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Liebe mit Schuss

von Gertrud Wittich, Charlotte Hughes, Janet Evanovich (Buch)

  • ISBN:3-442-46094-8
  • EAN:9783442460946
  • Veröffentlichungsdatum:Januar 2006
  • Gewicht in g:232
  • Reihe:Goldmanns Taschenbücher
  • Seiten:288
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Attraktiv, reich, charmant und selbstbewusst bis zum Anschlag - und auf der Abschussliste der Mafia: Der Millionär Max Holt ist wirklich eine explosive Mischung. Deswegen hat sich die Journalistin Jamie Swift auch geschworen, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen. Doch für den Erhalt ihres kleinen Lokalblattes tut sie alles, auch wenn die Jagd nach einer heißen Story sie direkt in Max' Arme treibt ...







Rezension:

"Es gibt kein Verbrechen, dem Janet Evanovich mit ihrem unschlagbaren Humor nicht beikommen könnte." Kirkus Reviews

Leseprobe:

Prolog


Jamie Swift tigerte wutschnaubend auf dem Parkplatz der Tankstelle auf und ab. Was sollte sie bloß machen? Sie hätte vor Wut sonst wo reinbeißen können – am liebsten allerdings in Max Holt, das eigentliche Objekt ihres Zorns.
Leider war der Mistkerl einfach abgehauen.
Sie brauchte Hilfe. Sie brauchte jemanden zum Reden und sie brauchte dringend eine Mitfahrgelegenheit.
Da fiel ihr Blick auf eine Telefonzelle und sie rannte sofort dorthin. Aber wen sollte sie anrufen? Jetzt, um diese Zeit? Es war nach Mitternacht. Jeder, der nur ein bisschen Grips im Kopf hatte, lag um diese Zeit längst im Bett und schlief. Erst mal beruhigen. Ja. Sie holte dreimal tief Luft. Und ihr wurde prompt schwindelig. Sie hielt sich an der Telefonkonsole fest. Das wäre ja wieder mal typisch für sie und ihr Glück, wenn es sie hier auf diesem schmierigen Parkplatz umhauen würde. Sie würde sich das Gesicht blutig schlagen und wäre fürs Leben gezeichnet.
Ihr Blick fiel auf einen Sticker, der dort auf dem Telefon klebte:
SIE BRAUCHEN DRINGEND HILFE? SIE SIND VOLLKOMMEN VERZWEIFELT? RUFEN SIE UNS AN! LEND-A-HAND REICHT IHNEN DIE HAND!
Sie beugte sich vor, um auch das Kleingedruckte entziffern zu können: Wir stehen Ihnen vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung.
Vollkommen verzweifelt stand da. Das traf es wie die Faust aufs Auge. Und nicht nur das, sie hatte das Gefühl, allmählich den Verstand zu verlieren. Kein Wunder, nach den letzten zwei Wochen: Sie hatte knapp eine wilde Schießerei überlebt, wäre beinahe von einer Autobombe in tausend Stücke gerissen worden, war in einen Fluss gefallen und um ein Haar von einem Krokodil gefressen worden. Mann, sie konnte von Glück reden, überhaupt noch am Leben zu sein.
Jamie warf mit zitternder Hand zwei Vierteldollarmünzen in den Schlitz. Die Tatsache, dass es inzwischen obendrein in Strömen regnete, konnte sie gar nicht mehr erschüttern. Nach allem, was sie in letzter Zeit durchgemacht hatte, war das eine Kleinigkeit.
Nicht in die Kategorie »Kleinigkeit« fiel dagegen die Tatsache, dass sie hier festsaß. Mitten in der Nacht. Ohne fahrbaren Untersatz. In irgendeinem Kaff, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Und ihre beste Freundin war mehr als zwei Stunden Fahrtzeit entfernt. Und dann auch noch dieser fette Tankstellenwärter, der sie ständig beglotzte. Sein öliges T-Shirt spannte sich über eine Wampe, die offenbar zu viele Budweiser gesehen hatte. Sie musterte ihn. Völlig hohl in der Birne, das war selbst aus dieser Entfernung unübersehbar. Wahrscheinlich hatte er sich einen Pfeil auf den Hintern tätowieren lassen, um immer zu wissen, welches Ende nach unten gehörte. Er schaute sie an, als hätte er seit der Erfindung der Klobrille keine Frau mehr gesehen. Ein Typ, dem man besser nicht im Dunkeln begegnete. Tja.
