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Grafschaft Roscommon, Irland 1751
Ein gleißender Sonnenstrahl, der sich auf dem Wasser spiegelte, blendete ihn für einen Moment, dann erschien plötzlich eine strahlende Gestalt vor ihm. Ist sie Wirklichkeit oder ist sie eine Waldfee, fragte er sich. Schließlich bin ich in Irland.
Das junge Mädchen war schlank und zart und hatte eine beinah ätherische Ausstrahlung. Während er sie anstarrte, berührte ein Sonnenstrahl sie und bildete einen prächtigen Halo um ihren Kopf. Ihr glänzendes Haar, das in Locken bis zu ihrer Taille fiel, bekam die Farbe von reinem, gesponnenem Gold. Sie stand zwischen den hohen Gräsern am Flussufer, Libellen und winzige Fliegen mit durchsichtigen Flügeln umschwirrten sie, sie erhoben sich wie Staubkörnchen von den zahllosen Wiesenblumen. Er hatte das deutliche Gefühl, dass wenn er sich bewegte oder etwas sagte, der magische Bann gebrochen und sie sich in Luft auflösen würde.
John Campbell konnte nicht anders, als eine Stelle aus Shakespeares Mittsommernachts-Traum zu zitieren: »Unglück, bei Mondschein dich zu treffen, stolze Titania.«
Die Feenkönigin wandte den Kopf und sah ihn an. »Was, eifersücht’ger Oberon?« Sie streckte eine Hand aus, als wolle sie die Libellen verscheuchen. »Ihr Feen, eilt voran.« Sie hob stolz das Kinn und wandte ärgerlich den Kopf von ihm ab. »Hab’ mich von seinem Bett, von allen Gemeinsamkeiten losgesagt.«
Der hoch gewachsene, dunkelhaarige junge Mann machte einen Schritt auf sie zu und gab Oberons nächste Zeile zum Besten: »Wart’, überschnelles Weib! Bin ich denn nicht dein Herr?«
Titania lächelte und sank in einen Knicks. »Dann muss ich deine Herrin sein.«
Er überwand den Abstand zwischen ihnen beiden, nahm lachend ihre Hände und zog sie hoch. »Was in aller Welt macht eine schöne, englische Dame ohne Begleitung ganz allein auf einer Wiese mitten in der irischen Wildnis?«
Er sah faszinierend dunkel und gefährlich aus, doch ihr Blick richtete sich auf den Fischkorb und die Angel, die er sich lässig über die Schulter gehängt hatte. »Ich lebe hier. Ich bin an diesen Fluss gekommen, um Lachs zu fangen, genau wie Ihr. Kommt, ich zeige Euch eine gute Stelle.«
Er folgte ihr wie gebannt zu einer Stelle, wo sich die Weiden tief über das Flussufer neigten, um ihre trauernden Zweige ins Wasser zu tauchen, setzte sich neben sie und warf die Angel aus. Das bezaubernde Geschöpf war ein Geheimnis, das er sich nicht erklären konnte. Obwohl sie barfuss war und ein fadenscheiniges Kittelkleid trug, das schamlos ihre Knöchel sehen ließ, sprach sie ein sehr kultiviertes Englisch und war offensichtlich belesen. »Ihr sprecht keine Spur von irischem Dialekt.«
Mit einem Selbstvertrauen, das nicht wirklich von Herzen kam, kreuzte sie die Beine, legte den Kopf schief und begann mit irischem Tonfall zu singen:
»In Dublin, dieser schönen Stadt, wo’s eitel hübsche Mädels hat,
Da sah ich sie zum ersten Mal, die süße Molly Malone;
Durch alle Straßen, breit un’ schmal, schob sie ihr’n Karren dazumal,
Un’ rief nur: Muscheln, Muscheln, janz frisch inner Schal’!«
Ihr Irisch klang satt und überzeugend; ihr Gesang warm und melodisch. Dann wechselte sie von einem Wort zum nächsten von Irisch zu rollendem Schottisch. »Hör ich da net a Bissl Rrrollen in deinerr eig’nen Sprach’, Burrsch’? Ich schätz’ du warst a Weil in Schottland, stimmt’s?«
Das war eindeutig untertrieben. Er hatte allerdings einige Zeit in Schottland verbracht. Als die Jakobitische Rebellion ausbrach, in der der König gestürzt werden sollte, bekam sein Vater das Kommando über alle Truppen und Garnisonen im Westen Schottlands. Er hatte Seite an Seite mit seinem Vater und dem Herzog von Cumberland, dem Sohn des Königs, zuerst in Inveraray, dann in Perth gekämpft. Schließlich kämpfte er auch in der schrecklichen Schlacht von Culloden, wo der Aufstand ein für alle Mal niedergeschlagen worden war.
