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Der Heiratsantrag

von Anke Koerten, Jane Feather (Buch)

  • ISBN:3-442-36390-X
  • EAN:9783442363902
  • Veröffentlichungsdatum:Januar 2006
  • Gewicht in g:379
  • Reihe:Blanvalet Taschenbücher
  • Seiten:448
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Die temperamentvolle und schöne Arabella Lacey steht vor einem Scherbenhaufen. Ihr Bruder hat beim Kartenspiel ihr gesamtes Hab und Gut verzockt - sie inklusive. Soll sie kampflos aufgeben und ihre Koffer packen, oder dem Handel zustimmen und den attraktiven Gewinner Jack Fortescu heiraten? Je näher sich die widerspenstige Braut und der charmante Schuft kommen, umso leidenschaftlicher fühlen sie sich zueinander hingezogen ...





Leseprobe:

Das leise Gleiten der Karten über die grüne Filzbespannung der Tischfläche, das Klirren der Münzrollen, wenn die Spieler ihre Einsätze machten, die gedämpften Stimmen des Personals, das die Gewinne ansagte, waren die einzigen Geräusche in dem exklusiven Salon von Brooke’s Spielklub. Sechs Männer saßen am Faro-Tisch, fünf Spieler und der Bankhalter. Sie trugen Lederbänder, um die Spitzenvolants ihrer Hemden zu schonen, und lederne Augenschirme als Schutz vor der Helligkeit der Lüster, deren unzählige Kerzen blendendes Licht auf den Filzbezug warfen. Die Miene des Bankhalters blieb unverändert ausdruckslos, während er die Karten verteilte, die Einsätze verfolgte, auszahlte oder nach jeder Runde das Geld einstrich. Für die im Raum versammelten Zuschauer hatte es den Anschein, als wären Gewinn oder Verlust für Jack Fortescu, Duke of St. Jules, ohne Belang.
Und doch gab es einige, die wussten, dass dies nicht zutraf. In dem eleganten Raum, in dem trotz der späten Stunde die Sommerhitze des Tages noch zu spüren war und sich mit dem stickigen Geruch von Schweiß, schalem Parfüm und verschüttetem Wein vermengte, ging es um etwas ganz anderes als das übliche Glücksspiel. Alle um den Tisch konzentrierten sich auf die fast greifbare Spannung zwischen dem Bankhalter und einem der Spieler, so dass sich die anderen Spieler allmählich aus der Partie zurückzogen, da ihre Geldrollen geschrumpft waren und ihre Spielleidenschaft vor dem Hintergrund jenes anderen Kampfes, der nun vor ihren Augen ausgetragen wurde, verblasste.
Nur Frederick Lacey, Earl of Dunston, fuhr fort, seine Einsätze mit fast fieberhafter Intensität zu tätigen. Verlor er, schob er seine Münzrolle über den Tisch dem Bankhalter zu und setzte von neuem. Der Herzog deckte unverändert gelassen und routiniert die Karten auf, legte die Gewinnkarten zur Rechten und die Verluste zur Linken ab. Ein einziges Mal blickten seine kalten grauen Augen kurz auf und sahen über den Tisch hinweg seinen Gegner abschätzend an, dann richtete er den Blick wieder auf den Tisch. Keiner der Männer verlor ein Wort.
»Bei Gott, Jack reitet heute der Teufel«, murmelte Charles James Fox, der vom Eingang aus die Partie verfolgte. Wie etliche andere der Anwesenden war er dandyhaft gekleidet und trug zu seiner grellroten, übertrieben engen Weste mit goldenen Streifen einen bändergeschmückten Strohhut auf dem in einem ausgefallenen Blauton gepuderten Haar.
