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Der Tod ist mein

von Nora Roberts, Uta Hege, J. D. Robb (Buch)

  • ISBN:3-442-36027-7
  • EAN:9783442360277
  • Veröffentlichungsdatum:Februar 2005
  • Gewicht in g:355
  • Reihe:Blanvalet Taschenbücher
  • Seiten:480
  • Stilrichtung:Roman

Rezension:

"Eine einzigartige Schilderung härtester Polizeiarbeit und leidenschaftlichster Liebe - gewürzt mit wunderbarem Humor! Eine Meisterleistung!" Publishers Weekly
"Es gibt derzeit keine bessere Autorin - jedes ihrer Bücher bietet Spitzenunterhaltung!" USA Today
"Ihre Romane bestechen durch ihr ganz besonderes Gespür für Menschlichkeit und interessante Details!" Chicago Tribune

Kurzbeschreibung:

Er durchstreift die Straßen von New York auf der Suche nach den Ärmsten der Armen und tötet sie mit der Präzision eines Chirurgen. Seine Opfer: die Obdachlosen am Straßenrand. Und immer fehlt den Opfern ein Organ. Selbst eine abgebrühte Polizistin wie Lieutenant Eve Dallas ist über diesen Fall entsetzt. Doch sie ermittelt nach allen Regeln der Kunst, bis mitten in dem hochgefährlichen Katz-und-Maus-Spiel mit dem Killer plötzlich Dallas' Karriere - und ihr Leben - in Gefahr ist...





Leseprobe:

Prolog


In meinen Händen halte ich die Macht. Die Macht, zu heilen oder zu zerstören. Leben zu erhalten oder zu beenden. Ich achte diese Gabe, habe sie im Lauf der Zeit zu einer Kunst erhoben, die so prachtvoll und so ehrfurchtgebietend wie ein Gemälde aus dem Louvre ist.
Ich bin die Kunst, ich bin die Wissenschaft. In sämtlichen Bereichen, die von Bedeutung sind, bin ich ein wahrer Gott.
Ein Gott darf keine Skrupel haben. Er muss Weitsicht zeigen, seine Geschöpfe studieren und unter ihnen wählen. Die Besten von ihnen muss er hegen, schützen und erhalten. Denn nur aus der Größe erwächst wahre Perfektion.
Doch selbst die mangelhaften Exemplare erfüllen ihren Zweck.
Ein weiser Gott erprobt, betrachtet und benutzt, was in seinen Händen liegt, und schafft daraus neue Wunder. Ja, häufig ohne jede Gnade, häufig mit einer Gewalt, die die Gewöhnlichen verdammen.
Uns, die wir die Macht besitzen, ist es nicht gestattet, uns von der Verdammnis der gewöhnlichen Geschöpfe, von den kleingeistigen, elenden Gesetzen der normalen Menschen ablenken zu lassen. Sie sind blind, sie werden von der Angst vor Schmerzen, von der Angst zu sterben allzu sehr beherrscht. Sie sind zu beschränkt, um jemals zu verstehen, dass der Tod bezwungen werden kann.
Ich habe es schon fast geschafft.
Wenn sie entdecken würden, was ich tue, würden sie mich aufgrund von ihren närrischen Gesetzen und ihren tumben Einstellungen verdammen.
Wenn ich mein Werk jedoch vollende, beten sie mich an.


