Leseprobe:
Jane Spiers fuhr mit äußerster Vorsicht durch den prasselnden Regen; dicht über das Lenkrad gebeugt, versuchte sie die verschwommenen Straßenränder vor sich auszumachen. Die Scheibenwischer des alten Subaru mühten sich mit den Wassermassen ab, die vom kalten, grauen Himmel herabstürzten, und das schwach keuchende Heißluftgebläse war im Kampf gegen den Beschlag, der die Scheiben undurchsichtig machte, hoffnungslos unterlegen. Schuld daran war Arthur, der, durch ein kräftiges Gitter vom Fahrgastraum getrennt, hinten im Wagen saß und nach seinem anstrengenden Umherstromern heftig hechelte. Jane kurbelte ihr Fenster ein wenig herunter, um zu sehen, ob die frische Luft die Scheiben freiblasen würde, schloß es aber gleich wieder, als sie spürte, wie die in den Wagen dringende Eiseskälte die Wärme verdrängte. Obwohl sie schon seit vierzig Jahren in Schottland lebte, konnte sie sich an keinen Mai erinnern, der so kalt und unangenehm gewesen wäre wie dieser.
Durch ein erst vor kurzem frisch gestrichenes doppelflügeliges Tor mit dem Schild PRIVATWEG bog sie von der Straße auf die asphaltierte Allee ein, die zu Inchelvie House führte. Die hohen Eichen zu beiden Seiten boten endlich ein wenig Schutz gegen die Elemente. Jetzt fiel den Scheibenwischern ihre Aufgabe leichter, und Jane schaltete einen Gang höher.
Nach einem knappen Kilometer weitete sich der Weg zu einer kiesbedeckten Auffahrt vor einem großen viktorianischen Herrenhaus. Jane nahm einen ihrer Handschuhe vom Beifahrersitz und wischte die Windschutzscheibe frei. Auf keinen Fall wollte sie auf den letzten Metern mit den Rädern auf den sauber gestutzten Rasen geraten oder gar einen der drei schwarzen Labradors überfahren, die Besuchern gewöhnlich von der Freitreppe entgegeneilten.
Diesmal zeigte sich das Empfangskomitee nicht, nur Arthur setzte sich auf, kaum daß sie den Wagen vor dem Haus zum Stehen gebracht hatte, drückte die Schnauze gegen das Hundegitter und jaulte mit hochgestellten Ohren. Im Rückspiegel erkannte sie den sehnsuchtsvollen Ausdruck in seinen Augen. Vermutlich freute er sich darauf, mit seinen drei schwarzen Freunden ausgelassen im Park herumzutollen.
»Sei ein braver Junge, Arthur, und bleib hier«, sagte sie, während sie sich ihre Kapuze über den Kopf zog. »Frauchen kommt bald wieder.«
Sie hielt die Tür des Wagens fest, damit der Wind sie nicht aus den altersschwachen Scharnieren riß, stieg aus und eilte raschen Schritts über den knirschenden nassen Kies auf die Treppe zu. Mit der Formlosigkeit eines Besuchers, der sich auskennt, öffnete sie einen der schweren eichenen Flügel der Haustür und trat in die Eingangshalle, die so hoch war wie das ganze Gebäude.
»Hallooo!« rief sie. »Ist jemand da?«
Niemand antwortete ihr. Sie zog die tropfende Regenjacke aus und hängte sie zu den schweren Tweedmänteln und dem Ölzeug auf den Garderobenständer, räumte sich dann auf einer alten Kirchenbank voller Angelutensilien, Hüte und Gartenwerkzeug ein wenig Platz frei, setzte sich und zog ihre triefnassen schweren Schuhe aus.
»Hallooo!« rief sie erneut. »Ist jemand da?« Sie sah sich um – niemand schien sie gehört zu haben. In der Mitte der Halle führte eine riesige Treppe nach oben, auf deren halber Höhe links und rechts ein Vorplatz mit Geländer abging. An eichengetäfelten dunklen Wänden hing zwischen zahlreichen Familienporträts eine unheimlich wirkende Sammlung von Schilden, Armbrüsten und zweihändigen Schwertern. Darüber bedeckten gut drei Dutzend ziemlich alte Hirschköpfe samt Geweih die Wand. Jane lächelte in sich hinein – sie war nicht sicher, welchen dieser drei Ausstattungsgegenstände sie für das abscheulichste hielt.
