Willkommen

(Anmelden)

Mein Konto

Merkliste

Hilfe & Kontakt Häufige Servicefragen: Wie lange dauert die Lieferung Was kostet der Versand? Wie kann ich bezahlen? Wie gebe ich meine Ware zurück? Wie löse ich einen Gutschein ein? Weitere Fragen & Antworten im Hilfe-Center Kontaktformular Kundenhotline 0 18 05 / 30 91 80 (0,14 EUR/Min. aus dem Festnetz; max. 0,42 Euro/ Min. aus Mobilfunknetzen).
Sie erreichen uns:
Montags bis Samstags
von 8 bis 20 Uhr.
Haben Sie Fragen? Eva hilft Ihnen

Detail-Suche

Da hilft nur noch Schokolade

von Uta Hege, Cathy Kelly (Buch)

  • ISBN:3-442-36467-1
  • EAN:9783442364671
  • Veröffentlichungsdatum:Mai 2006
  • Gewicht in g:483
  • Reihe:Blanvalet Taschenbücher
  • Seiten:640

Kurzbeschreibung:

Mel, Daisy und Cleo glauben, ihre Zukunft fest im Griff zu haben: Die ehrgeizige Mel steht am Anfang einer steilen Karriere, Daisy wünscht sich ein Baby, und Cleo wird demnächst in das Unternehmen ihrer Familie einsteigen. Doch dann kommt alles anders - Mel bekommt Zwillinge und kann ihren Job die nächsten Jahre hintanstellen. Daisys Kinderwunsch hingegen geht nicht so einfach in Erfüllung. Und Cleo muss mit ansehen, wie die Firma ihrer Eltern Pleite geht. Doch plötzlich nimmt das Leben in Carrickwell noch einmal eine rasante Wendung - und Mel, Daisy und Cleo erkennen, was ihnen wirklich wichtig ist ...



Rezension:

"Warmherzig und sprühend witzig!" (Daily Mail)

Leseprobe:

