Handgelenke lagen über dem Stiel, die Hände baumelten herab. In London hätte ein Mann mit einer Hacke über der Schulter sicher einiges Aufsehen erregt. Im ländlichen Louisiana dagegen war das während des Sommers ein vertrauter Anblick.
Nur, daß es in diesem Teil von Belle Terre nicht mal mehr ein Zwiebelbeet gab. Die Felder hier waren Stoppelfelder, das Gemüse war Meilen entfernt angebaut. Also hatte Schyler allen Grund, beunruhigt zu sein. Die Sonne ging bereits unter, und sie war ein gutes Stück von zu Hause entfernt.
Sie hätte ihn zur Rede stellen und verlangen können, daß er ihr sagte, wer er war und was er hier auf ihrem Grund und Boden zu suchen hatte. Doch sie sagte nichts; vielleicht weil er so aussah, als würde er viel eher als sie selbst hierher nach Belle Terre gehören. Er verschmolz mit der Umgebung, war eins mit ihr. Im Vergleich dazu schien sie völlig fehl am Platz und auffällig.
Sie konnte nicht sagen, wie lange sie einander angestarrt hatten. Zumindest nahm sie an, daß auch er sie anstarrte, denn sie konnte sein Gesicht nicht klar erkennen, und noch weniger ausmachen, was er sich so eindringlich besah. Doch ihr Instinkt sagte ihr, daß er sie beobachtete und zwar schon eine ganz Weile. Diese entnervende Tatsache ließ sie schließlich handeln. Sie setzte sich auf.
Er kam auf sie zu.
Seine Schritte verursachten kaum ein Rascheln im knöchelhohen Gras. Er bewegte sich geräuschlos und geschmeidig, ließ die Hacke von der Schulter gleiten und hielt den langen Stiel mit beiden Händen.
Alle Ratschläge zur Selbstverteidigung, die Schyler jemals gehört hatte, verzogen sich nun feige in den hintersten Winkel ihres Bewußtseins. Sie konnte sich nicht bewegen, brachte keinen Ton heraus. Sie versuchte, nach Luft zu schnappen, um schreien zu können, doch die Luft war so zäh wie Treibsand.
Instinktiv ließ sie sich gegen den massigen Baumstamm sinken und schloß die Augen. Das letzte, was sie sah, war die scharfe Klinge der Hacke, die in der Sonne aufblitzte, während sie in hohem Bogen herabzischte und dumpf aufschlug. Schyler wartete auf den betäubenden Schmerz, der den Tod bringen würde. Doch nichts dergleichen geschah.
»Nickerchen beendet, pichouette?«
Zwinkernd öffnete Schyler die Augen, verwundert, daß sie noch am Leben war. »Was?«
»Haben Sie Ihr Nickerchen beendet, Miss Schyler?«
Sie schirmte die Augen gegen die blendende Sonne ab, aber sie konnte sein Gesicht noch immer nicht erkennen. Er kannte ihren Namen. Und er hatte im Cajun-Dialekt gesprochen. Doch davon abgesehen, hatte sie noch immer keinen Schimmer, wer er war.
Das dumpfe Geräusch war von der scharfen Klinge verursacht worden, als sie in das Gras drang. Der Mann stützte sich jetzt auf die Hacke auf, die Hände harmlos über dem stumpfen Ende des Stiels gefaltet. Sein Kinn ruhte auf den Händen. Doch diese gutmütige Geste machte ihn nicht weniger gefährlich.
»Woher kennen Sie mich?« fragte Schyler.
Verschlossene Lippen öffneten sich für einen kurzen Moment. Doch es war kein echtes Lächeln. Dazu war es zu sardonisch.
»Weiß doch jeder in Laurent, daß Miss Schyler Crandall aus London zurück ist.«
»Nur vorübergehend und auch nur, weil mein Vater einen Herzanfall erlitten hat.«