Sie tippte die Nummer ein.
»Lend-a-Hand, was-können-wir-für-Sie-tun, mein-Name-ist-Tanisha«, leierte eine gelangweilte Stimme.
»Ach, Gott sei Dank«, sagte Jamie, die schon froh war, eine andere Stimme zu hören. »Ich, äh –«, sie warf einen zweiten Blick auf die Anzeige. »Ich bin vollkommen verzweifelt.«
»Einen Moment, bitte.«
Es klickte. Jamie blinzelte verwirrt. Und wartete. Nein, heulen kam jetzt überhaupt nicht in Frage. Sie und heulen! Das wäre ja noch schöner. Nein, sie war aus härterem Holz geschnitzt. Sie warf einen Blick auf den widerlichen Typen, der sie immer noch aus der nahen Tankstelle heraus anglotzte. Ein Neandertaler, kein Zweifel. Es würde sie nicht wundern, wenn sich in seinem Stammbaum ein paar Orang-Utans durch die Äste schwingen würden. Oder seine Eltern waren Geschwister gewesen, könnte auch sein. Jamie starrte zurück. Der Affe gab klein bei und wandte den Blick ab.
»Hallo?« Jetzt war die Dame namens Tanisha wieder in der Leitung.
»Ach, ja. Ich heiße Jamie und ich stecke bis zum Hals in der Scheiße.«
»Sind Sie schwanger oder einsam oder hilflos? Haben Sie Angst, es Ihren Eltern zu sagen?«, ratterte die Stimme am anderen Ende herunter.
Jamie blinzelte verwirrt. »Nö.«
»Depressiv?«
»Na ja –«
»Können Sie nachts nicht schlafen oder schlafen Sie zu viel? Leiden Sie unter Appetitlosigkeit, chronischer Melancholie, Lebensüberdruss? Fällt es Ihnen schwer, morgens aus dem Bett zu kommen?« Jetzt musste sie kurz innehalten, um einmal Luft zu holen, dann ging es sofort weiter. »Haben Sie das Interesse an Ihren Mitmenschen verloren, oder an Dingen und Orten, die Ihnen früher Freude gemacht haben? Wie sieht es mit Ihrem Sexualleben aus? Befriedigend? Unbefriedigend?«
»Äh – was?«
Ein Stoßseufzer. »Hören Sie, Schätzchen, Sie müssen schon mitmachen, ich hab nämlich einen Lebensmüden in der anderen Leitung und ich bin heute Abend hier die Einzige, die die Stellung hält.«
»Ich hab so was noch nie gemacht«, gestand Jamie beschämt.
»Na ja, ich auch nicht. Ist mein erster Abend.«
Jamie klatschte sich mit der flachen Hand an die Stirn. Auch das noch! Eine blutige Anfängerin!
»Okay. Also. Hat Ihr Problem vielleicht was mit ’nem Typen zu tun? Denn mit Typen kenne ich mich aus.« Tanishas Ton ließ vermuten, dass mit dem anderen Geschlecht gute Erfahrungen gar nicht erst zu machen waren.
»Na ja, irgendwie schon.«
»Schwester, jetzt bleiben Sie mal ’nen Moment dran. Ich muss sehen, dass ich diesen Trottel endlich vom Dach kriege, bevor ich ausflippe. Wenn er diesmal nicht springt, fahre ich persönlich rüber und gebe ihm einen Schubs.«
Wieder dieses Klicken. Jamie fragte sich allmählich, ob dieser Anruf wirklich so eine gute Idee gewesen war. Vielleicht war sie ja gar nicht so verzweifelt, wie sie dachte; der Gedanke, vom Dach zu springen, war ihr jedenfalls noch nicht gekommen. Das musste doch ein gutes Zeichen sein. Und der Dicke von der Tankstelle hatte es sich inzwischen mit einer Mickymaus-Zeitschrift bequem gemacht. Sogar der Regen hatte aufgehört. Sah doch schon viel besser aus.
Tanisha war wieder dran. »Okay. Bin ganz Ohr.«
» … und da war ich also, hab friedlich meine kleine Zeitung in Beaumont, South Carolina, geleitet …« Jamie hielt inne. »Habe ich Ihnen eigentlich erzählt, dass ich eine eigene Zeitung habe? Mein Vater hat sie mir vererbt. Sie befindet sich