»Und er hat ein Teufelsglück, wie es aussieht«, gab sein Begleiter ebenso leise zurück. Seine Aufmachung, wenn auch reich an Spitzen, Volants und Goldsamt, wirkte daneben fast dezent. »Schon seit Monaten hat er unverschämtes Glück.«
»Und immer gegen Lacey«, erwiderte Fox nachdenklich und nahm einen tiefen Schluck Burgunder aus dem Glas in seiner Hand. »Gestern sah ich, wie Jack ihm zehntausend Guineen beim Quinze abnahm.«
»Und am Montag zwanzig beim Hasard. Sieht aus, als würde Jack aus einem tieferen Beweggrund als nur des Vergnügens wegen spielen. Hinter seinem Spiel steckt eine verdammte Absicht«, sagte George Cavenaugh. »Meiner Meinung nach zielt er auf Laceys Ruin ab. Aber warum?«
Fox ließ sich mit der Antwort Zeit, in Gedanken war er bei dem alten Skandal. Niemand kannte den wahren Hintergrund der Geschichte, die nun schon so lange zurücklag, dass sie kaum mehr von Bedeutung für die Beteiligten sein konnte. Er schüttelte den Kopf. »Jack kam aus Paris irgendwie verändert zurück.« Er zog leicht die Schultern hoch. »Genauer kann ich es nicht definieren, da er scheinbar unbeschwert und charmant wie eh und je ist. Und doch bricht bei ihm zuweilen etwas durch … eine Härte, die zuvor nicht da war.«
»Kein Wunder. Wer dieser Hölle blutiger Anarchie entging, bleibt davon gezeichnet«, sagte George ernst. »Es heißt, er sei nur um ein Haar davongekommen, doch würde er nie ein Wort darüber verlieren. Er lacht nur sein verdammtes Lachen und wechselt das Thema.« Er hielt einem Bedienten, der die Runde mit Getränken machte, sein Glas zum Nachschenken hin.
Die zwei Männer schwiegen nun und verfolgten das Spiel. Frederick Lacey hatte nur mehr eine Geldrolle vor sich. Sekundenlang verharrte seine Hand darüber, das erste Zögern an diesem Abend. St. Jules streichelte den Stiel seines Weinglases mit den langen weißen Fingern seiner untadelig manikürten Hand. Sein großer Saphirring versprühte im Kerzenschein blaues Feuer. Er wartete.
Nach einem kurzen Atemholen platzierte Lacey das Geld auf ein Ass. Der Herzog drehte die nächste Karte in der Box um und zeigte die erste und damit die Verliererkarte. Es war das Ass. Laceys Gesichtsfarbe war nun trotz der Röte des schweren Trinkers etliche Schattierungen blasser geworden. Ausdruckslos legte der Herzog das Ass auf die abgelegten Karten und griff zur nächsten Karte vom Stapel. Er drehte sie um – da lag die Pikzehn, für den aschfahlen Earl wie blanker Hohn. Der Herzog schob die Geldrolle zu dem Haufen, der neben ihm glänzte. Schweigend sah er den Earl an. Nun waren nur noch drei Karten übrig.
Frederick Lacey musste gegen die Enge in seiner Brust ankämpfen. Im letzten Monat hatte er sein gesamtes Vermögen an diesen Mann verloren, dem das Kartenglück so unverschämt gewogen war. Der Duke of St. Jules, immer schon ein passionierter Spieler, hatte in seiner Jugend ein Vermögen am Spieltisch verloren, war ins Ausland verschwunden, um seinen Verlust wettzumachen und nach ein paar Jahren im Besitz eines noch größeren Vermögens zurückzukehren. Dieses Vermögen hatte er nicht verloren, sondern mit regelmäßigem und geschicktem Spiel vermehrt. Obschon eine Spielernatur, war er doch nie wieder in die Fehler seiner Jugend verfallen. So kam es kaum vor, dass er am Ende eines Abends als Verlierer vom Spieltisch aufstand.