John verbannte die Gedanken an den Krieg und lächelte sie an. »Meine Mutter ist Schottin.«
Sie erzählte ihm als Nächstes eine Anekdote über zwei Schotten, in der es darum ging, was die beiden unter ihren Kilts trugen. Das Thema war ziemlich schlüpfrig, und John wurde fast von dem dringenden Bedürfnis überwältigt, das köstliche Weibsstück in seine Arme zu ziehen und am Stück zu verspeisen.
Sie lächelte ihm zu; ihre goldenen Wimpern senkten sich auf ihre Wangen, dann hoben sie sich wieder, und ihr violetter Blick traf ihn mit voller Wucht. »Ich habe eine Schauspielausbildung.« Wenn sie sich auf eine Rolle konzentrierte und ganz darin aufging, gelang es ihr, ihre starke Schüchternheit zu überwinden. »Ich werde Schauspielerin!«, sagte sie bedeutungsvoll.
John Campbell atmete erleichtert auf. Hier vor ihm stand keine Dame, der Heilige Patrick sei gelobt, sondern eine Schauspielerin, er konnte sie also uneingeschränkt verführen. »Wie alt seid Ihr?«
»Ich bin sechzehn, fast siebzehn – absolut alt genug«, versicherte sie ihm. »Und wie alt seid Ihr, Sir?«
Seine Mundwinkel hoben sich angesichts dieser unangemessenen Frage, die sie so sachlich gestellt hatte. »Ich bin ganze achtundzwanzig und habe noch alle meine Zähne.«
»Habt Ihr auch einen Namen, Sir?« Da war wieder die feine englische Dame.
»Mein Name ist John.« Seinen Familiennamen verriet er nicht. »Wie Ihr schon erraten habt, bin ich zum Fischen nach Irland gekommen … und zum Jagen.« Er betonte das letzte Wort, senkte seinen Blick zu ihrem Busen, hob ihn dann wieder zu ihren Lippen.
»Freut mich sehr, John. Ich heiße Beth. Diese Gegend ist bekannt für die jagdbaren Vögel. Es gibt Schnepfen, Wachteln, Fasane und sogar Rebhühner, die ich allerdings noch nie gekostet habe.«
»Ach wirklich? Ganz zufällig habe ich ein dickes, gebratenes Rebhuhn und eine Flasche Wein in meinem Korb. Möchtet Ihr die nicht mit mir teilen?«
»Ich bin zwar nicht hungrig, aber da es unhöflich wäre, Euer Angebot abzulehnen, ist es mir ein Vergnügen, das Rebhuhn zu kosten, Sir, aber nicht den Wein.«
»Warum denn nicht?«, fragte er amüsiert.
»Ich habe gehört, dass er einem den Verstand verwirrt. Möchtet Ihr, dass ich Eure Rute festhalte, John?«
Einen Augenblick lang wurde ihm bei ihrer Frage schwindlig, dann wurde ihm klar, dass sie ihm den Verstand verwirrt hatte – sie bot ihm nur ganz unschuldig an, seine Angel zu halten, während er das Essen auspackte. Er gab sie ihr, öffnete seinen Korb und holte eine große, leinene Serviette heraus, in der das gebratene Rebhuhn eingewickelt war. Er wickelte es aus und riss den Vogel in zwei Teile.
