Kurzbeschreibung:
Die Casa Rossa in Apulien war siebzig Jahre lang im Besitz von Alinas Familie. Doch nun ist das rote Haus verkauft, und Alina sollte eigentlich Kisten packen und den Umzug organisieren. Stattdessen verbringt sie ihre Tage damit, sich durch Kisten und Schubladen zu wühlen, Briefe zu lesen und vergilbte Fotos zu betrachten. Denn sie ist auf der Suche nach den Geheimnissen ihrer Familie und fragt sich, was sie wirklich über die Vergangenheit weiß ...
Leseprobe:
Als wir klein waren, meine Schwester Isabella und ich, fragten wir uns immer, ob Alba unseren Vater ermordet hatte.
Und sich dann diese Selbstmordgeschichte ausgedacht hatte.
Wir beide in der Küche, auf der Suche nach etwas Essbarem, zwei magere Mädchen, zehn und zwölf Jahre alt. Ermordet. Wir ließen diese Möglichkeit im Raum schweben und warteten, ob irgendetwas einstürzte oder zerbarst, aber es rührte sich nichts. Das Haus blieb vollkommen still.
»Aber das wird sowieso keiner je wissen«, sagten wir, um die Sache zu beenden. Wir wollten es eigentlich auch gar nicht wissen. Falls sie es wirklich getan hatte, würde sie früher oder später abgeholt und eingesperrt.
Es war ohnehin schon schlimm genug, wie es war — Papa verschwunden wie eine Karte bei einem Zaubertrick.
Wir hörten den Schlüssel in der Tür. Sie kam lächelnd herein, in Sandalen und ihrem grünen Kleid, die Arme voller Lebensmittel. Das war sie: Alba. Unsere Mutter. Die Mörderin.
»Wollt ihr ein Schinkensandwich, meine Süßen?«
Als wir so klein waren, veränderte alles ständig seine Proportionen: Das wirklich Gefährliche schrumpfte zusammen, rollte sich zu einer Kugel, die wir uns zuwerfen, sorgfältig betrachten und fallen lassen konnten, sobald sie uns langweilig wurde.
Es war ein stillschweigendes Abkommen zwischen meiner Schwester und mir. Weiterleben, überleben.
Dieses Sandwich essen.
Vorsichtig jetzt. Pass auf, was du tust.
Du starrst dieses Wohnzimmer an und denkst, du wirst diese Aufgabe nicht bewältigen. Seine Ordnung aufzubrechen erscheint dir wie ein Frevel, wie die Verwüstung eines Tempels.
Wie lang hat dieser dunkelrote Sessel gegenüber dem zerschlissenen Sofa gestanden, gleich neben dem bemalten Lampenschirm? Wie viele Jahre hat der verblichene Teppich auf diesen Steinfliesen gelegen? Seit wann hängt Renées Bild an der Wand? Wie lange hat die Opalglasvase auf dem Kaminsims gestanden?
Mein Großvater hat das Haus Ende der zwanziger Jahre erstanden. Damals war es ein heruntergekommenes Bauernhaus, keiner wollte es haben. Meine Mutter ist hier aufgewachsen. Meine Schwester und ich ebenfalls.
Seit über siebzig Jahren war dieses Haus, die Casa Rossa, unser Familiensitz.
Ich kenne seinen Geruch, wie ich den Geruch von gemähtem Gras kenne. Sein Grundriss ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, ich kann mich mit verbundenen Augen darin bewegen.
Warum dachte ich, das alles werde für immer so bleiben, und ich könnte jederzeit zurückkommen und den Sessel, das Sofa, den Teppich und das Bild an Ort und Stelle wieder finden? Auf diese Weise konnte ich die verschiedenen Momente, die meinen Werdegang mitbestimmt haben, in Gedanken immer wieder neu inszenieren. Wie den Tag, als Renée meinem Großvater auf dem Rohrstuhl Modell saß und ihm, während er sie wieder einmal
malte, von Muriel erzählte. Den Sommertag, an dem Oliviero zum Essen kam und unter der Pergola im Innenhof saß und sich in meine Mutter verliebte. Die Nächte, in denen meine Schwester schlaflos im Bett lag, eingehüllt in ihren Hass, und sich vor jedem Geräusch fürchtete. Oder den Abend, an dem ich Daniel Moore zum ersten Mal hierher mitnahm. Ich öffnete die Tür und zeigte ihm dieses Zimmer. Diesen Teppich, dieses verblichene Sofa, diesen vergilbten Lampenschirm. Das Zimmer roch nach Holzfeuer. »Das ist es«, sagte ich.
