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Der Bernsteinring

von Andrea Schacht, Petra Zimmermann (Buch)

  • ISBN:3-442-36033-1
  • EAN:9783442360338
  • Veröffentlichungsdatum:August 2004
  • Gewicht in g:341
  • Reihe:Blanvalet Taschenbücher
  • Seiten:448
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Anita, eine junge Kölnerin, und ihre Halbschwester Roswita haben sich erst nach dem Tod des Vaters kennen gelernt und angefreundet. Doch in ihrer beider Kindheit haben die Erzählungen des Vaters eine entscheidende Rolle gespielt. Zufällig entdecken sie in einem Antiquitätengeschäft einen Bernsteinring, der zu einer Geschichte aus dem mittelalterlichen Köln von 1498 passt, die der Vater ihnen hinterlassen hat: Eine Geschichte von Kuppelei, Mord und Hexenverdacht - und von der leidenschaftlichen Liebe der Stiftsdame Anna zum Ratsherrn Rabanus ...





Rezension:

"Kölns neueste Krimiheldin flucht oft und gerne - Almut ist eine mittelalterliche Miss Marple!" (Kölner Express über "Der dunkle Spiegel")

Leseprobe:

Vorwort


Die Vergangenheit reicht in die Gegenwart hinein, und wenn man sie sucht, findet man überall ihre Spuren. Mich rührten die Äpfel an, die zu Füßen der Marienstatue in der ehemaligen Stiftskirche Maria im Kapitol noch immer von den Betenden hinterlassen werden, auf dass das Kind, das die Mutter im Arm hält, ihre Bitten wohlwollend gewähre. Man legt sie also heute genauso dort hin, wie es einst die Stiftsdamen wohl taten, die im Mittelalter dort ihre Andachten hielten. Und ihre Bitten lauteten um Hilfe, Gesundheit und Liebe. Nicht anders als heute auch, denke ich mir.

Köln schrumpfte, nachdem das Römische Reich untergegangen war, beinahe zur Bedeutungslosigkeit zusammen. Dann aber, im Mittelalter, erfuhr es eine ungeheure Belebung. Als Handelsstadt und als Stadt der Kirchen. Auf der einen Seite waren da also die kommerziellen Aktivitäten, auf der anderen Seite aber war die Stadt eine geistig rege Metropole, und in den Klöstern, Konventen und Stiften entstanden unzählige Kunstwerke zur höheren Ehre Gottes. Eine der wohl gepflegten Kunstformen war die der Buchmalerei, die selbst dann noch betrieben wurde, nachdem der Buchdruck Fuß gefasst hatte. Jene Miniaturen, die die Künstler ihrer Zeit gestaltet haben, sind heute für uns lebendige Quellen, um sich das damalige Alltagsleben vor Augen zu führen. Denn selbst wenn sie biblische Szenen zeigen, so spielen sie doch in der Gegenwart – in den Häusern, auf den Feldern, in den Gassen. In den Stundenbüchern und Kalendarien nutzten die Künstler ihre Freiheiten der Gestaltung aus. Und darum darf auch die Stiftsdame Anna ihr eigenes Buch entwerfen, das ich an die eine oder andere farbenprächtige Vorlage angelehnt habe.


Ende des 15. Jahrhunderts aber war der Wechsel zur neuen Zeit schon deutlich spürbar. In Köln gibt es zwei Ereignisse, die das erkennen lassen – das letzte Ritterturnier, das König Maximilian 1486 auf dem Alten Markt veranstaltet, und das erstmalige Auftreten der Syphilis 1496, die vermutlich aus der Neuen Welt in das alte Europa eingeschleppt wurde.


Doch wie sich die Zeiten auch wandeln, Spuren bleiben erhalten, Spuren von Menschen, die gelebt, geliebt und gelitten haben. Menschen wie Sie und ich. Und wenn die Seelen jener, die am breiten Fluss, dem Rhein, gelebt haben, eine neue Wohnstatt beziehen, mag es sein, dass sie eine wählen, die es dort wieder hinzieht.




