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Dunkle Triebe

von Susanne Kuhlmann-Krieg, Anna Salter (Buch)

  • ISBN:3-442-15384-0
  • EAN:9783442153848
  • Veröffentlichungsdatum:März 2006
  • Gewicht in g:310
  • Reihe:Goldmanns Taschenbücher
  • Seiten:384

Kurzbeschreibung:

Die Kriminalpsychologin Anna Salter ist eine gefragte Expertin und Beraterin für Sexualstraftaten bei amerikanischen Gerichten. Über zwei Jahrzehnte studierte sie das Verhalten von Sexualstraftätern. Was sie denken, wie sie ihre Opfer täuschen und wie sie sich strafrechtlicher Verfolgung entziehen. Ihr Buch ist eine erschütternde Dokumentation über die Abgründe der Seele und die Bestie im Menschen.





Leseprobe:

Vorwort
Einleitung
1 Das Problem
2 Die Kunst der Verstellung
3 Methoden der Verstellung
4 Menschen, die sich an Kindern vergehen
5 Vergewaltiger
6 Sadisten
7 Psychopathen: Leute des Kicks wegen zum Narren halten
8 Die Manipulation von Strafvollzugsbeamten
9 Rosarote Brillen und Traumen
10 Täuschungen entlarven
11 Zum Schutz unserer Kinder und unserer selbst: Vorsichtsmaßnahmen


