Leseprobe:
Das erste Kapitel
Die Morgensonne hatte sich über dem Wald erhoben und versprach eine brennende Hitze für den ganzen Tag. Genauso, wie auch die Tage des August zuvor heiß und trocken waren. Zwischen den Stoppeln der abgeernteten Felder formte der Wind kleine Staubwirbel, und das verdorrte Gras am Rain raschelte, wenn das Lüftchen darüber streifte. Ein paar zornige Wespen summten über einem faulenden Apfel, und ein aufgeschreckter Hase hoppelte im Zickzackkurs Richtung Hecke. Mühsam zog ein schweres Pferd einen Wagen über den Karrenweg, der aus dem Dorf hinaus wer weiß wohin führte.
Ich duckte mich, bis das Gefährt vorüber war. Unauffällig zu sein gehörte zu meiner zweiten Natur. Seit Anbruch der Morgendämmerung war ich bereits unterwegs, um meine Aufgaben zu erledigen. Nun hatte ich alles getan und war auf dem Weg zurück in die dämmerige Kühle meines Heims, um den Tag zu verdösen. Es war zu warm, um etwas anderes in Angriff zu nehmen.
Die strohgedeckte Kate wartete auf mich zwischen einigen weiteren Häusern, die eine breite, ausgefahrene Straße säumten. Ich selbst bevorzugte jedoch den Weg durch die Gärten. Erbsen und Bohnen, an Stangen hochgebunden, reiften dort, Zwiebeln und Lauch verbreiteten ihren unangenehmen Geruch, Lavendel und Thymian einen etwas besseren, und ein knorriger Birnbaum spendete wohltuenden Schatten. Zwischen den breiten Blättern der Kapuzinerkresse lugten leuchtende Blüten hervor, und an der Hauswand rankte sich das Geißblatt empor. Ein aus groben Zweigen geflochtener Zaun hinderte die kleine Hühnerschar daran, das ihnen bestimmte Areal zu verlassen. Er hinderte jedoch mich nicht daran, mit einem eleganten Sprung darüber zu setzen. Gackernd stoben die braunen Hennen davon, als ich zwischen ihnen landete. Es verwunderte mich, dass für sie noch keine Körner ausgestreut waren. Gewöhnlich erhob sich die alte Moen mit der Sonne und kümmerte sich um Haus und Hof. Auch der hölzerne Wassereimer stand noch unbenutzt neben dem Brunnen, und der Reisigbesen lehnte müßig an der Wand neben der Tür.
Hier stimmte irgendetwas nicht.
Der Fensterladen stand jedoch offen, und ich begab mich in das Innere der geräumigen Hütte. Ich hatte sie immer als eine recht komfortable Unterkunft empfunden. Der Dielenboden war sauber gefegt, der Tisch geschrubbt, eine irdene Schale mit Sommerblumen stand auf einer schweren Holztruhe. Neben dem Kamin war das Feuerholz aufgeschichtet, der geschwärzte Kessel mit dem Morgenbrei hing an seinem Haken. Es brannte aber kein Feuerchen darunter.
Es stimmte also wirklich etwas nicht.
Aus dem zweiten Raum der Hütte drang kein einziges Geräusch. Auch das beunruhigte mich. Denn wenn die Moen schlief, dann lauthals. Man könnte auch sagen, sie schnarchte wie ein Pechsieder. Und wie die schnarchen konnten, hatte ich oft genug im Wald mitbekommen.
Ich sah also nach ihr und fand sie, in ihrem braunen Kleid und der weißen Schürze, die sie immer so sorgsam wusch und glättete, untätig in ihrem Sessel neben dem Bett sitzen. Das war sehr ungewöhnlich.
Vorsichtig näherte ich mich ihr und äußerte kleine Begrüßungsworte.
Sie reagierte nicht darauf.
Sie sah noch nicht einmal auf. Ihr Kopf war ihr auf die Brust gesunken, der Haarzopf hing ihr, unordentlich vom Schlummer, über die Schulter, und ihre Hände hielt sie gefaltet im Schoß.