Sie stand auf und ging auf Socken durch die Eingangshalle. Als sie fast die Treppe erreicht hatte, hörte sie eine tiefe, ernsthaft klingende Männerstimme aus dem Salon. Niemand, den sie kannte, möglicherweise ein Anwalt oder Steuerberater, und sie fragte sich, ob sie unter Umständen ungelegen komme. Gerade, als sie verunsichert überlegte, ob sie noch einmal rufen oder unauffällig das Haus verlassen sollte, öffnete sich hinter der Treppe eine Tür, und eine kleine, grauhaarige Frau trat mit einem Tee-Tablett heraus, offenbar ohne die Besucherin zu bemerken.
»Hallo, Effie«, sagte Jane so verhalten wie möglich, um die Haushälterin nicht zu erschrecken. Trotzdem blieb Effie so ruckartig stehen, daß das Teegeschirr auf dem Tablett nach vorn rutschte.
»Ach, Mrs. Spiers, haben Sie mich erschreckt!« sagte sie und bemühte sich, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. »Ich hab Sie gar nicht kommen hören.«
Jane ging um die Treppe herum. »Tut mir leid, Effie. Ich habe zweimal so laut gerufen, wie ich es für schicklich hielt.« Sie lächelte der alten Frau zu, die langsam ihre Fassung zurückgewann. »Ich dachte, die Hunde hätten mich eventuell gehört. Die lassen sich doch sonst keine Gelegenheit zum Bellen entgehen.« Mit einem Blick auf die Tür zum Salon fragte sie: »Komme ich etwa ungelegen? Lady Inchelvie hat offensichtlich Besuch.«
Ein wenig belustigt zuckte Effie die Schultern. »Ach nein, was Sie da hören, ist nur der Fernseher. Lady Inchelvie dreht ihn immer ziemlich laut. Wahrscheinlich haben die Hunde Sie deswegen nicht kommen hören.« Effie sprach immer so leise, als vertraue sie ihrem Gegenüber ein Geheimnis an, das sonst niemand erfahren durfte. »Da läuft gerade das Billardturnier, müssen Sie wissen, und das sieht sie sich nun mal am liebsten an.« Mit blitzenden Augen machte sie einen Schritt auf Jane zu, um auch noch den besten Teil ihrer Geschichte loszuwerden. »Vor allem, wenn unser schottischer Landsmann Stephen Hendry mit von der Partie ist. Ich glaube, er hat keinen glühenderen Anhänger als sie.«
Wieder verzog sich Effies Gesicht zu lautlosem Kichern, doch ihr Amüsement wich der Besorgnis, als sie sah, daß in der Wärme der Eingangshalle von Janes Tweedrock Dampf aufstieg.
»Großer Gott«, rief sie. »Sie sind ja durch und durch naß! Sie sind doch nicht etwa bei diesem Wetter mit Ihrem Hund durch die Heide gezogen?«
Fröstelnd rieb sich Jane die Unterarme, denn jetzt erst merkte sie, wie kalt ihr war. »Wenn ich bei solchem Wetter nicht rausginge, bekäme Arthur drei Viertel des Jahres keinen Auslauf.«
»Na, jedenfalls können Sie hier nicht so herumstehen. Sie holen sich ja sonst noch den Tod«, sagte Effie. »Setzen Sie sich doch drinnen ans Feuer. Inzwischen gehe ich und hole Ihnen noch eine Tasse. Weiß Lady Inchelvie, daß Sie kommen?«
»Nein. Ich wollte nur …« Jane bremste Effie, indem sie ihr eine Hand auf die Schulter legte. »Wissen Sie, eigentlich bin ich hier, weil mein Mann gesagt hat, ich soll mal auf einen Sprung vorbeischauen, um zu sehen, wie es so geht. Er ist absichtlich nicht selbst gekommen, denn Rachel … Ehm, sagen wir, er hatte den Eindruck, es wäre besser, wenn ich das mache und nicht er … als, nun ja, Hausarzt.«
»Sie brauchen nichts weiter zu sagen«, meinte Effie und lächelte ihr verständnisvoll zu. »Von mir erfährt Lady Inchelvie nicht, daß Sie da sind. Ich bring ihr den Tee, und Sie können schon mal in die Küche vorgehen. Da haben wir Gelegenheit, ein bißchen zu plauschen, bevor Sie zu ihr gehen. Ist Ihnen das recht?«
»Ja, sehr. Danke, Effie.«
Jane sah ihr nach, wie sie zum Salon trippelte, anklopfte und eintrat, dann ging sie selbst zu der Tür hinüber, aus der Effie gekommen war.