schon seit Generationen im Besitz unserer Familie.«
Stille.
»Äh – hallo? Tanisha? Sind Sie noch dran?«
Ein ausgiebiges Gähnen am anderen Ende der Leitung. »Könnten Sie vielleicht allmählich zur Sache kommen, Jamie? Sie müssen mir ja nicht gleich Ihre ganze Lebensgeschichte beichten, und um die Wahrheit zu sagen, meine Aufmerksamkeitsspanne ist eher kurz. Ich leide wohl unter Konzentrationsschwäche.«
»Oh.« Es stimmte, Jamie hatte wirklich eine ganze Weile gelabert, aber sie war davon ausgegangen, dass Tanisha einige Hintergrundinformationen benötigte, bevor sie ihr helfen konnte. »Na gut, also, bevor ich wusste, wie mir geschah, wehte dieser Geldsack in mein Leben wie ein übler Geruch. Maximilian Holt. Seitdem ist nichts mehr wie es war. Sehen Sie, mir reicht’s. Ich brauche Stabilität. Den GRAUEN ALLTAG, verstehen Sie? Mit Max geht das einfach nicht.«
»Und wo liegt das Problem? Sie haben doch Beine, oder? Verlassen Sie den Typen.«
»So einfach ist das nicht«, entgegnete Jamie. »Max ist mein stiller Teilhaber. Er hat meine Zeitung vor dem Bankrott bewahrt.«
»Ach so, dann ist Ihr Problem also mehr beruflicher Natur.«
»Auch nicht.« Jamie warf einen Blick zur Tankstelle hinüber. Der Fettsack hing mittlerweile im Sessel und schnarchte. Sein Kopf war nach hinten gesunken und sein Mund stand sperrangelweit offen. Widerlich. Na ja, vielleicht war er ja doch harmlos. Sie konzentrierte sich wieder auf ihr Gespräch. »Max und ich, wir waren ein Team. Zusammen haben wir den Korruptionssumpf in unserer Stadt aufgedeckt, außerdem hat irgendwer ein paar Killer angeheuert, um Max umzulegen. Und wem sind wohl die Kugeln um die Ohren gepfiffen? Man hat mir mit Maschinengewehren das große Frontfenster meiner Zeitung zertrümmert. Wenn Max mich nicht rechtzeitig zu Boden geworfen hätte, stünde ich jetzt nicht hier und würde mit Ihnen reden.«
»Momentchen, was reden Sie da? Killer?«
»Nun ja, wir glauben, dass dieser großkotzige Fernsehprediger aus Sweet Pea, Tennessee, dahintersteckt. Er hat Verbindungen zur Mafia. Er wollte Max’ Fernsehsender kaufen, konnte die Kohle aber nicht rechtzeitig zusammenkratzen. Als Max dann an jemand anders verkauft hat, war er anscheinend so sauer, dass er ihm ein paar Killer auf den Hals gehetzt hat.«
»Und mit dem Mist kommen Sie zu mir? Auftragskiller, Mafia? Laufe ich jetzt vielleicht Gefahr, dass man mir die Kniescheiben zertrümmert, weil ich zu viel weiß?«
»Keiner weiß, dass wir miteinander reden.«
»Jetzt hören Sie mir mal zu«, sagte Tanisha empört. »Dieses Zeugs sollten Sie besser den Bullen erzählen. Also ich lege jetzt auf.«
»He, ich hab fünfzig Cents reingeworfen! Sollte ich da nicht zumindest einen guten Rat bekommen? Außerdem hatte ich gehofft, Sie könnten mir ’nen Tipp geben, wo ich um diese Zeit eine Mitfahrgelegenheit herkriege.«
»Ich werde nicht dafür bezahlt, mich mit Mafiaproblemen rumzuschlagen, Schätzchen. Ich hab Familie: einen Mann und drei Kinder, dazu sechs Brüder und zwei Schwestern. Ich habe jede Menge Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel, Großeltern. Ich hab drei Katzen und einen Beagle. Ich hab mehr Familie als die Bradys und die Waltons zusammengenommen. Ich kann nicht einfach in so ’nem Zeugenschutzprogramm verschwinden, klar?« Die Frau namens Tanisha stieß einen schweren Seufzer aus. »Nur eins: Wo ist dieser Max jetzt?«
»Hat mich sitzen gelassen.«
»Wie bitte?!«