1
Es gab Menschen, für die war nicht der Tod, sondern das Leben der allergrößte Feind. Für die Geister, die wie Schatten durch das Dunkel glitten, die Junkies mit ihren blass pinkfarbenen Augen, die Fixer mit ihren zitternden Händen, war das Leben nichts weiter als eine gedankenlose Reise von einem Schuss zum nächsten, wobei die Zeit dazwischen eine Phase größten Elends darstellte.
Auch der Trip selbst war meistens voller Schmerzen, voll Verzweiflung und manchmal voll des Grauens.
Für die Armen und die Obdachlosen, die zum eisigen Beginn des Jahres 2059 im Untergrund von New York City hausten, waren Schmerz, Verzweiflung, Grauen ständige Begleiter. Für die geistig Verwirrten und die körperlich Behinderten, die durch das Sozialnetz fielen, war die Stadt nichts anderes als ein düsteres Verlies.
Natürlich gab es Hilfsprogramme. Schließlich war dies eine aufgeklärte Zeit. Das sagten zumindest die Politiker, die, wenn sie den Liberalen angehörten, stets nach teuren neuen Unterkünften, Schulen, Krankenhäusern, Ausbildungs- und Rehabilitationsmaßnahmen riefen, ohne dass es jemals einen Plan zur Finanzierung all dieser Projekte gab. Und waren die Konservativen an der Macht, beschnitten sie sogar den Minimaletat, den man Außenseitern der Gesellschaft zugestanden hatte, und schwangen große Reden über die Bedeutung der Familie und die ständige Verbesserung der Lebensqualität.
Natürlich konnten die, die bedürftig genug waren und die es ertrugen, aus der schmalen, kalten Hand der Wohlfahrt etwas anzunehmen, eine Unterkunft bekommen. Natürlich gab es Ausbildungs- und Hilfsprogramme für die Menschen, die es schafften, bei Verstand zu bleiben, bis die Mühle der Bürokratie, die die Antragsteller oft erdrückte, statt ihnen tatsächlich zu helfen, endlich mit dem Mahlen fertig war.
Doch noch immer mussten Kinder hungern, Frauen sich verkaufen, und noch immer brachten Männer andere für eine Hand voll Münzen um.
Egal wie aufgeklärt die Zeit war, die Natur der Menschen blieb so wenig kalkulierbar wie der Tod.
Für die Obdachlosen bedeutete der Januar in New York eisig kalte Nächte, gegen die mit einer Flasche Fusel oder ein paar ergatterten Tabletten nicht anzukommen war. Einige von ihnen gaben auf und schlurften zu den Unterkünften, wo sie unter dünnen Decken auf zerschlissenen Matratzen schnarchten und die wässrige Suppe zusammen mit den Scheiben faden Sojabrotes schlürften, die ihnen Soziologiestudentinnen mit leuchtenden Gesichtern auf die Teller schaufelten. Andere hielten, zu verloren oder nur zu stur, um ihr kleines Fleckchen Erde vorübergehend aufzugeben, ebenso bei Minusgraden aus.
Und viele, allzu viele, glitten während dieser bitterkalten Nächte lautlos vom Leben in den Tod.
Die Stadt hatte sie getötet, doch niemand nannte diese Akte Mord.


