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Der Mädchenmaler. cbt, Band 30193

   von Monika Feth

buch.de-Verkaufsrang:
5817
ISBN-10:
3-570-30193-1
ISBN-13:
978-3-570-30193-7
Erschienen:
09.2005
Sofort lieferbar
Aus der Reihe:
«cbt»
Einband:
kartoniert/broschiert
Sonstiges:
18,5 cm
Seitenzahl:
382
Gewicht:
415 g
Erschienen bei:
Bertelsmann Verlag

Beschreibung

An die Freundin ihres neuen Mitbewohners, Ilka, kommen Jette und Merle nicht wirklich heran. Dann verschwindet sie plᅵtzlich spurlos. Die Polizei tappt im Dunkeln. Jette beginnt auf eigene Faust zu ermitteln ᅵ und kommt bald einem dunklen Kapitel in Ilkas Vergangenheit auf der Spur ᅵ Hochspannung fᅵr Thriller-Fans: Jettes zweiter Fall "Jugendliche Krimileser mit einer Vorliebe fᅵr realistische Alltagsschilderungen und psychologischen Hintergrund, wie wir sie in den Krimis aus Skandinavien kennen, finden in diesem Roman alles, was auch in Krimis fᅵr Erwachsene fasziniert: Auᅵergewᅵhnliche Charaktere und einen Spannungsbogen, der auch dann noch fesselt, als die Leser lᅵngst begriffen haben, wer der Mᅵrder ist. Ein ungewᅵhnlich gelungener Kriminalroman mit drei jugendlichen Heldinnen im Mittelpunkt." Sᅵddeutsche Zeitung zu "Der Erdbeerpflᅵcker"

Leseprobe

Lautlos und ohne Licht glitt der graue Mercedes heran und blieb stehen. Es war kurz nach acht. Feiner Nebel zog seine Schleier um die Laternen. Die geparkten Wagen waren vereist. Reif lag auf den Dᅵchern und auf den ᅵsten der Bᅵume, kaum zu erkennen, eher zu erahnen.
Die Fenster der Hᅵuser sahen aus wie gelbe Augen. Der Blick dieser Augen war kᅵhl und unbeteiligt.
Ein Hund bellte. Eine Radiostimme drang aus einem trotz der Kᅵlte halb offen stehenden Garagentor. Eine Tᅵr knallte zu. Entfernt war das Signal eines Notarztwagens, der Polizei oder der Feuerwehr zu hᅵren. Der Rauch aus den Schornsteinen wurde zu Boden gedrᅵckt. Es wᅵrde ein schwerer, verhangener Tag werden.
Der graue Mercedes wurde von niemandem bemerkt. Keinem fiel auf, dass ein Mann darin saᅵ, der aufmerksam eines der Hᅵuser beobachtete. Er saᅵ da, dunkel und still hinter den getᅵnten Scheiben, reglos, wie aus Stein. Und weil ihn niemand bemerkte, war es, als wᅵre er ᅵberhaupt nicht da.
Ilka fᅵhlte sich frisch und ausgeruht. Die Zwillinge hatten trotz ihrer heftigen Erkᅵltung durchgeschlafen und sie nicht, wie in den Nᅵchten davor, abwechselnd durch Hustenattacken wach gehalten. Nach einem flᅵchtigen Blick aus dem Fenster hatte sie sich fᅵr den dicken Rollkragenpulli entschieden. Er war das letzte Geschenk ihrer Mutter, und sie genoss jeden einzelnen Tag, an dem sie ihn trug. Manchmal meinte sie, noch einen Hauch von dem Parfᅵm in ihm wahrzunehmen, das ihre Mutter immer benutzt hatte. Doch dann sagte sie sich, dass das unmᅵglich war. Vielleicht hatte Tante Marei ja Recht, wenn sie behauptete, sie habe eine blᅵhende Phantasie.
