Leseprobe:
1
Mit sechzehn begegnete Zoe McCourt dem Jungen, der ihr Leben verändern sollte. Sie war als Älteste von vier Kindern in den Bergen von West Virginia aufgewachsen. Als sie zwölf war, war ihr Vater bereits mit der Frau eines anderen Mannes abgehauen.
Eigentlich hatte Zoe es nicht als großen Verlust empfunden. Ihr Daddy war ein aufbrausender, mürrischer Mann, der lieber mit seinen Kumpels Bier trank oder die Frau seines Nachbarn vögelte, statt sich um seine Familie zu kümmern. Aber sein Verschwinden war doch schwer für sie gewesen, weil er zumindest seinen Lohn zu Hause abgeliefert hatte.
Ihre Mutter war eine dünne, nervöse Frau, die zu viel rauchte, und sich, nachdem sie verlassen worden war, mit hartnäckiger Regelmäßigkeit Freunde zulegte, die vom gleichen Kaliber waren wie Bobby Lee McCourt. Sie machten sie für kurze Zeit glücklich, auf lange Sicht wütend und traurig, aber sie hielt es nie länger als einen Monat ohne Mann aus.
Crystal McCourt hatte ihre Brut in einem Doppelwohnwagen im Hillside Trailer Park großgezogen. Als ihr Ehemann das Weite gesucht hatte, betrank sie sich sinnlos und fuhr ihm in ihrem gebrauchten Camaro hinterher. Sie ließ Zoe mit ihren Geschwistern bedenkenlos allein.
Drei Tage blieb Crystal weg. Bobby, den »gottverdammten Hurensohn«, hatte sie nicht gefunden, aber sie kam wenigstens nüchtern zurück. Die Jagd nach ihm hatte sie ihre Selbstachtung und ihre Stelle in Debbies Schönheitssalon gekostet. Der Salon war zwar nicht mehr als eine Hütte, aber er hatte ihr wenigstens ein dauerhaftes Einkommen garantiert.
Der Rausschmiss machte Crystal nur noch härter. Sie setzte sich mit ihren Kindern zusammen und erklärte ihnen, es würde zwar ein steiniger Weg werden, aber sie würden es schon schaffen.
Dann hängte sie ihr Kosmetikerdiplom in die Küche des Wohnwagens und eröffnete ihren eigenen Salon. Sie unterbot Debbies Preise und hatte zudem ein geschicktes Händchen für gute Haarschnitte.
Und sie hatten es geschafft. Der Wohnwagen stank zwar ständig nach Peroxyd, Dauerwellen und Zigaretten, aber sie waren klargekommen.
Zoe wusch den Kundinnen den Kopf, fegte die Haare auf und kümmerte sich um ihre drei Geschwister. Als sich herausstellte, dass sie nicht unbegabt war, durfte sie auskämmen oder ab und zu tatsächlich schon mal schneiden.
Dabei träumte sie unentwegt von einem besseren Leben außerhalb des Wohnwagenparks.
In der Schule war sie gut, vor allem in Mathematik. Deshalb führte sie ihrer Mutter auch die Bücher. Schon lange vor ihrem vierzehnten Geburtstag war sie erwachsen, aber das Kind in ihr sehnte sich nach etwas anderem.
So war es keine Überraschung, dass sie im Alter von 16 Jahren auf James Marshall flog. Er war ganz anders als die anderen Jungen, die sie kannte, und nicht nur, weil er drei Jahre älter war als sie, also neunzehn. Nein, er war herumgekommen und hatte vieles gesehen. Und er sah aus wie ein Märchenprinz.
Sein Urgroßvater hatte im Bergwerk gearbeitet, aber an James haftete kein Kohlenstaub. Den hatten die späteren Generationen gründlich weggeschrubbt. Mittlerweile besaß seine Familie Geld. Ihnen gehörte das größte und prächtigste Haus in der Stadt, und James und seine jüngere Schwester gingen beide auf Privatschulen.
Die Marshalls gaben gerne große, rauschende Feste, und dann ließ Mrs. Marshall Crystal immer ins Haus kommen, damit sie sie frisierte. Oft begleitete Zoe sie, um Mrs. Marshall zu maniküren.
Zoe träumte von diesem Haus. Es war so sauber und voller Blumen und hübscher Dinge. Für sie war es ein tröstlicher Gedanke zu wissen, dass man wahrhaftig so wohnen konnte – und nicht alle Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht in einem Wohnwagen lebten, in dem es nach Chemie und kaltem Rauch roch.