Als Lieutenant Eve Dallas vor Anbruch der Morgendämmerung in Richtung City fuhr, trommelte sie rastlos mit den Fingern auf dem Lenkrad. Der Tod eines Penners in der Bowery hätte nicht ihr Problem sein sollen. Er war Sache der »Mord-Light« genannten Abteilung, also der Leichensammler, die in den bekannten Obdachlosensiedlungen patrouillierten, um die Lebenden von den Toten zu trennen und die verbrauchten Körper zur Untersuchung, Identifizierung und anschließenden Entsorgung ins Leichenschauhaus zu verfrachten.
Es war ein prosaischer, unangenehmer Job, der meistens von denen übernommen wurde, die noch Hoffnung hatten, in das angesehenere Morddezernat zu kommen, oder bei denen die Hoffnung auf ein derartiges Wunder längst erloschen war. Die Mordkommission wurde nur dann gerufen, wenn der Tod eindeutig verdächtig oder infolge sichtbarer Gewaltanwendung eingetreten war.
Und, dachte Eve, hätte sie an diesem grässlich kalten Morgen nicht ausgerechnet Rufbereitschaft für einen solchen Fall gehabt, läge sie jetzt noch in ihrem schönen, warmen Bett bei ihrem wunderbaren Mann.
»Wahrscheinlich irgend so ein hypernervöser Anfänger, der auf einen Serienmörder hofft«, murmelte sie wütend.
Neben ihr riss Peabody den Mund zu einem lauten Gähnen auf. »Ich bin doch bestimmt vollkommen überflüssig hier«, erklärte sie und bedachte ihre Vorgesetzte unter ihrem schnurgeraden Pony hervor mit einem hoffnungsvollen Blick. »Sie könnten mich also an der nächsten Bushaltestelle absetzen, und dann wäre ich in zehn Minuten wieder bei mir zu Hause im Bett.«
»Wenn ich leide, leiden auch Sie.«
»Das gibt mir das Gefühl, wirklich … geliebt zu werden, Dallas.«
Eve schnaubte und bedachte Peabody mit einem schrägen Grinsen. Niemand, dachte sie, war robuster und verlässlicher als ihre Assistentin. Obwohl sie sie zu unchristlicher Zeit aus dem Bett geworfen hatte, war Peabodys Uniform wie üblich frisch gebügelt, die Messingknöpfe blitzten, und die harten schwarzen Schuhe waren auf Hochglanz poliert. Auch wenn ihr kantiges, von einem dunklen Pagenschnitt gerahmtes Gesicht etwas müde wirkte, würde sie doch alles sehen, was von Bedeutung war.
»Waren Sie nicht gestern Abend auf einem großen Fest?«, wollte Peabody jetzt wissen.
»Ja, in Ost-Washington. Roarke hat dieses Galaessen mit anschließendem Tanz für irgendeinen wohltätigen Zweck wie die Rettung der Maulwürfe oder sonst so etwas gegeben. Dort gab es genug zu essen, um sämtliche Penner in der Lower East Side ein Jahr lang zu versorgen.«
»Himmel, das war garantiert wirklich schrecklich. Ich wette, Sie mussten eins von Ihren tollen Kleidern anziehen, in Roarkes Privatjet rüberfliegen und dann auch noch Champagner trinken, bis er Ihnen zu den Ohren rausgekommen ist.«
Eve zog eine Braue in die Höhe. »So in etwa.« Sie beide wussten, dass die glamouröse Seite ihres Lebens an Roarkes Seite für sie verwirrend und vor allem Quelle steter Ärgernisse war. »Und dann musste ich auch noch mit Roarke tanzen.«
»War er etwa im Smoking?« Peabody hatte Roarke einmal in einem Smoking gesehen, und das Bild hatte sich ihr für alle Zeiten ins Gedächtnis eingebrannt.
»O ja.« Bis sie heimgekommen waren und sie ihn ihm vom Leib gerissen hatte, weil er nämlich ohne Smoking mindestens genauso anziehend für sie war.
»Mann.« Peabody schloss die Augen und wandte die Visualisierungstechnik an, in der sie schon als kleines Mädchen von ihren Hippie-Eltern unterrichtet worden war. »Mann«, wiederholte sie.