Lacey starrte die zwei Stapel abgelegter Karten neben dem Geber und die drei restlichen Karten in der Geber-Box an. Er kannte die Farben dieser drei Karten wie jeder, der die abgelegten Karten gesehen und im Gedächtnis behalten hatte. Wenn er nun auf die Reihenfolge setzte, in der die drei Karten kommen würden, stand seine Chance eins zu fünf. In diesem Fall musste der Geber vier zu eins auszahlen. Mit einem einzigen massiven Gewinn könnte er alles wettmachen. Aufblickend sah er in die grauen Augen des Mannes, den er abgrundtief hasste. Er wusste, was St. Jules beabsichtigte. Als Einziger in diesem überfüllten stickigen Raum kannte er den Grund. War ihm das Glück jetzt ein einziges Mal gewogen, würde er ihm entkommen, und nicht nur das, das Blatt würde sich wenden. Ging St. Jules auf seinen Einsatz ein und verlor, war er gezwungen, vier zu eins auszuzahlen und war ruiniert.
St. Jules würde darauf eingehen. Lacey wusste es.
Langsam streifte er seine Ringe von den Fingern und nahm die Diamantnadel ab, die in dem üppigen Spitzenjabot an seinem Hals steckte. Ruhig legte er die Schmuckstücke in
die Mitte des Tisches. Ebenso ruhig sagte er: »Ich setze auf die Reihenfolge.«
»Und das ist Ihr Einsatz?« Der Ton des Herzogs verriet sein Erstaunen. In Anbetracht dessen, was an diesem Abend gewonnen und verloren worden war, handelte es sich um einen geradezu Mitleid erregenden Einsatz.
Dumpfe Röte färbte die Miene des Earl. »Nein, das ist nur ein Pfand. Ich setze alles, Mylord Duke. Lacey Court und das Haus an der Albermarle Street mit dem gesamten Inventar.«
Alle schnappten buchstäblich nach Luft, Blicke wurden gewechselt.
»Alles, was sich darin befindet?«, fragte der Herzog mit leisem Nachdruck. »Lebendes sowie totes Inventar?«
»Alles«, lautete die endgültige Entgegnung.
Jack Fortescu schob seinen eigenen Münzrollenstapel in die Tischmitte. »Ich bezweifle, dass diese Summe ausreicht, um meine Verluste abzudecken, Mylord«, sagte er leise und nachdenklich. Er ließ seinen Blick durch den Raum wandern. »Wie soll man den Einsatz des Earl bewerten, Gentlemen? Wenn ich ihn vier zu eins abdecken soll, möchte ich genau wissen, was ich riskiere.«
»Sagen wir, alles in allem zweihunderttausend Pfund«, schätzte Charles Fox. Selbst ein passionierter Spieler, hatte er jeden Penny verloren und viele seiner Freunde an den Rand des Ruins gebracht, da er sich von ihnen ungeniert und ohne Aussicht auf Rückzahlung Geld geborgt hatte. Es war nur recht und billig, dass ein Mann wie er die Summe nannte. »Damit würde Jacks Schuld sich auf achthunderttausend belaufen.«
Totenstille trat ein. Nur der genannte enorme Betrag hing als Nachhall in der Luft. Auch für jene, die dem Spiel verfallen waren und in einer Nacht Vermögen verloren und gewannen, war es eine unglaublicher Summe – mit Ausnahme von Fox, in dessen Augen Spielleidenschaft brannte. Die Blicke aller ruhten auf St. Jules, der zurückgelehnt dasaß und noch immer den Stiel seines Weinglases streichelte, während ein winziges Lächeln seine Lippen umspielte. In den Augen, die das Antlitz seines Gegenspielers fixierten, lag indes nicht der Anflug eines Lächelns.
»Akzeptieren Sie den Betrag, Lacey?« Sein Ton war ganz ruhig.
»Können Sie ihn abdecken?«, fragte der Earl, der verärgert wahrnahm, dass seine Stimme leicht bebte.
»Zweifeln Sie daran?« Die kalte Zuversicht, die aus den Worten sprach, ließ für Zweifel keinen Raum.