Der Pullover war rostrot und passte wunderbar zu Ilkas dunkelroten Haaren. Herbstmᅵdchen hatte die Mutter sie immer genannt. Ilka hatte das Wort schᅵn gefunden. Und sich selbst. Wenigstens dann und wann. Inzwischen war alles anders geworden. Das Herbstmᅵdchen war Erinnerung. Erinnerungen aber lieᅵ Ilka lᅵngst nicht mehr zu.
Bevor sie das Licht ausmachte, sah sie sich prᅵfend um. Alles in Ordnung. Das Tagebuch war versteckt. Es lag nichts herum, was niemand finden durfte.
Ilka lief die Treppe hinunter. Tante Marei saᅵ vor den Frᅵhstᅵcksresten und las Zeitung. Die Zwillinge waren in die Schule gegangen. Zwei Tage Schonzeit mussten bei einer Erkᅵltung ausreichen, da war Tante Marei eisern. Solange man den Kopf nicht unterm Arm trug, hatte man seine Pflicht zu erfᅵllen. Basta.
ᅵIch bin dann weg.ᅵ
Ilka schlᅵpfte in die Lammfelljacke. Sie hatte sie in einem Secondhandladen gᅵnstig erstanden und liebte sie heiᅵ und innig.
ᅵWillst du denn nicht frᅵhstᅵcken?ᅵ
Manchmal hatte Tante Mareis Stimme diesen klagenden Unterton. Als wᅵre alles, was man tat oder nicht tat, gegen sie gerichtet. Dabei war sie eigentlich eine starke, zupackende Frau. Wehleidigkeit passte gar nicht zu ihr.
ᅵBin spᅵt dran. Ich nehm mir was mit.ᅵ
Ilka inspizierte die Obstschale, entschied sich fᅵr zwei Bananen, verstaute sie in ihrem Rucksack und gab Tante Marei einen Kuss auf die Wange.
ᅵKind! Du bist so dᅵnn geworden!ᅵ
Tante Marei hatte Ilka den Arm um die Hᅵften gelegt und sah besorgt zu ihr auf. In ihrem Blick steckten viele Fragen.
ᅵHeute Abend hau ich reinᅵ, sagte Ilka. ᅵEhrenwort.ᅵ
Tante Marei sah ihr mit einem kleinen Lᅵcheln nach. Es gab Ilka einen Stich. Fast war es, als sᅵᅵe ihre Mutter da am Tisch.
Blᅵhende Phantasie, dachte sie und wickelte sich den Schal um den Hals. Es stimmt schon. Ich sollte besser mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und nicht ᅵberall Gespenster sehen.
Sie ging durch den unaufgerᅵumten Flur und spᅵrte wieder, wie sehr sie dieses Haus liebte. Es war weder besonders schᅵn noch irgendwie auᅵergewᅵhnlich, nicht modern und nicht so alt, dass es voller Geschichten gesteckt hᅵtte ᅵ es war ein Haus wie viele in der Siedlung. Aber sie war darin willkommen. Das machte es zu etwas Einzigartigem. Es war ihr Zuhause, immer bereit, sie aufzunehmen und zu beschᅵtzen. War es nicht das, was ein Haus tun sollte? War es nicht das, wonach sie sich gesehnt hatte? Ruhe, Schutz und Geborgenheit. All das bekam sie durch das Haus. Hier fᅵhlte sie sich in Sicherheit. Zum ersten Mal seit langem.
Ilka schloss die Haustᅵr, spᅵrte die Kᅵlte auf dem Gesicht
und sog tief die Luft ein. Das Bellen eines Hundes von irgendwoher klang wie ein Versprechen. Das Leben war schᅵn. Fast war sie bereit, daran zu glauben.
Die Scheiben waren beschlagen. Das war gut so. Es hielt neugierige Blicke ab. Vorsichtig wischte Ruben mit den Fingern ᅵber die Windschutzscheibe. Und da sah er sie. Atemlos beugte er sich vor.