Eines Tages wollte sie in genau so einem Haus wohnen, gelobte sie sich. Es brauchte ja nicht unbedingt so groß und prächtig wie das der Marshalls zu sein, aber auf jeden Fall sollte es ein richtiges Haus mit einem kleinen Garten sein.
Und eines Tages würde sie in all die Orte reisen, von denen Mrs. Marshall ständig erzählte – nach New York, nach Paris oder Rom.
Sie sparte jeden Penny von ihrem Trinkgeld und der Bezahlung, die sie für ihre Nebenjobs bekam, und da sie gut mit Geld umgehen konnte, hatte sie mit sechzehn bereits vierhundertvierzehn Dollar auf einem geheimen Sparkonto angesammelt.
Als sie im April sechzehn wurde, verdiente sie sich zusätzlich etwas, indem sie auf einer der Partys, die die Marshalls gaben, servierte.
Damals trug sie ihre dicken, schwarzen Haare lang und offen. Sie war zwar immer schlank gewesen, entwickelte jetzt jedoch darüber hinaus weibliche Kurven, sodass ihr die Jungen in Scharen hinterherliefen. Aber sie hatte keine Zeit für Jungen – jedenfalls nicht viel.
Sie hatte große, goldbraune Augen, die nachdenklich und forschend blickten, und volle Lippen, die sich nur selten zu einem Lächeln verzogen. Ihre Gesichtszüge waren klar und leicht exotisch, was einen interessanten Kontrast zu ihrer angeborenen Schüchternheit bildete.
Was man ihr auftrug, erledigte sie perfekt, aber sie war äußerst zurückhaltend.
Vielleicht hatten es ja ihre Schüchternheit, ihr verträumter Blick oder ihre ruhige, kompetente Art James angetan. Auf jeden Fall flirtete er an jenem Vorfrühlingsabend mit ihr und brachte sie so durcheinander, dass sie schließlich einwilligte, sich wieder mit ihm zu treffen.
Sie trafen sich heimlich, was den romantischen Reiz erhöhte. Dass jemand wie James ihr seine Aufmerksamkeit schenkte, überwältigte Zoe. Er hörte ihr zu, und nach und nach verlor sie ihre Schüchternheit und vertraute ihm ihre Träume und Hoffnungen an.
Er war lieb zu ihr, und wann immer sie sich wegstehlen konnte, unternahmen sie lange Autofahrten oder saßen einfach nur unter dem Sternenhimmel und redeten.
Dabei blieb es natürlich nicht.
Er sagte, er liebe sie. Er sagte, er brauche sie.
Und in einer warmen Juninacht nahm er ihr auf einer roten Decke, die sie auf dem weichen Waldboden ausgebreitet hatten, ihre Unschuld.
Auch danach blieb er lieb und aufmerksam und versprach, sie würden ewig zusammenbleiben. Sie glaubte ihm, und er glaubte wahrscheinlich selber daran.
Alles jedoch hat seinen Preis, und so musste Zoe dafür bezahlen, dass sie jung und naiv gewesen war. Allerdings wurde James gleichfalls nicht geschont, und vielleicht kostete ihn das sogar mehr als sie. Sie hatte zwar ihre Unschuld verloren, er jedoch einen viel größeren Schatz.
Sie warf dem Schatz einen Blick zu. Ihr Sohn.
Simon hatte ihrem Leben eine völlig neue Richtung, einen neuen Sinn gegeben. Das Kind hatte eine erwachsene Frau aus ihr gemacht.
Sie hatte ihr Haus bekommen – ein kleines Haus mit einem kleinen Garten –, und das hatte sie ganz alleine geschafft. An all die wundervollen Orte war sie zwar nicht gereist, von denen sie geträumt hatte, aber sie hatte alle Wunder der Welt durch die Augen ihres Sohnes gesehen.
Und jetzt, fast zehn Jahre nachdem sie ihn zum ersten Mal im Arm gehalten und ihm versprochen hatte, dass sie ihn nie im Stich lassen würde, sorgte sie dafür, dass ihr Sohn mehr vom Leben zu erwarten hatte.
Zoe McCourt, das schüchterne Mädchen aus den Hügeln von West Virginia, war dabei, ihr eigenes Geschäft in dem hübschen Städtchen Pleasant Valley in Pennsylvania zu eröffnen, zusammen mit zwei Frauen, die in nur zwei Monaten für sie zu Schwestern und Freundinnen geworden waren.