Er zuckte die Achseln; offensichtlich war es ihm egal, woher sie kam und wohin sie ging. Er wandte den Kopf und schaute in die untergehende Sonne. Seine Augen reflektierten das Licht wie die reglosen Wasser der Bayous, wenn die Sonnenstrahlen im rechten Winkel darauf fielen. Um diese Tageszeit sah das Wasser so glatt und undurchdringlich aus wie Metall. Ebenso wie seine Augen.
»Ich beteilige mich nicht am Tratsch der Leute, Miss Schyler. Ich hör' mir an, was sie so erzählen. Und wenn's mich nichts angeht, hör' ich gar nicht hin.«
»Was machen Sie hier?«
Er wandte sich wieder ihr zu. »Ihnen beim Schlafen zusehen.« »Und vorher?« fragte sie scharf.
»Hab' ich Wurzeln gesammelt.« Er klopfte gegen den kleinen Lederbeutel an seinem Gürtel.
»Wurzeln?« Seine Antwort ergab überhaupt keinen Sinn, und seine arrogante Haltung ärgerte sie. »Was denn für Wurzeln?«
»Ist doch egal. Kennen Sie ohnehin nicht.«
»Sie sind hier auf Privatbesitz. Sie haben nichts auf Belle Terre verloren.«
Insekten summten laut in der folgenden Stille. Seine Augen ließen nicht einen Moment von ihrem Gesicht ab. Als er antwortete, war seine Stimme so sanft und unerreichbar wie die so sehr ersehnte kühle Brise. »O doch, pichouette. Ich wohne nämlich auf Belle Terre.«
Schyler schaute zu ihm hoch. »Wer sind Sie?«
»Erinnern Sie sich nicht mehr an mich?«
Eine Ahnung stieg in ihr auf. »Boudreaux?« flüsterte sie. Dann schluckte sie, nicht gerade erleichtert, nun zu wissen, mit wem sie sprach. »Cash Boudreaux?«
»Bien! Haben Sie mich also erkannt.«
»Nein. Nein, habe ich nicht. Die Sonne blendet mich. Und es ist Jahre her, seit ich Sie zuletzt gesehen habe.«
»Und Sie hatten allen Grund, sich nicht an mich zu erinnern.« Er grinste amüsiert, als sie verlegen zur Seite schaute. »Wenn Sie mich nicht erkannt haben, woher wissen Sie dann, wer ich bin?«
»Sie sind der einzige, der auf Belle Terre lebt und kein...«
»Kein Crandall ist.«
Sie duckte sich leicht; es machte sie nervös, allein mit Cash Boudreaux zu sein. Soweit sie zurückdenken konnte, hatte ihr Vater ihr und ihrer Schwester Tricia verboten, auch nur mit ihm zu sprechen.
Seine Mutter war die geheimnisumwitterte Monique Boudreaux, die in einer Hütte am Laurent Bayou lebte, der sich um und durch die bewaldeten Ländereien von Belle Terre wand. Als Junge hatte Cash Zugang zu den Ländereien gehabt, durfte sich aber nie dem Haus nähern. Weil sie in diesem Moment nicht darüber reden wollte, fragte Schyler höflich: »Wie geht es Ihrer Mutter?«
»Sie ist gestorben.«
Seine unverblümte Antwort verblüffte sie. Boudreaux' Gesicht war im aufsteigenden Zwielicht nicht zu erkennen. Aber selbst im hellen Mittagslicht hätte seine Miene nicht verraten, was er dachte. Er war nie redselig gewesen. Dieselbe geheimnisvolle Aura, die seine Mutter umgeben hatte, umgab auch ihn.
»Das wußte ich nicht.« »Ist schon einige Jahre her.«
Schyler verscheuchte einen Moskito, der auf ihrem Nacken gelandet war. »Das tut mir leid.«
»Sie sollten besser heimgehen. Sonst fressen die Moskitos Sie noch mit Haut und Haaren auf.«

Autorenportrait:

Sandra Brown arbeitete mit großem Erfolg als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie mit ihrem Roman Trügerischer Spiegel auf Anhieb einen großen Erfolg landete. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten internationalen Autorinnen, die mit jedem i

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