Vorwort


Ich beginne dieses Vorwort mit den gleichen Worten, mit denen ich es auch beenden werde: Dank Ihnen, Anna Salter, dass Sie mit all Ihrer fachlichen Autorität den sexuellen Missbrauch ins Rampenlicht rücken, wo es doch die meisten Menschen viel einfacher finden, wegzusehen oder gar zu leugnen, dass es ihn gibt. Die meisten Eltern ringen lieber die Hände ob des unbekannten Triebtäters, der in ihrem beschaulichen Viertel aufgekreuzt ist, als sich klar zu machen, dass jemand, den sie selbst in ihr Haus geladen haben, ihr Kind sexuell missbraucht – und das, obwohl die Mehrzahl aller sexuellen Missbrauchsfälle von jemandem begangen werden, den die Familie kennt.
So schwer es sein mag, die Vorstellung zu akzeptieren, dass ein freundlicher Nachbar oder ein Freund der Familie ein Kind missbraucht, was aber, wenn es jemand aus der eigenen Familie ist? Es ist leicht, diesen unliebsamen Gedanken durch einen angenehmeren zu verdrängen, wie etwa den: »In unserer Familie doch nicht.«
Und doch hat statistisch betrachtet jedes dritte Mädchen und jeder sechste Junge sexuelle Beziehungen zu einem Erwachsenen, also muss es in der einen oder anderen Familie passieren. Überall dort, wo es zu sexuellem Missbrauch kommt, gibt es ahnungslose Eltern oder Betreuer, die dem Vorspiel beiwohnen, das dem Delikt vorangeht, und nicht erkennen, wann ein Triebtäter ihre Kinder dazu bringt, ihm zu vertrauen. Naive Eltern sind oftmals unbewusste Mittäter des Missbrauchs, entwerfen Theorien, um die Schlafstörungen, Essstörungen oder die plötzliche Angst ihres Kindes vor einem Erwachsenen, den es noch vor einer Woche so sehr gemocht hatte, zu erklären.
Wenn die Diskussion die Beschäftigung mit der grausamen Wahrheit erfordert, versuchen manche Eltern, sich herauszuwinden: »Wenn man über solche Dinge redet, fordert man sie nur heraus.« Oder: »Ja, ich weiß alles über dieses Thema, können wir bitte über etwas Erfreulicheres reden?« Unter Druck aber werden sie schließlich die Gefahren sehen, und dann realisieren sie, dass vorgeschobenes Wissen oftmals die beste Verteidigung gegen unwillkommenes Wissen ist. Diese Eltern sind nicht dumm – im Gegenteil, die einfallsreiche Art und Weise, wie sie ihre Kinder aus der Diskussion heraushalten, zeugt von einiger Intelligenz: »Sie haben so Recht«, sagen sie. »Sexueller Missbrauch ist ein ungeheures Problem, vor allem für junge Teenager. Gott sei Dank sind meine noch nicht so weit.«
„Tut mir Leid, entgegnet darauf die Wirklichkeit: Das Hauptalter, in dem sexueller Missbrauch beginnt, beträgt drei Jahre.“
»Natürlich, wenn Sie Homosexuelle an kleine Kinder heranlassen, dann besteht immer ein Risiko.«
„Tut mir Leid, meldet sich erneut die Wirklichkeit: Die meisten Fälle von sexuellem Missbrauch werden von Heterosexuellen begangen.“
»Mag sein, aber so ein Perverser wohnt in unserer Gegend nicht.«
„Tut mir Leid, darauf erneut die Wirklichkeit, aber in Ihrer Gegend lebt sehr wohl so ein Perverser. Das Justizministerium schätzt, dass es in den Vereinigten Staaten im Durchschnitt einen pädophilen Triebtäter pro Quadratmeile gibt.“
»Nun, wenigstens weiß die Polizei, wer diese Leute sind.«
„Eher unwahrscheinlich, meint die Wirklichkeit, denn der durchschnittliche pädophile Triebtäter missbraucht fünfzig bis hundertfünfzig Kinder, bevor er verhaftet wird (und danach noch viele andere).“