»Wissen Sie, es gibt sicher jede Menge Frauen, die es alles andere als lustig fänden, wenn ihr Ehemann die Hauptrolle in den schmutzigen Fantasien ihrer Assistentin spielt.«
»Aber Sie sind kein solcher Kleingeist. Und genau das ist es, was mir an Ihnen gefällt.«
Knurrend ließ Eve ihre steifen Schultern kreisen. Es war ihre eigene Schuld, dass ihre Lust die Oberhand gewonnen und sie deshalb nur drei Stunden Schlaf bekommen hatte. Aber jetzt war sie im Dienst.
Sie blickte auf die verfallenen Gebäude, die mit Abfall übersäten Straßen, die tiefen, narbengleichen Risse und die fetten, warzen- oder tumorähnlichen Beulen, in die der Beton und Stahl in dieser Gegend geborsten oder aufgeworfen war.
Als sichtbares Zeugnis des regen Treibens unterhalb der Straße stieg aus einem Gitter in der Erde dichter weißer Dampf. Durch ihn hindurchzufahren war, als taste man sich mühsam durch den Nebel über einem hoffnungslos verschmutzten Fluss.
Seit sie die Frau von Roarke war, lebte sie in einer völlig anderen Welt. Einer Welt aus sanft flackernden Kerzen, süß duftenden Blumen, blank poliertem Holz und schimmerndem Kristall. Einer Welt des Reichtums.
Doch kannte sie auch Orte wie den, durch den sie gerade fuhr. Wusste, dass, egal in welcher Stadt, die Mischung aus Gerüchen, täglicher Routine und Hoffnungslosigkeit immer dieselbe war.
Die Straßen waren beinahe menschenleer. Nur wenige Bewohner dieser widerlichen Gegend gingen bereits vor Tagesanbruch vor die Tür. Die Dealer und die Nutten hatten ihre Arbeit eben erst beendet und krochen nun ins Bett. Die Händler, die mutig genug waren, ihre Geschäfte in dieser Gegend zu betreiben, zogen die Gitter vor den Türen und den Fenstern ihrer Läden nicht vor Tagesanbruch hoch, und die Schwebekarrenbetreiber, die verzweifelt genug waren, ihr Glück in dieser Ecke zu versuchen, wären zweifellos bewaffnet und träten ihren Dienst ebenfalls erst, wenn es hell war, und stets nur in Zweiergruppen an.
Eve entdeckte den Streifenwagen und runzelte die Stirn, als sie bemerkte, wie halbherzig die Fundstätte der Leiche gesichert worden war.
»Warum zum Teufel haben sie noch nicht mal die Sensoren aufgestellt? Werfen mich um fünf Uhr morgens aus dem Bett und sichern noch nicht einmal den Tatort? Kein Wunder, dass sie bei den Leichensammlern sind. Idioten.«
Peabody schwieg, als Eve abrupt direkt neben dem Einsatzwagen hielt und zornig aus dem Wagen sprang. Die Idioten, dachte sie mit einem Hauch von Mitgefühl, machten sich besser auf eine Abreibung gefasst.
Bis Peabody ausgestiegen war, hatte Eve den Bürgersteig schon überquert und baute sich direkt vor den beiden elend im Wind kauernden Polizeibeamten auf.
Automatisch nahmen beide Haltung an. Eve schüchterte andere Polizisten sofort ein, dachte Peabody und zog die Tüte mit dem Werkzeug für die Spurensuche aus dem Fach neben dem Sitz.
Es lag nicht nur an ihrem Aussehen, an dem langen, geschmeidigen Körper und dem braunen, mit blonden und roten Strähnen durchwirkten, kurzen, oft zerzausten Haar. Nein, es lag vor allem an den Augen, den Augen einer Polizistin in der Farbe guten Whiskeys, und an dem kleinen Grübchen in der Mitte ihres Kinns unterhalb des vollen Mundes, der manchmal hart wurde wie Stein.
Peabody fand Eves Gesicht vor allem deshalb derart ausdrucksvoll und attraktiv, weil Eve nicht die geringste Eitelkeit besaß.
Vor allem war es die Person, die sich hinter dem Aussehen verbarg, die andere bei ihrem Anblick die Schultern straffen ließ.