Ich hoffte, es würde für immer so bleiben, damit ich mir, wenn ich zurückkam und alles genau so vorfand, wie ich es verlassen hatte, einreden konnte, ich hätte meine Geschichte an einem sicheren Ort verwahrt. In einem Schrein, wo nichts verloren ging. So wie Gebete in einer Kirche nie verloren gehen. Man kann jederzeit wiederkommen und eine neue Kerze anzünden.
Während ich durch das Erdgeschoss der Casa Rossa gehe, von der geräumigen Küche hinüber ins Wohnzimmer, dann durch die breite Holztür ins Atelier meines Großvaters, sehe ich mich um, zähle meine Schritte, markiere mein Territorium, als wäre es das allerletzte Mal. Und was soll ich sagen — es stimmt. Es ist das allerletzte Mal.
Ich führe Selbstgespräche — wie immer, wenn ich Angst habe. Vorsichtig jetzt. Pass auf, was du tust. Alles, was du tust, wird endgültig sein und überraschend schnell.
Die Möbelpacker werden kommen und auf ein Zeichen von mir warten. Dann werden sie den Tisch hochheben, dann das Sofa, werden den Teppich aufrollen und das Bild von der Wand nehmen. Sie werden die Möbel in Decken wickeln und mit Seilen verschnüren. Sie werden den vertrauten Formen die Augen verbinden und die Luft abdrücken und sie im Lastwagen übereinander stapeln. Unter einer Decke wird eine Armlehne hervorlugen, und der Fleck auf dem verblichenen Stoff wird Mitleid erregend aussehen. Die Kratzer am Tischbein, der kaum sichtbare Ring, den eine Tasse auf der Fläche hinterlassen hat: All diese Markierungen, die du so gut gekannt hast, werden gespenstisch wirken. Wie Narben. Früher hat man sie kaum beachtet. Aber jetzt wird es unmöglich sein, sie anzusehen, ohne sich zu schämen. Du wirst zugeben müssen, dass die Sachen sich in das verwandelt haben, was sie immer gewesen sind, was du aber nicht zur Kenntnis nehmen wolltest: in einen Haufen traurigen alten Plunder.
Sobald jedes einzelne Möbelstück und jede einzelne Kiste auf den Lastwagen geladen sind, wird dieses Haus, das an einem einzigen Vormittag leer geräumt wurde, wieder stumm sein. Eine weiße Leinwand, auf der jemand anderes seine Geschichte festhalten wird.
So schnell zerfallen unsere Erinnerungen.
Natürlich habe ich den Anruf bei der Möbelspedition vor mir hergeschoben. Wer täte das nicht? Es ist ja, als verabredete man einen Termin für seine eigene Hinrichtung und machte dann noch dem Henker Beine.
Stattdessen bin ich benommen durch die Zimmer gewandert, habe Oberflächen berührt, Dinge betrachtet. Jedes Mal wenn ich eine Schublade öffne oder in die Tiefe eines Schranks spähe, überrascht mich irgendein neues Fundstück, und ich muss mich erst einmal setzen, starr vor Verblüffung. Ich drehe und wende meinen Fund in den Händen, als erwartete ich, dass er mich anspricht. Aber meine Entdeckungen sind immer nur verstreute Bruchstücke, die für sich genommen nichts bedeuten. Ein staubiges altes Band (von einem Hut? Eine Geschenkschleife?), ein Zeitungsausschnitt aus den fünfziger Jahren, die Seite mit den Todesanzeigen (von wessen Tod erfahren wir hier?), ein einzelner hellblauer Seidenschuh, maßgefertigt in Paris (von Renée?), ein winziges Schwarzweißfoto, auf dem sich eine Gruppe junger Leute in Schwimmanzügen im Stil der dreißiger Jahre auf einem Strand zusammendrängt (welcher ist mein Großvater?), eine einzelne Seite aus einem Brief (ohne Datum, ohne Unterschrift, auf Französisch geschrieben).
Es ist, als versuchte man die Geschichte einer ägyptischen Mumie anhand ihres Rings, einiger Glasperlen und Tonscherben, einer verblassten Inschrift nachzuzeichnen.
Autorenportrait:
Francesca Marciano wurde 1955 in Rom geboren. Sie arbeitete zunächst als Schauspielerin, Regisseurin und dann als Korrespondentin des italienischen Fernsehens in New York. Für ihre Filmdrehbücher (z.B. "Ich habe keine Angst", 2003) erhielt sie u. a. den "