Wenn alle Verteidigungslinien gegenüber der Realität bröckeln, ergeben sich manche Eltern der Resignation, was nichts anderes bedeutet, als dass sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre Verantwortung aufkünden: »Wenn man ohnehin nichts dagegen tun kann …« Dieser fehlgeleitete Fatalismus aber endet für manche Kinder tatsächlich fatal.
Ein anderer wohlbekannter Refrain dieser Gefahrenverleugner im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch lautet: »Kinder sind zäh. Wenn ihnen etwas Schlimmes zustößt, prallt das an ihnen ab.«
„Nicht im Geringsten, entgegnet die Wirklichkeit. An Kindern prallt überhaupt nichts ab. Sie passen sich an, sie verheimlichen, sie verdrängen, und manchmal finden sie sich auch ab und machen weiter, aber abprallen tut an ihnen nichts.“
Mag sein, dass ich Verdrängern gegenüber erbarmungslos scheine, aber ich habe meine Gründe dafür, Gründe, die mich dankbar sein lassen, dass die Seiten von Dunkle Triebe ein Gegengift gegen Verdrängung enthalten: gut recherchierte, klar präsentierte Information. Wir lernen von Anna Salter, dass auch der Sexualstraftäter verdrängt, dass er ein Krimineller ist, der seinen Weg auch dann noch weitergeht, wenn klar ist, wohin er ihn führt. Anna Salter hat genügend Sexualstraftäter interviewt, um eine alarmierende Wahrheit aufzudecken: Viele von ihnen glauben, ein Recht darauf zu haben, sich zu nehmen, was sie begehren, und scheren sich schlicht keinen Deut darum, welchen Preis die anderen zahlen müssen. Sie sind, kurz gesagt, grausam.
Und bei nahezu jeder Grausamkeit, die einem Kind angetan wird, gibt es eine Zuhörerschaft der Verdränger, die die Signale wahrnimmt, jedoch rasch die Augen davor schließt.
Die Lösung für das Problem der sexuellen Gewalt in Amerika besteht nicht in mehr Gesetzen, mehr Waffen, mehr Polizei oder mehr Gefängnissen.
„Die Lösung für dieses Problem besteht darin, die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen.“
Eine der unumstößlichsten Wahrheiten lautet, dass Triebtäter ein unerhörtes Geschick darin besitzen, die Kontrolle über ihre Opfer zu erlangen.
Es gibt zwei Triebtäter-Grundtypen: den Machtmenschen und den Überredungsmenschen. Der Machtmensch schlägt zu wie ein Bär, hat im Augenblick des Angriffs unverkennbar nur ein Ziel vor Augen. Aus diesem Grund kann er sich nicht so leicht herauswinden, nicht behaupten, alles sei nur ein großes Missverständnis. Er wird demzufolge nur zuschlagen, wenn er sicher sein kann, dass er die Oberhand behält.
Der weit häufigere Täter ist der Überredungskünstler. Dieser Tätertyp sucht nach einem Opfer mit Schwachstellen, jemandem, über den sich Kontrolle erlangen lässt. Wie ein Hai, der ein potenzielles Opfer umkreist, nähert sich der Überredungstäter langsam und mit Bedacht, beobachtet sorgsam, wie die Menschen auf seine Avancen reagieren. Er fängt einen Dialog an, und mit jeder ihm willkommenen Antwort kommt er ein wenig näher, zieht seine Kreise enger. Anfänglich wird er eine Kleinigkeit investieren, einen gefahrlosen Schritt tun, der es ihm ermöglicht, die Gewässer zu prüfen und sich unbehelligt davonzumachen, wenn die Dinge nicht gut laufen. Er ist ein Feigling – zugegeben, ein gerissener Feigling, aber nichtsdestotrotz ein Feigling.