»Wie gesagt, wir waren unterwegs nach Tennessee, zu diesem falschen Pfaffen und seinen Mafiafreunden. Wir waren kaum zwei Stunden unterwegs, da hält er plötzlich an und dreht um. Meinte, er würde mich wieder nach Hause bringen, denn, und ich zitiere: ›Ich würde ihm nur im Weg sein.‹« Sie hielt inne. »Und das nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben! Ich fürchte, ich bin ein bisschen ausgeflippt. Wollte, dass er sofort anhält. Tja, und dann hatten wir diesen Riesenkrach, direkt am Straßenrand …« Jamie hielt inne. Ihre Gedanken waren bei dem hässlichen Streit. »Es war nicht schön.«
»Ja und? Was haben Sie gemacht?«
»Na ja, zum Glück war gleich in der Nähe eine Tankstelle, und da bin ich dann hingelaufen.«
»Und er ist einfach abgezischt und hat Sie stehen gelassen?«
»Na ja, eigentlich ist er mir nachgekommen und wollte, dass ich wieder einsteige, aber ich habe mich strikt geweigert.« Jamie schwieg beschämt. »Hab wohl ein wenig überreagiert.«
»Ein wenig?«
»Ach, was soll ich überhaupt noch mit dem Kerl, Tanisha? Alles, was ich will, ist ein ganz normales Leben, mehr nicht. Und Max ist nicht normal.«
»Schätzchen, so was wie normal gibt’s gar nicht.«
Jamie musste an Phillip denken, den Mann, den sie beinahe geheiratet hätte, bloß weil sie ihn für beruhigend normal und spießig gehalten hatte. Und dann stellte sich heraus, dass ausgerechnet seine Mutter in der ganzen Korruptionsaffäre die Fäden gezogen hatte. »Da haben Sie nicht so ganz Unrecht, Tanisha.«
»Und von diesem verrückten Prediger und seinen Mafiafreunden halten Sie sich lieber fern. Außerdem klingt das alles sowieso danach, als wäre es zwischen Ihnen und diesem Max vorbei.«
Jamie antwortete nicht.
»Hallo, sind Sie noch dran?«
»Es geht nicht nur um Max«, gestand Jamie. »Ich hatte mir Hoffnungen auf die ganz große Story gemacht. Ich konnte die Schlagzeile schon vor mir sehen: Bekannter Prediger heuert Auftragskiller an, um Milliardär zu beseitigen. Das hätte mein ganz großer Durchbruch werden können. Mit der Story hätte ich nicht nur eine Mordsauflage gemacht, ich hätte sie wahrscheinlich sogar an die Associated Press verkaufen können. Ich wette, Newsweek und Time hätten sich die Finger danach abgeschleckt. Das ist genau die Art von Story, die ich immer schon schreiben wollte.«
»Hören Sie, Sie wollten meinen Rat und den haben Sie bekommen.«
»Sie wollen also sagen, ich soll die Story meines Lebens sausen lassen und für Max das Feld räumen?« Eine Welle der Empörung stieg in ihr auf. »Oh nein, nicht mit mir. Ich habe mir noch nie was von jemandem vorschreiben lassen.«
»He, es ist ja nicht so, dass ich Ihnen meinen Rat in Rechnung stellen würde. Wenn Sie unbedingt in einem Zementblock unter einem Hochhaus enden wollen – bitte sehr.« Sie schniefte, als wäre sie aufrichtig verletzt. »Außerdem habe ich das starke Gefühl, dass Ihre Meinung schon feststand, bevor Sie mich angerufen haben.«
Das musste Jamie sich erst mal durch den Kopf gehen lassen. »Sie haben Recht, Tanisha. Ich musste es einfach bloß jemandem sagen. Zum Teufel mit Max. Ich fahre nach Sweet Pea, Tennessee, ob’s ihm passt oder nicht. Außerdem hab ich ihm was voraus.«
»Und das wäre?«
»Ich bin, im Gegensatz zu ihm, eine Frau. Und nach allem, was wir so gehört haben, scheint dieser Prediger eine ausgesprochene Schwäche für das zarte Geschlecht zu haben. Ich werde ihn ködern, Tanisha. Sie werden sehen, der frisst mir aus der Hand, ehe er weiß wie ihm geschieht. Und wenn ich mit ihm fertig bin, dann habe ich die Story meines Lebens in der Tasche.«
»Und Max?«
»Was soll mit ihm sein?« Jamie legte mit einem zufriedenen Grinsen auf.