Ich umrundete sie noch einmal, dann stupste ich sie an.
Sie reagierte nicht.
Mich beschlich eine gewisse traurige Ahnung. Sie wurde bestätigt, als ich mich auf ihre Knie begab und achtsam lauschte.
Das regelmäßige Klopfen ihres Herzens hatte aufgehört.
Die alte Moen war tot.
Darüber musste ich nachdenken.
Ich tat es in meiner Lieblingsecke in dem dritten Raum der Hütte, dort, wo sie die Kräuterbüschel zum Trocknen an die Decke gehängt hatte. Es duftete gut dort, und bedauerlicherweise döste ich überm Denken ein. Manchmal passiert mir das leider.
Eine Männerstimme weckte mich. Eine fremde Stimme!
»Moen! Moen, meine Alte. Was sind denn das für neue Sitten? Mitten am Tag ein Schläfchen zu machen!«
Ich machte mich klein und unauffällig und spähte durch die halb geöffnete Tür. Der Mann war groß und knochig. Er trug ein grob gewebtes Hemd und ebensolche Hosen, hatte hohe, erdverkrustete Stiefel an den Beinen und einen derben Gürtel umgeschnallt. Die Haare hingen ihm wirr in den Nacken, sein Gesicht war stoppelbärtig, von der Sonne dunkel gebrannt, sodass seine graugrünen Augen hell darin leuchteten. Die aufgerollten Ärmel zeigten muskulöse, gebräunte Arme. Ein Bauer wahrscheinlich. Oder ein Fuhrmann. Auf jeden Fall stammte er nicht aus dem Dorf, sonst hätte ich ihn erkannt.
»Moen? Oh, mein Gott, Moen. Das darf nicht wahr sein!«
Er fühlte nach ihrem Herzschlag und lauschte auf ihren Atem. Aber ich wusste ja schon - da war nichts mehr.
»Ach, Moen, meine arme Alte. Gerade jetzt musste es geschehen.«
Er stand einen Moment mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen an dem Sessel. Dabei fiel mir auf, dass ihm an der linken Hand der kleine Finger und der halbe Ringfinger fehlten.
Nach einer Weile rührte er sich wieder und machte sich sehr zielstrebig daran, die Hütte zu durchsuchen. Das stimmte mich außerordentlich misstrauisch. Die Moen mochte es nämlich gar nicht gerne, wenn man bei ihr herumschnüffelte. Er öffnete ihre Truhen und Kästen, schaute in den Alkoven, in dem sich ihr Bett verbarg, lugte unter die Kissen und hob sogar die Strohmatratze an den Ecken an. Er tastete mit der Hand die Dachsparren ab und klappte die Läden auf und zu. Ein sehr seltsames Benehmen. Dann kehrte er zu der Moen zurück. Er schien recht kräftig zu sein, denn jetzt hob er den leblosen Körper der alten Frau mühelos hoch und bettete ihn auf ihr Lager. Sanft zog er die Decke über sie.
Zuletzt untersuchte er noch den Sessel, auf dem sie eingeschlafen war. Dann näherte er sich meiner Ecke, wohl in der Absicht, hier in alle Töpfe und Kisten, Körbe und Kiepen zu schauen. Ich schlich mich geduckt an der Wand entlang zum Kamin. In der Stube hockte ich mich hinter das Feuerholz und beobachtete ihn weiter.
Während er weiter stöberte, entdeckte ich das schimmernde Scheibchen. Ach ja, das war ein lustiges Spiel, das die alte Moen mir beigebracht hatte. Wenn man es richtig machte, dann kullerten diese runden Dinger über den Boden. Und sie hatte mich immer gelobt, wenn es mir gelang, eines davon in die Ritze zwischen den Dielenbrettern neben dem Kamin zu schnicken. Es fiel dann mit einem leisen »Pling« nach unten. Ein hübsches Geräusch. Wir hatten das Spiel gestern Abend noch gespielt, und dieses Scheibchen hatte ich wohl übersehen.