Sie war wunderschᅵn. Selbst auf diese Entfernung konnte man das erkennen. Ihr Gesicht schimmerte hell im Licht der Laterne, das Haar hatte sie (achtlos, das wusste er) unter eine Wollmᅵtze gestopft. Er mochte es lieber, wenn sie es auf die Schultern fallen lieᅵ. Sie hatte prᅵchtiges Haar, das es nicht vertrug, gebᅵndigt zu werden.
Ruben verstand nicht, warum sie ein solches Leben gewᅵhlt hatte. Ein kleines, nichts sagendes Spieᅵerhaus, umgeben von anderen Spieᅵerhᅵusern. Wie wertlose Glasperlen an einer Schnur zogen sie sich an der Straᅵe entlang, eingebettet in schmale Vorgᅵrten, in denen zurechtgestutzte Strᅵucher vom kᅵhlen Licht chromfarbener Solarlampen beleuchtet wurden.
Was hatte sie verloren in einer Nachbarschaft mit gerafften Tᅵllgardinen vor den Fenstern? Mit pedantisch aufgereihten Mᅵlltonnen, eine schwarz, eine gelb und eine blau? Wo nichts und niemand aus der Reihe tanzte, nicht mal die gefleckte Katze da, die vor einer der Tᅵren hᅵflich, aber vergeblich um Einlass bat, statt sich woanders ein verstᅵndnisvolleres Zuhause zu suchen?
Sein Handy klingelte. Er sah auf das Display. Die Architektin. Das hatte Zeit. Er wollte jetzt nicht gestᅵrt werden. Von niemandem. Er schaltete das Handy aus. Alles, jedes Gerᅵusch war eine Stᅵrung, wenn er in dieser Stimmung war, an gestern dachte, an heute und an morgen.
Ilka holte ihr Rad aus der Garage. Klein und verloren sah sie aus im ersten grauen Licht, das ᅵber die Dᅵcher kroch und sich in den kahlen ᅵsten der Bᅵume verfing. Als sie an ihm vorbeiradelte, wandte er den Kopf ab. Sein Herz klopfte zum Zerspringen.
Er schloss die Augen. Allmᅵhlich beruhigte er sich wieder. Er wᅵrde ihr nicht nachfahren. Das tat er nie. Er hatte es sich abgewᅵhnt, seinen Gefᅵhlen nachzugeben. Kᅵhl und beherrscht musste er bleiben, dann wᅵrde alles gut werden.
Eine Weile starrte er weiter das Haus an, in dem sie wohnte. Nummer siebzehn. Ilkas Lieblingszahl. Doch das war natᅵrlich Zufall gewesen. Obwohl sie es vermutlich fᅵr eine Fᅵgung des Schicksals gehalten hatte. Sie vertraute gern auf das Schicksal, die Sterne oder hᅵhere Mᅵchte.
Hinter dem Kᅵchenfenster bewegte sich ein Schatten. Ruben presste die Zᅵhne zusammen. Seine Hᅵnde verkrampften sich um das Lenkrad. Nein. Er durfte sich nicht gehen lassen. Es war wichtig, dass er einen klaren Kopf behielt. Seine Gefᅵhle hatten ihm schon so oft einen Streich gespielt. Das durfte nicht noch einmal passieren.
Ilka. Er wᅵrde nur an sie denken. An nichts anderes.
Ein Lᅵcheln huschte ᅵber sein hageres Gesicht. Er schob die Brille zurᅵck, die er zum Autofahren brauchte. Ilka. Er liebte ihren Namen. Und er war froh, dass wenigstens er ihm geblieben war. Alles andere hatte sie ihm genommen, damals, als sie ᅵber Nacht verschwunden war und sich in diesem spieᅵigen Albtraum verschanzt hatte.
Was fᅵr ein Leben fᅵhrte sie hier? Falsch war es und verlogen. Ein Leben, das nicht zᅵhlte, weil es nicht ihr wirkliches Leben war. Sie konnte unmᅵglich glᅵcklich sein. Das spielte sie den anderen doch nur vor.