Sie war die beste Polizistin, die Peabody je hatte kennen lernen dürfen. Sie machte ihre Arbeit mit einer solchen Überzeugung, dass man, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, jede Tür mit ihr durchschritt. Sie trat mit aller Kraft und ganzem Herzen sowohl für die Toten als auch für die Lebenden ein.
Und, überlegte Peabody, als sie nahe genug war, um das Ende von Eves Strafpredigt zu hören, sie trat ohne Vorbehalte jedem, der es brauchte, gewaltig in den Arsch.
»Und jetzt zurück zu unserem Fall«, erklärte Eve mit kühler Stimme. »Wenn Sie einen Mordfall melden und mich dadurch zwingen, meinen Hintern aus dem Bett zu schwingen, obwohl es noch mitten in der Nacht ist, sichern Sie, statt wie zwei Hornochsen total untätig hier rumzustehen, bis ich erscheine, gefälligst ordnungsgemäß den Fundort und verfassen einen vollständigen Bericht. Himmel, Sie sind Polizisten! Also benehmen Sie sich auch so.«
»Sehr wohl, Madam, Lieutenant«, sagte der jüngere der beiden Polizisten mit unsicherer Stimme. Er war noch ein halber Junge, und nur deshalb hatte Eve sich bei der Predigt in Zurückhaltung geübt. Seine Partnerin jedoch war bestimmt schon lange bei der Truppe und handelte sich deshalb einen von Eves todbringenden Blicken ein.
»Sehr wohl, Madam«, knurrte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Angesichts des unverhohlenen Widerwillens, mit dem sie diese Worte rausbrachte, fixierte Eve sie schräg von oben und fragte: »Haben Sie irgendein Problem, Officer … Bowers?«
»Nein, Madam.«
Ihre babyblauen Augen standen in leuchtendem Kontrast zu ihrem kirschholzfarbenen Gesicht. Die Kappe saß ein wenig schief auf ihrem kurzen, dunklen Haar, an ihrem Mantel fehlte ein Knopf, und ihre völlig verkratzten Schuhe hatten schon seit Jahren keine Schuhcreme mehr gesehen. Eve hätte sie dafür ebenfalls zur Rede stellen können, kam jedoch zu dem Schluss, dass der elendige Job, den Bowers hier erledigte, sicher Entschuldigung genug war, dass man sich nicht herausstaffierte, als ginge man zu einem Ball.
»Gut.« Eves warnender Gesichtsausdruck sagte mehr als tausend Worte, und so nickte sie nur wortlos. Als sie sich an Bowers’ Partner wandte, rief sein Anblick eine Spur von Mitleid in ihr wach. Er war kreidebleich, zitterte am ganzen Körper und kam so frisch von der Schule, dass man es beinahe roch.
»Officer Trueheart, meine Assistentin wird Ihnen gleich zeigen, wie man einen Tatort sichert. Passen Sie gut auf.«
»Sehr wohl, Madam.«
»Peabody.« Sofort wurde ihr die Tüte mit dem Untersuchungswerkzeug in die Hand gedrückt. »Zeigen Sie mir, was Sie haben, Bowers.«
»Einen mittellosen weißen Mann. Hörte auf den Namen Snooks. Das hier ist seine Bude.«
Sie winkte in Richtung eines aus einem mit leuchtenden Sternen und Blumen bemalten Umzugskarton und dem verbogenen Deckel eines alten Recyclers clever zusammengebastelten Unterstands, vor dessen Eingang eine mottenzerfressene Decke und ein handgemaltes Pappschild hingen, auf dem schlicht SNOOKS geschrieben stand.
»Liegt er dort drinnen?«
»Ja, ein Teil von unserer Arbeit besteht darin, kurz in die Buden reinzugucken, um zu prüfen, ob es irgendwelche Leichen einzusammeln gibt. Und Snooks ist ganz sicher eine Leiche«, versuchte sie zu scherzen.
»Aha. Himmel, was für ein angenehmer Duft«, murmelte Eve, als sie näher an den Eingang des Verschlages trat und der Wind den Gestank nicht mehr vertrieb.
»Genau der hat mich aufmerksam gemacht. Hier stinkt es immer. Alle diese Leute riechen nach Schweiß, nach Müll und Schlimmerem, aber eine Leiche hat noch einmal einen ganz anderen Geruch.«
