ᅵSag Mami Goodbyeᅵ: Fᅵr Donna wird ein Albtraum wahr: Nach der Scheidung entfᅵhrt ihr Exmann die beiden Kinder. Von nun an sind Adam und Sharon Spielbᅵlle in einem Psychokrieg. Donna ist entschlossen, sie zurᅵckzuholen, und macht sich auf eine verzweifelte Suche quer durch Amerika. ᅵSchau dich nicht umᅵ: Jess Koster, eine junge und erfolgreiche Staatsanwᅵltin, fᅵhlt sich verfolgt. Will Rick Ferguson sie einschᅵchtern, den sie wegen Vergewaltigung angeklagt hat, oder bildet sie sich alles nur ein? Langsam wᅵchst in ihr der Verdacht, Opfer eines teuflischen Plans zu sein ᅵ "Geschickt setzt Joy Fielding die Kraft der Gefᅵhle als Initialzᅵndung ein, und plᅵtzlich wird jede rᅵtselhafte Handlung glasklar nachvollziehbar." Brigitte "Ein hervorragender Krimi! Die Spannung steigt von Seite zu Seite." New York Daily News ᅵber "Schau dich nicht um"
Die Vergangenheit
ᅵKᅵnnten Sie das ein wenig konkretisieren, wenn Sie von sonderbarem Verhalten< sprechen?ᅵ ᅵKonkretisieren?ᅵ
Der Anwalt lieᅵ ein Lᅵcheln wohlgeᅵbter Geduld sehen, und seine Stimme war voller Verstᅵndnis, als er fortfuhr:
ᅵJa. Kᅵnnten Sie uns vielleicht Beispiele nennen fᅵr das, was Sie uns beschrieben haben als sonderbares Verhalten Ihrer Frau im Laufe der letzten Jahre?ᅵ
ᅵOh, ja. Gewiᅵ.ᅵ Der Mann nickte.
Wie erstarrt saᅵ Donna Cressy auf ihrem Stuhl, und voll Anspannung beobachtete sie den Mann im Zeugenstand - ihn, der sechs Jahre lang ihr Ehemann gewesen war: Victor Cressy, achtunddreiᅵig, fᅵnf Jahre ᅵlter als sie. Unbeirrt fuhr er fort, ihr Selbstbewuᅵtsein zu zerstᅵren, Stᅵck fᅵr Stᅵck, Atom fᅵr Atom (wie Aschenstᅵubchen aus dem Ofen eines Krematoriums). Alles wurde seziert: jedes Wort, das sie in ihrer Ehe jemals geᅵuᅵert hatte, selbst der Tonfall, die kleinste Nuance. Es schien nichts zu geben als eine Interpretation oder, anders ausgedrᅵckt, den Blick durch seine Brille. Sie fᅵhlte sich versucht zu lᅵcheln. Warum auch hᅵtte es bei der Scheidung anders sein sollen als wᅵhrend ihrer Ehe.
Sie betrachtete sein Gesicht und wᅵnschte, sie kᅵnnte so sein wie eine der Frauen, von denen sie so oft gelesen hatte: die beim Blick auf den einstigen Ehemann oder Geliebten nicht mehr verstehen konnten, was sie in dem denn je gesehen haben mochten. Was sie selbst betraf, so sah sie noch immer alles genau wie damals - das attraktive, freundlich wirkende Gesicht mit den nachdenklichen blauen Augen, dem fast schwarzen Haar, dem vollen Mund. Bei aller Sensibilitᅵt besaᅵ es auch etwas Herrisches, und die Stimme war die Stimme eines Mannes, der sich Respekt zu verschaffen verstand, aber auch Respekt zollte.