»Nehmt sie schnell!« Sie gab ihm die Angel zurück. »Ich glaube, es hat gerade ein Lachs angebissen.«
Er zog die Leine zurück, tauchte gleichzeitig mit geschickter Bewegung sein Netz ins Wasser und schwang den Fisch ans Ufer. Wenn ich Glück habe, beißt gleich noch ’was an. Seine dunkelbraunen Augen betrachteten das hübsche goldene Fräulein neben sich. »Und nun sagt mir, Beth, wie gelingt es Euch, ohne Angel einen Lachs zu fangen?«
Sie nahm sich ein Rebhuhnbein und biss mit Genuss hinein. »Männer brauchen eine komplizierte Ausrüstung. Ein Mädel muss ohne auskommen.«
Johns dunkle Augen weiteten sich. Hatte dieses bezaubernde Mädel eine heiße Bemerkung in Bezug auf ihrer beider Anatomie gemacht, um seine männliche Lust anzufachen? Er sah zu, wie sie die Vogelbrust mitsamt dem Flügel nahm und sich erwartungsvoll die Lippen leckte. Sie hatte behauptet, sie wäre nicht hungrig, und doch sprach sie dem Rebhuhn herzhaft zu. Als sie die Knochen fortwarf und sich die Finger leckte, spürte er, wie sich seine Männlichkeit regte. Er schob die Serviette weiter zu ihr hinüber, und als er sah, wie sie die übrigen Stücke Fleisch lüstern betrachtete, wünschte er sich plötzlich, sie würde ihn so ansehen.
»Habt Ihr keinen Hunger, John?«
Er schüttelte verneinend den Kopf. Er war allerdings hungrig, aber nicht auf Nahrung. Das Einzige, was er im Augenblick wollte, war, ihr beim Essen zuzusehen. Weiblich anmutig, katzengleich biss sie mit scharfen, weißen Zähnen in das Geflügel, schloss in unausgesprochenem Genuss die Augen, als sie ein Stück herunterschluckte und leckte sich dann die Finger, um den Geschmack noch einmal zu kosten. Er fragte sich, ob sie wohl alles in ihrem Leben mit derart lustvoller Freude genießen würde, und seine Phantasie verlor sich in erotischen Bildern.
Sie verspeiste den Rest des Rebhuhns und wischte sich mit dem Leinentuch die Finger ab. Dann streckte sie sich neben ihm bäuchlings im Gras aus und sah hinunter ins tiefe Wasser. Ein Schatten unter der Oberfläche bewegte sich ein Stückchen weiter. Sie wartete geduldig, bis er näher gekommen war, doch in dem Augenblick als sie ihre Hand ins Wasser streckte, schoss der Lachs davon. »Wir haben zu viel Lärm gemacht«, flüsterte sie und hielt einen Finger vor ihre roten Lippen, die aussahen, als wären sie von Beerensaft rot.
John lehnte sich neben ihr zurück, so dass sich ihre Körper beinah berührten. Ich erlaube dir, meine Rute zu halten, Süße. Er sagte das nicht laut, obwohl es genau das war, wonach sich sein Körper sehnte. Er betrachtete ihr hübsches, herzförmiges Gesicht, als sie sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrierte. Ihre Haut wirkte wie durchsichtiges Porzellan, und so nah wie er ihr jetzt war, konnte er die dünnen bläulichen Adern in ihren Augenlidern sehen. Während ihr Blick der Bewegung des Fisches unter der Wasseroberfläche folgte, leckte ihre rosa Zungenspitze über ihre volle Unterlippe, und er war verloren.
Er wurde schlagartig hart und griff nach ihr. Seine Arme legten sich um sie, hielten sie fest an seinen harten Körper gedrückt, und seine Lippen bemächtigten sich ihres verlockenden Mundes. Er trank durstig von ihrer Süße, wusste, dass er noch nie etwas derart Reizendes gekostet hatte.
Unglaublich schockiert biss Beth auf seine Unterlippe und sprang auf die Beine. Er stand ebenfalls auf, sah von hoch oben auf sie herunter, wartete ab, bis er sie zu einer eher nachgiebigen Stimmung würde besänftigen können. »Wie könnt Ihr es wagen, Euch meiner so zu bemächtigen, Sir?« Mit vor Empörung wogendem Busen holte sie mit einem Arm aus, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm ein kräftige Ohrfeige. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und rannte los.
»Beth, wartet …«
Plötzlich blieb sie stehen, drehte sich um und kam mit violett blitzenden Augen langsam zu ihm zurück. Sie betrachtete ihn mit einem vorwurfsvollen Blick, bückte sich und griff sich den Fisch, den sie gefangen hatte. »Mein Lachs, Sir!«
Auf dem Heimweg waren ihre Gedanken von dem umwerfend gut aussehenden Teufel erfüllt, dem sie am Fluss begegnet war. Er war hoch gewachsen, hatte etwas dunkel Glühendes an sich, das sie vor seiner Gefährlichkeit hätte warnen sollen – doch sie hatte keine Angst gehabt, bis sie die Kraft seines muskulösen Körpers gefühlt hatte, als er sie an sich drückte. Nichtsdestotrotz war ihr klar, dass ihre Angst vor ihm in nichts der Angst ähnelte, die sie davor hatte, ohne einen Lachs fürs Abendessen nach Hause zurückzukommen. Mit leeren Händen ihrer Mutter entgegenzutreten, würde wesentlich mehr Mut erfordern, als sie besaß.