Gewandt wie ich nun mal war, gelang es mir in kürzester Zeit, auch dieses letzte Spielzeug an die richtige Stelle zu schubsen.
»Pling«, sagte es.
Der Mann wurde auf mich aufmerksam.
»Eine Katze!«, stellte er fest, was ich bestätigen konnte. Das bin ich nun mal. Es hörte sich auch erfreut an, denn er fügte hinzu: »Du bist ein Geschenk des Himmels, Kleine. Du kannst zumindest den größten Schaden abwenden!«
Dann aber machte er sich höchst unbeliebt bei mir. Ehe ich mich versah, warf er eine Decke über mich und wickelte mich fest darin ein. Ich konnte zappeln, wie ich wollte, ich kam nicht heraus. Dann wurde ich in einen Korb gepackt, der eine lange Zeit furchtbar hin und her schwankte.
Mir war gar nicht gut.
Endlich hörte das Schwanken auf, und die Decke lockerte sich. Ich krabbelte sofort heraus und fauchte zornig. Dabei sah ich mich um, um so bald wie möglich die Flucht ergreifen zu können. Aber, verflixt, hier war ich ja noch nie gewesen! Was war das denn für ein Stall? Vier Wände, vier Fenster, viel Holz und der durchdringende Geruch nach trockenem Staub, altem Leder und feuchter Tinte. Ich sprang auf ein Bord an der Wand, auf dem einige Bücher lagen, und machte mich so gut es ging unsichtbar. Doch der Mann, der mich so brutal entführt hatte, stand neben einem Pult und sah mich mit kalten, durchdringenden Augen an. Ich hasste ihn. Um ihm das klar zu machen, starrte ich ihn in Grund und Boden.
Er hatte den Anstand, nach kurzer Zeit wegzublicken.
»Ah, Meiko, was hast du denn da mitgebracht?«, fragte eine ebenfalls staubige, alte und trockene Stimme. Ich drehte mich abrupt zu ihr hin. Ein großer, hagerer Mann in einer langen, weißen Kutte war in den Raum getreten und streifte mich mit einem Lächeln im Blick.
»Die Antwort auf Eure Probleme, Pater Melvinius. Sie wird die Mäuse fangen, die die wertvollen Pergamente hier in der Bibliothek annagen.«
»Keine schlechte Idee, Meiko. Wie bist du zu ihr gekommen? Du hast sie doch hoffentlich nicht einem Besitzer abgenommen?«
Besitzer, was für ein Blödsinn. Eine Katze wird doch nicht besessen!
»Sie lebte in dem Haus der alten Moen, drüben in Dellenhofen. Aber die Moen ist heute Nacht gestorben, und ich dachte, bevor sie zur Streunerin wird, kann sie Euch hier nützlich sein. Nahrung wird sie genug finden!«
Mit seiner verunstalteten Hand strich Meiko ganz unerwartet sanft über den ledernen Einband eines Buches.
»Seht, selbst hier haben die Nager schon ihre Spuren hinterlassen.«
»Ja, es ist eine Schande, da hast du Recht. Aber woher kennst du denn die alte Moen?«
»Der Bruder Gärtner - äh - meinte, sie habe einen winterharten Thymian. Ich wollte ihr ein Pflänzchen abschwatzen.«
Schamloser Lügner, der! Der Thymian wuchs im Garten, er aber hatte das Haus durchsucht! Ich wollte noch einmal empört fauchen, aber da kam der Pater noch etwas näher und streckte langsam die Hand nach mir aus. Ich machte eine ebenso langsame Rückwärtsbewegung.
