Leseprobe:
Spät im sechzehnten Jahr des Sabbatweltenkreuzzugs geriet Kriegsmeister Macaroths einschneidender Vorstoß auf das strategisch wichtige Cabal-System ins Stocken, obwohl er in der Anfangsphase forsch und zuversichtlich vorangetrieben worden war. Die Streitkräfte des Imperiumskreuzzugs hatten zwei Drittel der Zielplaneten eingenommen, darunter auch zwei der berüchtigten Festungswelten, und die Besatzer-Armeen des Erzfeindes vernichtet oder in die Flucht geschlagen. Doch schließlich war das eingetreten, wovor viele Flottenkommandeure gewarnt hatten: Der Vorstoß hatte eine von drei Seiten angreifbare Ausbuchtung und dadurch eine zu lange Front geschaffen.
Orlock Gaur, einer der fähigsten Heerführer des Erzfeindes, lancierte unter wirkungsvollstem Einsatz der tödlichen Loxatl-Söldner einen beherzten Gegenschlag, der auf die kernwärtige Flanke des Vorstoßes zielte, und nahm in rascher Folge Enothis, Khan V, Caius Innate und Belshiir Doppelstern. Lebenswichtige Nachschublinien, vor allem jene für die Treibstoffreserven der arg strapazierten Kreuzzugsflotte, wurden abgeschnitten. Macaroths kühnes Wagnis, von dem er gehofft hatte, es werde den gesamten Feldzug gewinnen, erschien jetzt tollkühn. Falls keine neuen Nachschublinien etabliert und keine neuen Treibstoffreserven erschlossen werden konnten, würde die schwer erkämpfte Cabal-Tasche wieder verloren gehen. Im besten Fall würde das Imperium zum Rückzug gezwungen sein. Im schlimmsten Fall würde die gesamte Front zusammenbrechen und überrannt.
Kriegsmeister Macaroth setzte alles auf eine Karte und verlegte in aller Eile bedeutende Elemente seiner nach außen gerichteten Flanke, um neue Nachschublinien zu eröffnen. Alle Beteiligten wussten, dass dieses improvisierte Unternehmen über das Schicksal der Cabal-Tasche und vielleicht sogar des gesamten Feldzugs entscheiden würde.
Die wichtigsten Zielwelten waren die prometheumreichen Planeten Gigar, Aondrift Nova, Anaximander und Mirridon, die Rüstungswelten Urdesh, Tanzina IV und Ariadne mit ihren beträchtlichen Treibstoffreserven sowie die Dampffabriken Rydol und Phantine …
– aus Geschichte der Späten Imperialen Kreuzzüge
PROLOG
Ehrliches Silber
TRÄGERLUFTSCHIFF NIMBUS , WESTKONTINENTALE WEITEN, PHANTINE 211.771, M41
»Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns wusste, was auf uns zukam.
Feth, ich bin froh, dass ich nicht wusste, was auf mich zukam.«
– Sgt. Varl, Anführer der Gruppe 1, Erstes Tanith
Ein Würgegriff war das Letzte, womit er gerechnet hatte.
Soldat Hlaine Larkin landete mit markerschütterndem Krachen an einem Ort, an dem es so dunkel war, dass er nicht die Hand vor Augen sehen konnte. Er warf sich sofort zu Boden, wie der Oberst es ihm in der Ausbildung beigebracht hatte. Auf den Bauch.
Irgendwo rechts hörte er Sergeant Obel in der Dunkelheit die Männer der Geschützmannschaft anraunzen, Deckung zu nehmen. Das war schon mal ein Witz. Deckung? Wie sollten sie Deckung finden, wenn sie nicht mal den Arsch des Vordermanns sehen konnten?
Auf dem Bauch liegend, tastete Larkin umher, bis seine Finger gegen eine aufrechte Oberfläche stießen. Vielleicht ein Pfosten. Ein Schott. Er kroch darauf zu und löste sein langes Lasergewehr aus dem Plastikschutz. Dazu brauchte er nur den Tastsinn. Seine Finger strichen über den Nalholzschaft, den Abzug und die geölte Kerbe zum Einrasten des Nachtzielrohrs.