Die Wahl der Opfer kann bei einem Triebtäter ähnlich komplexe und unerklärliche Motive haben wie die sexuelle Anziehung unter Erwachsenen, allerdings mit einem bedeutsamen Unterschied: Für die meisten Pädophilen ist Schwäche allein bereits stimulierend. Wie ein Raubtier muss auch ein Menschenjäger sein anvisiertes Opfer von der Herde trennen. Um Kinder den Eltern abspenstig zu machen, wird nur selten Gewalt angewendet: Kinder werden nicht mit vorgehaltener Waffe geraubt. Sie werden durch eine Form der Verführung gelockt, hier geht es nicht um Leidenschaft, sondern um Vertrauen – Ihres oder das Ihres Kindes. Vertrauen am falschen Ort ist das wirksamste Instrument des Triebtäters, und wir haben die Wahl, ob wir ihm dieses zugestehen wollen oder nicht.
Vertrauen am falschen Ort kann entsetzliche Folgen haben. Abgesehen von dem, was wir normalerweise mit Kindesbelästigung oder Kindesmissbrauch assoziieren, werden Kinder weitaus häufiger vergewaltigt, als Sie oder ich es uns vorstellen können. Die Kriminalstatistiken des amerikanischen Justizministeriums berichten, dass fünfzehn Prozent aller Vergewaltigungsopfer jünger sind als zwölf Jahre.
Eine Mutter, ihr Name ist Carla, erzählte mir, wie sie einmal mit ihrer sechsjährigen Tochter auf einen kleinen abgezäunten Spielplatz im nahe gelegenen Park gegangen sei. Die meisten Kinder dort waren in Begleitung eines Elternteils, bei manchen waren es Babysitter oder Kinderfrauen, in einem Fall die Großmutter. Nach kurzer Zeit hatte Carla intuitiv jedem Kind seine Betreuungsperson zugeordnet. Mal aufgrund der Ähnlichkeit, ein anderes Mal, weil das Kind zu einem der Erwachsenen gelaufen kam, um ihm etwas zu erzählen. In einem Fall rief ein Mann einem kleinen Jungen, der zögernd oben auf einer Rutsche stand, ermunternde Worte zu. Bald hatte Carla jeden Erwachsenen auf dem Spielplatz eingeordnet, nur ein Mann war da, den sie nicht mochte.
Er saß auf einer Bank und sah den Kindern beim Spielen zu, hatte aber kein Kind speziell im Auge. Er hatte nichts bei sich, während die meisten anderen Erwachsenen auf irgendetwas aufzupassen hatten: eine Puppe, ein Spielzeug, einen Buggy mit Wolldecke. Als Carla den Mann allein vom Spielplatz fortgehen sah, dachte sie bei sich:
„Ich traue ihm nicht. Was hat er hier zu suchen? Bin ich froh, dass er weg ist. Auf den werde ich künftig ein Auge haben. Er wirkt wie einer, der es auf Kinder abgesehen hat.“
Er wirkt wie einer, der es auf Kinder abgesehen hat? Mit welcher Begründung? Man kann das als empörende und unverdiente Verurteilung ansehen, als Diskriminierung von solcher Intoleranz, dass sie in anderem Zusammenhang als illegal gelten müsste. Als der Mann wenige Minuten später zum Spielplatz zurückkehrte und Carla sah, wie sein Sohn zu ihm rannte und ihn stürmisch umarmte (sie hatte den Jungen irrtümlich einem anderen Erwachsenen zugeordnet), korrigierte sie ihr Urteil sofort. Aber schließlich, so erklärte sie mir, »habe ich nur mein Kind beschützt«.
Ich fragte sie, ob sie ein ungutes Gefühl habe, weil sie den Mann insgeheim zu Unrecht beschuldigt hatte. Nein. Ob die Erfahrung sie gelehrt habe, Menschen in Zukunft nicht so rasch abzuurteilen? Nein. Ob sie, nun da er sich als Elternteil entpuppt habe, ihren Argwohn bereue? Nein.
Ich habe sie erst einmal für ihr Selbstvertrauen gelobt, ihr dann aber erklärt: »Um Ihre Tochter wirksam beschützen zu können, müssen Sie auch die Bereitschaft haben, Leute zu verdächtigen, die Sie kennen.«
»Das ist nicht so einfach«, entgegnete Carla. »Denn dann fühle ich mich furchtbar schuldig.«