1. Kapitel


Wiederkehr


Sie starb. Es wurde dunkel um sie, doch das Gesicht ihres Geliebten war das Letzte, was sie mit ihren schwindenden Sinnen wahrnehmen konnte. Dann begann ihre Wanderung durch die Unendlichkeit, ohne Angst, wissend, dass sie sie finden würde – die Regenbogenbrücke, die sich über dem Abgrund zwischen den Welten spannte und über die sie in die Anderwelt gelangen würde. Mutig überschritt sie den farbigen, leuchtenden Bogen und erreichte die freundlichen Länder am anderen Ufer. Sie wandelte unter blühenden Apfelbäumen, entlang an silberhellen Bächen und schilfbestandenen Seen, sie begegnete den Ahnen und den Helden der Vergangenheit, aber auch anderen, manchmal Furcht erregenden, manchmal sie anwidernden Gestalten. Sie wandelte lange und vergaß Wehmut, Schmerzen und Trauer. Sie verlor nach und nach ihre Erinnerungen an das Leben auf Erden. Bis auf eine. Das tiefste Gefühl, das sie empfunden hatte, war bei ihr geblieben – ihre Liebe vergaß sie nie, und die Sehnsucht blieb immer bei ihr.
Als sie der Wanderungen müde geworden war, suchte sie den Kessel der Wiedergeburt auf und entschloss sich, darin zu baden …


Und im Jahre des Herrn 1470 wurde in der Colonia, jetzt das »Heilige Köln« genannt, ein Kind der Schande geboren. Ein Mädchen mit rabenschwarzem Haar …
Ihre Mutter nannte es Anna.




2. Kapitel


Der Unfall


Der Sommerabend war angenehm kühl geworden, und die Sonne warf lange Schatten über das bergige Land. Nicht mehr lange, und sie würde hinter den Baumwipfeln versinken. Die Autobahn war noch belebt, der Fernverkehr kannte keinen Feierabend. Mühsam quälte sich eine Schlange von Schwertransportern den langen Anstieg empor. Der Mann am Steuer des Sportwagens setzte zum Überholen an und beschleunigte. Einen Lkw nach dem anderen ließ er hinter sich. Doch mit seinen Gedanken war er ganz woanders, und viel zu spät erst bemerkte er den Kleinwagen vor sich, der sich kaum schneller als die schweren Transporter bewegte. Mit einer Vollbremsung konnte er gerade noch einen Unfall verhindern.
Entsetzt über sein Verhalten ordnete er sich auf der rechten Spur ein. Lähmende Müdigkeit war die Ursache seiner Achtlosigkeit – unnatürliche und fast an Benommenheit grenzende Müdigkeit.
Eine Tankstelle mit einem Rastplatz tauchte vor ihm auf, und er beschloss, dort anzuhalten und einen Kaffee zu trinken. Zu seiner Verabredung kam er nun sowieso schon zu spät, denn genau diese Schwere, diese unheimliche Unkonzentriertheit, hatte ihn schon die richtige Ausfahrt verpassen lassen. Er fuhr in eine freie Parklücke und stellte den Motor ab. Seufzend lehnte er den Kopf zurück. Er würde eine Pause machen und einfach die Erinnerung an die wundervollen Stunden auskosten, die er noch vor kurzem in den Armen seiner Geliebten verbracht hatte. Mit einem Gähnen schloss er die Augen und war sofort eingeschlafen.
Er erwachte in der Dunkelheit. Träge schlug er die Lider auf und musste eine Weile intensiv darüber nachsinnen, warum er um vier Uhr morgens in seinem Wagen an einer Autobahnraststätte saß. Ihm war kalt geworden, und mit steifen, bleischweren Gliedern wand er sich aus dem Fahrzeug. Geisterhaft huschten die Scheinwerfer der wenigen vorbeifahrenden Autos über den asphaltierten Platz, doch das Gebäude neben der Tankstelle war noch hell beleuchtet. Er streckte sich, atmete die kühle Morgenluft ein und rieb sich die Augen. Die Benommenheit war trotz der acht Stunden Schlaf nicht von ihm gewichen. Er würde noch an diesem Tag seinen Arzt aufsuchen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Aber jetzt würde er erst einmal einen Kaffee trinken. Vielleicht munterte der ihn ja auf.
Eine übermüdete Kellnerin stellte eine große Tasse bitterschwarzen Kaffee vor ihn hin. Aber er trank ihn und bestellte sich sogar noch einen zweiten. Dann suchte er die Waschräume auf und befeuchtete sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Ein wenig munterer kehrte er zu seinem Fahrzeug zurück. Um den üblen, säuerlichen Geschmack auf seiner Zunge zu vertreiben, steckte er sich gleich drei der Pfefferminzbonbons in den Mund, die er immer bei sich hatte. Er startete den Wagen, legte eine CD ein und rollte auf die Autobahnauffahrt, um nach Hause zu fahren.
Der Himmel wurde allmählich hell, schon glühten die zarten Federwolken, die über den Bergen hingen, in rosigen Farben auf. Die Strecke war jetzt beinahe frei, und er erhöhte die Geschwindigkeit. Die Musik und der prachtvolle Sonnenaufgang, der sich jetzt vor ihm entfaltete, versetzten ihn in eine beinahe rauschhafte Stimmung. Er dachte voll süßer Sehnsucht an die Frau, die ihm endlich ihre Liebe geschenkt hatte. Trotz aller Hindernisse würde es einen gemeinsamen Weg für sie geben. Irgendwie. Er fühlte sich losgelöst und frei von allen irdischen Banden.
Mit beinahe zweihundert Stundenkilometern prallte er an den Brückenpfeiler.
Julian Kaiser, bekannt als der Schlagersänger Caesar King, war auf der Stelle tot.




