Leseprobe:
"Spazierengehn ist weder nützlich noch hygienisch, es ist ein Übermut, wie - nach Goethe - das Dichten. Es ist wie jedes Gehen und mehr als jedes andere Gehen zugleich ein Sichgehenlassen (...) Ich darf in diesen "ernsten Zeiten" das Spazierengehn getrost empfehlen. Es ist wirklich kein spezifisch bürgerlich-kapitalistischer Genuß. Es ist ein Schatz der Armen und fast ihr Vorrecht. (...) Also eine Art Lektüre ist die Straße. Lies sie. Urteile nicht. Finde nicht zu schnell schön und häßlich. (...) Schule des Genusses? Ja, in die müßten wir wieder gehn. Eine schwere Schule, eine holde und strenge Zucht. Am Ende aber gibt es sie gar nicht; und wenn man sie zu gründen versuchte, es käme ein schrecklicher Ernst des Lebens dabei heraus..."
Kurzbeschreibung:
Die "Ermunterungen" versammeln die drei Bände kleiner Prosa, die Hessel von 1926 bis 1933 veröffentlichte und für die ihn das literarische Berlin der Zeit - wie Kurt Tucholsky oder Walter Benjamin - bewunderte: Teigwaren leicht gefärbt (1926), Nachfeier (1929) mit dem "Pariser Tagebuch" und Ermunterungen zum Genuß (1933) mit dem unter den Zeitumständen provokativen Programm des Flaneurs "Die Kunst spazieren zu gehn". "Kurze Geschichten, aber keine short stories. Jede mit einem doppelten Boden: wenn man das obere Fach aufmacht - eine Moral; dreht er dann unversehns die Dose um - die Wahrheit. (...) Nur wenn man ihn um eine Erklärung bäte, würde er den Kopf schütteln." (Walter Benjamin)