Jamies Begeisterung währte jedoch nicht lange. Wie in aller Welt sollte sie jetzt nach Tennessee kommen? Ohne Auto? Ihr Mustang stand noch in der Werkstatt in Beaumont, wo das arg ramponierte, mit Kugeln durchlöcherte Sechziger-Jahre-Modell so gut wie möglich wieder zusammengeflickt wurde.
Sie brauchte einen Plan.
Sie brauchte einen fahrbaren Untersatz.
Es hatte wieder zu regnen angefangen. Ein richtig großer Schirm wäre jetzt gut. Oder eine Unterkunft für die Nacht.
Jamie warf einen Blick auf das Straßenschild: Whittville, 2 Meilen. Das sagte ihr nichts; sie hatte noch nie von dem Ort gehört.
In diesem Moment holperte ein Abschleppwagen in die Tankstelleneinfahrt und hielt neben einer der Zapfsäulen an. Ein untersetzter Kerl im Blaumann stieg aus und griff zum Zapfhahn. Als er sah, dass sie ihn beobachtete, tippte er sich an die Baseballmütze und nickte ihr zu, als wäre es etwas ganz Normales, nachts um zwei eine einsame Frau auf dem Parkplatz einer heruntergekommenen Tankstelle auf und ab laufen zu sehen.
Hm. Vielleicht könnte er sie ja mitnehmen.
Jamie beschloss, zu ihm hinzugehen. Er wirkte eigentlich recht harmlos. Mittleres Alter, Ehering. Der Arbeitsoverall spannte sich über einen Trommelbauch; der Mann war offensichtlich gut genährt. Hatte wahrscheinlich eine Frau zuhause, die ihn ordentlich bekochte. Wahrscheinlich aßen sie abends im Wohnzimmersessel vor dem Fernseher, vor sich jeder eins von diesen niedlichen kleinen Tabletts. Sie führten wahrscheinlich eine einfache, unkomplizierte Beziehung.
Der Mann hatte bemerkt, dass sie ihn anstarrte. »Wünsche Guten Abend, Ma’am.«
Auf einem kleinen Wäscheschildchen, das auf den Latz seines Overalls genäht war, prangte der Name »Buford Noll«. Ja, der war wirklich harmlos.
»Einen schönen Guten Abend, Mr. Noll«, erwiderte Jamie so munter wie möglich. »Könnten Sie mich vielleicht in die nächste Stadt mitnehmen? Ich würde Sie auch dafür bezahlen.«
»Aber sicher. Wohin wollen Sie denn?«
»Na ja, ich suche ein nettes, preiswertes Motel für die Nacht.«
»Tja.« Er rieb sich das Doppelkinn. »Das in Whittville ist ziemlich schäbig. Besser, Sie fahren bis Jessup.«
»Wie weit ist das?«
»Etwa zwölf Meilen.«
»Wie gesagt, ich würde Sie bezahlen.«
»Ach nein, das brauchen Sie nicht. Ich muss ohnehin in diese Richtung. Muss unterwegs nur mal kurz Halt machen.«
Jamie fiel ein Stein vom Herzen. »Vielen Dank.«
»Setzen Sie sich ruhig schon mal rein, Miss …«
»Nennen Sie mich einfach Jamie.« Sie ließ sich nicht zweimal bitten und stieg auf der Beifahrerseite ein. Schon besser. Viel besser.
Max Holt saß in seinem Wagen im Dunkeln auf der anderen Straßenseite und beobachtete, wie Jamie in den Abschleppwagen kletterte. Sie hatte ihn nicht bemerkt, weil sie telefoniert hatte.
»Was macht sie jetzt?«, fragte eine Stimme aus dem Armaturenbrett.
»Sieht so aus, als hätte sie eine Mitfahrgelegenheit nach Hause gefunden.«
»Mann, diesmal hast du’s aber wirklich verbockt.«
Max warf einen bohrenden Blick auf die blinkenden Lichter seines Armaturenbretts. Sein Auto, ein Porsche-Verschnitt, war von einem ehemaligen NASA-Wissenschaftler entwickelt worden. Das Chassis bestand aus einem nahezu unzerstörbaren Titangemisch. Das Fahrzeug selbst verfügte über den neuesten technischen Schnickschnack: Satellitennavigation, Videokonferenz-Ausrüstung und vieles mehr. Das alles wurde von einem Computer gesteuert, einem wahren Superhirn, das Max selbst erschaffen hatte und das auf einer Technik beruhte, die auf dem Markt erst in ein paar Jahren zu haben sein würde.