ᅵSie hᅵrte auf, Auto zu fahrenᅵ, sagte Victor wie verwundert. Offenbar war dies etwas, das ᅵber sein Begriffsvermᅵgen ging. ᅵHᅵrte auf - ja, wieso denn?ᅵ hakte der Anwalt nach. ᅵHatte sie einen Unfall gehabt?ᅵ
Er war wirklich ein ausgezeichneter Anwalt, muᅵte Donna zugeben. Hatte Victor nicht sogar gesagt, er sei der beste in ganz Florida? Verwundern konnte das kaum. Fᅵr Victor war das Beste immer gerade gut genug. Anfangs hatte sie das an ihm bewundert, spᅵter mehr und mehr verabscheut. Schien es nicht unfaᅵbar, daᅵ man das, was man einmal geliebt, am Ende verachten konnte?
Komisch eigentlich. Komisch, daᅵ der routinierte Anwalt und sein Mandant die einstudierte Szene so ᅵbrachtenᅵ, daᅵ alles ganz spontan wirkte. Von ihrem eigenen Anwalt wuᅵte sie: Ein guter ᅵMann vom Fachᅵ stellt niemals eine Frage, deren Beantwortung er nicht im voraus kennt. Auch ihr Anwalt genoᅵ einen ausgezeichneten Ruf als Jurist - konnte jedoch mit Victors Anwalt nicht ganz mithalten.
ᅵNein. In all den Jahren, die ich sie kannte, hatte sie niemals einen Unfallᅵ, erwiderte Victor. ᅵMit sechzehn lernte sie fahren, und soweit ich weiᅵ, geht nicht einmal eine Delle im Kotflᅵgel auf ihr Konto.ᅵ
ᅵWie war das nach der Heirat? Ist sie damals viel gefahren?ᅵ
ᅵAber ja, dauernd. Zu unserem zweiten Hochzeitstag kaufte ich ihr ein Auto, einen kleinen Toyota. Sie war ᅵberglᅵcklich.ᅵ
ᅵUnd eines Tages hᅵrte sie plᅵtzlich mit dem Fahren auf?ᅵ
ᅵGanz recht. Urplᅵtzlich weigerte sie sich. Wollte sich nicht mehr ans Lenkrad setzen.ᅵ
ᅵGab sie irgendeine Erklᅵrung dafᅵr?ᅵ
ᅵSie sagte, sie wolle nicht mehr fahren.ᅵ
Ed Gerber, Victors Anwalt, hob die Augenbrauen, runzelte die Stirn und spitzte die Lippen. Ein Meister der Mimik, dachte Donna. ᅵWann genau war das?ᅵ
ᅵVor ungefᅵhr zwei Jahren. Nein. Ist vielleicht schon ein wenig lᅵnger her. Muᅵ so um die Zeit gewesen sein, als sie mit Sharon schwanger war. Sharon ist jetzt sechzehn Monate alt. Ja, doch, vor ungefᅵhr zwei Jahren.ᅵ Seine Stimme klang tief und nachdenklich.
ᅵHat sie seither wieder ein Auto gefahren?ᅵ
ᅵNicht daᅵ ich wᅵᅵte.ᅵ
ᅵUnd eine mᅵgliche Ursache fᅵr dieses Verhalten ist Ihnen nicht bekannt?ᅵ
ᅵGanz recht. Allerdings...ᅵ, er hielt inne, schien nicht recht zu wissen, ob er fortfahren sollte, ᅵeinmal habe ich beobachtet, wie sie sich ans Lenkrad setzte. Das war etwa vor einem Jahr, und sie dachte, ich schliefe noch...ᅵ
ᅵ...schliefen noch? Welche Uhrzeit war es denn?ᅵ
ᅵKurz nach drei Uhr morgens.ᅵ
ᅵWas suchte sie dort drauᅵen, um drei Uhr morgens?ᅵ
ᅵEinspruch.ᅵ Er kam von ihrem Anwalt. Mr. Stamler. Mr. Stamler und Mr. Gerber glichen einander fast wie ein Ei dem anderen. Gleiche Grᅵᅵe, gleicher Kᅵrperbau, etwa das gleiche Alter. Ja, sie schienen austauschbar. Allerdings: Victor hatte ihr gesagt, sein Mr. Gerber sei der bessere.