Merkte jemand, dass sie eine Betrᅵgerin war? Spᅵrte man es, wenn man vor ihr stand und ihr in die Augen blickte? Oder glaubten ihr die Menschen, die sie kannten?
Alle hatten Ilka stets geglaubt. Immer. Auch er selbst. Nur zum Schluss, da waren die Zweifel ᅵbermᅵchtig geworden. Aber er hatte zu spᅵt reagiert und nichts mehr ᅵndern kᅵnnen.
Er nahm den Schwamm aus dem Ablagefach in der Tᅵr und wischte damit ᅵber die Windschutzscheibe. Dann startete er den Motor. Langsam fuhr er los. Bis zur nᅵchsten Ecke ohne Licht. Er wᅵrde seinen Fehler korrigieren. Und darauf achten, keinen zweiten zu machen.
Ich stopfte die Bᅵcher in den Rucksack und sah mich noch einmal in der Kᅵche um. Alle Gerᅵte ausgeschaltet, Fenster zu, warum also war ich nicht lᅵngst drauᅵen?
Irgendwie war ich in diesem Winter wie gelᅵhmt. Es kam mir vor, als wᅵren all meine Bewegungen verlangsamt. Nicht eben wie in Zeitlupe, aber auch nicht weit davon entfernt. Alles strengte mich an. Ich musste aufpassen, dass ich beim Gehen die Fᅵᅵe hob und nicht schlurfte.
Ich hatte verschlafen. Nach dem Aufstehen war mir speiᅵbel gewesen. Und schwindlig. Ich hatte mich beim Duschen an der Wand abgestᅵtzt, um nicht hinzufallen.
Wahrscheinlich hatte ich niedrigen Blutdruck. Vielleicht kamen meine Beschwerden aber auch nur daher, dass ich unglᅵcklich war. Ich hatte eine Liebe gefunden und verloren und fᅵhlte mich so abgrundtief allein wie niemals zuvor.
Nein. Nein! Ich wollte nicht daran denken.
Ich durfte es auch nicht. Wochenlang war ich krank gewesen und hatte mich nur mᅵhsam, Schritt fᅵr Schritt, wieder erholt. Ich durfte nicht zurᅵckfallen, nicht wieder zu diesem willenlosen Etwas werden, das nur dank der maᅵlosen Geduld und Zuwendung von Familie und Freunden ᅵberlebt hatte.
Meine Mutter und Merle waren fᅵr mich da gewesen. Sie hatten mich abgeschirmt und beschᅵtzt. Auch meine Groᅵmutter hatte mir sehr geholfen. Sie hatte mir Bᅵcher und CDs mitgebracht, mir vorgelesen und mit mir zusammen Musik gehᅵrt. Und manchmal hatte sie einfach nur bei mir gesessen und mit mir geschwiegen.
Tilo, der Freund meiner Mutter, war mir vertrauter geworden in dieser Zeit.
ᅵWeil du dich irgendwie verᅵndert hastᅵ, hatte ich zu ihm gesagt.
Er hatte den Kopf geschᅵttelt und mich angelᅵchelt mit diesem ganz speziellen Tilo-Lᅵcheln, die Augen ein bisschen zusammengekniffen, die Lippen beinah spᅵttisch verzogen. Das typische Psychologenlᅵcheln, wie meine Mutter es nannte.
ᅵNeinᅵ, hatte er gesagt. ᅵDu bist diejenige, die sich verᅵndert hat.ᅵ
Wahrscheinlich waren wir alle anders geworden. Durch die schrecklichen Erfahrungen, die wir gemacht hatten, jeder fᅵr sich.
Meine Freundin Caro war ermordet worden und ich hatte mich in ihren Mᅵrder verliebt. Merle mit ihrer Hartnᅵckigkeit hatte mir das Leben gerettet.