Bridget Gunning war eine unglaublich attraktive Frau, deren rotes Haar nur erahnen ließ, welch scharfe Zunge und flammendes Temperament sie besaß. Sie war die unumstrittene Autoritätsperson in ihrem Haushalt, und niemand würde es wagen, sich ihr zu widersetzen, am wenigsten ihr Ehemann. Beths Mutter ließ nie in Vergessenheit geraten, dass sie ihre viel versprechende Karriere als Schauspielerin auf Londoner Bühnen geopfert hatte, um John Gunning zu heiraten und ihm zwei wunderschöne Töchter zu schenken. Sie schalt ihren Mann untüchtig, was Beth durchaus für richtig hielt, doch sie liebte ihren gut aussehenden Vater, den seine Freunde wegen seiner lockeren Art und seines häufigen Lächelns Jack nannten.
Jack Gunnings Familie waren wohlhabende Grundbesitzer in St. Ives im englischen Cambridgeshire, doch da er der jüngste Sohn war, und weder Reichtum noch einen Titel zu erwarten hatte, war er zum Abenteurer und Spieler geworden. Als er eine Schauspielerin heiratete, war sein Ruf als schwarzes Schaf der Familie endgültig besiegelt, und die Ankunft ihrer zwei Töchter in rascher Folge machte Bridgets viel versprechenden Aussichten auf eine Bühnenkarriere ein Ende. Er zog mit ihnen nach St. Ives, um von den Zuwendungen seiner Familie zu leben, doch dort wurden sie nur ungern geduldet, während er die Londoner Spielclubs heimsuchte.
Dann hatte ihr Vater in einem Kartenspiel bei White’s das Schloss Castlecoote gewonnen, damals dachten sie, es wäre eine außergewöhnliche Glückssträhne. Das Ehepaar hatte sofort seine Töchter eingepackt und war zu dem gewonnenen Schloss nach Irland ausgezogen. Allerdings stellte sich heraus, dass Castlecoote gar kein Schloss war, wie sie dem Namen nach gehofft hatten, sondern ein großes altes Landhaus, das dringend der Erneuerung bedurfte. Es stand jedoch in einem wunderbaren Stück hügeligen Farmlands in der Grafschaft Roscommon, also machten sie das Beste aus ihrer enttäuschenden Lage und blieben. Sie waren zwar von gut gehenden Schafs- und Viehhöfen umgeben, doch Jack Gunning war kein Bauer und brachte sie eher schlecht als recht durch, indem er ein paar Ziegen hielt und ihre Milch und den Käse verkaufte.
Die Gunning-Töchter, Maria und Elizabeth, waren ungewöhnlich schöne Mädchen, und ihre Mutter verlagerte ihre eigenen Träume auf sie, indem sie beschloss, ihnen eine Bühnenausbildung zu geben, mit der sie ganz sicher Erfolg haben würden, wenn sie erst einmal alt genug waren. Zu diesem Zweck lehrte sie sie Singen und Tanzen, jeden Abend mussten sie eine Szene aus einem Stück spielen. Bridget war eine strenge Lehrerin, doch Beth wusste, dass ihre Mutter mit der zwei Jahre älteren Maria nachgiebiger umging. Weil sie so wunderhübsch war, war sie Mutters Favoritin. Beth fühlte sich nicht zurückgesetzt. Es war nur recht und billig, dass Marias Schönheit sie zu etwas Besonderem machte.
»Elizabeth Gunning, wo zum Teufel warst du denn?«, fragte ihre Mutter scharf, als Beth den ersten Fuß in die Küche setzte.
Wie immer wenig redselig angesichts des Zorns ihrer Mutter hob Beth einfach den Lachs hoch.
»Soll das mal wieder eine dumme Vorführung deiner schauspielerischen Qualitäten sein? Glaube ja nicht, dass dich der Lachs davon befreit, an der St. Brigid’s Quelle Wasser zu holen. Maria musste heute ihr Gesicht in gewöhnlichem Quellwasser waschen, nur weil du es vergessen hattest.«
»Nun mach doch daraus kein Drama, Wasser ist Wasser«, sagte Jack und zwinkerte seiner Tochter zu, als er den Lachs entgegennahm.