ᅵIch ziehe die Frage zurᅵck. Wie war Ihre Frau zu diesem Zeitpunkt gekleidet?ᅵ
ᅵSie trug ein Nachthemd.ᅵ
ᅵUnd wo befanden sich die Kinder?ᅵ
ᅵIm Haus. Sie schliefen.ᅵ
ᅵWᅵrden Sie bitte genau schildern, was Sie an jenem Morgen beobachteten?ᅵ
Victor schien perplex. Und Donna sah deutlich, daᅵ seine Verwirrung nicht gespielt war. Vergib ihnen, Vater, dachte sie unwillkᅵrlich, denn sie wissen nicht, was sie tun. Victor hatte geschworen, die Wahrheit zu sagen. Und er sagte sie - so wie er sie sah. So wie er sie wuᅵte. Seine Wahrheit, nicht ihre. Ihre Chance wᅵrde spᅵter kommen. Ihre letzte Chance.
ᅵIch hᅵrte die Haustᅵr zuklappen und blickte durch das Fenster zum Parkplatz. Donna schloᅵ das Auto auf und stieg ein. Ich war ᅵberrascht. Offenbar wollte sie nun doch wieder selbst fahren - und dazu noch um drei Uhr nachts. Wo mochte sie um diese Zeit nur hinwollen? Das war lange, ehe ich das mit Dr. Segal erfuhr, natᅵrlich.ᅵ
ᅵEinspruch. Nichts weist darauf hin, daᅵ Mrs. Cressy an diesem Morgen die Absicht hatte, sich mit Dr. Segal zu treffen.ᅵ
ᅵStattgegeben.ᅵ Der Richter. Gleiche Grᅵᅵe und so ziemlich gleicher Kᅵrperbau wie Mr. Stamler und Mr. Gerber. Ungefᅵhr zwanzig Jahre ᅵlter.
ᅵIst Mrs. Cressy ᅵberhaupt irgendwohin gefahren?ᅵ
ᅵNein. Sie steckte den Schlᅵssel ins Zᅵndschloᅵ, und dann saᅵ sie dort, als kᅵnne sie sich nicht bewegen. Plᅵtzlich begann sie zu zittern. Am ganzen Kᅵrper. Sie saᅵ dort und zitterte. Schlieᅵlich stellte sie den Motor ab und kehrte ins Haus zurᅵck. Ich ging ins Wohnzimmer, um nach ihr zu sehen. Sie hatte ganz offensichtlich geweint. Ich fragte sie, was denn los sei.ᅵ
ᅵUnd welche Antwort gab sie Ihnen?ᅵ
ᅵIch solle wieder ins Bett gehen. Und dann ging sie in ihr eigenes Zimmer zurᅵck.ᅵ
ᅵIhr eigenes Zimmer? Sie hatten getrennte Schlafzimmer?ᅵ ᅵJa.ᅵ
Das Eingestᅵndnis schien Victor ᅵberaus peinlich zu sein.
ᅵWie kam es dazu?ᅵ
ᅵEs war Donnas Wunsch.ᅵ
ᅵVon Anfang an?ᅵ
ᅵNein. Oh, nein.ᅵ Er lᅵchelte. ᅵWir haben zwei Kinder, vergessen Sie das nicht.ᅵ Auch Mr. Gerber lᅵchelte. Und wenn nicht alles tᅵuschte, lᅵchelte sogar der Richter. Nur Donna blieb ungerᅵhrt. ᅵNein, sie, ᅵh, sagte mir, sie wᅵrde nicht mehr mit mir schlafen - und das war an dem Tag, wo sie entdeckte, daᅵ sie mit unserem zweiten Kind schwanger war.ᅵ
ᅵFanden Sie diese Erklᅵrung nicht - sonderbar?ᅵ
ᅵNicht allzu sehr. In dieser Hinsicht war sie schon seit lᅵngerer Zeit mehr als zurᅵckhaltend. Von wenigen Ausnahmen abgesehen.ᅵ Sein Lᅵcheln war das eines traurigen Welpen. Donna hᅵtte ihm ins Gesicht schlagen kᅵnnen.
