Leseprobe:
Prolog
Der nackte Mann auf dem Bett lag im Sterben und er hatte keine Ahnung weshalb.
Mondlicht sickerte durch die dünnen Vorhänge, die sich am Fenster neben dem Bett bauschten. Er roch das Meer, stöhnte und versuchte, seine Gedanken zu sammeln. Doch was ihm durch den Kopf ging, war ohne Logik und Zusammenhang: Die Krone eines freistehenden Baumes im Dämmerlicht eines Gartens; das zielstrebige Rascheln eines unsichtbaren Tieres, das durch hohes Gras gleitet; den säuerlichen Geschmack eines grünen Apfels; die schwüle Atmosphäre nach Sex. Fragen trafen ihn wie Regentropfen: Wie heiße ich? Wie bin ich hierher geraten? Was ist das für ein Feuer, das in meinen Adern lodert?
All diese Fragen versuchte er zu beantworten, ohne eine einzige vernünftige Erklärung zu finden. Eine unendlich lange Zeit war sein Bewusstsein nur auf Bruchstücke von Wahrnehmungen reduziert gewesen. Keine Vergangenheit. Keine Zukunft. Nur Versatzstücke einer entsetzlichen Gegenwart.
Beispielsweise spürte er, dass sein Blickfeld sich mal gelb eintrübte, dann wieder klarer wurde, um gleich darauf wieder zu verschwimmen, so als befände er sich in einem kleinen Boot mitten auf stürmischer See, die Augen voller Salzwasser, und könne nur ab und zu von einem Wellenkamm aus den Horizont erspähen. Seine Zähne klapperten. Die Finger, die Zehen und die Kopfhaut juckten und schmerzten. Sein linker Oberschenkel und seine rechte Armbeuge fühlten sich geschwollen an, hohl und straff, und das Blut klopfte darin, dass er meinte, die Haut müsse aufplatzen. Sein unregelmäßiger Pulsschlag hallte ihm in den Ohren wider.
Er verlor den Atemreflex. Mit einem Mal war er weg. Nun wurde jeder Atemzug zu harter Arbeit. Mühsam musste er die Brust aufblähen und Luft einsaugen, um seine Lungen zu füllen. In seinem Schädel, direkt hinter den Augäpfeln, baute sich ein peinigender Druck auf. Schrei, dachte er. Schrei, und es wird schon jemand kommen und dir helfen.
Aber alles, was er herausbrachte, war ein hilfloses, rasselndes Geräusch. Er spürte, wie sein Herz stockte, zögerte, dann wieder losschlug, wie ein stotternder Motor, der mit schlechtem Treibstoff kämpft.
Wasser, dachte er. Ich brauche Wasser. Er versuchte, mit den Händen seinen Mund zu erreichen, um irgendwie seine Zunge beiseite zu schieben, damit er etwas schlucken konnte, aber es gelang ihm nicht; seine Handgelenke schienen hinter seinem Kopf festgebunden. Auch die Beine konnte er nicht bewegen.
Einen Moment lang verlor er das Bewusstsein. Dann fuhr ihm ein gewaltiger Stich durch den Brustkasten und peitschte ihn ans Ufer des Bewusstseins zurück. Atmen, atmen.
Nun konnte er kaum noch etwas sehen. Das ganze Zimmer, das Bett, die Decke, die Vorhänge und das Mondlicht verschwammen in einer schmutzig gelben Brühe.
Mit einem Mal spürte er, dass da etwas war in dieser Flüssigkeit, ein schattenhafter Umriss, der in seine Richtung schwamm. Die Schattenform hatte eine wachsartige Erscheinung, trug eine Kapuze und wirkte unbestimmt erotisch. Ein Höhlengeruch wie nach vermoderndem Holz schien ihr zu entströmen. Dazu ein trockenes, rasselndes Geräusch.
"Hilfe", brachte er mühsam hervor.
Der Schatten beugte sich über ihn. Eine Stimme drang wie durch eine meterdicke Wasserwand zu ihm: "Ich helfe dir: Achte auf die Sechzehn ..."
Die Stimme sprach weiter, doch der Mann nahm keine Notiz mehr von den unverständlichen Worten. Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Gewicht gefesselt, das plötzlich auf seiner Brust lastete, kühl, glatt und sich windend, und die Stimme, die aus der Flüssigkeit zu ihm drang, war nur noch wie ein Gesang aus der Ferne.