»Luxus«. Ihr gefiel der Name. Genau das sollte es für die Kunden sein. Zwar würden sie und ihre Freundinnen hart arbeiten müssen, aber auch das war in gewisser Weise Luxus, weil sie es durften und stets davon geträumt hatten, selbständig zu sein.
Malory Prices Galerie für Kunst und Kunsthandwerk würde auf einer Seite im Parterre ihres gemeinsamen Hauses eingerichtet werden, Dana Steeles Buchhandlung auf der anderen. Und ihr eigener Salon würde sich im ersten Stock befinden.
Nur noch ein paar Wochen, dachte Zoe. In ein paar Wochen war alles fertig, und sie konnten eröffnen.
Bei dem Gedanken daran krampfte sich ihr der Magen zusammen, aber nicht nur aus Angst, sondern gleichzeitig vor Aufregung.
Sie wusste genau, wie ihr Salon aussehen würde. Kräftige Farben und viel Licht im eigentlichen Salon, weichere, entspannendere Töne in den Behandlungsräumen. Kerzen würden Duft und Atmosphäre verbreiten, und an den Wänden würden interessante Bilder hängen. Und die Beleuchtung würde erstklassig und schmeichelhaft sein.
Luxus für Kopf, Körper und Geist, das wollte sie ihren Kunden geben.
Heute Abend fuhr sie vom Valley, wo sie wohnte und wo sie auch ihr Geschäft eröffnen würde, in die Hügel, um sich ihrem Schicksal zu stellen. Simon starrte leicht mürrisch aus dem Fenster. Er war nicht glücklich, weil sie ihn gezwungen hatte, seinen Anzug anzuziehen.
Aber wenn man in einem Haus wie Warrior’s Peak zum Abendessen eingeladen war, musste man sich halt passend kleiden.
Gedankenverloren zupfte sie am Saum ihres Kleides. Sie hatte es günstig in einem Outlet erstanden und hoffte nur, dass der dunkelrote Jerseystoff dem Anlass entsprach.
Vielleicht hätte sie sich besser ein kleines Schwarzes kaufen sollen, überlegte sie. Das hätte bestimmt würdevoller und nüchterner gewirkt. Doch sie liebte nun einmal Farben, und gerade heute Abend musste sie etwas für ihr Selbstvertrauen tun. Schließlich würde es einer der denkwürdigsten Abende in ihrem Leben werden, und da war es angebracht, dass sie ein Kleid trug, in dem sie sich wohl fühlte.
Zoe presste die Lippen zusammen. Sie musste jetzt endlich ihrem Sohn erklären, was es mit dem heutigen Abend auf sich hatte. Die Frage war nur, wie sollte sie es einem Neunjährigen verständlich machen?
»Ich glaube, wir sollten mal darüber sprechen, warum wir heute Abend zum Warrior’s Peak fahren«, begann sie.
»Ich wette, außer mir trägt keiner einen Anzug«, murrte Simon.
»Ich wette, da irrst du dich.«
Er warf ihr einen listigen Blick von der Seite zu. »Um einen Dollar.«
»Okay, um einen Dollar«, willigte sie ein.
Er sah ihr so ähnlich, dachte sie voller Stolz und Freude. War es nicht seltsam, dass er so gar nichts von James hatte? Er hatte ihre Augen, ihren Mund, ihre Nase, ihre Haare.
»Na ja.« Sie räusperte sich. »Weißt du noch, wie ich vor zwei Monaten die Einladung dorthin bekommen habe? Und dass ich dort Malory und Dana kennen gelernt habe?«
»Ja klar, daran kann ich mich erinnern. Weil du mir am nächsten Tag Playstation zwei gekauft hast, und dabei hatte ich nicht mal Geburtstag.«
»Geschenke ohne Anlass sind die besten.« Sie hatte Simons Herzenswunsch damals erfüllen können, weil sie sich auf das ... Fantastische eingelassen und dafür fünfundzwanzigtausend Dollar bekommen hatte.
»Du kennst Malory und Dana, und du kennst Flynn, Jordan und Bradley.«
»Ja, wir sind ja viel mit ihnen zusammen. Sie sind cool. Für alte Leute«, fügte er grinsend hinzu, weil er wusste, dass es sie zum Lachen bringen würde.
Aber sie lachte nicht.