ᅵIhre Frau verweigerte Ihnen also den Geschlechtsverkehr?ᅵ
ᅵJa, Sir.ᅵ Fast unhᅵrbar.
ᅵHat Sie Ihnen einen Grund dafᅵr genannt?ᅵ Weshalb fragt der dauernd nach Ursachen, nach Grᅵnden, dachte Donna.
ᅵAnfangs sagte sie, sie sei einfach zu mᅵde, wo sie sich doch unentwegt um Adam kᅵmmern mᅵsse - er ist inzwischen vier.ᅵ
Unglᅵubig starrte Donna Victor an. Hatte er ihr nicht einmal gesagt, er besitze das Talent, den Eskimos einen Kᅵhlschrank zu verkaufen oder den Arabern Sand? In der Tat war er ja seit fᅵnf Jahren bei Prudential der Top-Versicherungsagent. Was sie im Augenblick erlebte, kam schon einem kleinen schauspielerischen Wunder gleich: Da verwandelte sich ein Yankee aus Connecticut in einen Ureinheimischen des Sᅵdens, Palm Beach, Florida. Selbst in seiner Sprechweise klang der behᅵbigere Dialekt durch. Nun ja, praktisch hatte sie ihm das seit acht Jahren abgekauft.
Seine Stimme klang in ihr nach, ᅵ...wo sie sich doch unentwegt um Adam kᅵmmern mᅵsse.ᅵ Normalerweise hᅵtte sich ein Victor Cressy nie so ausgedrᅵckt. ᅵ...weil sie sichᅵ oder ᅵda sie sichᅵ - das hᅵtte seiner ᅵblichen Ausdrucksweise entsprochen. Und dann noch der kurze, gefᅵhlvolle Nachsatz: ᅵ...er ist inzwischen vier.ᅵ Das war genau die richtige Dosis Schmalz; Land-Schmalz, wenn man so wollte. Aber war sie nicht mit Pauken und Trompeten darauf reingefallen? Genauso wie jetzt, augenscheinlich, der Richter.
Fᅵr einen Augenblick stieg Panik in ihr auf. Rasch wandte sie sich um, blickte zu Mel. Ja, dort war er, und er lᅵchelte. Dennoch wirkte er verwirrt. Genauso verwirrt, wie sie sich selbst fᅵhlte. Sie drehte den Kopf zurᅵck, starrte wieder zum Zeugenstand. Und zum erstenmal lieᅵ sie in sich einen Gedanken aufsteigen, der von ihr konsequent unterdrᅵckt worden war, seit sie Victor verlassen hatte - daᅵ am Ende er Sieger bleiben kᅵnne. Weniger was die Scheidungsklage als solche betraf; es war ihr ziemlich gleichgᅵltig, wer hierbei als schuldiger Teil gelten wᅵrde (schlieᅵlich war es ja eine Tatsache, daᅵ sie Ehebruch begangen hatte). Doch wᅵhrend der behᅵbige und weiche sᅵdliche Dialekt aus Victors Mund an ihr Ohr drang, schien urplᅵtzlich dies eine mᅵgliche Realitᅵt zu werden: daᅵ sie ihre Kinder verlieren kᅵnne - das einzige, was sie in den letzten sorgenvollen Jahren sozusagen ᅵber Wasser gehalten hatte, und gewissermaᅵen auch bei Verstand.
Bei Verstand?