Seine Erfindung – er nannte sie »Muffin« – besaß eine Marilyn-Monroe-Stimme und »sie« konnte buchstäblich eigenständig denken. Muffin war ein wahrer Dickschädel, nahm nie ein Blatt vor den Mund und war, so unglaublich es klingt, zu Emotionen fähig. Sie nahm praktisch ununterbrochen Daten auf, doch im Gegensatz zu anderen Computern bildete sie sich dazu eine Meinung und reagierte entsprechend. Und dank Max’ Schwester Deedee, die sich in den Klauen der Menopause befand und sich bei Muffin deswegen ausgeheult hatte, bildete sich der Computer nun ein, unter demselben Wehwehchen zu leiden.
Muffin war demnach also in den Wechseljahren. Sie litt unter Hitzewallungen und unter Stimmungsschwankungen, und sobald Max etwas tat, was ihr nicht passte, drohte sie ihm damit, ihre eigene Festplatte abstürzen zu lassen. Zurzeit pflegte sie eine Gelegenheitsliebelei mit einem Laptop bei MIT. Sie strapazierte Max’ Geduld bis zum Äußersten. Zu behaupten, er hätte ein Ungeheuer erschaffen, war gewaltig untertrieben.
»Und was haben wir jetzt vor, Herr Angeber?«, fragte Muffin gehässig. »Jetzt, wo wir wieder mal eine sitzen gelassen haben?« Wie gesagt, sie nahm kein Blatt vor den Mund.
»Mit Jamie und mir war das anders.«
»Ja, und genau deshalb bist du jetzt so mies drauf. Tja, wer hätte das gedacht? Es gibt doch tatsächlich eine Frau, die dich nicht für das Beste seit der Erfindung von ebay hält.«
Max beobachtete, wie der Abschleppwagen von der Tankstelle fuhr. Er umkrallte das Lenkrad unwillkürlich fester.
»Ich wollte nur nicht, dass ihr was passiert. Das ist ein brandgefährlicher Fall. Der gute Reverend Harlan Rawlins und seine Mafia-Freunde sind inzwischen bestimmt schon wieder hinter mir her.«
»Aber das war es nicht, was du ihr gesagt hast, stimmt’s? Ihr hast du gesagt, sie würde dir nur im Weg stehen.«
»So muss man nun mal mit einer Frau wie Jamie umgehen. Wenn ich zugegeben hätte, dass ich Angst um sie habe, hätte sie sofort auf stur geschaltet.«
»Also kamst du auf die brillante Idee, stattdessen auf ihren Gefühlen herumzutrampeln. Wirklich toll, Max. Da wäre es besser gewesen, du hättest sie gar nicht erst mitgenommen.«

Autorenportrait:

Janet Evanovich, die mit jedem ihrer Romane in den USA einen Nummer-1-Bestseller landet, stammt aus South River, New Jersey, und lebt heute in New Hampshire. Die Autorin wurde von der Crime Writers Association mit dem "Last Laugh Award" und dem "Silver Dagger" ausgezeichnet und erhielt bereits zweimal den Krimipreis des Verbands der unabhängigen Buchhändler in den USA.
Charlotte Hughes lernte Janet Evanovich kennen, als sich beide auf ihrer ersten Schriftstellerkonferenz hinter derselben Topfpflanze verstecken wollten. Mittlerweile ist Hughes in den USA eine der populärsten und erfolgreichsten Autorinnen romantischer Komödien. Sie wurde bereits mehrfach für ihre Romane ausgezeichnet, und ihre Bücher stürmen regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten. Charlotte Hughes lebt mit ihren zwei Dackeln, von ihr liebevoll „Dumm“ und „Dümmer“ genannt, in Beaufort, South Carolina.

8,95* EUR