Prolog
Die Frau stand so still wie die Berge, die sie umgaben, und nahm den Anblick von Mount Carraig House mit seinen windzerzausten, wild wuchernden Gärten und dem schmalen Pfad aus naturbelassenen Steinen, über den man den kleinen Bergsee erreichte, in sich auf. Hinter ihr erhob sich der Mount Carraig. Rob, der Immobilienmakler, hatte ihr erklärt, Carraig wäre das irische Wort für Fels, und genau das war der Mount Carraig auch: ein spektakulärer Fels, der die kleinere Bergkette mit dem Namen Vier Schwestern, die sich nach Südwesten erstreckte, wie eine Reihe sanfter Hügel erscheinen ließ.
Zu ihren Füßen erstreckte sich Carrickwell, der geschäftige Marktflecken, dessen Name von dem Berg stammte. Neben dem silbernen Band des Flusses Tullow, der die Ortschaft teilte, konnte sie die sanft gewundene Hauptstraße mit ihren hübschen Wohnhäusern, Geschäften, Parks und Schulen sowie genau im Zentrum die mittelalterliche Kathedrale des kleinen Städtchens sehen.
Ein Vierteljahrhundert zuvor war Carrickwell noch ein verschlafenes Nest gewesen, trotz der guten Erreichbarkeit von Dublin eine kleine, ländliche Gemeinde. Zwar hatten die Zeit und die steigenden Preise für Häuser in der Stadt der Ortschaft neues Leben eingehaucht, immer noch jedoch lag eine Atmosphäre wunderbarer Ruhe über dem gesamten Ort.
Einige behaupteten, es läge an alten, magischen Kraftströmen, die das Städtchen kreuzten. Druiden, frühe Christen, aufgrund ihrer Religion Verfolgte – sie alle waren nach Carrickwell gekommen und hatten sich im gütigen Schatten des Mount Carraig eingerichtet, denn er hatte ihnen nicht nur reines Quellwasser gespendet, sondern auch ein gewisses Gefühl von Sicherheit verliehen.
An einem Abhang links des Berges lagen die Ruinen eines Zisterzienserklosters, das inzwischen ein Anziehungspunkt für Touristen, Hobbymaler und Gelehrte war. Außerdem gab es noch die Überreste eines Rundturms, in den sich die Mönche über Strickleitern geflüchtet hatten, wenn ein Trupp von Invasoren erschienen war.
Am anderen Ende der Stadt, unweit des hübschen, wenn auch leicht verfallenen Willow-Hotels, gab es einen kleinen Steinkreis, von dem Archäologen glaubten, dass er die Umrandung einer alten Druidensiedlung war.
Mystische Feuer, ein kleiner Laden in der Stadt, in dem es alle möglichen alternativen Artefakte von Kristallen und Tarot-Karten bis hin zu Traumfängern und Anstecknadeln in Form von Engeln zu kaufen gab, machte um Mittsommer herum mit Büchern über die Druiden ein bombastisches Geschäft.
In der Weihnachtszeit wandten sich die Besucher unbewusst von Mystische Feuer ab und kauften stattdessen in dem Laden Heiliges Land, einer kleinen christlichen Buchhandlung, Aufnahmen von gregorianischen Gesängen, Gebetbücher, zarte Hummel-Brünnchen mit geweihtem Wasser oder die Spezialität des Lädchens, Rosenkränze aus Perlmutt.
Die Besitzerinnen der beiden Geschäfte, zwei reizende Damen von inzwischen über siebzig, waren zwar ihrem jeweiligen Glauben eng verbunden, hatten jedoch kein Problem mit diesem steten Hin und Her.
»Das Rad des Schicksals dreht sich in seinem eigenen Tempo«, stellte Zara von Mystische Feuer regelmäßig fest.
Und »Gott weiß, was für uns das Beste ist«, stimmte Una aus Heiliges Land der Konkurrentin fröhlich zu.
All die mystischen Vibrationen und das Gefühl von Frieden, das in der kleinen Ortschaft deshalb herrschte, zogen die Menschen magisch an.
Genau diese Aura hatte auch Leah Meyer an einem kalten Morgen im September in die Stadt gelockt.
Trotz des dicken Wollpullovers, den sie unter ihre alte Skijacke gezogen hatte, spürte Leah deutlich, wie ihr die Kälte in den Körper kroch. Sie war die trockene Hitze Kaliforniens gewöhnt, in der man unter Kälte 20 Grad Celsius und die daraus resultierende etwas spärlichere Verwendung von Sonnenschutzmitteln verstand. Hier war das Klima völlig anders, und aufgrund der ungewohnten Frische taten ihr alle Knochen weh. Langsam spüre ich mein Alter, sagte sie sich bibbernd, auch wenn es ihr eindeutig nicht anzusehen war.
Sie hatte im Verlauf der Jahre gut auf sich geachtet, doch die Zeit war natürlich nicht aufzuhalten, letztendlich gab es keine Creme, die verhinderte, dass sie ihre Spuren hinterließ. Ein diskretes Lid- und Augenbrauenlifting hatte ihr vor ein paar Jahren das fein gemeißelte Gesicht zurückgegeben, mit dem sie auf die Welt gekommen war. Heute konnte man mit sechzig problemlos aussehen wie vierzig – wenn man den richtigen Schönheitschirurgen hatte, fügte sie mit einem leisen Lächeln hinzu.
Die schmerzenden Glieder hielt sie eine Zeit lang klaglos aus, denn endlich hatte sie den Ort gefunden, nach dem sie schon seit Jahren suchte. Mount Carraig House und Carrickwell waren für den Bau des von ihr geplanten Wellnesszentrums geradezu perfekt. In ihrer Euphorie empfand sie den Wind, der ihr entgegenwehte, plötzlich nicht mehr als kalt, sondern als pure, reinigende Kraft.
»Ruhe«, meinte sie und wandte sich dem Immobilienmakler zu, der sich höflich im Hintergrund gehalten hatte. »Genau nach diesem Wort habe ich die ganze Zeit gesucht. Verspüren Sie nicht auch eine wunderbare Ruhe, sobald Sie hier oben stehen?«
Rob blickte auf die verfallene Ruine, die Mount Carraig House inzwischen war, und überlegte, wer von ihnen beiden wohl eine Schraube locker hatte – er selbst oder die elegante amerikanische Besucherin, mit der er hierher gekommen war. Alles, was er sah, war ein verfallenes Gemäuer in einer völlig verwilderten Umgebung, an dem in den vier Jahren, seit es von ihm angeboten wurde, niemand jemals ernsthaft interessiert gewesen war.
Ein paar Leute waren gekommen, um das Anwesen in Augenschein zu nehmen, denn die lyrische Beschreibung einer ehemaligen Angestellten, die das Talent besessen hatte, aus dem sprichwörtlichen Kieselstein einen Diamanten zu schleifen, hatte sie angelockt.
»Dieses elegante Herrenhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert, früher einmal das Heim der berühmten Delaneys von Carrickwell, wurde im prachtvollen klassischen Stil erbaut. Die Räume haben die für jene Zeit typischen, beeindruckenden hohen Decken, und die elegant geschwungene Kiesauffahrt und der großartige Säulengang erinnern an die romantische Ära, in der man noch in Pferdekutschen fuhr. Die üppigen, durch hübsche Steinmauern vor der frischen Brise aus den Bergen gut geschützten Rosengärten bedürfen einzig der Hand eines erfahrenen Gärtners, und schon erblühen sie wieder in ihrer alten Pracht. Über einen vor über hundert Jahren angelegten, herrschaftlichen Rhododendronweg gelangt man zu dem majestätischen Lough Enla, und von dem gesamten Anwesen aus genießt man einen einzigartigen Blick auf die wilde Schönheit des Mount Carraig und das sich zu Füßen des Anwesens erstreckende liebreizende Tal.« Soweit der Werbetext.