Auch Eve kannte den Geruch des Todes. Er war süßlich und rief Übelkeit in einem wach. Und hier, inmitten des Gestanks von Unrat, Urin und säuerlichem Fleisch, vernahm sie den Geruch des Todes sowie – wie sie mit einem leichten Stirnrunzeln bemerkte – den leicht metallischen Geruch von frischem Blut.
»Wurde er beklaut?« Mit einem leisen Seufzer griff sie nach der Dose Seal-It und besprühte sich die Hände. »Wozu in aller Welt? Diese Penner haben doch nichts, was zu stehlen sich lohnt.«
Bowers verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln, ihr Blick jedoch blieb kalt und hart und zeigte die Verbitterung, die sie Eve gegenüber – sicher infolge ihrer Strafpredigt – empfand. »Irgendwer hat ihm tatsächlich was gestohlen.« Zufrieden trat sie einen Schritt zurück. Sie hoffte, dass die arrogante Dallas, wenn sie hinter den Vorhang sähe, einen Schock bekam.
»Haben Sie einen Krankenwagen gerufen?«, fragte Eve und sprühte sich auch noch die Stiefel gründlich ein.
»Die Entscheidung darüber wollte ich lieber Ihnen überlassen«, antwortete Bowers und funkelte Eve mit boshaft blitzenden Augen an.
»Um Himmels willen, sind Sie sich zumindest sicher, dass er tot ist?« Angewidert trat Eve direkt vor den Verschlag, ging ein wenig in die Hocke und zog den Vorhang auf.
Eve hatte so etwas schon zu oft erlebt, als dass sich Bowers’ Hoffnung auf einen entsetzten Aufschrei in diesem Moment erfüllte. Trotzdem war es für sie jedes Mal ein Schock, war es für sie nie Routine, zu welchen Untaten der Mensch fähig war. Und das Mitgefühl, das sie verspürte, war eine Emotion, die die Frau an ihrer Seite nie empfinden und deshalb auch nie verstehen würde.
»Armes Schwein«, sagte sie leise und sah sich den Toten genau an.
Mit einer Sache hatte Bowers eindeutig Recht. Snooks war mausetot. Er war kaum mehr als ein Haufen Knochen mit wild zerzaustem Haar. Mund und Augen standen offen, und sie konnte erkennen, dass ihm mehr als die Hälfte seiner Zähne ausgefallen war. Typen wie er nahmen nur sehr selten den Gesundheitsdienst in Anspruch, den es für Mittellose gab.
Vor seinen braunen Augen lag bereits ein dünner Schleier. Sie schätzte ihn auf vielleicht hundert, und selbst wenn man ihn nicht ermordet hätte, hätte er die durchschnittlichen hundertzwanzig Lebensjahre, die gute Ernährung und der medizinische Fortschritt den Menschen inzwischen bescherten, bestimmt nicht erreicht.
Seine Stiefel waren zwar verschlissen und verkratzt, sahen jedoch genau wie die Decke, die neben seiner Schlafstatt lag, noch durchaus haltbar aus. Offensichtlich hatte Snooks Nippsachen geliebt. Auf dem Boden lag neben dem Kopf einer großäugigen Puppe eine Taschenlampe in Form eines Frosches, den Becher mit dem abgebrochenen Henkel hatte er mit hübschen Papierblumen gefüllt, und die Innenwände seiner Bude waren mit Scherenschnitten von Bäumen, Hunden, Engeln und genau wie die Außenwände mit Bildern der von ihm geliebten Sterne und Blumen nahezu übersät.
Sie sah keine Spuren eines Kampfes, keine frischen blauen Flecken oder Schnitte. Wer auch immer den alten Mann auf dem Gewissen hatte, hatte seine Arbeit sorgfältig gemacht.
Nein, dachte sie beim Anblick des faustgroßen Lochs in seiner Brust. Chirurgisch. Wer auch immer Snooks das Herz gestohlen hatte, hatte höchstwahrscheinlich ein Laserskalpell dafür benutzt.
»Sie haben tatsächlich Ihren Mord, Bowers.«

Autorenportrait:

J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts. Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte 1979 ein eisiger Schneesturm sie in ihrer Heimat Maryland ans Haus. U

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