Ganz in der Nähe schrie jemand in der Dunkelheit. Irgendein armer Teufel, der sich bei der Landung einen Knöchel gebrochen hatte.
Larkin spürte Panik in sich aufsteigen. Er holte das Nachtzielrohr aus einem Seitenfach der Schutzhülle, ließ es einrasten, entfernte die Schutzabdeckung und wollte gerade einen Blick hindurchwerfen, als sich ein Arm um seinen Hals legte.
»Du bist tot, Tanither«, flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr.
Larkin wand sich, doch der Griff wurde nicht lockerer. Das Blut hämmerte in seinen Schläfen, als der Würgegriff stärker wurde und ihm Luftröhre und Halsschlagader zudrückte. Er versuchte »Mann außer Gefecht!« zu rufen, aber seine Kehle war zugeschnürt.
Ein Ploppen ertönte, und Leuchtkugeln explodierten über ihnen. Die Landezone war plötzlich grell erleuchtet. Pechschwarze Schatten, kantig und krass, fielen auf ihn.
Er sah das Messer.
Tanithisches Silber, gerade, dreißig Zentimeter lang, schwebte vor seinem Gesicht.
»Feth!«, gurgelte Larkin.
Eine Pfeife blies schrill und durchdringend.
»Stehen Sie auf, Sie Idiot«, befahl Kommissar Viktor Hark, während er mit der Pfeife in der Hand durch den Hangar marschierte. »Sie, Soldat! Stehen Sie auf! Sie liegen verkehrt herum!«
Die Deckenlampen schalteten sich flackernd ein und tauchten den gesamten Hangar in ein fahles, gelbes Licht. In dem Durcheinander aus Kisten und Wellblech blinzelten Soldaten in schwarzem Gefechtsdrillich und erhoben sich zögernd.
»Sergeant Obel!«
»Herr Kommissar?«
»Kommen Sie gefälligst hierher!«
Obel beeilte sich, dem Befehl des Kommissars Folge zu leisten. Hinter Hark zuckten harmlose Niederenergie-Laserschüsse durch die Düsternis.
»Hören Sie auf damit!«, brüllte Hark, indem er sich umdrehte. »Sie sind sowieso alle tot! Feuer einstellen und Ausgangsposition zwo einnehmen!«
»Jawohl, Herr Kommissar!«, kam die Antwort von der Feindseite.
»Meldung?«, fragte Hark, während er sich wieder dem rotgesichtigen Obel zuwandte.
»Wir sind abgesprungen und haben uns verteilt, Herr Kommissar. Schema Theta. Wir hatten Deckung …«
»Wie schön für Sie. Glauben Sie, es spielt eine Rolle, dass sich achtzig Prozent Ihrer Einheit in die falsche Richtung gewendet haben?«
»Herr Kommissar, wir waren … verwirrt.«
»Ach du meine Güte. Wo ist Norden, Sergeant?«
Obel zog seinen Kompass aus einer Uniformtasche. »In dieser Richtung, Herr Kommissar.«
»Endlich. Es hat einen guten Grund, dass die Anzeige dieses Instruments im Dunkeln leuchtet, Sergeant.«
»Hark?«
Kommissar Hark nahm zackig Haltung an. Eine hochgewachsene Gestalt in einem langen Mantel ging durch den Hangar zu ihm. In dem schlechten Licht sah er wie Harks Schatten aus.
»Was glauben Sie, wie Sie sich geschlagen haben?«, fragte Kommissar-Oberst Ibram Gaunt.