Dieses Schuldgefühl am falschen Ort ist problematisch, denn ein Kind ist sehr viel leichter angreifbar durch jemanden, den die Familie kennt, als durch einen Fremden. Und wie alle Eltern ist auch Carla weit weniger bereit, jemanden zu verdächtigen, den sie kennt. Die Menschen, die wir bereitwillig verdächtigen, sind prinzipiell weniger gefährlich als jene, die wir nicht zu verdächtigen wagen. Wir neigen dazu, fragwürdige Gedanken über unsere Freunde zu unterdrücken, aber die einzige Art und Weise, einen Gedanken wirklich aus unserem Kopf zu verbannen, besteht darin, ihn zu Ende zu denken. Ja, wir zollen unseren Freunden weit größeren Respekt und bringen unseren Kindern mehr Liebe entgegen, wenn wir bereit sind, die Möglichkeit zu erwägen, dass Menschen in unserer Nähe fähig sein könnten, sexuellen Missbrauch zu begehen, wonach wir diesen Gedanken dann hoffentlich zu den Akten legen können.
Was ich damit sagen will, ist nicht, dass Sie jedem Mann oder heranwachsenden Jungen misstrauen sollen, der in die Nähe Ihrer Kinder kommt, sondern dass Sie bereit sein müssen, Ihrer Intuition zu vertrauen, wenn in Ihnen ein Verdacht reift. Vor allem anderen rate ich Eltern, sorgfältig und auf keinen Fall übereilt zu entscheiden, wen sie am Leben ihrer Kinder teilhaben lassen – und rasche Entscheidungen zu treffen, wenn es um diejenigen geht, die sie davon ausschließen. Es ist ein Merkmal unserer Spezies, dass es erwachsene männliche Artgenossen gibt, die sich an Kindern vergehen. Zu erwarten, dass diese speziellen Personen sich in auffallender Weise von allen anderen unterscheiden, hat sich, was die Verhinderung von sexuellem Missbrauch angeht, als wenig hilfreich erwiesen. Weit verbreitet, aber nicht hilfreich.
Wo es um die Sicherheit von Kindern geht, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der Hauptunterschied zwischen Eltern und Fachleuten darin besteht, dass Eltern häufiger sagen: »Ich nehme an« – beispielsweise: »Ich nehme an, diese Typen hängen an Orten herum, an denen viele Kinder sind.« Und Eltern beenden ihre Feststellungen stets mit einem Fragezeichen: »Zu zweit sind Kinder weniger gefährdet, nicht?« Da sich die Information so im Großen und Ganzen nicht ändert, egal, wer damit aufwartet, demonstriere ich so oft wie möglich, dass das, was Menschen für die wahrscheinliche Antwort halten, tatsächlich in aller Regel auch die richtige ist. Ich erinnere mich an eine Mutter, die mich fragte, wie man Anzeichen des Missbrauchs an einem Kind erkenne.
Ich antwortete mit einer Gegenfrage: »Was glauben Sie, sind die Anzeichen?«
»Ich weiß nicht.«
»Wenn Sie die Antwort wüssten, wie würde sie lauten?« (Diese Formulierung veranlasst die Person, die eben noch gesagt hat, sie habe keine Ahnung, in den meisten Fällen zu einer Antwort.)
»Nun, ich nehme an, es wird Probleme mit dem Schlafen haben. Vielleicht verändert sich das Verhalten des Kindes – aber sonst wüsste ich nichts.«
»Sie meinen, dass man es wissen muss, um es zu erkennen?«
»Ich weiß nicht.«
»Wenn Sie es wüssten, was für Zeichen könnte es noch geben?«
»Vielleicht sexuelle Handlungen an anderen Kindern? Dass es Bilder malt, die mit Sex zu tun haben? Irgendwelche sexuellen Dinge tut? Ich weiß es nicht.«
In allen Punkten korrekt, natürlich. Fügen Sie noch Hyperaktivität hinzu, die Angst, mit bestimmten Erwachsenen allein gelassen zu werden, ein ungewöhnliches oder übertriebenes Interesse am Körper anderer, das Übereinanderziehen etlicher Schichten Kleidung, schon haben Sie ein Gutteil der geläufigen Verhaltensanzeichen.
Manchmal legt der Körper eines Kindes eindeutig Zeugnis ab von dem, was geschehen ist, und diese Hinweise sind nur schwer zu übersehen. Die folgende Liste spricht eine bedrückend deutliche Sprache:


• Magenschmerzen und Verdauungsprobleme
• Probleme beim Sitzen oder Gehen
• Zerrissene, blut- oder anderweitig befleckte Unterwäsche
• Blut in Stuhl oder Urin
• Unerklärliche Prellungen im Genitalbereich
• Geschlechtskrankheiten
• Schwangerschaft


Solche Listen sind einer der Gründe dafür, dass niemand ernsthaft über dieses Thema nachdenken mag. Infolgedessen denken zu wenig Eltern darüber nach, während zu viele Täter ihre Fertigkeiten perfektionieren.
Dunkle Triebe gibt Eltern und Lehrkräften die beste Verteidigungswaffe gegen Sexualverbrecher: Wissen. Im Namen aller Kinder und aller Erwachsenen, die dieses Buches wegen gar nicht erst zu Opfern werden, möchte ich sagen: Dank Ihnen, Anna Salter.
Gavin de Becker


Einleitung


Ende der siebziger Jahre machte ich mich als junge Therapeutin mit meinem frisch erworbenen Titel eines Doktors der Psychologie zu einer kleinen Stadt in Neuengland auf. Ich würde, so dachte ich, in einer Allgemeinpraxis arbeiten und im Übrigen dem Landleben frönen. Ich stellte mir Patienten im Kindesalter vor, die Aufmerksamkeitsdefizite oder Verhaltensauffälligkeiten zeigten, Beratungen an Schulen, einen Garten, vielleicht ein Pferd.
Aber dann sah es ganz danach aus, als seien zwei von drei der Kinder, mit denen ich in der kleinen Provinzstadt zu tun bekam, physisch oder psychisch missbraucht worden, wenn nicht gar beides. Das kam mir ausgesprochen merkwürdig vor. Zu jener Zeit lag die Inzestrate offiziellen Schätzungen zufolge bei einem aus einer Million Kindern. Meine kleine neuenglische Stadt hatte 15 000 Einwohner und wies eine erschreckende Zahl an Inzestfällen auf, von sexuellem Missbrauch durch Fremde, Vergewaltigung, physischem Missbrauch, Vernachlässigung und häuslicher Gewalt gar nicht zu reden.
Getrieben von einer verzehrenden Leidenschaft für ein edles Vollblut mit Sehnen wie Engelshaar und einer engen Beziehung zum örtlichen Tierarzt arbeitete ich ein Jahr hindurch jede dritte Nacht in einer psychiatrischen Ambulanz, die für den gesamten Regierungsbezirk zuständig war. Es war ein mörderischer Arbeitsrhythmus, den ich nur durchhielt, weil ich das Pferd unterhalten wollte, aber was ich dort lernte, war unbezahlbar. Die Arbeit in der Ambulanz – vor allem die vielen Nächte – machte Gewalt auf eine direkte, bis ins Innerste fühlbare Weise machtvoll und stark erfahrbar, die man in der Distanziertheit wöchentlicher Therapiesitzungen nie empfinden wird. Ich lernte, anrufende Frauen, die mir mitteilten, dass ihr Mann sie schlüge, zu fragen: »Schlägt er Sie jetzt, in diesem Augenblick?« Oftmals war das der Fall, und sie rief in der Hoffnung an, dass ich seinem Tun auf magische Weise per Telefon ein Ende machen könne, ohne dass sie ihn würde verlassen müssen. Im günstigsten Falle wurden die Schläge auf später verschoben.
Mit der Zeit entwickelte sich in meiner Phantasie die Vorstellung, meine kleine Stadt in Neuengland sei so etwas wie jene paar Quadratmeilen in Mexiko, zu der es sämtliche Monarchfalter des Kontinents zieht. So muss es sein, dachte ich: Zentrum der Gewalt des ganzen Universums. Es konnte gar nicht anders sein, wenn die offiziellen Schätzungen zutrafen, denn denen zufolge sollte es nirgends so viel Gewalt auf einem Fleck geben, ganz bestimmt jedenfalls nicht in den idyllischen Kleinstädten der Vereinigten Staaten. In den zwei Jahren, die ich bis zum Abschluss in Kinderheilkunde an der Tufts University, und den fünf Jahren, die ich bis zur Promotion in Psychologie und Allgemeinmedizin in Harvard zugebracht hatte, war in kaum einem der Kurse, die ich belegt hatte, von sexuellem und physischem Kindesmissbrauch die Rede gewesen. Ich hatte eine Vorlesung über die Opfer von Kindesmissbrauch gehört, doch keinen einzigen Vortrag über die Täter. Ich empfand es geradezu als Ironie, dass viele Vorträge hingegen von Krankheiten handelten, die so selten sind, dass ich sie in meinen zwanzig Berufsjahren bis heute nicht zu Gesicht bekommen habe. In den Jahren seither habe ich viele Kliniken aus den verschiedensten kleinen und großen Städten in ganz Amerika kennen gelernt, ihrer aller Phantasie nährt die immer gleiche Vorstellung: dass nämlich ausgerechnet ihr Herkunftsort das Gewaltzentrum des Universums sein müsse. Es kann vorkommen, dass mich nach einem Vortrag über sexuellen Missbrauch eine Zuhörerin anspricht. »Glauben Sie, dass es in Kleinstädten häufiger zu sexuellem Missbrauch kommt?«, fragt sie dann vielleicht etwas irritiert. »Wir haben so häufig damit zu tun.«
Wenige Minuten später wird jemand anders auftauchen. »Glauben Sie, dass Missbrauch in Großstädten häufiger ist?«, wird er fragen.

8,95* EUR