»Ich akzeptiere.« Der Earl schnalzte mit den Fingern, worauf ein Bedienter sofort mit Pergament, Feder und Tintenfass zur Stelle war. Das Kratzen der Feder, als der Earl die Bedingungen der Wette zu Papier brachte, war das einzige Geräusch im Raum. Er griff nach der Sandbüchse und trocknete die Tinte, dann beugte er sich vor und nahm seinen Siegelring an sich. Der Bediente ließ Wachs auf das Pergament tropfen, und der Earl brachte seine Signatur an, indem er den Ring ins Wachs drückte. Dann schob er das Dokument wortlos dem Herzog zu, damit dieser es signiere.
Der Herzog blickte suchend um sich und sah George Cavenaugh. »George, verwahrst du das Papier?«
George nickte und trat an den Tisch. Er nahm das Dokument, las es durch und erklärte es für korrekt. In seinem Blick, der kurz auf die undeutbare Miene seines Freundes fiel, stand eine Frage, schließlich faltete er das Dokument und steckte es in eine Innentasche seines Rockes.
Der Herzog nickte, trank einen Schluck Wein und sagte förmlich:«Wenn Sie nun geruhen, die Reihenfolge anzusagen, Mylord.«
Mit einer raschen, unwillkürlichen Zungenbewegung leckte Lacey sich die Lippen. Er beugte sich vor, den Blick auf die restlichen Karten in der Box richtend, als könne er irgendwie durch sie hindurchsehen, und sagte dann langsam: »Herzass … Kreuzzehn … Pikfünf.«
Alle hielten den Atem an, so dass das plötzliche Zischen einer tropfenden Kerze auf einem Sideboard wie ein Donnerschlag die Totenstille durchdrang. St. Jules griff nach der ersten Karte. Herzass.
Die Stille vertiefte sich. Der Earl beugte sich ein wenig vor, wobei sein Blick fest an der schmalen weißen Hand des Gebers hing, als sie nach der nächsten Karte griff. Die Miene des Herzogs blieb ausdruckslos. Er drehte die Pikfünf um.
Der Earl sank in seinem Stuhl zusammen, die Augen geschlossen, das eingefallene Gesicht fast so weiß wie die kunstvoll gelockte und gepuderte Perücke. Als die letzte Karte umgedreht wurde, sah er nicht hin. Sie war nicht mehr ausschlaggebend. Die Pikfünf hatte sein Schicksal entschieden. Schließlich schlug er die Augen auf und sah über den Tisch hinweg seinen Gegner an.
St. Jules, in dessen kühlen grauen Augen weder Befriedigung noch Triumph standen, begegnete seinem Blick. »Nun, mon ami, das ist der Fluch der bösen Tat«, sagte er leise.
Der Earl schob seinen Stuhl so abrupt zurück, dass dieser laut über die gebohnerten Eichendielen scharrte. Die Menge gab ihm schweigend den Weg frei, als er auf die Flügeltür zuging, die der Hitze wegen offen stand. Er trat auf einen kleinen Balkon hinaus, der die Straße von St. James überblickte. Hinter ihm bauschten sich die schweren Portieren.
Charles Fox wollte ihm mit einem plötzlichen Ausruf nacheilen, doch der scharfe Pistolenknall ertönte, ehe er die Tür erreicht hatte. Er stieß die Portieren beiseite und kniete neben der reglosen Gestalt des Earl of Dunston nieder. Es erübrigte sich, nach dessen Puls zu fühlen. Frederick Laceys Hinterkopf war nicht mehr vorhanden, unter ihm hatte sich eine Blutlache gebildet, die durch die Balustrade auf die Straße tropfte.
In der Tür und auf dem Balkon herrschte Gedränge, alle beugten sich über den Toten. Allein im Raum schob der Duke of St. Jules langsam die Karten zusammen, mischte sie und steckte sie in die Geber-Box.
»Jack, bist du mit dem Teufel im Bunde?«, fragte George Cavanaugh rau, als er wieder den Raum betrat.