»Was ich glaube, wie wir uns geschlagen haben? Ich glaube, sie hätten uns abgeschlachtet. Und das verdientermaßen.«
Gaunt verbiss sich ein Schmunzeln. »Seien Sie nicht ungerecht, Hark. Diese Männer da sind alle in Deckung. Sie hätten sich sehr schnell zurechtgefunden, wenn der Laser-Beschuss echt gewesen wäre.«
»Das ist eine sehr großzügige Einschätzung. Ich würde es als Fünfundsiebzig-Punkte-Sieg für die passive Seite werten.«
Gaunt schüttelte den Kopf. »Höchstens fünfundfünfzig bis sechzig Punkte. Ihnen stand immer noch ein Weg offen.«
»Ich korrigiere Sie nur sehr ungern, Herr Kommissar«, sagte ein hochgewachsener, hagerer Tanither im Tarnumhang, der beiläufig aus Obels Reihen trat. Er schraubte gerade den Verschluss auf einen Farbstift.
»Mkvenner?«, begrüßte Gaunt den grimmigen Späher, der zu Sergeant Mkolls Elite-Truppe gehörte. »Nur zu, klären Sie mich auf.«
Mkvenner hatte ein längliches Gesicht mit hohen Wangenknochen, das alles, was er sagte, düster und erschreckend erscheinen ließ. Er hatte eine blaue Halbmond-Tätowierung unter dem rechten Auge.
Viele fanden, dass er große Ähnlichkeit mit Gaunt hatte, obwohl Mkvenners Haare tanithisch schwarz waren und Gaunts strohblond. Gaunt war außerdem größer, breiter und wirkte einfach imposanter.
»Wir hörten sie während der Verdunklung landen, und ich habe fünf Männer in ihre Linien geschleust.«
»Fünf?«
»Bonin, Caober, Doyl, Cuu und mich selbst. Nur Messer«, fügte er hinzu, indem er auf seinen Farbstift zeigte. »Wir haben acht von ihnen markiert, bevor das Licht anging.«
»Warum konntet ihr etwas sehen?«, fragte Obel wehmütig.
»Wir haben Augenbinden getragen, bis die Lichter ausgingen. Deshalb waren unsere Augen schon an die Dunkelheit gewöhnt.«
»Gute Arbeit, Mkvenner«, seufzte Gaunt. Er versuchte, Harks strengem Blick auszuweichen.
»Sie haben uns kalt erwischt«, sagte Hark.
»Anscheinend«, erwiderte Gaunt.
»Tja … sie sind noch nicht bereit. Nicht dafür. Nicht für einen Nachtabsprung.«
»Sie müssen aber bereit sein!«, fauchte Gaunt. »Obel! Schaffen Sie diese jämmerlichen Alibisoldaten wieder auf die Türme. Wir fangen noch mal von vorne an!«
»Jawohl, Herr Kommissar!«, erwiderte Obel zackig. »Äh … Soldat Loglas hat sich bei der letzten Übung das Schienbein gebrochen. Er braucht einen Sani.«
»Feth!«, fluchte Gaunt. »In Ordnung, nur zu. Alle anderen: Wieder auf die Plätze!«
Er wartete einen Moment, bis die Sanitäter Lesp und Chayker den stöhnenden Loglas aus dem Hangar getragen hatten. Der Rest von Obels Abteilung kletterte die Gerüste der sechzehn Meter hohen Sprungtürme empor, wickelte die Abseilkabel auf und ging wieder in Absprungposition.
»Licht aus!«, rief Gaunt. »Das wird jetzt wiederholt, bis wir es begriffen haben!«
»Du hast ihn doch gehört!«, keuchte Larkin. »Es ist vorbei! Wir fangen noch mal von vorne an!«
»Ein Glück für dich, Tanither.«
Der Würgegriff lockerte sich, und Larkin fiel nach Luft schnappend zur Seite.
Soldat Lijah Cuu schritt über ihn hinweg und schob seine silberne Klinge wieder in die Scheide.
»Trotzdem, ich hab dich erwischt, Tanither. So sicher wie sicher.«
Larkin hob hustend seine Waffe auf. Die Pfeife ertönte schon wieder.
»Verdammter Idiot! Du hättest mich beinahe umgebracht!«
»Dich umzubringen, war Sinn der Übung, Tanither«, grinste Cuu, indem er den perplexen Meisterschützen mit seinem Katzenblick fixierte.
»Du sollst mich damit markieren!«, schnauzte Larkin mit einem Kopfnicken auf den ungeöffneten Farbstift, der in Cuus Koppel eingehakt war.