»Wasser ist nicht gleich Wasser, Jack Gunning! Deine Töchter verdanken ihren makellosen Teint nämlich dem Wasser aus der heiligen Quelle.«
»Beth kann jetzt noch schnell hinlaufen und einen Krug davon holen, während ich den Fisch filetiere.«
»Nenne sie nicht Beth. Ihr Name ist Elizabeth. Ich habe schöne Namen für unsere Töchter ausgesucht, Namen, die ihnen zum Guten dienen werden, wenn sie am Theater sind.«
Beth hätte beinah hastig nach dem Krug gegriffen, doch der kritische Blick ihrer Mutter bremste sie. Also nahm sie ihn mit Anmut aus der Spüle und sank in einen Knicks. »Es ist mir ein Vergnügen, das Wasser jetzt zu holen, Madam.« Sie würde alles tun, um ihrer Mutter einen Gefallen zu tun.
»Viel besser, Elizabeth. Vergiss niemals, dass Mädchen mit geringerer Schönheit sich mehr Mühe geben müssen, um wohlwollend aufgenommen zu werden.«
»Warum hast du ihr nichts von dem Brief erzählt?«, fragte Jack, als Elizabeth das Haus verlassen hatte.
»Und damit Maria den Spaß verdorben? Ich werde es ihnen heute Abend erzählen, nachdem sie ihre Szene geübt haben.«
Elizabeth begegnete Maria, als ihre Schwester aus dem Gebäude mit der heiligen Quelle trat. Die beiden Mädchen gingen nebeneinander zur Quelle der heiligen Brigid. »Tut mir Leid, ich habe Mutter gesagt, dass du heute an der Reihe bist, Wasser von der Quelle zu holen. Verzeihst du mir?«
»Natürlich. Ich habe heute einen Mann getroffen – er fischte am Fluss.«
»War er ein Gentleman?«, fragte Maria interessiert.
»Na ja, Ire war er nicht, falls es das ist, was du wissen willst.«
Maria lachte angesichts der seltsamen Bemerkung ihrer Schwester. »Ich meine, war er reich und wohlerzogen?«
»Ja, ich vermute ein englischer Adliger, der zum Jagen und Fischen hier ist.«
»Oh-la-la, wahrscheinlich wohnt er im königlichen Jagdhaus in Ballyclare. Sah er gut aus?«
»Unglaublich gut«, sagte Beth mit einem unfreiwilligen Seufzer.
»Hat er versucht, dich zu küssen?«, fragte Maria wissend.
»Wie bist du denn darauf gekommen?«
»Ach Beth, du bist so unschuldig! Wie könnte dir ein Mann widerstehen?«
»Also eins steht fest, ich habe ihm widerstanden!«
»Kleines Gänschen. Du hättest ihm keinen Widerstand leisten sollen. Wenn du ihm gefällst, hätte er dich vielleicht mit nach England genommen. Wie willst du denn sonst aus diesem gottverlassenen Land wegkommen? Morgen werde ich dich begleiten und mein Glück selbst versuchen.«
Beth zog den hölzernen Eimer an seinem Seil herauf und goss Wasser in ihren Krug. So schön sie auch sein mochte, Maria hielt sich selten zurück und sagte immer, was ihr in den Sinn kam, ob es richtig war oder nicht. »Würdest du dich wirklich von einem Mann küssen lassen, Maria?«
»Ich würde ihn alles tun lassen, was er möchte, wenn er mich nach London mitnehmen würde, Beth. Aber natürlich nur, wenn er reich wäre.«
Im weiteren Verlauf des Nachmittags, währenddessen John Campbell noch ein halbes Dutzend Lachse fing, waren seine Gedanken von der bezaubernden Waldnymphe erfüllt, die ihm begegnet war. Ohne Zweifel konnte er sie als das schönste weibliche Wesen bezeichnen, das ihm je begegnet war, doch das war nicht das Einzige an ihr, was ihn so fesselte. Sie war direkt, ohne Hintergedanken, und das faszinierte ihn. Sie war auch natürlich und freien Sinnes, sprach genau das aus, was sie dachte, ohne Koketterie oder Berechnung. Dabei war sie vollständig unaffektiert, als wisse sie gar nicht, wie wunderschön sie war.