»Das Spiel ist aus, George«, erwiderte Jack mit einem Hochziehen der Schultern. Er griff nach seinem Glas und trank. »Lacey war ein Feigling und starb einen feigen Tod.«
»Was hätte er sonst tun sollen?«, erwiderte George. »Du hast ihn ruiniert.«
»Er war es, der die Entscheidung traf, mein Lieber, nicht ich«, sagte sein Freund schleppend. »Er wählte sein Risiko.«
Er stand auf, und ein Bedienter beeilte sich, ihm aus dem Filzrock, der Uniform des passionierten Spielers, zu helfen. Er zog seinen eigenen roten Rock über die saphirblaue Weste an, schob die Lederbänder von den Handgelenken und schüttelte die Manschettenvolants aus. Dann nahm er den Lederschirm ab, der seine Augen geschützt hatte. Sein Haar, schwarz wie die Nacht, war nicht gepudert und mit einem saphirblauen Samtband im Nacken zu einem Zopf gebunden. Eine auffallende weiße Strähne entsprang dem spitzen Haaransatz mitten über der breiten Stirn. George wusste noch aus der gemeinsamen Internatszeit, dass St. Jules, der durch dieses Merkmal schon damals stark aufgefallen war, auf der Westminster School mit ihren rauflustigen, wilden Zöglingen deshalb kein leichtes Leben gehabt hatte. Seine Kameraden aber hatten bald zu spüren bekommen, dass Jack Fortescu kein leichtes Opfer war. Er kämpfte ohne Skrupel oder Hemmungen, stellte sich jeder Herausforderung und ging aus den Raufhändeln blutig, aber stets siegreich hervor.
Und irgendwo, irgendwie hatte sich Frederick Lacey, Earl of Dunston, einen tödlichen Zweikampf mit Jack Fortescu, Duke of St. Jules, eingehandelt.
»Warum war das notwendig, Jack?«, fragte er ohne Umschweife.
Wieder schüttelte Jack seine Manschetten aus, kritisch, als sei er mit ihnen unzufrieden. »Eine persönliche Angelegenheit, mein Freund, aber glaube mir, es war notwendig. Man muss die Welt von Kanaillen wie Frederick Lacey befreien.«
»Und du bist nun im Besitz des gesamten Lacey-Vermögens«, konstatierte George, als er seinen Freund hinausbegleitete. »Des lebenden wie des toten. Was willst du mit all dem anfangen? Zwei Häuser, Stallungen, Hunde, vermutlich Dienstboten, Pächter und …« Er hielt kurz inne, ehe er fortfuhr, »… ach, natürlich, da wäre auch noch die Schwester.«
Jack blieb am oberen Ende der ins Erdgeschoss führenden Treppe stehen. »Ach ja … die Schwester. Die hatte ich ganz vergessen.« Er schüttelte wie verwundert den Kopf. »Unter den gegebenen Umständen ein außerordentliches Problem.«
»Unter welchen Umständen?«, fragte George, bekam aber nur ein Achselzucken und das rätselhafte Lächeln des Herzogs zur Antwort. »Sie wird nun mittellos sein«, ließ George nicht locker. »Falls sie nicht von ihrer Mutter etwas erbte. Ich glaube, die Countess starb, als ihre Tochter ein Kind war.«
»Ja, das weiß ich«, sagte Jack mit einer wegwerfenden Geste. »Sie hinterließ ihrer Tochter eine Kleinigkeit, aber kein nennenswertes Vermögen.« Er ging die Treppe hinunter.
George, der ihm folgte, fragte sich, warum Jack mit der finanziellen Situation einer ihm unbekannten Frau so vertraut war, die nur einmal kurz in der Londoner Gesellschaft aufgetaucht war, ehe sie sich für immer aufs Land zurückzog. Er schüttelte den Kopf, insgeheim seinen rätselhaften Freund verwünschend, der imstande war, sich mit einem Ausmaß an Gefühlskälte zu äußern und auch so handeln, dass es die abgebrühtesten Zyniker schockierte. Doch in der Not gab es keinen besseren Freund als Jack, keine treuere Stütze. Stand ihm jemand nahe, hätte er seinen letzten Sou für ihn gegeben, und nie nahm er zu Lügen Zuflucht, nie zu Verstellung. Aber nur ein Narr würde die Schwerter mit ihm kreuzen. Nur ein Narr, dem nichts an seiner Haut lag, hätte sich Jack Fortescu zum Feind gemacht.