»Ist irgendwas mit ihnen?«, fragte er alarmiert.
»Nein, nein. Es ist alles in Ordnung.« Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe. »Äh, manchmal sind Menschen irgendwie miteinander verbunden, ohne es zu wissen. Ich meine, Dana und Flynn sind Geschwister – na ja, Stiefbruder und Stiefschwester, und dann hat Dana sich mit Malory angefreundet, und Malory hat Flynn kennen gelernt, und ehe sie wussten, was los war, haben sich Malory und Flynn ineinander verliebt.«
»Willst du mir jetzt eine Liebesgeschichte erzählen? Ich muss gleich kotzen.«
»Dann sieh zu, dass du dich rechtzeitig aus dem Fenster beugst. Also, Flynns älteste Freunde sind Jordan und Bradley. Und als sie jünger waren, da, na ja, da sind Jordan und Dana häufiger miteinander ausgegangen.« Sicherer konnte eine Mutter es doch kaum formulieren. »Jordan und Bradley sind von hier weggezogen, aber dann kamen sie wieder, zum Teil wegen dieser Verbindung, auf die ich gleich komme. Und auch Jordan und Dana kamen wieder zusammen, und ...«
»Und jetzt wollen sie heiraten und Flynn und Malory ebenfalls. Das ist wie eine Seuche.« Simon hatte sich ihr zugewandt und verzog gepeinigt das Gesicht. »Wenn wir zu den Hochzeiten gehen wie zu der von Tante Joleen, dann muss ich bestimmt wieder einen Anzug anziehen, was?«
»Ja, es gehört zu meinen stillen Freuden, dich zu quälen. Ich will dir doch nur erklären, dass wir alle auf die eine oder andere Art miteinander verbunden sind. Und da ist noch was. Ich habe dir bisher nicht viel von den Leuten, die in Warrior’s Peak wohnen, erzählt.«
»Das sind die magischen Leute.«
Zoe zuckte zusammen. Sie wurde langsamer und fuhr rechts an den Straßenrand. »Wie kommst du auf ›magische Leute‹?«
»Himmel, Mom, ich höre euch doch reden, wenn ihr eure Treffen und so habt. Sind sie denn Zauberer oder so was? Ich verstehe das nicht.«
»Nein. Ja. Ach, ich weiß nicht genau.« Wie sollte sie einem Kind erklären, was Götter waren? »Glaubst du an Zauberei, Simon? Ich meine damit keine Kartentricks, sondern Dinge, wie sie in "Harry Potter" oder "Der kleine Hobbit" beschrieben werden.«
»Wenn das nicht manchmal Wirklichkeit wäre, warum sollte es dann so viele Bücher und Filme darüber geben?«
»Guter Gedanke«, erwiderte Zoe. »Rowena und Pitte, die wir heute Abend auf dem Peak besuchen, sind magisch. Sie kommen von woanders, und sie leben hier, weil sie unsere Hilfe brauchen.«
»Warum?«
Jetzt hatte sie seine Aufmerksamkeit endgültig errungen.
»Das werde ich dir erzählen. Es klingt zwar wie eine erfundene Geschichte, ist aber keine. Ich muss allerdings beim Reden weiterfahren, sonst kommen wir zu spät.«
»Okay.«
Sie holte tief Luft. »Vor langer, langer Zeit lebte an einem Ort hinter dem so genannten Vorhang der Träume oder Vorhang der Macht, wie er gleichzeitig genannt wird, ein junger Gott ...«
»Wie Apollo?«
»Ja, so ähnlich, aber kein griechischer Gott, sondern ein keltischer. Er war der Sohn des Königs. Und als er alt genug war, besuchte er unsere Welt, lernte ein Mädchen kennen und verliebte sich in sie.«
Simons Mundwinkel zuckten. »Warum passiert denn so was pausenlos?«
»Können wir das später besprechen? Jetzt haben wir zu wenig Zeit. Also, sie verliebten sich, und seine Eltern erlaubten ihm, das Mädchen mit nach Hause zu bringen, damit er es heiraten konnte, obwohl es eigentlich damals nicht erlaubt war. Einige der Götter hatten nichts dagegen, aber andere schon. Es gab Kämpfe und ...«
»Cool.«
»Und die Welt teilte sich in zwei Reiche auf. Ja, so könnte man sagen. Eins, in dem der junge Gott mit seiner menschlichen Frau regierte, und eins, in dem ein böser Zauberer herrschte.«
»Voll cool.«