Es hatte in sᅵmtlichen Zeitungen gestanden. Jeder hatte sich das Maul darᅵber zerrissen. Es war nicht mehr Caros, Merles und meine Geschichte gewesen. Plᅵtzlich hatte sie jedem gehᅵrt. Sogar auf der Straᅵe hatten die Leute darᅵber gesprochen. Sie taten es immer noch.
Aufhᅵren! Nicht weiterdenken.
Manche Tage ᅵberlebte ich nur dadurch, dass ich jede Erinnerung an damals verdrᅵngte. Dadurch, dass ich meinen Kopf leer machte und keinen Gedanken zulieᅵ, der mich beunruhigen konnte.
Ich sollte nicht alles so schwer nehmen. Es gab einfach diese Tage, an denen alles schief ging, an denen schon der Morgen falsch begann. Das hier war so ein Tag.
Drauᅵen schlug mir die Kᅵlte ins Gesicht. Ich beschloss, den Wagen zu nehmen. Obwohl er aussah wie aus der Gefriertruhe gezogen. Das bedeutete mindestens fᅵnf Minuten Kratzen und war nicht gerade dazu angetan, mein Wohlbefinden zu steigern.
Die Pulswᅵrmer, die meine Groᅵmutter mir zu Weihnachten geschenkt hatte, waren schon nass, und die Windschutzscheibe war immer noch zur Hᅵlfte vereist. Ich merkte, dass ich kaum Kraft in den Fingern hatte, und wᅵre am liebsten umgekehrt.
Weichei, sagte die lᅵstige, vorwurfsvolle Stimme in mir, die sich immer dann meldete, wenn mir nach Jammern zumute war. Hast du dich nicht lang genug im Bett verkrochen?
Wochenlang, ja. Ganz allmᅵhlich erst steckte ich die Nase wieder in die Luft.
Vielleicht war meine Schwᅵche aber auch gar kein Zeichen fᅵr einen Rᅵckfall. Vielleicht brᅵtete ich bloᅵ eine Erkᅵltung aus und war deshalb so wacklig auf den Beinen. Oder das Frᅵhstᅵck fehlte mir. Ich bin nicht der Typ, der auf nᅵchternen Magen eine Tasse Kaffee runterschᅵttet, aus dem Haus stᅵrmt und fit ist fᅵr den Alltag mit seinen Tᅵcken. Ich brauche mein finnisches Knᅵckebrot, meinen Kᅵse und meinen Tee, um den Menschen und mir gewachsen zu sein. Vor allem mir.
Im Auto war es genauso kalt wie drauᅵen, jedenfalls kam es mir so vor. Weiᅵ strᅵmte der Atem aus meinem Mund. Das Lenkrad fᅵhlte sich an, als wᅵre es aus Eis.
ᅵBitte! Spring an!ᅵ, flehte ich und versuchte, den Motor zu starten. Beim fᅵnften Mal gelang es mir. Ich schnallte mich an und fuhr los.
Ich machte das Radio an und drehte die Heizung auf die hᅵchste Stufe. Meine Schultern waren so verkrampft, dass ich kaum schalten konnte. Ein stechender Schmerz kroch mir in den Nacken und von da aus in den Kopf.
Es dᅵmmerte. Die kahlen Bᅵume standen schwarz vor dem unmerklich hell werdenden Himmel. Ihre ᅵste und Zweige waren wie Scherenschnitte, die man gegen das Licht hᅵlt.
Schᅵn. Wunderschᅵn.
Wie schnell war man tot, wenn man mit hundert gegen einen Baum prallte? Spᅵrte man noch Schmerzen oder war es sofort aus? Wᅵrde es auch fᅵr mich eine Lichtgestalt geben, die mich abholte?
Caro.
Ich durfte nicht so denken. Ich musste mich ablenken. Ich hatte schon viel zu viel Zeit mit dem Tod verbracht.
Caro. Wo war sie jetzt? Ging es ihr gut?
Beim Kreisel kehrte ich um. Meine Kraft reichte nicht aus fᅵr einen langen Vormittag in der Schule. Ich brauchte Ruhe. Und Schlaf. Damit ich aufhᅵren konnte mit diesen Gedanken, die mich seit damals quᅵlten.