Etwas Schartiges bohrte sich in sein Kinn. Flüssiges Feuer ergoss sich in seinen Körper. Er krampfte sich zusammen, rang nach Luft, und sein Geist erhaschte eine letzte Vision: Gewitterblitze zuckten über einen Nachthimmel. Zikaden sangen. Eulen schrieen. Bedrohlich krochen Wolken über den Horizont, er erwartete sie auf einer Felsklippe in einem Wald aus Buscheichen, Kiefern und Kudzu. Die Regentropfen wurden dicker und dunkler, dann verwandelten sie sich in Hagelkörner. Das Muster des gefrorenen Regens verdichtete sich zu einem Wirbel, der ihn ins Wanken brachte und von seinem Felsausguck riss. Taumelnd stürzte er in eine schwarze, brodelnde flüssige Tiefe.
Eins
Dreißig Stunden später, morgens um viertel vor acht, rollten Wolken, grau wie Tahitiperlen, vom Pazifik landeinwärts, getrieben von einem eisigen, unermüdlichem Wind, der die Wellen niederdrückte und an den Klippen nagte. Ein ungewöhnlich unfreundliches Wetter für einen Ort, der ansonsten vom Klima begünstigt ist. Aber an diesem Morgen des 1. April, einem Samstag, war es kalt in La Jolla, Kalifornien. Hätte jemand Mary Aboubacar gefragt, ein Zimmermädchen, das erst kürzlich aus Kenia eingewandert war, so hätte sie ohne Zögern gesagt, es sei eiskalt.
Mary bibberte, hob die Augen von dem brodelnden Ozean tief unter ihr und kehrte dem Wind den Rücken. Die hochgewachsene Frau war Ende Zwanzig und hatte eine Haut von der Farbe cremigen Mokkas. Sie schlug den Kragen ihrer Jacke hoch und griff nach dem Eimer mit dem Putzzeug. Dann setzte sie ihren Weg durch das üppig bewachsene Areal eines Apartmentkomplexes fort, der den einfallslosen, aber treffenden Namen "Sea View Villas" trug. Die Anlage beherbergte die Forscher und Laboranten, die mit Zeitverträgen in der boomenden Biotechnologie-Industrie von San Diego arbeiteten und sich hier monatsweise für um die 2000 Dollar einmieteten. Für Wäsche und Putzfrau waren 400 Dollar extra fällig.
Marys Chef hatte sie um sechs Uhr morgens angerufen und sie gebeten einzuspringen, weil sich die Samstagsputzfrau krank gemeldet hatte. Für Mary war es schon die zweite Extraschicht, und sie hatte noch sieben Objekte vor sich.
Sie stemmte sich gegen den Wind. Der betonierte Weg bog wieder Richtung Meer zu Gebäude Nummer fünf, einem dreistöckigen Bau, der sie an eine Botschaft in Nairobi erinnerte. Weiß verputzte Wände, verzierte Holztüren und ein Dach in der Farbe des roten Lehms, wie es ihn in dem Hochland gab, wo sie aufgewachsen war.
Mary setzte den Eimer an der Treppe ab und machte einem Mann Platz, der den letzten Absatz herabgesprungen kam. Die Einwohner von Sea View sahen alle irgendwie gleich aus: Jung, reich und immer in Eile, und sie wohnten hier nur so kurz, dass sie ihre anfängliche Gewohnheit aufgegeben hatte, sie zu grüßen. Dennoch registrierte sie, dass es ein Weißer war und sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Und er kam ihr aufgeregt vor. Mit einem burgunderroten Lederkoffer verschwand er Richtung Parkplatz.
Mary rieb sich die Hüften, nahm ihren Eimer wieder auf und ging in den zweiten Stock hinauf zu ihrem ersten Objekt. Sie klingelte, wartete eine Weile, klingelte noch einmal. Als ihr niemand antwortete, drückte sie die Klinke herunter und öffnete die Tür einen Spalt breit. "Der Reinigungsservice", rief sie mit ihrer singenden Stimme. "Niemand zuhause?"
Mary stieß die Tür ganz auf. Mit zögernden Schritten trat sie ein, knipse die Lichtschalter an und erfasste den großen Wohnraum mit einem Blick. Das war eine Wohnung der so genannten "Goldklasse" - freie Aussicht, Möbel in Sonderausstattung. Gläserne Schwebetüren führten auf einen Balkon mit Meerblick. Vorhänge mit Fischgrätenmuster, zugezogen. Cremeweißer Teppich. Couchtisch mit Glasplatte, Ledersofa und Couch vor Fernseher und Stereoanlage. Hinter einem Tresen die kleine Küche, komplett in Edelstahl.
Die Wohnung sah aus, als sei sie gerade sauber gemacht worden. Nirgends eine Zeitung. Kein Geschirr im Abwaschbecken. Der Teppich frisch gesaugt. Es roch nach Putzmittel.
