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Das sexuelle Leben der Catherine M

von Catherine Millet, Gaby Wurster (Buch)

  • ISBN:3-442-45543-X
  • EAN:9783442455430
  • Veröffentlichungsdatum:Oktober 2003
  • Gewicht in g:239
  • Reihe:Goldmanns Taschenbücher
  • Seiten:288

Kurzbeschreibung:

Bereits als Kind beschäftigte Catherine Millet sich intensiv mit der Frage, wie viele Ehemänner eine Frau wohl haben könne - und ob es nicht besser sei, mit mehreren Partnern gleichzeitig zu leben. Als junge Frau hat sie diese Überlegungen in die Tat umgesetzt und, zumindest in sexueller Hinsicht, mit äußerster Konsequenz gelebt. Schon kurz nach ihrem ersten sexuellen Erlebnis im Alter von 18 Jahren erprobt sie eher zufällig mit Freunden in Lyon Gruppensex, ein Ereignis, dem sie mit einer eigentümlichen Mischung von intellektueller Neugier und unbefangener Experimentierfreude begegnet. Ohne dass sie sich zu diesem Zeitpunkt dessen bewusst ist, nimmt hier der Weg einer Frau seinen Anfang, die entschlossen ist, sich über herkömmliche Grenzen hinwegzusetzen und ihre Lust von allen Zwängen zu befreien.
Catherine Millet wächst hinein in die 70er Jahre, und in diesem Klima der sexuellen Befreiung bietet sich ihr einmal mehr die Möglichkeit, erotische Erfahrungen aller Art zu sammeln. Schon bald gehört sie einem Zirkel an, der regelmäßig die einschlägigen Pariser Sexclubs frequentiert; Partys mit bis zu 150 Teilnehmern sind hier keine Seltenheit. Doch Millets Lust an der Lust ist an keine bestimmten Lokalitäten gebunden: Ob im Bois de Boulogne oder auf Parkplätzen, in Peep-Shows oder Museen, auf der Ladefläche eines LKW's oder in den chicken Appartements der arrivierten Pariser Kunstszene - jeder Ort mit seinen ganz eigenen Gegebenheiten ist Catherine Millet recht, um ihren unstillbaren Drang nach Neuem zu befriedigen und ihr Spektrum von Erfahrungen zu erweitern.
In einer losen Folge von Bildern, Szenen und Sequenzen legt die Autorin mit einer noch nie da gewesenen Offenheit die intimsten Details ihres sexuellen Lebens dar. Die verblüffende Radikalität besteht dabei jedoch weniger in dem Tabubruch als in der gelassenen Selbstverständlichkeit, der unaufgeregten Lakonie, mit der Millet ihre Erlebnisse schildert. Ob sie den eigenen Körper oder die ihrer Liebhaber beobachtet, über bevorzugte Praktiken reflektiert oder ihre sexuellen Phantasien bloßlegt, stets ist es, als richte sie den Blick von außen durch eine Kamera auf sich selbst. Die im SPIEGEL erschienene Rezension charakterisiert das Phänomen sehr zutreffend: "Die Radikalität dieses Berichts, der kein eigentliches Bekenntnis und schon gar keine Beichte ist, keine Provokation und keine Verherrlichung des Sexus, besteht in seiner totalen, unerhörten Gelassenheit. Weil Catherine M. überhaupt keine Scham kennt, kann sie auch nicht schamlos

Leseprobe:

Das Wie und das Warum


Der Gedanke kam mir eines Morgens. Ich glaube, mich zu erinnern, wie ich auf dem Quadratmeter zwischen dem Bettrand, einer Schrankseite und der Tür unseres kleinen Schlafzimmers stand und mir diese Idee kam, die sich lustigerweise auch gleich als Titel meines Buchs, Das sexuelle Leben der Catherine M., in meinem Kopf festschrieb. Dieses Bild steht mir immer wieder vor Augen, wenn man mir die so häufige Frage stellt: "Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?" Dann muss ich aus dem Rahmen dieses Bildes treten, muss mich aus dieser Momentaufnahme herausziehen, um zufrieden stellende Antworten zu finden, plausible, unterschiedliche (aber nicht allzu unterschiedliche) Antworten. Ich darf mich nicht darauf beschränken, einen Raum - eine Art virtueller Unterstand - oder diesen so kurzen Moment zu schildern, denn mein Gegenüber würde mit Ungläubigkeit reagieren. Seeleute haben Glück; um ihre "Position" anzuzeigen, geben sie lediglich Längen- und Breitengrad an. Ich würde am liebsten nur sagen: "Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich plötzlich auf einer Schwelle, im Dämmerlicht, über dieses sehr sinnfällige Gefüge aus fünf Wörtern plus einem Buchstaben innerlich lachen musste." Eines Tages ist mir dieser schlichte, einleuchtende Titel einfach eingefallen. Welchen anderen Grund hätte ich, mehr als jede andere Person, Mann oder Frau, einen Bericht über mein sexuelles Leben zu schreiben?
Doch zugegeben, in Wirklichkeit liegen die Dinge, und auch der Titel als solcher, nicht ganz so einfach. Wenn der Steuermann sich über die ruhige See beugt, sieht er sich in umgekehrtem Verhältnis zu den Sternen. Ich sagte: Ich glaube, mich zu erinnern, denn man muss alle Erinnerungen mehr oder weniger korrigieren. Nun, da ich länger darüber nachgedacht habe, scheint mir eher, dass ich diese Idee gehabt hatte, als ich mit offenen Augen auf dem Bett lag und ebendiese bereits geschilderte Ecke im Raum betrachtete, und dass diese Idee mir nur kommen konnte, indem sie sich über dieses projizierte Bild meiner Selbst einführte: Ich stehe aufrecht und wende mich meinem ausgestreckten Körper zu. Mich erstaunen jene Menschen, die über die "Distanz" staunen, mit der ich meinen Bericht geschrieben habe. Kann ein denkender Mensch mit sich selbst eine andere Beziehung haben, als sich im Spiegel zu sehen? Da es sich um Sex dreht, hätte man eher erwartet, dass sich mein Bewusstsein ausschaltet wie in der Ekstase? Aber würde man nicht die Empathie des Lesers heraufbeschwören, indem man zugesteht, dass man unter solchen Umständen schreiben kann? Im Übrigen ging es bei diesem Projekt nur darum, eine singuläre Sexualität darzustellen, die Sexualität der Catherine M.
Nun betrachte ich die Autorin der Catherine M. so, wie diese ihr Thema betrachten konnte, und identifiziere mich vollständig weder mit der einen noch mit dem anderen. Ich höre die Fragen aufmerksam an, die man mir stellt, ich achte darauf, wer sie mir stellt, ich lese Kommentare in der Presse, und ich verfolge die Dokumentation über meine eigene wandelbare Person und ihre Begegnungen. Auf die besorgte Frage, ob mir die Angriffe auf das Buch oder auf meine Person etwas ausmachen, antworte ich eher zögerlich, denn ich habe durchaus den Eindruck, dass die Gegner ihre Nadeln in einen Fetisch bohren, den sie selber gebastelt haben. Oder wenn man mich beispielsweise bei Radio- oder Fernsehsendungen zu meiner Ungezwungenheit beglückwünscht, erkläre ich, dies sei möglicherweise der Tatsache zu verdanken, dass ich mich nicht verpflichtet fühle, "meine Rolle zu spielen", ganz im Gegensatz zu den Verpflichtungen, die ich mir auferlege, wenn ich als Kunstkritikerin in der Öffentlichkeit auftrete. Wenn ich mich selbst höre oder sehe, finde ich mich gar nicht so "natürlich", ich finde mich eher gehemmt. Ich bin in den 50er Jahren aufgewachsen, während das Fernsehgerät seinen Platz im Familienleben eroberte. Das "Spektakel" fing an, unseren Alltag zu durchdringen. Ein Schriftsteller war für mich einer, der Bücher schrieb, aber auch einer, der auf die Fragen von Pierre Dumayet antwortete [bekannter TV-Literaturkritiker, Anm. d. Übers.]. Ich schrieb damals schon Geschichten. Wenn ich das Geschriebene wieder las und es schlecht fand, setzte ich mich vor den großen Spiegel an der Schranktür und antwortete auf die Fragen eines imaginären Interviewers, um meine Gedanken zu ordnen. Das war alles lange, bevor ich auf die Idee kam, mich vor denselben Spiegel zu setzen und die Falten zu entdecken, die zwischen meinen Schenkeln verborgen waren.
Warum habe ich dieses Buch geschrieben? Weil ich schreiben wollte. Und weil es Dinge gibt, über die ich nicht spreche. Der Wunsch zu schreiben, ist ein Drang, der sich manifestiert, bevor man sein Thema gefunden hat, und den man daraufhin so gut es geht befriedigt. Diesen Drang verband ich mit einer guten Beobachtungsgabe und einer ziemlich entwickelten Anschauungsgabe, und so wurde ich Kunstkritikerin.
Dennoch empfand ich den Wunsch zu schreiben immer als ausreichend dringlich, um ein für allemal, in einer einzigen Handlung, befriedigt zu werden - egal, wie; Hauptsache, diese Handlung ist als solche und für sich endgültig, was natürlich viel zu idealistisch, ja fast größenwahnsinnig ist, aber dennoch dem Anspruch genügt, ökonomisch zu handeln. Ich bewundere Ad Reinhardt und sein ,,Ultimative Painting", ich weiß allerdings sehr gut, dass Reinhardt kein versponnener Avantgardist ist und dass er an den "Ultimative Paintings" zehn Jahre lang arbeitete... Um meine Beobachtungsgabe so intensiv wie nur möglich zu gebrauchen, habe ich das Gebiet gewählt, das mir am leichtesten zugänglich war, und um mich zu motivieren, habe ich mich auf das blendendste Thema konzentriert, den Sex. Als Kunstkritikerin habe ich viel über die monochrome Malerei geschrieben - eine andere Art von "blendendem" Gegenstand. Also habe ich mein "Ultimate Book" veröffentlicht. Wie es weitergeht, wird man sehen. Bei einer Podiumsdiskussion fragte mich jemand, für wen ich mein Buch geschrieben hätte. Zum Glück schreibt man, ohne sich die Adressaten vorzustellen, oder man schiebt einen nach dem anderen schnell weg, kaum dass er aufgetaucht ist wie Gendarmen im Kasperltheater. Doch nachdem die Arbeit nun getan war, habe ich spontan geantwortet: "Für die Frauen." Das schoss mir so durch den Kopf - all die "Frauengespräche", die ich nicht hatte und die ich gerne gehabt hätte.

Autorenportrait:

Catherine Millet, geboren 1948, ist Chefredakteurin der Zeitschrift „art press“. Sie war Kuratorin des französischen Pavillons bei der Biennale 1995 in Venedig und bei der Biennale 1989 in Sao Paulo. Millet hat etliche Bücher und Essays über zeitgenössisc

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