»Keine Angst, meine Kleine, keine Angst.«
Er hatte eine seltsame Art zu sprechen. Nicht so wie die Moen oder die Dorfbewohner. Er verwendete dieselben Worte wie sie auch, aber sie klangen anders aus seinem Mund. Weicher vielleicht, ein wenig melodischer. Es gefiel mir, wenn ich ehrlich sein wollte. Er hatte ein von Falten durchzogenes Gesicht, das den trockenen, dünnen Lederhäuten, die hier zu Hauf herumlagen, sehr ähnlich war. Seine Haare hingegen waren schneeweiß und bis auf die hohe Stirn noch voll und üppig; sie lagen leicht gelockt auf seiner Schulter. Auch sein Bart schimmerte weiß und wellte sich bis über seine Brust. Die Augen, die mich unter halb gesenkten Lidern nicht unfreundlich musterten, waren hellblau mit einem dunklen Rand, und ich konnte das Gefühl nicht loswerden, sie müssten schon ungewöhnlich viel gesehen haben.
»Du bist eine hübsche Katze, Kleine, und wir sollten deshalb auch einen hübschen Namen für dich finden, nicht wahr?«
Name ist gut, dachte ich. Das gibt einem Persönlichkeit. Natürlich kannte ich meinen eigenen Namen - jede Katze hat einen, doch der wird nicht bereitwillig preisgegeben. Für das Zusammenleben mit Menschen tat es einer, den sie wählten. Er war ohnehin meist aus unserer Sprache entlehnt, soweit sie sie denn beherrschten. Miez, Maunz, Mieschen riefen sie uns zumeist. Die Moen war etwas einfallsreicher gewesen. Oder sie hatte besser hingehört. Sie nannte mich Mirza. Ich murrte leise »Mirrr-zaah« zu dem weißen Mann, und er sagte: »Mirza«. Kluger Kerl.
»Tja, Meiko, damit scheint die Sache besiegelt zu sein. Ich werde dafür sorgen, dass Mirza hier ein neues Zuhause hat. Hast du die Angehörigen der Moen verständigt?«
»Nein, ich kenne sie nicht. Aber ich habe den Nachbarn Bescheid gegeben. Sie werden für alles Weitere sorgen. Und jetzt werde ich mich wieder um den Garten kümmern, Pater Bibliothecarius!«
Ohne sich von mir zu verabschieden, stapfte der Stoffel aus der Bibliothek. Ich blieb mit Pater Melvinius alleine. Noch immer hatte ich meinen Platz auf dem Bord nicht verlassen.
»Ich kann mir vorstellen, dass du ein wenig verängstigt bist. Meiko hat dich eingefangen und dich hergeschleppt. Du wirst wohl ein paar Tage lang dein altes Heim vermissen.«
Ziemlich verständnisvoll, der Alte. Jetzt brauchte er eigentlich einfach nur die Tür aufzumachen und mich in den Sonnenschein hinauszulassen. Aber das war nicht sein Bestreben. Stattdessen hielt er mir wieder seine Finger vor die Nase. Na gut, ich tat ihm den Gefallen und schnüffelte daran. Wie nicht anders zu erwarten - trockenes Leder, Pergament, Tinte. Immerhin nicht zu unangenehm. Ich ließ mir ein leichtes Kraulen gefallen. Das konnte er recht gut.
»Du bist schön, meine Freundin! Aber es sind ziemlich viele Flecken an dir!«, murmelte er und schien belustigt. Warum, verstand ich nicht. Natürlich sind Flecken an mir. Meine eigentliche Fellfarbe ist ja weiß. Aber ich habe sehr dekorativ über den Körper verteilt einige rote und schwarze Stellen. Ein besonders eleganter schwarzer Streifen zieht sich zwischen den Augen bis zu meiner Nase hin, die deshalb auch schwarz ist. Beide Ohren leuchten rot, der Bauch schimmert selbstverständlich reinweiß, der Rücken ist gefleckt und der Schwanz wiederum vollkommen schwarz. Lange Zeit, das muss ich gestehen, war mir gar nicht klar, dass er zu mir gehört.
»Tiere mit roten Ohren, so sagt man in meiner Heimat, sind Grenzgänger zur Anderwelt. Bist du eine Feenkatze, Mirza?«
Kommen wir nicht alle aus einer anderen Welt? Was für ein überaus seltsamer Mann. Er sprach mit mir, was nicht viele Menschen tun. Und er schien sogar einen gewissen Instinkt für die richtige Perspektive zu haben. Ich drückte vorsichtig meinen Kopf gegen seine Hand.