Mary zog einen Zettel aus der Tasche und verglich ihre hingekritzelten Notizen mit der Nummer an der Außentür - Haus fünf, Wohnung neun. Sie hob die Schultern und freute sich über ihr Glück. Dieses Objekt konnte sie als erledigt eintragen, ohne einen Finger zu rühren.
Als sie schon drauf und dran war, sich zu ihrem kleinen Pausenversteck draußen an der Klippe aufzumachen, um in Ruhe eine Zigarette zu rauchen, hielt sie es für besser, zur Sicherheit besser doch noch einen Blick auf den Rest der Wohnung zu werfen. Sie schritt über den Flur, wo eine gerahmte Fotografie der Coronado vorgelagerten Inseln bei Sonnenuntergang hing. Als sie auf dem Teppich vor der verschlossenen Tür des Schlafzimmers rotes Kerzenwachs sah, runzelte sie die Stirn. Ein übler Geruch stieg ihr in die Nase, und sie hielt einen Moment inne. Offenbar war der jetzige Mieter - sie kannte nicht einmal seinen Namen - im Bad gewesen, als sie an der Tür geklingelt und gerufen hatte.
Sie klopfte. "Hallo?" Da sie nichts hörte, drückte sie die Klinke nach unten und öffnete die Tür. Ein heftiger Windstoß schlug ihr durchs offene Fenster entgegen. Mary warf einen Blick in das Schlafzimmer und sprang entsetzt zurück.
"Ebola!", schrie sie und rannte über den Flur zur Haustür. "Ebola!"
Zwei
Etwa fünfundzwanzig Kilometer entfernt, auf einem "Feld der Träume" in North Park, einem bedeutend weniger schicken Teil von San Diego, erlebte Jimmy Moynihan zu dieser Stunde sein erstes Golgatha.
Es war am Ende des ersten Innings, und Jimmy lag drei zu null hinter dem besten Hitter der League zurück, einem Brocken namens Rafael Quintana, gerade einmal zwölf Jahre alt, bei dem sich schon der erste Flaum auf der Oberlippe abzeichnete und dessen Schultern vermuten ließen, dass ihn sein alter Herr mit testosteronfördernder Kraftnahrung vollstopfte.
"Los, Jimbo, zeig's ihm", rief ich ihm vom Zaun am Right Field zu. "Ich will 'Strike' hören."
Jimmy sah durch seine Brille an mir vorbei. In Gedanken ganz woanders, spielte er mit dem Ball hinter seinem Rücken. Er war unsicher. Ungut für einen Pitcher. Genau wie ich im Alter von zehn ist er ein langer, schmaler Kerl mit Sommersprossen, dichtem schwarzem Haar und mächtig viel Zahnspange im Mund. Und genau wie ich ist er mit einem überraschend starken Arm und flüssigen Bewegungen gesegnet. Aber ich habe in vielen Jahren gelernt, dass es Tage gibt, an denen man sich unter Kontrolle hat und solche, an denen einem nichts gelingt, und an diesem feuchtkalten Morgen sah es so aus, als würde mein einziger Sprößling rein gar nichts zustande bringen .
Er holte zum Wurf aus. Ich schickte ein stummes Gebet zum Gott der Little League. Jimmy servierte den Ball auf dem Silberteller, eine Idealvorlage, hüfthoch. Rafael pulverisierte ihn. Das ergab drei Runs. Und ich fühlte mich wie der Typ, den Paul Newman in Butch Cassidy und Sundance Kid in die Eier tritt.
Ich war auf einen Tränenausbruch von Jimmy gefasst, wie es ganz normal ist, wenn Kinder was auf den Deckel bekommen. Aber in seinen Augen blitzte nur Zorn auf, und er trat gegen das Mal.
"Was sagst du dazu?", fragte Don Stetson, mein Assistenztrainer, ein zähes Kerlchen, der mich vergötterte, weil ich vor Urzeiten, vor vielen, vielen Monden, einmal in den Major Leagues Pitcher gewesen war. Allerdings nur neunzehn Spiele lang.
"Dass wir Rafaels Geburtsurkunde überprüfen sollten, vielleicht ist er alt genug, mit uns nach dem Spiel ein paar Coronas zu kippen. Ein, zwei Bluttests wären vielleicht auch angesagt."
"Unsinn, Shay", meinte Don. "Die machen uns gerade platt."
"Ich weiß ja. O Mist, wie ich das hasse", erwiderte ich, trat aufs Spielfeld und rief "Time!"
Ich lief über das Infield zu Jimmy, der sich die größte Mühe gab, einen Graben durch das Mal zu ziehen. Er würdigte mich keines Blickes.
"Ich hab einen Satz Eier in diese Richtung fliegen sehen", sagte ich und nickte zum Zaun des Leftfield.