Victor schien da anderer Meinung. ᅵUnd dann war sie natᅵrlich so oft krank.ᅵ ᅵKrank?ᅵ
ᅵNun ja - sie schien eine Erkᅵltung nach der anderen zu haben, und wenn es keine Erkᅵltung war, dann war es die Grippe. Tagelang lag sie im Bett.ᅵ
ᅵUnd wer kᅵmmerte sich um die Kinder?ᅵ
ᅵMrs. Adilman von nebenan. Sie ist Witwe, und sie schaute bei uns herein.ᅵ
ᅵHat Mrs. Cressy einen Arzt aufgesucht?ᅵ
Victors Lᅵcheln war eine sᅵuberliche Mischung aus Ironie und Bedauern. ᅵAnfangs konsultierte sie unseren alten Hausarzt, Dr. Mitchelson. Als der sich dann ins Privatleben zurᅵckzog, konsultierte sie fortan nur noch ihren Gynᅵkologen, Dr.
Harris. Bis sie dann Dr. Segal traf. Plᅵtzlich wurde er der Hausarzt.ᅵ
ᅵDr. Melvin Segal?ᅵ
ᅵEr behandelte Ihre Frau?ᅵ
ᅵUnd meine Kinder.ᅵ
ᅵSie hatten keinen Spezialisten - keinen Kinderarzt?ᅵ
Zum erstenmal an diesem Vormittag klang aus Victors Stimme so etwas wie Zorn. Es war ᅵberaus wirksam. ᅵAn sich hatten wir einen ausgezeichneten Kinderarzt. Den besten. Dr. Wellington, Paul Wellington. Aber Donna bestand darauf - und sie war in diesem Punkt absolut unnachgiebig -, daᅵ Sharon und Adam von Dr. Segal untersucht wurden.ᅵ
ᅵGab sie dafᅵr irgendeine Erklᅵrung?ᅵ Wieder die Ursachen, die Grᅵnde.
ᅵNun, jedenfalls keine befriedigende.ᅵ
Der Rechtsanwalt legte eine Pause ein. Er glich einem Wanderer, der eine Weggabelung erreicht hatte und sich nunmehr entscheiden muᅵte. Sollte er jenen Pfad wᅵhlen, bei dem er sich auf Donnas eheliche Untreue kaprizierte? Oder war es ratsamer, sich auf Donnas absonderliches Verhalten zu stᅵtzen? Augenscheinlich entschied er sich fᅵr das letztere - und war offenbar der Meinung, gegebenenfalls spᅵter auf den anderen Pfad ausweichen zu kᅵnnen.
ᅵEtwas spᅵter wᅵrde ich gern wieder auf Dr. Segal zurᅵckkommenᅵ, fuhr Mr. Gerber fort, wᅵhrend er seine Stirn glᅵttete und seine Lippen zu absonderlichen Formen stᅵlpte. ᅵDoch jetzt mᅵchte ich, daᅵ Sie sich auf jene Handlungen Ihrer Frau konzentrieren, die Ihnen merkwᅵrdig vorkamen. Kᅵnnen Sie uns einige weitere Beispiele nennen?ᅵ
Victor blickte zu Donna, senkte sodann den Kopf. ᅵNunᅵ, begann er zᅵgernd, ᅵunmittelbar nach Sharons Geburt gab es eine Zeit, wo sie ihr eigenes Aussehen haᅵte und sich entschloᅵ, ihr Haar umzufᅵrben.ᅵ
ᅵNach allem, was ich ᅵber Frauen weiᅵ, ist das nicht gerade ungewᅵhnlichᅵ, sagte Mr. Gerber und lieᅵ ein leises, herablassendes Kichern hᅵren. Victor war klug genug, nicht miteinzustimmen. Er lieᅵ die prᅵzise berechnete Unterbrechung seines Anwalts ᅵber sich ergehen und fuhr dann in seinem Bericht fort, wobei er zum Ende hin das Tempo immer mehr beschleunigte. ᅵIn der Tatᅵ, stimmte er zunᅵchst einmal zu, ᅵwᅵre es im Grunde keineswegs ungewᅵhnlich gewesen, und anfangs dachte ich mir auch gar nichts dabei ᅵ auᅵer daᅵ mir ihr Haar immer lang und natᅵrlich am besten gefallen hatte, und das wuᅵte sie auch.