Die große Küche war rein zweckmäßig eingerichtet, ganz anders als Janes eigene Küche, die sie im Lauf der Jahre liebevoll zum Mittelpunkt des häuslichen Lebens umgestaltet hatte. Hier sah es noch ganz so aus wie in früheren Zeiten, als eine mit grünem Filz bespannte Tür den Dienstbotentrakt vom Herrenhaus getrennt hatte. Die Wände waren mit wischfester Farbe in blassen Gelbtönen gestrichen, und die Stühle um den riesigen Tisch aus rohem Fichtenholz in der Mitte, der mit seiner aseptischen Sauberkeit an einen Operationssaal aus der Zeit Königin Viktorias erinnerte, waren alles andere als bequem. Drei Neonröhren an der Decke beleuchteten die zahlreichen Töpfe und Tiegel, die an den Wänden hingen. Jane ging zu dem großen altmodischen cremefarbenen Herd am anderen Ende des Raumes und beugte sich über die blankgeputzte Platte, um sich ein wenig aufzuwärmen.
Hinter ihr öffnete sich die Tür, und Effie kam herein. »Da wären wir also«, sagte sie. »Jetzt wollen wir den Kessel aufsetzen, dann können wir uns in Ruhe bei ’ner Tasse Tee unterhalten.«
»Kann ich Ihnen bei irgendwas behilflich sein?«
»Nein, nein. Setzen Sie sich einfach an den Tisch. Wie geht es Doktor Spiers?«
»Zur Zeit kommt er keine Sekunde zur Ruhe«, antwortete Jane, nahm einen der Küchenstühle und setzte sich. »Bei diesem elenden Wetter schwirren die Grippeerreger nur so durch die Luft. Ungefähr die Hälfte der Kinder in der Grundschule von Dalnachoil ist krank, und was macht er? Statt den Eltern zu sagen, sie sollen mit ihnen in die Praxis kommen, zieht er fast den ganzen Tag im Dorf von einem Haus zum anderen.«
Effie bewegte sich wie im Schlaf in der ihr vertrauten Küche, nahm Tassen und Untertassen von der walisischen Anrichte aus Fichtenholz, die Milch aus dem Kühlschrank und stellte alles auf den Tisch. »Ja, es ist ein wahrer Glücksfall, einen Mann wie Doktor Spiers hier zu haben.« Sie nahm den dampfenden Kessel vom Feuer, goß den Tee auf und wandte sich dann Jane zu, wobei sie sich die Hände an der Schürze abwischte. »Ohne ihn hätten die Inchelvies im letzten halben Jahr bestimmt weder ein noch aus gewußt.« Effie sah traurig aus, als sie das sagte.
»Wie stehen die Dinge denn tatsächlich?« fragte Jane.