»Ach ja«, staunte Cuu, als sehe er den Stift zum ersten Mal.
»Larkin! Soldat Larkin!«, hallte Sergeant Obels Stimme durch den Hangar. »Haben Sie die Absicht, sich uns anzuschließen?«
»Sergeant!«, bellte Larkin und stopfte sein Lasergewehr wieder in die Schutzhülle.
»Im Laufschritt, Larkin! Machen Sie schon!«
Larkin drehte sich mit einer weiteren mürrischen Verwünschung auf den Lippen erneut zu Cuu um. Doch Cuu war verschwunden.
Obel wartete auf ihn am Fuß eines der Türme. Die letzten Männer kletterten mit vollem Sturmgepäck das Gerüst empor. Ein paar standen noch unten, tauchten Schwämme in einen Wasserkanister und wischten sich die verräterischen roten Flecken von der Uniform.
»Probleme?«, fragte Obel.
»Nein, Sergeant«, sagte Larkin, während er den Trageriemen seiner Gewehrhülle richtete. »Nur dass Cuu gemeingefährlich ist.«
»Im Gegensatz zum Feind, der weich und kuschelig ist. Schaffen Sie Ihren mageren Hinteren den Turm hoch, Larkin.«
Larkin hangelte sich an dem Metallgitterwerk empor. Hoch über ihnen wurde eine Lichtleiste nach der anderen ausgeschaltet.
In sechzehn Metern Höhe versammelten sich die Männer auf einer Gitterrost-Plattform und bildeten drei Reihen. Vor ihnen war ein Gerüstbogen, der Größe und Form der Ausstiegsluke eines Landungsboots simulieren sollte und zu einer Rampe führte, die jemand trocken »die Planke« getauft hatte. Gutes, Garond und Unkin, die drei Männer an der Spitze, hockten bereits dort, das Absprungseil im Schoß zusammengerollt. Ein Ende des Seils war mit Karabinerhaken oberhalb der Planke am Turm befestigt.
»In Reih und Glied«, murmelte Obel, während er die Geschütztrupps abschritt.
Larkin beeilte sich, seinen Platz einzunehmen.
»Tot, Larks?«, fragte Bragg, als er ihm Platz machte.
»Feth, ja. Und du?«
Bragg zeigte auf einen roten Fleck auf seiner Jacke, den er nicht hatte abwaschen können. »Ich hab sie nicht mal gesehen«, sagte er.
»Ruhe im Glied!«, blaffte Obel. »Tokar! Ziehen Sie den Harnisch stramm, sonst erhängen Sie sich damit. Fenix … wo sind Ihre verdammten Handschuhe?«
Die letzte Lichtleiste erlosch. Irgendwo unten blies Hark in seine Pfeife. Drei kurze Signale. Das Zwei-Minuten-Signal.
»Bereithalten!«, rief Unkin den wartenden Reihen hinter sich zu.
Larkin konnte die Männer auf den Nachbartürmen nicht sehen. Er konnte nicht einmal die Türme sehen. Es war noch dunkler als eine mondlose Nacht auf Tanith.
»Macht Platz«, flüsterte eine Stimme hinter ihnen. Eine abgeschirmte Taschenlampe erzeugte einen dünnen grünen Strahl und zeigte ihnen noch einen Mann, der sich zu ihnen auf den Gitterrost gesellte.
Es war Gaunt.
Er trat zwischen sie. »Hören Sie mir zu«, zischte er gerade so laut, dass alle ihn hören konnten. »Ich weiß, dass diese Übungen neu für Sie sind und keiner von Ihnen sie mag, aber wir müssen es genau nach Vorschrift machen. Es wird keine Landung in Cirenholm geben. Das kann ich Ihnen garantieren. Die Piloten sind erstklassig und werden uns so tief nach unten bringen, wie es eben geht, aber das könnte trotzdem noch viel höher als sechzehn Meter sein.«
Mehrere Soldaten ächzten.