»Der junge König hatte drei Töchter. Sie wurden als Halbgöttinnen bezeichnet, weil sie ja eine menschliche Mutter hatten. Jede der Töchter hatte eine besondere Begabung. Bei der einen war es Musik und Kunst, bei der anderen war es Schreiben und Wissen, und bei der dritten war es Mut und Tapferkeit.«
Bei dem Gedanken daran bekam sie einen trockenen Mund. Sie schluckte und fuhr fort: »Sie war so eine Art Kriegerin. Die Schwestern standen einander sehr nahe, und ihre Eltern liebten sie. Damit ihnen in diesen unruhigen Zeiten nichts passierte, ließen sie sie von einem Krieger und einer Lehrerin bewachen. Dann – und jetzt halt dich zurück – verliebten sich der Krieger und die Lehrerin ineinander.«
Simon ließ den Kopf zurücksinken und verdrehte die Augen. »Ich wusste es.«
»Da die Töchter keine sarkastischen neunjährigen Jungen waren, freuten sie sich für die beiden und gaben ihnen Gelegenheit, sich ab und zu zurückzuziehen. Dadurch waren sie jedoch nicht mehr so gut bewacht, wie es nötig gewesen wäre. Das nutzte der böse Zauberer zu seinem Vorteil, und er schlich sich heran und belegte sie mit einem Fluch. Durch den Zauberspruch wurden die Seelen der Töchter gestohlen und in einem Glaskasten mit drei Schlössern und drei Schlüsseln eingesperrt.«
»Mann, das tut doch weh.«
»Ja, bestimmt. Die Seelen waren also in dem Kasten gefangen und konnten nur heraus, wenn die Schlüssel von menschlicher Hand einer nach dem anderen in den Schlössern umgedreht wurden.«
Da ihre Finger prickelten, rieb sie damit über den Rock ihres Kleides. »Weißt du, eben weil sie halb menschlich waren, machte der Zauberer es so, dass sie nur von Menschen gerettet werden konnten, weil er das für unmöglich hielt. Die Lehrerin bekam die Schlüssel – mit denen sie allerdings nichts anfangen konnte –, und sie und der Krieger wurden verbannt und in unsere Welt geschickt. In jeder Generation mussten sie nun drei Menschen, die dafür ausersehen waren, den Kasten zu öffnen, ausfindig machen und sie bitten, nach den Schlüsseln zu suchen. Und jeder einzelne Mensch hatte dafür nur vier Wochen Zeit.«
»Wow, und du musst einen Schlüssel finden? Warum bist gerade du ausgesucht worden?«
Zoe stieß die Luft aus. Ihr Sohn war wirklich ein intelligenter und logisch denkender Junge. »Ich weiß nicht genau. Mal, Dana und ich sehen aus wie die Töchter. Die Glastöchter heißen sie. Rowena ist eine Künstlerin, und oben auf dem Peak hängt ein Bild von ihnen, das sie gemalt hat. Es ist alles irgendwie miteinander verknüpft, Simon. Wir haben eine Verbindung untereinander, mit den Schlüsseln und mit den Töchtern. Man könnte es vermutlich als Schicksal bezeichnen.«
»Und wenn ihr die Schlüssel nicht findet, dann bleiben sie in dem Kasten gefangen?«
»In dem Kasten sind ihre Seelen. Ihre Körper liegen in Glassärgen, wie bei Schneewittchen, und warten.«
»Rowena und Pitte sind die Lehrerin und der Krieger.« Er nickte. »Und du und Malory und Dana, ihr müsst die Schlüssel finden und alles in Ordnung bringen.«
»So ungefähr. Malory und Dana waren schon an der Reihe und haben ihre Schlüssel gefunden. Jetzt bin ich dran.«
»Du findest ihn bestimmt.« Er sah sie ernst an. »Du findest ja auch immer alles, was ich verloren habe.«
Wenn es nur so einfach wäre wie ein verlorenes Spielzeug ihres Sohnes zu finden, dachte sie. »Ich werde mich jedenfalls sehr bemühen. Der Zauberer – sein Name ist Kane – hat versucht, uns aufzuhalten, Simon. Er wird es auch bei mir versuchen. Er kann einem wirklich Angst einjagen, aber ich werde trotzdem mein Bestes tun.«
»Du wirst ihn in den Hintern treten.«
Das Lachen löste ein wenig den Knoten in ihrem Magen.