"Mir geht's prima, alles bestens", antwortete Jimmy. "Lass mich weitermachen."
"Früher oder später kriegt jeder mal eins aufs Dach."
"Du nicht."
"Es gibt noch vieles, was du über deinen Alten lernen musst."
"Das sagt Mom auch immer."
"Kluge Frau, deine Mom."
"Das ist nicht nett gemeint."
"Sieh mal an", antwortete ich. "Jetzt schick mal Lawton rein und übernimm seinen Posten im Rightfield. Und mach mir Ehre da draußen. Aufgegeben wird nicht, klar?"
Er blickte zu mir hinauf und antwortete sarkastisch: "Aufgegeben wird nicht. Schön, Dad, ich werd's mir merken." Dann drückte er mir den Ball in die Hand, drehte sich um und rannte nach links. Ich sah ihm nach, schüttelte den Kopf und ging wieder zur Trainerbank zurück. Warum müssen Jungs schon nach einem Jahrzehnt auf dieser Welt die Erfahrung machen, dass das Leben eine harte Sache ist?
Von den Stehplätzen aus sah uns meine Exfrau Fay zu. Selbst in ausgefransten Shorts und einem alten Sweatshirt sah sie noch umwerfend aus. Rotblondes Haar, das ihr von der Sonne durchflutet wild über die Schultern fiel, umrahmte sommersprossige Wangen, eine Adlernase und Lippen, die sich halb spöttisch, halb bestürzt kräuselten, als ob sie alleine die grausame Ironie des Lebens zu würdigen wüsste. Aber es waren ihre Opalaugen, die mich packten - die mich immer schon gepackt hatten -, diese rauchigen Augen, mit denen sie einfach durch mich hindurchschauen kann. Was die Hälfte unseres Problems ausmacht.
Ich suchte ihren Blick und zuckte mit den Schultern. Sie lächelte mir nicht zu, sondern hob nur die Augenbrauen und wandte sich ihrem neuesten Kerl zu. Der hieß Walter Patterson, liebte Gartenarbeit und selbstgebackenes Brot, trommelte, ging auf Lyrikabende und war für lange Strandspaziergänge zu haben - ansonsten rackerte er sich als Chefarzt in der Notaufnahme des Universitätsklinikums von San Diego ab, dem größten Krankenhaus im County.
Walter hatte regelmäßige Arbeitszeiten, versäumte nie eine Verabredung, brach nie ein Versprechen, lief nicht anderen Frauen hinterher, spielte nie verrückt und überließ es Fay, die Grenzen ihrer Beziehung zu bestimmen. Das war wahrscheinlich sein größtes Plus, dachte ich und wandte mich wieder dem Spiel zu.
Der kleine Lawton rettete glücklich über das Inning. Im zweiten Inning dann hatten wir bald zwei Leute auf Bases, ohne Outs. Jimmy war als nächster am Schlag. Da meldete sich der Piepser an meinem Gürtel.
"Mist", sagte ich, als ich die Nummer sah. Ich zog mein Handy heraus und ging hinter die Trainerbank. "Das ist hoffentlich nichts Unangenehmes. Mein Kleiner ist gleich dran."
"Tut mir Leid, Sergeant", meldete sich die glockenhelle Stimme von Lieutenant Anna Cleary, der Diensthabenden. "Wir haben eine Leiche. Der Sheriff hat Mondanzüge für die Besichtigung geordert."
"Mondanzüge?"
"Die Streife sagt, es könnte eine bakteriologische Verseuchung vorliegen. Rogers will nichts riskieren. Der Arzt auch nicht."
"Klingt prickelnd."
"Hab ich mir gedacht, dass das was für Sie ist."
"Sie sind immer so nett zu den Mühseligen und Beladenen, Anna", sagte ich.
"Nur zu Ihnen, Shay", erwiderte sie.
"Wo?"
"Sea View Villas, La Jolla."
"Tod bei den Schönen, Superreichen und Dompteuren der DNA", meinte ich, schaltete das Handy aus und kam wieder hinter dem Trainerhäuschen hervor, um Jimmy an der Homeplate zu sehen. Als er sich fertig machte, sah er mich mit diesem "Bitte geh nicht weg" - Blick an, mit dem ich in den letzten vier Jahren zu leben gelernt hatte. Ich fummelte meine Dienstmarke heraus. Bei ihrem Anblick stieg wieder die Wut in ihm hoch, und er wandte sich ab. Das Gewicht der ganzen Welt lag in seinem Schlag, und in meinem Bauch breitete sich das bekannte hohle Gefühl aus, das mich packt, wenn ich ihn allein lassen muss.