»Das Absprungseil ist dreißig Meter lang«, sagte Garond. »Was passiert, wenn es tiefer ist, Herr Kommissar?«
»Schlagen Sie mit den Armen«, sagte Gaunt.
Es wurde gekichert.
»Haken Sie sich ein, und gleiten Sie zügig herunter. Halten Sie die Knie gebeugt. Und beeilen Sie sich. Die Landungsboote können nicht länger in Position bleiben, als unbedingt nötig ist. Es springen immer drei Mann gleichzeitig und es kann vorkommen, dass mehr als ein Mann an einem Seil hängt. Wenn Sie das Deck erreichen, machen Sie Platz für die Nachfolgenden. Ist das ein Bajonett, Soldat?«
»Jawohl, Herr Kommissar.«
»Stecken Sie das weg. Keine aufgepflanzten Klingen, bevor Sie unten sind, nicht einmal bei der echten Landung. Die Waffen werden gesichert. Wenn Sie Klappschäfte haben, klappen Sie sie zusammen. Schnallen Sie Harnisch und Koppel richtig fest, und sehen Sie zu, dass nichts herumfliegt. Und denken Sie daran: Wenn es ernst wird, tragen Sie alle Gasmasken, was noch etwas zum allgemeinen Vergnügen beitragen wird. Ich bin sicher, Sergeant Obel hat Ihnen das alles schon erzählt.«
»Es prägt sich in der Regel besser ein, wenn Sie es wiederholen, Herr Kommissar«, sagte Obel.
»Davon bin ich überzeugt.« Gaunt zog seinen Mantel aus, nahm die Mütze ab und schnallte sich einen Hakengürtel um. »Loglas ist dienstunfähig, also fehlt Ihnen ein Mann. Ich springe für ihn ein.« Er nahm seinen Platz an vierter Stelle in der rechten Reihe ein. Harks Pfeife tönte ein Mal lang. Gaunt schaltete seine Lampe aus. Es war stockfinster.
»Also los«, zischte er. »Fangen Sie an, Sergeant.«
»Über der Landezone!«, informierte sie Obel, der nun über Helmkom sprach. »Aufstellung! Von vorne! Seile abwerfen!«
»Seile sind abgeworfen!«, meldeten die drei führenden Männer im Chor, nachdem sie jeweils ihr Absprungseil von der Planke nach unten geworfen hatten. Sie waren bereits eingehakt.
»Los!«
Larkin hörte das schleifende Surren der Seile, als sie sich unter der Last der ersten Männer strafften.
»Los!«
Niederenergie-Laserfeuer flackerte durch die Finsternis unter ihnen. Larkin trat unter den Bogen und hielt sich dabei locker an der Uniformjacke des Vordermanns fest. Dann war der Mann verschwunden.
»Los!«
Er tastete nach dem Seil, fand es und ließ seinen Karabinerhaken einschnappen.
»Macht schon!«
Larkin zog seinen Harnisch fest und sprang ins Leere. Er schwang heftig hin und her. Der Haken bockte und jaulte, als sich die Bremsscheiben um das Kabel schlossen. Er roch durch die Reibung verbranntes Nylon.
Der Aufprall kam ihm noch härter vor als beim letzten Mal. Das Deck raubte ihm den Atem. Er mühte sich, den Haken zu lösen, und wälzte sich gerade noch weg, bevor der nächste Mann hinter ihm heruntergesaust kam.
Er lag wieder auf dem Bauch, wie beim letzten Mal. Seine Schulter stieß gegen eine harte Oberfläche, als er vorwärts kroch, und er lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Wo blieben die Leuchtkugeln? Wo blieben die verdammten Leuchtkugeln?
Sein Lasergewehr war aus der Schutzhülle und das Zielrohr eingerastet. Jemand rannte an ihm vorbei, und in seinem Ohrhörer herrschte reger Kom-Verkehr.
Larkin zielte. Das Nachtzielrohr ermöglichte ihm zu sehen und zeigte ihm die Welt als grüne Phantomschwaden. Die feindlichen Mündungsblitze waren kleine heiße Lichtfunken, die auf der Anzeige nachleuchteten.