Die schmeichlerischen Worte hatten ihre Wirkung bei der guten Mrs Meyer offensichtlich nicht verfehlt, denn sie hatte das Haus auf der Webseite seines Büros entdeckt, war extra aus Amerika gekommen, und nun stand sie hier und war tatsächlich vollkommen entzückt.
Rob wusste genau, wenn seine Kunden von einem Haus begeistert waren. Sie vergaßen völlig, dass er in der Nähe war, und stellten sich versonnen ihre Möbel in den Räumen und das Gelächter ihrer Kinder, die durch den Garten tobten, vor. Auch Mrs Meyer schien bereits völlig in Tagträume versunken zu sein.
Obwohl sie in ihren Jeans, ihrer etwas abgetragenen, dick wattierten blauen Jacke, den schlichten, weichen cremefarbenen Pumps und ohne jeden Schmuck nicht wie eine Millionärin aussah, wusste er, sie hatte Geld. Schließlich hatte ein uniformierter Fahrer sie in einer eleganten schwarzen Limousine vom Flughafen hierher nach Carrickwell chauffiert.
Allerdings war schwer zu sagen, wie alt die Kundin war. Rob teilte die Dinge und die Menschen gern nach ihrem Alter ein.
Herrenhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert; Bungalow aus den Siebzigern; reicher Geschäftsmann von vielleicht Mitte vierzig. Das Alter dieser Frau jedoch war ihm ein Rätsel. Mit ihrer schlanken Figur, ihrem weich schimmernden, kastanienbraunen Haar und ihren großen, dunklen Augen konnte sie alles zwischen dreißig und sechzig sein. Ihre seidig weiche, olivfarbene Haut war völlig faltenlos, und sie wirkte durch und durch zufrieden mit sich selbst. Also vielleicht Anfang vierzig, überlegte er.
»Ich liebe dieses Haus«, erklärte Leah; weil es völlig sinnlos wäre, redete sie nicht lange um den heißen Brei herum. »Ich werde es nehmen.« Lächelnd gab sie Rob die Hand. Nun, da sie sich entschieden hatte, empfand sie plötzlich ein Gefühl vollkommenen Friedens.
Sie war so lange erschöpft gewesen, jetzt aber hätte sie am liebsten sofort die Ärmel hochgekrempelt und sich ans Werk gemacht. Mount Carraig Wellnesszentrum? Wellnesszentrum auf dem Felsen? Der richtige Name fiele ihr schon ein.
Ein Name, der Geborgenheit und Wohlbehagen suggerierte und keinen Ort, an dem gelangweilte Frauen sich die Zehennägel lackieren lassen konnten, während ihre Männer hofften, dass sich durch ein paar Bahnen im Pool dem Alterungsprozess ein Schnippchen schlagen ließ.
Nein. Ihr Zentrum wäre darauf ausgerichtet, den Menschen von innen heraus ein neues Wohlempfinden zu vermitteln. Es würde ein Ort sein, an den die Menschen kämen, wenn sie erschöpft und ausgepowert wären und einfach nicht mehr wüssten, wo neue Kraft zu finden war. Sie könnten im Schwimmbad ihre Runden drehen und alles andere vergessen; sie könnten auf der Massagematte liegen und würden direkt spüren, wie mit den körperlichen Schmerzen auch ihre Probleme aus ihnen herausgeknetet wurden. Von dem frischen, klaren Wasser aus dem Berg, das direkt an diesem Haus vorbeifloss, und der ruhigen Atmosphäre dieses kleinen Städtchens würden sie nicht nur revitalisiert, sondern vielleicht sogar geheilt.
Dank des Zaubers eines solchen Ortes hatte auch sie selbst vor vielen Jahren Frieden und Gelassenheit zurückerlangt. Cloud’s Hill, Wolkenhügel, hatte er geheißen, nach dem alten indianischen Namen für den Hügel, auf dem er gestanden hatte, und plötzlich wurde ihr bewusst, dass der Name auch für das von ihr geplante Zentrum passend war.
Das andere Cloud’s Hill, wo sie gelernt hatte, das Leben wieder zu genießen, war eine Welt von hier entfernt, doch hatte Carrickwell genau denselben Zauber, das spürte sie deutlich. Mit diesem Wellnesszentrum könnte sie endlich anderen Menschen geben, was ihr in dem ursprünglichen Cloud’s Hill gegeben worden war. Es wäre eine Möglichkeit, sich zu bedanken. Obwohl sie lange nicht den Mut dazu besessen hatte, hatte sie bereits seit Jahren von der Gründung eines solchen Ortes geträumt. Wenn sie sofort mit der Arbeit anfing, müsste sie in einem, spätestens anderthalb Jahren fertig sein …
»Sie … Sie meinen, Sie wollen das Haus kaufen?«, fragte Rob, von der Plötzlichkeit ihrer Entscheidung ein wenig irritiert.
»Ja«, erklärte Leah ihm mit ruhiger Stimme und sah ihn lächelnd an.
»Darauf müssen wir anstoßen«, antwortete Rob und hoffte, dass ihm die Erleichterung, den alten Kasten endlich los zu sein, nicht allzu deutlich anzumerken war. »Kommen Sie, ich lade Sie ein.«