ᅵ Pause. Wirken lassen. Absichtlich hatte sie etwas geᅵndert, obschon sie wuᅵte, daᅵ der ursprᅵngliche Zustand bevorzugt wurde. ᅵZuerst fᅵrbte sie nur ein paar Strᅵhnen, so daᅵ es noch immer braun war, mit - wie soll ich sagen - ein paar blonden Glanzlichtern darin. Das sah gar nicht ᅵbel aus, aber nach ungefᅵhr einer Woche entschloᅵ sie sich zu einer weiteren ᅵnderung. Plᅵtzlich war sie fast vᅵllig blond, mit wenigen braunen Strᅵhnen. Als nᅵchstes entschied sie, daᅵ langes Haar ganz blond vielleicht wirkungsvoller wᅵre; also fᅵrbte sie es fast weiᅵblond. Aber dann beklagte sie sich darᅵber, daᅵ es von der Sonne eine gelbliche Farbe bekomme. Also war die nᅵchste Phase Rotblond, bis sie sich absolut fᅵr Rot entschied.ᅵ Er hielt inne, um Atem zu holen. Donna erinnerte sich. Erinnerte sich an das Rot. Sie hatte gehofft, wie ein Star auszusehen. Statt dessen sah sie dann aus wie ein armes Waisenkind. ᅵDas Rot dauerte auch nicht lᅵnger als die anderen Varianten, und bald war sie bei Kastanienbraun und schlieᅵlich sogar Schwarz angelangt. Unter diesem fortwᅵhrenden Umfᅵrben hatte ihr Haar so sehr gelitten, daᅵ sie es kᅵrzer tragen muᅵte, etwa bis zum Kinn. Es bekam wieder seine natᅵrliche Farbe, die gleiche wie jetzt, und es stand ihr groᅵartig. Das sagte ich ihr auch; als sie aber am nᅵchsten Morgen ins Frᅵhstᅵckszimmer kam, erkannte ich sie zunᅵchst gar nicht. Sie sah aus wie die Insassin eines Konzentrationslagers, derart kurz hatte sie ihr Haar geschoren, und sie war so dᅵnn.ᅵ Wie ratlos schᅵttelte er den Kopf.
ᅵWas meinten ihre Freundinnen zu diesen dauernden Verᅵnderungen?ᅵ fragte Mr. Gerber.
Sofort beugte sich Donnas Anwalt ein winziges Stᅵck vor. Gar kein Zweifel: Bei der leisesten Andeutung, daᅵ irgendeine Aussage bloᅵ auf ᅵHᅵrensagenᅵ beruhte, wᅵrde er sofort Einspruch erheben.
ᅵNunᅵ, erwiderte Victor vorsichtig, ᅵzu dieser Zeit hatte sie nicht viele Freundschaften. Zumindest kam niemand ins Haus.ᅵ Wirkungsvolle Pause. Kurzer Blick auf Mel. ᅵAllerdings - einmal hat Mrs. Adilman mich gefragt, ob mit Donna alles in Ordnung sei.ᅵ
ᅵEinspruch. Hᅵrensagen.ᅵ
ᅵStattgegeben.ᅵ
Victor wartete darauf, daᅵ ihm sein Anwalt weitere Stichworte zuspielte. Was dieser auch tat, geschickt, behutsam.
ᅵWas dachten Sie denn ᅵber all diese Verᅵnderungen, Mr. Cressy?ᅵ
ᅵIch hoffte ganz einfach, daᅵ es sich bloᅵ um eine Phase handelte, die sie nach der Entbindung durchmachte. Ich hatte gehᅵrt, daᅵ Frauen mitunter ein wenig unzurechnungsfᅵhig werden nach...ᅵ
ᅵEinspruch, Euer Ehren. Also wirklich...ᅵ
ᅵStattgegeben. Sie bewegen sich da auf gefᅵhrlichem Terrain, Mr. Gerber.ᅵ
Mr. Gerber demonstrierte leise Zerknirschung. Er senkte den Kopf, und in dieser Haltung stellte er die nᅵchste Frage. ᅵMit der Zeit wurde es wieder besser?ᅵ ᅵNein, es wurde schlimmer.ᅵ
Donna spᅵrte, wie ihr Fuᅵ einzuschlafen begann. Unmittelbar vor Sonnenaufgang ist es immer am dunkelsten, hatte ihre Mutter einmal gesagt. Aus irgendeinem Grund fiel ihr diese Bemerkung jetzt ein. Sie fᅵhlte das Kribbeln, bewegte die Zehen. Unwillkᅵrlich muᅵte sie lᅵcheln. Immerhin bewies das Kribbeln, daᅵ dort Nerven waren - daᅵ sie also noch lebte.