Effie stellte die Teekanne auf den Tisch und setzte sich Jane gegenüber. »Ach, unterschiedlich: Es geht auf und ab.« Sie goß den Tee ein. »Vergangenen Monat hatte Lady Inchelvie alle Hände voll zu tun, um ihre drei Enkel für das Internat auszustatten. Dabei sind sie gar nicht gleich zu Schulanfang hingegangen, weil die Beerdigung ihrer Mutter ja erst ein paar Wochen her war. Außerdem kommt es mir so vor, als wäre sich Mr. David nicht ganz sicher gewesen, ob er sie überhaupt wieder dahin schicken oder sie lieber in die Dorfschule gehen lassen sollte. Vielleicht wären sie da ja besser aufgehoben und auf jeden Fall nicht so weit weg von zu Hause.« Seufzend neigte sie den Kopf. »Soweit ich weiß, wollten die Kinder selbst ins Internat, um mit ihren Freunden zusammenzusein.« Sie schwieg einen Augenblick. Es sah ganz so aus, als billige sie diesen Entschluß in keiner Weise. »Ich weiß nicht. Vielleicht ist es ja ein Trost für sie, wieder ’ne Art festen Tagesablauf zu haben.«
Jane nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. »Vermutlich stimmt das, Effie. Eine andere Umgebung, die ihnen aber dennoch vertraut ist. Macht nicht Sophie demnächst ihren Schulabschluß?«
»Ja. Sie ist ein großartiges kleines Mädchen – so klein eigentlich auch nicht mehr, immerhin fast sechzehn –, und sie kann sich schon bestens um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Sie kommt ganz nach ihrer Mutter.« Bei diesen Worten versagte Effie plötzlich die Stimme, und sie mußte kräftig schlucken, um Haltung zu bewahren. »Ach, Mrs. Spiers, es fällt richtig schwer, sich daran zu gewöhnen, daß Mrs. David nicht mehr bei uns ist.«
Jane beugte sich über den Tisch und tätschelte Effies Hand. »Kann ich mir denken. Mein Mann fragt sich übrigens, ob Krebs nicht unter Umständen Angehörige besser auf das Unausweichliche vorbereitet als beispielsweise ein Herzinfarkt oder ein Verkehrsunfall. Allerdings bin ich nicht seiner Meinung. Der Verlust ist immer entsetzlich, so oder so.«
Mit bebender Unterlippe sah Effie in ihren Schoß und spielte mit ihrer Schürze. Jane riskierte es, das Gespräch fortzuführen.
»Und was ist mit den beiden anderen Kindern?«
Effie holte tief Luft und schenkte nach, obwohl Janes Tasse noch drei Viertel voll war. Man konnte glauben, sie tue das lediglich, um sich zu beschäftigen. Dann nahm sie ein Taschentuch aus der Schürzentasche und wischte sich die Augen.
»Die scheinen besser zurechtzukommen als der Rest der Familie«, antwortete sie. Dabei lächelte sie tapfer, obwohl ihre Stimme ihr noch nicht wieder richtig gehorchte. »Schon beim Abendessen nach der Beerdigung hat Charlie Mr. Davids Bruder in den Ohren gelegen, daß er mit ihm rausgehen sollte, weil er auf dem Rasen einem Rugby-Ball nachrennen wollte. Und so wie’s aussieht, kümmert sich Sophie rührend um das Nesthäkchen Harriet. Ich glaub ja nicht, daß die Kleine das alles schon verarbeitet hat. Ein wahrer Segen, daß alle drei auf derselben Schule sind.« Sie beugte sich zu Jane vor und sagte mit fürsorglichem Blick: »Bestimmt nimmt Sophie sie unter ihre Fittiche, da können Sie sicher sein.«
Jane nickte und lächelte dabei. »Jeder hat seine Rolle im Heilungsprozeß, Effie, nicht zuletzt Sie. Sie gehören ebenso zur Familie wie alle anderen, und ich weiß, wie schwer es allen ohne Sie gefallen wäre, mit der Sache fertig zu werden.«
Die alte Frau, die es nicht gewohnt war, so offen gelobt zu werden, errötete. Während sie Tassen und Untertassen beiseite räumte, sagte sie bescheiden: »Ach, jeder tut doch in einer solchen Situation, was er kann.« Dann klappte sie die Spülmaschine auf und räumte das Geschirr ein.
Jane trug das Milchkännchen zum Kühlschrank. Sie wollte Zeit gewinnen, bevor sie die nächste Frage stellte. »Und wie geht es David?«
Effie sah Jane an. Eine Weile sagte sie nichts. Sie schien verunsichert, während sie erkennbar konzentriert überlegte, was sie antworten sollte. Dann schüttelte sie den Kopf.