3. Kapitel


Das Stundenbuch


»Meine Mutter kennt Gott und die Welt und Tod und Teufel und noch einige andere mehr. Unter anderem diesen hervorragenden Chirurgen«, hatte Rose, meine Halbschwester, zu mir gesagt.
Darum hatte ich vor Weihnachten Kontakt mit Dr. Carl German aufgenommen, der sich meines Problems mit großer Fachkenntnis annahm. Er war mir zudem sympathisch, was ich nicht von allen Ärzten behaupten konnte, denen ich jüngst begegnet war. Und das waren nicht wenige. Jetzt saß ich also in dem Büro von Dr. Carl German und unterhielt mich mit ihm und einer weiteren Ärztin über die in fünf Tagen anstehende Operation.
Meine tiefen Brand- und Schnittverletzungen waren die Folge eines entsetzlichen Flugzeugunglücks auf den Kanaren. Vor einem halben Jahr hatte ich miterleben müssen, wie der Flieger, der meine Freunde und mich nach Rom bringen sollte, vor meinen Augen explodierte. Ich hatte nicht in der Maschine gesessen, weil mich kurz vor dem Abflug ein Anruf meiner Mutter Uschi erreicht hatte, der mich davon in Kenntnis setzte, dass mein Vater in der Nacht tödlich verunglückt war. Ich hatte auf einen Flug nach Köln umgebucht, der jedoch erst am nächsten Morgen abgehen sollte. Als ich vor dem Flughafenhotel stand, war das Entsetzliche passiert. Direkt nach dem Abheben gab es eine gewaltige Detonation. Flugzeugtrümmer schlugen wie Bomben im weiten Umkreis ein. Und auch mich traf glühendes Metall.
Die Spuren sollten jetzt beseitigt werden. Ich hatte einen Schnitt im Gesicht, er zog sich von der Stirn über das Auge bis zur Oberlippe. Die Wunde war sehr gut verheilt, und eigentlich war die Narbe jetzt nur noch ein schmaler Strich, den ich mit einem guten Make-up durchaus verdecken konnte. Die Wunde vom Schlüsselbein über die Brust bis zum Bauch war schlimmer gewesen, eine Brandwunde, die länger brauchte, um zu heilen. Die erste Hauttransplantation war schon in einem sehr frühen Stadium vorgenommen worden. Ich wusste also in etwa, was mir jetzt blühte. Mein linker Arm war nämlich am stärksten betroffen, und hier würde nun die nächste Operation hoffentlich dazu führen, dass ich zukünftig auch wieder kurzärmlige Kleider tragen konnte.
Dr. German erklärte mir sehr ausführlich, was er zu tun gedachte, und ich hatte den Eindruck, dass er wirklich so kompetent war, wie Sophia, Roses Mutter, behauptet hatte.
»Wir werden, wenn dieser Eingriff überstanden ist, dann auch noch einen Termin vereinbaren, um uns Ihrem Gesicht zu widmen!«, sagte die Ärztin, eine resolute Frau Anfang Vierzig.
»Nein, das werden wir nicht!«, antwortete ich mit einer plötzlichen Heftigkeit, die mich selbst überraschte.
»Aber Frau Kaiser! Sie wollen doch nicht Ihr Leben mit dieser Narbe verbringen. Es gibt fantastische Möglichkeiten …«
»Mag sein, dass es sie gibt, aber ich ziehe es vor, diese Erinnerung an ein Ereignis zu behalten, das mein Leben nachhaltig verändert hat.«
Sie wirkte richtiggehend empört, die Frau Doktor. Als hätte ich ihre persönliche Ehre angegriffen. Mit beredt schilderte sie mir die herausragenden Erfolge der kosmetischen Chirurgie, aber als sie geendet hatte, meinte Dr. German trocken: »Liebe Kollegin, es ist die Entscheidung der Patientin. Ganz abgesehen davon, werden wir einen Schritt nach dem anderen gehen und uns zunächst um den Arm kümmern.«