Deutlich bemerkte sie, wie sich Victors Augen verengten; er hatte ihr Lᅵcheln gesehen, und sein Blick drᅵckte gleichzeitig Frage und Miᅵbilligung aus. Du Dreckskerl, dachte sie, und am liebsten hᅵtte sie es laut geschrien. Aber das war natᅵrlich unmᅵglich. Schlieᅵlich ging es darum, den Herren hier zu beweisen, daᅵ sie eine richtige Mutter war: ein Wesen, das Kinder nicht nur in die Welt setzen, sondern auch groᅵziehen konnte. Victors Stimme klang wie ein Surren, das unentwegt fortdauerte. Er sprach von Miᅵhelligkeiten, von Demᅵtigungen, von irgendwelchen Dingen, die sie ihm angeblich angetan. Sie wollte keine Gᅵste bei sich haben, nicht einmal Geschᅵftspartner oder potentielle Kunden. Hatten sie ihrerseits Partys besucht (wogegen sie nichts einzuwenden hatte), so sei sie sarkastisch und taktlos gewesen und habe an ihm kein gutes Haar gelassen. Oder aber: Sie verfiel ins andere Extrem und sprach den ganzen Abend praktisch kein Wort. Ein wahrer Alptraum sei es gewesen. Nie habe er gewuᅵt, wie sie reagieren wᅵrde. Niemand wuᅵte es.
Und dann diese andere Sache: das mit dem Hausputz.
Victor verstand es, die Geschichte so zu erzᅵhlen, als hᅵre er sie selbst zum erstenmal. ᅵDas fing nach Sharons Geburt an. Sie muᅵte mitten in der Nacht aufstehen, um das Kind zu stillen. Das war regelmᅵᅵig so gegen zwei Uhr frᅵh. Sie steckte die Kleine dann wieder ins Bett, aber statt sich selbst wieder schlafen zu legen, begann sie aufzurᅵumen und sauberzumachen. Wohnzimmer, Speisezimmer, Kᅵche. Manchmal wischte sie sogar den Kᅵchenfuᅵboden. Bald muᅵte Sharon nachts nicht mehr gestillt werden. Trotzdem stand Donna weiterhin in aller Frᅵhe auf, gegen zwei oder drei Uhr, und beschᅵftigte sich wenigstens eine Stunde lang mit Hausputz. Als ich einmal in die Kᅵche kam, spᅵlte sie das Geschirr.ᅵ Er hielt einen Augenblick inne, fuhr dann wie bedrᅵckt fort: ᅵDabei haben wir eine Geschirrspᅵlmaschine.ᅵ
Wer war diese absonderliche Dame, von der da gesprochen wurde? dachte Donna. Eine Mrs. Victor Cressy? Nun, die war wohl in der Tat unzurechnungsfᅵhig gewesen.