»Wir werden gut miteinander auskommen, Mirza. Jetzt schau dich ein wenig in diesem Raum um. Ich bin mir sicher, du findest ein paar interessante Mauselöcher hinter den Regalen.«
Er ließ mich allein, und - nun ja, die Neugier siegte mal wieder. Ich nahm mein neues Heim gründlich in Augenschein.
Zwei fette Mäuse fielen mir ganz nebenbei zum Opfer.
Dann hockte ich mich ans Fenster. Erst hatte ich ja gedacht, es sei offen, denn man konnte so einfach hindurchschauen. Doch ich stieß mir meine Nase an dem kalten, harten, durchsichtigen Zeug, mit dem sie es verschlossen hatten. Sehnsüchtig also starrte ich hinaus über die grünen Weiden, die Apfelbäume, die Hecken bis hin zu den Stoppelfeldern. Würde ich nie wieder meine Pfoten auf federndem Gras spüren, nie wieder den weichen Waldboden aufscharren, nie wieder die Krallen an dem borkigen Stamm eines Baumes wetzen?
Auch an die Moen dachte ich mit Wehmut. Sie war, obwohl nur eine Menschenfrau, mir doch so etwas Ähnliches wie eine Mutter. Ich erinnerte mich nur noch dunkel an meine leibliche Mutter, die mich genährt und mir die ersten Schritte beigebracht hatte, mir dann aber, als ich einigermaßen gut zurecht kam, doch anempfahl, mir meine eigenen Mäuse zu fangen. Irgendwo in den Ställen hätte ich schon eine Möglichkeit gefunden, aber es war die Moen, die mich in ihre Schürze packte, mir mit ein paar leisen Gurrlauten zu verstehen gab, dass ich ihr vertrauen dürfe, und mich in ihre Hütte mitnahm. Ihre Finger, die mich kraulten und kratzten, waren fast so angenehm wie Mutters Zunge, ihre Spiele beinahe so interessant wie die mit anderen Katzen, und vor allem gab sie mir, auch nachdem ich schon selbst mausen konnte, noch immer von ihrer Beute ab.
Nun war sie tot, und ich hatte Heim, Zuwendung und Freiheit verloren.
Trübsinnig starrte ich nach draußen.
»Hier, schau her, Mirza! Meiko hat für dich eine Kiste mit Sand zurecht gemacht. Und ich habe für dich das hier mitgebracht.«
Die Stimme holte mich wieder in die Gegenwart zurück und machte mich auf das nahe Liegende aufmerksam. Einen Augenblick lang war ich mit mir selbst nicht ganz einig darüber, welchem Bedürfnis ich zuerst nachgeben sollte. Ich verspürte beides - Hunger und den Drang, mich zu erleichtern. Unschlüssig zuckte mein Schwanz.
Ich entschied mich zuerst für die Kiste und dann für die Schüssel mit Milch.
Pater Melvinius lachte.
»Meiko ist ein kluger Kerl, was? Für einen Gärtnerburschen schon fast zu klug. Man sollte meinen, die Bücher hier lägen ihm mehr am Herzen als seine Gemüsepflanzen, die Apfelbäume und die Kräuter. Aber er ist ja erst eine Woche hier bei uns im Kloster, und man soll nicht vorschnell urteilen.«
Meiko, mein Entführer, ein Gärtnerbursche? Der Mann gab mir, genau wie dem Pater, ein Rätsel auf. Sicher, er trug einfache Kleidung und hatte Lehm an den Füßen. Seine Hände waren rau und sein Körper stark. Aber ich war mir ganz sicher, dass ich ihn zuvor schon einmal gesehen hatte. Es lag irgendwie an seinen Bewegungen oder in seiner Haltung, dass er mir bekannt vorkam. Sie glichen nicht denen eines Bauern oder Tagelöhners, eines Gärtners oder Fuhrmanns. In einer mondhellen Nacht, einige Tage zuvor, meinte ich, ihn schon einmal getroffen zu haben. Ich hatte auf der Brunnenmauer gesessen, und das Licht des Mondes war auf ihn gefallen, als er ganz in meiner Nähe um sich schaute. Da hatte er jedoch auf einem edlen Pferd gesessen, und seine Kleidung war alles andere als bäuerlich gewesen. Außerdem hatte er einen zweiten, sehr jungen Mann bei sich, der ebenfalls ein Pferd ritt und nicht gerade wie ein armer Lump gewandet war.