Etwas verschnupft zuckte die Ärztin mit den Schultern und legte mir ein paar Formblätter vor, die ich vor der Operation auszufüllen hatte. Dann verließ sie uns mit der Entschuldigung, noch weitere Termine wahrnehmen zu müssen. Ich blieb mit Dr. German allein.
Er wirkte für einen Arzt seines Rufes und seiner Qualifikation noch sehr jung, auch wenn er etwas untersetzt gebaut war. Seine Haare standen wie ein wirres Büschel Stroh von seinem Kopf ab, da er sich im Eifer der Erklärungen einige Male mit der Hand hindurchgefahren war. Er hatte ein offenes und freundliches Gesicht, ohne besonders gut auszusehen. Aber er flößte mir auf seine Art Vertrauen ein. Jetzt lächelte er mir zu und meinte: »Die Frau Kollegin hat es gut gemeint. Aber sie prescht manchmal ein wenig zu schnell vor. Ich kann verstehen, dass Sie erst einmal die eine Angelegenheit erledigt haben wollen. Die Aussicht auf weitere Operationen ist nicht gerade beschwingend, nicht wahr?«
»Das ist das eine, Dr. German. Aber das, was ich gesagt habe, habe ich wirklich so gemeint. Die Narbe stört mich nicht, und sie hat sozusagen Erinnerungswert.«
»Dann sind Sie eine echte Ausnahme, Frau Kaiser. Die meisten Menschen würde nur zu gerne alles das vergessen, was mit einem solchen traumatischen Erlebnis wie dem Unfall zusammenhängt.«
»Wer sagt Ihnen denn, dass sie mich an den Unfall erinnert?«
»Nicht?«
»Nein, daran nicht.«
»Ihr Gesichtsausdruck, Frau Kaiser, ist mehr als hintersinnig. Sie fangen an, mich außerordentlich neugierig zu machen.«
»Mache ich das?«
»Ein rein klinisches Interesse!«
»Natürlich!«
Er war nett, der Doktor. Er war ehrlich interessiert, möglicherweise sogar mehr, als es sein Beruf nötig machte. Aber was soll’s, dachte ich, denn in mir stieg plötzlich der Wunsch auf, ihm von der Erinnerung zu erzählen, die ich mit dieser Narbe verband. Darum folgte ich seiner Einladung, die er gerade aussprach, wenngleich sie ein wenig makaber klang.
»Wissen Sie was, es ist Mittagszeit. Gehen wir in die Pathologie, etwas essen, und Sie verraten mir, was eine so schöne Frau wie Sie dazu bringt, mit einem solchen Mal im Gesicht leben zu wollen.«
»In die Pathologie, natürlich. Es heißt, menschlicher Hinterschinken sei sehr bekömmlich.«
»Verzeihung, kruder Mediziner-Jargon. Ich meinte das Steakhaus gegenüber.«
»Wie konnte ich nur etwas anderes vermuten. Also gut, ich komme mit und erzähle es Ihnen. Kann ich mich auf Ihre ärztlich Schweigepflicht verlassen?«
»Selbstredend. Wir können auch in die Sandwichbar nebenan gehen, wenn Ihnen das lieber ist. Um diese Zeit ist dort wenig los.«
»Die sollten Sie dann aber ›Zum blutigen Tupfer‹ umbenennen. Sandwichs haben so etwas Aufsaugendes.«
Er lachte. »Sie könnten von der gleichen Gilde sein wie wir. Das werde ich weitergeben!«
Wir gingen in die Sandwichbar, und als ich meinen Kakao vor mir stehen hatte, lehnte ich mich zurück und suchte einen Anfang.
»Eine schöne Erinnerung?«, fragte Dr. German aufmunternd.
»Wie man es nimmt. Vor drei Tagen habe ich einen Mann getroffen. Eine zufällige Begegnung, die sich buchstäblich explosionsartig entwickelte. Es ging eine Anziehungskraft von ihm aus, gegen die ich mich schlichtweg nicht zur Wehr setzen konnte. Habe Sie schon einmal so etwas erlebt?«