Damals. Als alles aufgehᅵrt hatte.
Ruben hatte sich mit der Architektin verabredet und war auf dem Weg zu ihr. Sie traf keine wichtige Entscheidung, ohne sich vorher mit ihm zu beraten. Es war nicht leicht gewesen, sie zu erziehen. Anfangs hatte sie ganz die erfolgreiche Geschᅵftsfrau raushᅵngen lassen, die ihre Schritte nicht zur Diskussion stellte. Aber er hatte ihr klar gemacht, dass er es war, der sie bezahlte. Irgendwann hatte sie es begriffen. Geld war letztlich immer ein unschlagbares Argument. Was wᅵrde er nur tun, wenn er keins hᅵtte? Ihn frᅵstelte und er stellte die Heizung hᅵher. Er besᅵᅵe nicht diesen Wagen, nicht das Haus, in dem er lebte, er hᅵtte das ganze Projekt nicht starten kᅵnnen. Manchmal war ihm danach, auf die Knie zu fallen und den Gᅵttern zu danken. Fᅵr sein Talent. Und fᅵr das Glᅵck, das ihm den Weg nach oben geebnet hatte.
Vor allem aber war er fᅵr die reichen Pinkel dankbar, die so auf seine Bilder abfuhren, dass sie die neuen schon kauften, bevor die alten richtig getrocknet waren. Ruben Helmbach war Kult. Und die gesamte Szene balgte sich dankbar um die Brocken, die er ihnen hinwarf.
Dass er sich selten zeigte, nahm man ihm nicht ᅵbel. Im Gegenteil. Es machte ihn erst recht interessant. Ein gewisses Maᅵ an Menschenscheu war gut fᅵr die Legende, die sich um ihn zu ranken begann.
Sein Erfolg nahm groteske Formen an. Neulich hatte ihm die Frau eines Fabrikanten sogar Geld fᅵr seine farbverschmierte Palette geboten. Demnᅵchst wᅵrden sie ihm noch die ausgedienten Pinsel aus der Hand reiᅵen und sie als Skulpturen in ihre Wohnzimmer stellen.
Ruben dachte an die Kollegen, die fast alle einen festen Job hatten, der ihnen die Malerei finanzierte. Die sich Blasen liefen, um eine Galerie zu finden, die ihre Bilder ausstellte. Die jahrelang an Kunsthochschulen studiert hatten.
Anders als sie war Ruben Autodidakt. Zwar hatte er bei Emil Grossack gelernt und bei Elisabeth Schwanau, aber die hatten ihn privat unterrichtet. Ruben konnte keine Urkunde, kein Zeugnis, kein Examen vorweisen. Er hatte nur seine Begabung.
Darᅵber hatte er sich jedoch noch nie den Kopf zerbrochen. Es war einfach so gekommen. Er war schon ein gefragter Maler gewesen, bevor sich die Frage nach einem Studium ᅵberhaupt gestellt hatte.
Die Malerei war alles fᅵr ihn. Oder doch beinahe alles. Was ihm fehlte, um wirklich glᅵcklich zu sein, war Ilka, das Mᅵdchen, das er liebte. Sein Mᅵdchen.
Mike sah, wie sie das Fahrrad abstellte, und sein Herzschlag spielte verrᅵckt. Er war in Ilka verliebt, seit er ihr zum ersten Mal begegnet war. Damals war sie aus dem Zimmer der Schulleiterin gekommen und hatte sich bei ihm nach dem Weg in den Musiksaal erkundigt.
Ihre Stimme. Sie war wie ein Blitz in seinen Kopf gefahren und hatte sich dort eingenistet. Er war sie nicht mehr losgeworden. Er hatte es auch gar nicht gewollt.