Ihre Gedanken gingen zurᅵck in jene Zeit, als das Wort Hᅵlle fᅵr sie mehr geworden war als ein abstrakter Begriff. Etwa sechsundzwanzig mochte sie damals gewesen sein, alleinstehend, ihre Freiheit und Selbstᅵndigkeit genieᅵend. Sie hatte viele Verabredungen, mal mit diesem, mal mit jenem. Eine Gruppe von Kollegen bei der McFaddon-Werbeagentur beschloᅵ, am 4. Juli, dem Unabhᅵngigkeitstag, zu einem gemeinsamen Wochenende in ein Haus in Meeresnᅵhe zu fahren. Es gehᅵrte den Eltern eines Angestellten, die den Sommer weiter nᅵrdlich verbrachten; sie war mit von der Partie und genoᅵ die Sache sehr - bis sie dann zum Kᅵchendienst abbeordert wurde. Von Mitternacht bis zwei Uhr frᅵh war sie mit Geschirrspᅵlen beschᅵftigt - die Geschirrspᅵlmaschine hatte beschlossen, ᅵbers Wochenende gleichfalls zu ᅵfeiernᅵ.
"Sag Mami Goodbye": Für Donna wird ein Albtraum wahr: Nach der Scheidung entführt ihr Exmann die beiden Kinder. Von nun an sind Adam und Sharon Spielbälle in einem Psychokrieg. Donna ist entschlossen, sie zurückzuholen, und macht sich auf eine verzweifelte Suche quer durch Amerika.<br />
<br />"Schau dich nicht um": Jess Koster, eine junge und erfolgreiche Staatsanwältin, fühlt sich verfolgt. Will Rick Ferguson sie einschüchtern, den sie wegen Vergewaltigung angeklagt hat, oder bildet sie sich alles nur ein? Langsam wächst in ihr der<br />
<br />Verdacht, Opfer eines teuflischen Plans zu sein ...<br />
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Joy Fielding wurde am 18. März 1945 in Kanada geboren ? was sie allerdings scherzhaft bezweifelt, weil sie sich noch nicht so alt fühlt, wie sie von der Jahreszahl her zu sein hätte. Schon seit Jahren zählt sie zu den absoluten Spitzenautorinnen für Spannungsliteratur. Ihre Thriller und Psychothriller spielen immer wieder mit den Abgründen der Gesellschaft und der Gewalt, die sich in ihr wiederfindet. Die Hauptfiguren sind meist Frauen, die, gutausgebildet und in einer scheinbar perfekten Welt mit toller Beziehung in amerikanischen Großstädten leben. Scheinbar harmlose Ereignisse fördern dann alte Geheimnisse oder Sehnsüchte der Figuren ans Licht, die das vorher perfekte Leben komplett zerlegen.
Beruflich machte Joy Fielding ein paar Umwege, obwohl ihr schon früh klar war, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Als Achtjährige begann sie, Entwürfe an Zeitschriften zu schicken, die aber abgelehnt wurden, genauso wie ihre Geschichten, die sie im Teenageralter schrieb. Einen leichten Hang zur blutigen Feder lässt sich allerdings schon zu dieser Zeit entdecken: Ein Drehbuch handelte von einem Mädchen, dass seine Eltern umbringt. Während ihres Literaturstudiums ab 1963 in Toronto spielte sie in mehreren Studentenfilmen mit und verwarf den Plan, Schriftstellerin zu werden. Stattdessen wollte sie Schauspielerin werden und zog nach dem Studium nach L.A. Nach einigen kleinen Rollen, aber ohne großen Durchbruch, begann sie wieder zu schreiben. Anfang der 1970er Jahre kehrte sie nach Toronto zurück, finanzierte sich durch das Mitspielen in TV- Spots und schrieb nebenher an ihren Romanen, bis sie damit genug zum Überleben verdiente. Der internationale Durchbruch gelang ihr 1991 mit dem Roman "Lauf, Jane, lauf", der 1,8 Mio. Mal verkauft wurde. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Toronto, Kanada und in Palm Beach, Florida.
Meinung der Redaktion
Einmal Joy Fielding - immer Joy Fielding! Ihre Romane sind fesselnd, spielen mit den Abgründen der Gesellschaft und zeigen, dass jeder zwei Seiten hat. Pointiert und manchmal brutal schildert Fielding, wie sich Menschen ändern können und wie sie sich in Ausnahmesituationen verhalten. Einfach nur spannend und eine Lesedroge.
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