»Was für Absichten hast du bezüglich der Schwester?«, fragte George, als sie wieder auf der Straße waren. Seit drei Wochen hatte es nicht mehr geregnet, es herrschte drückende Schwüle, obwohl es kurz nach vier Uhr morgens war. Der faulige Gestank von Rinnsteinen voller Unrat, Pferdemist und menschlichen Exkrementen erfüllte die Luft.
Jack blieb stehen, wandte sich seinem Begleiter zu, und zum ersten Mal im Verlauf des ganzen Abends erhellte ein spontanes Lächeln seine Augen und spielte um seinen vollen, sinnlichen Mund. »Keine schlechten, mein Lieber. Das schwöre ich dir. Keine schlechten.« Dann versetzte er George einen Schlag auf die Schulter. »Verzeih, aber ich möchte jetzt allein sein.«
George sah ihm nach, als Jack die Straße entlangging. Die Hand leicht auf dem Schwertgriff, eine leise, unbekümmerte Weise pfeifend, während er wachsam um sich blickte und die Schatten und dunklen Öffnungen der engen gefährlichen Straßen und Gassen der Stadt genau ins Auge fasste.
George zog die Schultern hoch und ging zurück zum Klub. Es galt, dort gewisse Dinge zu regeln. Ein Mensch hatte den Tod gefunden.
Arabella Lacey war mit ihren kostbaren Orchideen im Gewächshaus hinter dem Haus so beschäftigt, dass sie die Ankunft des Besuchers überhörte … das Geräusch der Pferdehufe auf der kiesbestreuten Auffahrt, das Räderrollen der von vier Pferden gezogenen Kutsche, die ihn begleitete, den Ruf des Postillons, der nach einem Bedienten rief, das laute Donnern des schweren Löwenkopf-Türklopfers an der Haustür.
Sie war in ihre Arbeit so vertieft, dass ihr auch entging, als ihre Hunde sich von dem sonnigen Fleck in der Ecke des Raumes erhoben und zur Glastür trotteten, die in die hintere Diele führte, wo sie mit gespitzten Ohren und erhobenen, wie gefiedert wirkenden Schwänzen Posten bezogen. Sie hörte nicht, wie die Tür geöffnet wurde, da sie die Blätter eines der selteneren Exemplare prüfte und die Stirn beim Anblick eines winzigen schwarzen Flecks runzelte, den sie heute zum ersten Mal sah.
»Verzeihen Sie mein Eindringen, Madam.«
Die leisen, ein wenig schleppend geäußerten Worte ließen Arabella zusammenfahren. Die Gartenschere entglitt ihr, als sie sich hastig umdrehte, eine Hand an der Kehle. »Haben Sie mich erschreckt«, erklärte sie überflüssigerweise und etwas irritiert.
»Ja, das sehe ich. Sie müssen mir verzeihen … ich wusste nicht, wie ich mich sonst hätte bemerkar machen sollen.« Nun trat ihr Besucher ganz ein, und sie bemerkte mit einer Mischung aus Staunen und Ärger, dass er eine Hand auf den Kopf eines jeden der roten Setter gelegt hatte und die Hunde dem Druck so gehorsam nachgaben, als wäre sie es, die sie berührte. Da Boris und Oscar im Allgemeinen Fremden gegenüber misstrauisch waren, konnte man sich darauf verlassen, dass sie jeden Besucher …

Autorenportrait:

Jane Feather, geboren in Kairo, aufgewachsen in Südengland, lebt seit 1978 in den USA. Sie war als Psychologin tätig, bevor sie 1981 anfing zu schreiben. Mittlerweile erreichen ihre Bücher weltweit Millionenauflagen.

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