Dieses geheimnisvolle Verhalten machte ihn mir nicht sympathischer.
Trotz meines wohlig gefüllten Magens rollte ich mich grollend auf einem roten Bucheinband zusammen und trauerte meiner Freiheit hinterher.
Es schien, als habe Meiko mit seiner ruchlosen Tat ein Kapitel meines Lebens für immer beendet.
Ein abgeschlossenes Kapitel
Sieben Tage hielt ich es in der Bibliothek aus. Ich weiß es genau, denn im Zählen sind wir Katzen gut. Schließlich müssen wir ein Auge auf unsere Jungen haben. Ich hatte mal vier. Bis acht schaffe ich es spielend, zu zählen, darüber hinaus geht es in den Schätzbereich.
Also gut, sieben Tage hielt ich es in dem muffigen Raum aus, Pater Melvinius zuliebe. Auch weil die Mausausbeute wirklich recht passabel war. Der alte Mann war gut zu mir, fast noch aufmerksamer als die Moen, die ja nur ihre Kate geputzt hatte und sich um die Hühner kümmerte. Er hingegen verbrachte viele Stunden an seinem Lesepult, eine seltsame Konstruktion auf der Nase, über die hinweg er mir gelegentlich zublinzelte, wenn ich einen Nager aufstöberte. Nur einmal hatte er vorwurfsvoll die Stimme erhoben. Da hatte ich nämlich versucht, dieses Ding von dem Pult zu schubsen, um damit zu spielen. Die Brille, so nannte er es, sei zerbrechlich, und ich dürfe sie nicht berühren. Na gut, dann spielte ich eben mit den Mäusen. Da ich seit Neuestem häufig richtig satt war - denn er brachte mir abends immer einen Teller mit Fleischstückchen mit - trug ich die erlegten Mäuse schon mal zu ihm hin, damit er auch etwas zu kauen hatte. Er lobte mich zwar, fraß sie aber nicht. Na gut, das ist wohl Geschmackssache.
Oft, wenn ich mich nach der Mahlzeit sauber geputzt zu ihm gesellte, lud er mich doch tatsächlich ein, auf seinem Schoß Platz zu nehmen. Es war angenehm dort. Seine Kutte bestand aus ungebleichter, aber sehr weicher Wolle, schön griffig, wenn man abzurutschen drohte, und roch ein bisschen nach Kräutern und Weihrauch. Und nach Mensch, aber das war ja normal. Nett von ihm war es, mit mir zu plaudern. Hin und wieder sprach er mich direkt an und erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden. Dann antwortete ich ihm in meiner Sprache, wobei ich jedoch vermutete, dass er sie nicht besonders gut verstand. Vor allem aber genoss ich es, wenn er mir mit halblauter Stimme etwas vorlas, was da in seinen Büchern geschrieben stand.
»›Nenne mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Helden, welcher so weit geirrt...‹«, rezitierte er zum Beispiel gerade leise an jenem späten Nachmittag, als plötzlich dieser verlogene Gärtnerbursche wieder in die Bibliothek hineinplatzte. Er brachte einen Korb mit und erkundigte sich hämisch, ob ich meinen Aufgaben zur Zufriedenheit nachkäme. Wahrscheinlich wollte er mich bei unzureichender Leistung wieder in den Korb stopfen und irgendwo ersäufen. Männer wie er machten das. Meine ersten Kinder hatten dieses Schicksal erfahren. Die Galle kochte mir hoch, und ich fauchte ihn mit einem vernichtenden Blick an.