Er zeigte mir ein etwas schiefes Lächeln.
»Ja, wenn man so will, habe ich das. Gerade heute.«
»Oh.«
»Verzeihen Sie, ich sollte so etwas nicht sagen.«
»Sie sind Arzt. Sie streichen Balsam auf eine Wunde.«
»Er hat Ihnen wehgetan?«
»Nein, das hat er nicht. Ganz im Gegenteil. Das Problem liegt bei mir. Ich habe seine Adresse und seine Telefonnummer verloren. Ich weiß nicht, wo ich ihn suchen soll. Ich kenne nur seinen Vornamen. Valerius.«
Als ich den Namen aussprach, überzog mich eine prickelnde Gänsehaut.
»Und er hat Ihre Adresse ebenfalls nicht?«
»Auch er weiß nur, dass ich Anahita heiße und gewöhnlich Anita gerufen werde.«
»Sie haben überhaupt keine Ahnung, was er zum Beispiel von Beruf ist, in welcher Stadt er wohnt, wer seine Bekannten sind?«
»Er hat eine Wohnung in Köln, aber das hilft mir nicht viel weiter, denn in Köln gibt es etliche Wohnungen.«
»Ja – aber Sie müssen doch miteinander gesprochen haben. Irgendeinen Anhaltspunkt über seine Identität gibt man doch immer preis.«
»Wir haben nicht viel gesprochen!«, sagte ich und schloss die Augen in der Erinnerung an eine überwältigende körperliche Erfahrung.
»Ja, aber, was … Oh.«
Dr. German verstummte, und sein Gesicht war dunkelrot geworden. Er hatte wohl gerade eine Erleuchtung darüber, wobei es sich bei unserem Treffen gehandelt hatte. Ich lachte leise auf und bestätigte ihm: »Schon richtig, was Sie denken. Ich sagte doch, es gab da eine Anziehungskraft, gegen die zu wehren mir unmöglich war. Ihm übrigens auch.«
Mein Gegenüber rang bewundernswert mit seiner Fassung, nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee, fand zu einer etwas normaleren Gesichtsfarbe zurück und fragte dann nüchtern: »Was aber hat die Narbe mit ihm zu tun?«
»Ich möchte, dass er mich wieder erkennt, wenn wir uns erneut begegnen. Er – sie hat ihn nicht abgestoßen, wissen Sie.« Und wieder hörte ich, was Valerius dazu gesagt hatte, und wiederholte es flüsternd für mich: »Weißt du nicht, dass jeder große Künstler, der wirklicher Demut fähig ist, seinem vollendetsten Werk einen absichtsvollen Fehler zufügt?«
Es dauerte eine Weile, bis Dr. German darauf reagierte.
»Du siehst verträumt aus, Anita«, sagte er ganz sanft. »Und dein Valerius hat Recht.« Er beugte sich etwas vor und strich mit der Fingerspitze über die dünne Linie von der Stirn zur Oberlippe. »Sie macht aus einem einfach nur schönen Gesicht eines, das eine Geschichte zu erzählen hat. Er wird dich suchen, denke ich. Ein solches Gesicht vergisst man nicht.«
»Ich hoffe es. Sobald ich mich von der Operation erholt habe, werde auch ich anfangen zu suchen.«
Ein wenig traurig sah er mich an.

Autorenportrait:

Andrea Schacht war lange Jahre als Wirtschaftsingenieurin und Unternehmensberaterin tätig, hat dann jedoch ihren seit Jugendtagen gehegten Traum verwirklicht, Schriftstellerin zu werden. Ihre historischen Romane um die scharfzüngige Kölner Begine Almut Bossart gewannen auf Anhieb die Herzen von Lesern und Buchhändlern. Mit Die elfte Jungfrau kletterte Andrea Schacht erstmals auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, die sie seither mit schöner Regelmäßigkeit immer neu erobert. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in der Nähe von Bonn.

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