Er sah eine Gestalt links von ihm in Deckung, hinter ein paar Ölfässern.
Es war Mkvenner mit einem Farbstift in der Hand.
»Plop!«, sagte Larkin, und sein Gewehr spie einen Niederenergiestrahl.
»Feth!«, sagte Mkvenner und setzte sich hart auf den Hintern. »Mann außer Gefecht!«
Leuchtkugeln explodierten hoch über ihnen. Knisterndes, blauweißes Licht fiel auf die Landezone.
»Auf in den Kampf!«, befahl Obel kurz und bündig über Kom.
Larkin schaute sich um. Sie waren an Ort und Stelle und hatten sich diesmal auch richtig orientiert.
Männer sprangen auf und liefen los. Larkin blieb, wo er war. Er nützte ihnen mehr stationär, wenn er sich mit seinem Präzisionsgewehr auf die Lauer legte.
Er sah Bonin, der sich an zwei Männer aus seinem Trupp anschlich, und nahm ihn ebenfalls aus dem Spiel.
Rechts von Larkin gingen Blitzgranaten hoch. Im Hangar herrschte ein Höllenspektakel. Ein paar Männer aus Obels Trupp hatten gemeinsam mit Soldaten vom Nachbarturm die passive Gruppe in direkte Kampfhandlungen verwickelt. Larkin hörte fünf- oder sechsmal den Ruf: »Mann außer Gefecht!«
Dann hörte er einen echten Schmerzensschrei.
Hark blies in seine Pfeife. »Aufhören! Sofort aufhören. Keiner rührt sich mehr von der Stelle!«
Die Lichtleisten flackerten schwach und zögerlich, als sie wieder eingeschaltet wurden.
Hark tauchte auf. »Schon besser. Viel besser, Obel.«
Die Männer erhoben sich langsam. Bonin ging an Larkin vorbei. »Ordentlicher Schuss«, sagte er.
Gaunt trat in eine der Lichtinseln. »Mkvenner?«, rief er. »Bewerten Sie die Übung.«
»Herr Kommissar«, sagte Mkvenner. Der Späher schaute unglücklich drein.
»Sind Sie markiert worden?«, fragte Gaunt.
»Ich glaube, es war Larkin, Herr Kommissar. Alles in allem haben wir diesmal vielleicht dreißig Punkte gemacht.«
»Das dürfte Sie etwas glücklicher machen«, sagte Gaunt zu Hark.
»Sanitäter!«
Alle drehten sich um. Bragg stolperte hinter einigen leeren Munitionskisten hervor und hatte eine Hand auf einen dunkelroten Fleck auf der Schulter gepresst, bei dem es sich nicht um Farbe handelte.
»Was ist passiert?«, fragte Gaunt.
»Cuu hat mich gestochen«, fauchte Bragg.
»Soldat Cuu, antreten!«, blaffte Hark.
Cuu kam aus seiner Deckung. Sein Gesicht, das durch eine alte Narbe von oben bis unten gespalten wurde, war ausdruckslos.
»Wollen Sie eine Erklärung abgeben?«, fragte Hark ihn.
»Es war dunkel. Ich habe mit dem großen A… mit Bragg gerungen. Ich war sicher, dass ich meinen Farbstift in der Hand hatte, Herr Kommissar. So sicher wie sicher.«
»Er hat mich mit seinem verdammten Messer gestochen«, beschwerte sich Bragg verdrossen.
»Das reicht jetzt, Bragg. Lassen Sie sich von einem Sanitäter verarzten«, sagte Gaunt. »Cuu. Sie melden sich um Punkt sechzehn Uhr bei mir zur Einteilung ins Strafbataillon.«
»Herr Kommissar!«
»Grüßen Sie gefälligst!«
Cuu salutierte rasch.
»Zurück ins Glied. Und dieses Messer will ich erst wieder sehen, wenn wir im Gefecht sind.«
Cuu ging zu den Passiven zurück. Als er Larkin passierte, drehte er sich um und funkelte den Scharfschützen mit seinen kalten grünen Augen an.