»Ich weiß es nicht, Mrs. Spiers. Er hat sich mustergültig um die Kinder gekümmert, wie immer, wenn sie zu Hause waren. Er ist mit ihnen angeln gegangen, hat mit ihnen Tennis gespielt und so weiter, aber ich hatte das Gefühl, als ob ihm was fehlt – jedenfalls ist es mir so vorgekommen –, als wäre das alles rein mechanisch und er mit seinen Gedanken ganz woanders.« Sie lächelte Jane zu, nahm einen Lappen aus dem Spülbecken und wischte damit abwesend über die Abtropffläche. Dann hielt sie inne und nickte bedächtig. »Das Lachen hat gefehlt, geht mir auf, wenn ich so darüber nachdenke.« Sie sah Jane wieder an. »Vielleicht fällt es ihm einfach schwer, an was anderes als an seine Frau zu denken. Sicher wissen Sie von Doktor Spiers, daß er Rachel seit Dezember ohne jede Hilfe ganz allein gepflegt hat.« Sie wandte sich ab und sah aus dem Fenster. Mit brüchiger Stimme fuhr sie fort: »Er war ihr richtig ergeben. Man könnte glauben, ein Teil von ihm wäre mit ihr gestorben.«
Jane ging um den Tisch herum und legte tröstend den Arm um Effies Schulter. »Ich weiß es zu würdigen, daß Sie darüber reden, denn bestimmt fällt Ihnen das sehr schwer.« Da sie das Gefühl hatte, dem schwermütigen Gespräch eine andere Wendung geben zu müssen, sagte sie mit einem Blick zur Uhr über dem Herd: »Was, schon halb vier? Ich hatte ja keine Ahnung, daß es so spät ist.«
Auch Effie sah auf die Uhr. »Ach je, Mrs. Spiers, was tu ich da? Ich sollte mich wirklich nicht so gehenlassen. Kommen Sie, ich bringe Sie zu Lady Inchelvie.«
»Lassen Sie nur«, sagte Jane. »Ich finde den Weg auch allein. Bestimmt haben Sie hier genug zu tun.«
»Nun, wenn Sie meinen. Ich muß noch die Kartoffeln für das Abendessen schälen. Weil Seine Lordschaft heute abend noch eine Versammlung im Dorf hat, wird früher gegessen als sonst.«
»Nur zu. Ich habe Sie schon lange genug von der Arbeit abgehalten.« An der Küchentür drehte sich Jane noch einmal um. »Lassen Sie sich auf keinen Fall unterkriegen, Effie. Sie sind wirklich die Stütze des Hauses. Bleiben Sie so munter und fröhlich, wie Sie immer waren.«
Als Jane die Tür zum Salon öffnete, warf sie die Lautstärke, mit der das Fernsehgerät lief, fast um. Die Kommentare des wie üblich eher leise sprechenden Billard-Berichterstatters hörten sich an, als kämen sie aus einem Megaphon. »… und wenn Hendry jetzt die rosa Kugel richtig trifft, wäre das sein dritter aufeinanderfolgender Spielgewinn.«
Den drei schwarzen Labradorhunden allerdings entging Janes Eintreten trotz der Lautstärke nicht. Sie hoben den Blick und bellten kurz. Als sie merkten, daß sie die Besucherin kannten, kamen sie, munter mit dem Schwanz wedelnd, von ihrem Platz am Kaminfeuer herbeigetrottet.
»Hallo, ihr drei«, sagte Jane und tätschelte ihnen den Kopf.
Im Ohrensessel vor dem Fernseher regte sich eine Gestalt. »Sind Sie das, Effie?«
Die temperamentvolle Begrüßung durch die Hunde hinderte Jane daran, sofort hinüberzugehen, und so rief sie laut: »Nein, Alicia, ich bin’s, Jane.«
Alicia Inchelvie drehte den Kopf und beugte sich leicht vor, um über ihre Lesebrille hinwegzuspähen. »Jane! Wie schön! Was für eine angenehme Überraschung!«
Sie schaltete das Gerät mit der Fernbedienung aus und stand auf, nachdem sie ein großes Knäuel roter Wolle auf zwei riesige Stricknadeln gesteckt hatte. Zu den Hunden gewandt sagte sie: »Legt euch hin und laßt die arme Jane richtig reinkommen.«
Die hochgewachsene Alicia ging auf ihre Besucherin aufrecht, aber ein wenig schwerfällig zu – angesichts ihrer achtundsiebzig Jahre nicht weiter verwunderlich –, wobei die Brille, die ihr an einer Schnur um den Hals hing, von einer Seite zur anderen pendelte. Zu einem eleganten Tweedrock trug sie eine Kaschmir-Strickjacke, und ein Steckkamm hielt ihr weißes Haar am Hinterkopf zusammen. Jane hatte sie seit der Beerdigung vor fünf Wochen nicht gesehen, und obwohl Alicia für ihr Alter erstaunlich gut aussah, hatte diese schwere Zeit unübersehbar ihren Tribut gefordert.