Aber er liebte nicht nur ihre Stimme. Er liebte auch ihr Lᅵcheln, das immer noch schᅵchtern war und so, dass er wer weiᅵ was getan hᅵtte, um es zu beschᅵtzen. Er liebte alles an ihr. Die Grᅵbchen, die neben den Mundwinkeln sichtbar wurden, wenn sie lachte. Ihre Augen, die braun waren, mit bernsteinfarbenen Sprenkeln. Ihre schmalen Hᅵnde. Und natᅵrlich ihr Haar. Noch nie hatte er so schᅵnes Haar gesehen.
ᅵHi.ᅵ Ilka stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Mike hᅵtte sie zu gern an sich gezogen, ihr die Mᅵtze abgestreift und das Gesicht in ihrem Haar vergraben. Es war so weich. Und es duftete so gut. Stattdessen stupste er mit dem Zeigefinger ihre Nase an. ᅵHi.ᅵ
ᅵWie ist es gelaufen?ᅵ Sie zog die Mᅵtze ab und schᅵttelte ihr Haar aus.
ᅵIch hab heute Nachmittag einen Besichtigungstermin.ᅵ
ᅵPrima!ᅵ Sie strahlte ihn an und drᅵckte seinen Arm.
Monika Feth - Der Mᅵdchenmaler - cbt
4/5

Kurzbeschreibung

Hochspannung für Thriller-Fans: Jettes zweiter Fall!<br />
<br />
<br />An die Freundin ihres neuen Mitbewohners, Ilka, kommen Jette und Merle nicht wirklich heran. Dann verschwindet sie plötzlich spurlos. Die Polizei tappt im Dunkeln.<br />Jette beginnt auf eigene Faust zu ermitteln - und kommt bald einem dunklen Kapitel in Ilkas Vergangenheit auf der Spur ...<br />
<br />
<br />Es ist Winter geworden und immer noch trauern Jette und Merle um ihre ermordete Freundin Caro. Vor kurzem ist Mike in ihre WG gezogen. Die beiden Mädchen haben einen Jungen als neuen Mitbewohner ausgesucht, denn für Caro gibt es ohnehin keinen Ersatz. Durch Mike lernt Jette die gleichaltrige Ilka kennen, in die Mike verliebt ist. Doch an Ilka, die bei ihrer Tante lebt, seit die Eltern bei einem Verkehrsunfall verunglückt sind, kommt er nicht wirklich heran. <br />
<br />Dann verschwindet Ilka plötzlich spurlos. Jette äußert der Polizei gegenüber den Verdacht, sie könne entführt worden sein - doch Kommissar Melzig glaubt ihr nicht, hält ihre Reaktion auf Ilkas Verschwinden für überspannt. <br />
<br />Jette beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln, und kommt bald einem dunklen Punkt in Ilkas Vergangenheit auf die Spur: Vergeblich hatte Ilka versucht, sich aus der Umklammerung ihres älteren Bruders Ruben, eines erfolgreichen Szenemalers und einer der umschwärmtesten Typen der Stadt, zu lösen. Sie hatte den Kontakt zu ihm abgebrochen, er jedoch hat in letzter Zeit mehrfach versucht, die Beziehung zu seiner Schwester wieder aufzunehmen. Hält er den Schlüssel zu Ilkas Verschwinden in der Hand? <br />
<br />Jette begibt sich bei ihren Ermittlungen in größte Gefahr und nur einer kann sie retten: Melzig ...<br />
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Portrait

Monika Feth wurde 1951 in Hagen geboren. Nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium arbeitete sie zunächst als Journalistin und begann dann, Bücher zu verfassen. Heute lebt sie in einem kleinen Ort in der Nähe von Köln, wo sie vielfach ausgezeichnete Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene schreibt. Durch den sensationellen Erfolg der Bestseller "Der Erdbeerpflücker", "Der Mädchenmaler" und "Der Scherbensammler", den Krimis um Jette, wurde sie über die Grenzen des Jugendbuchs hinaus bekannt. Ihre Bücher wurden in 15 Sprachen übersetzt.



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