Januar, anderthalb Jahre später


Mel Redmond ließ ihre unechte italienische Lederaktentasche unsanft auf den Boden der Kabine fallen, klappte krachend den Toilettendeckel herunter, setzte sich und riss an der Zellophanverpackung der graphitfarbenen Seidenstrumpfhose herum. In der Eile allerdings bekam sie das Paket nicht sofort auf. Verdammt. War eigentlich inzwischen alles kindersicher gemacht?
Endlich gab die Hülle nach, und die Strumpfhose ergoss sich wie ein langer, teurer Seidenstrang über ihre Hand. In dem Drogeriemarkt direkt neben dem Gebäude der Lorimar-Krankenversicherung waren sämtliche schwarzen und graphitfarbenen Seidenstrümpfe ausverkauft gewesen. Da der Laden inmitten des Bürobezirks von Dublin lag, war das kein Wunder, und so musste Mel in die teure Boutique am Ende der Straße neben der Bank rennen und dort unverschämte 16 Euro für das Ding bezahlen. Ausgerechnet an dem Tag, an dem der Chef der Firma eine Rede vor der gesamten Belegschaft halten würde, hatte sie plötzlich eine Laufmasche in ihrer Strumpfhose.
Nach Jahren in der PR-Abteilung kannte Mel eine der Hauptregeln für arbeitende Frauen: Wenn du fantastisch aussiehst, nehmen dich die Leute wahr; wenn du aber schlampig durch die Gegend läufst, sehen die Leute nur deine Defizite, sei es verrutschter Eyeliner, bröckeliger Nagellack oder oh mein Gott, sieh dir nur ihre grauen Haaransätze an!
Auf alle Fälle würde Hilary, die Leiterin der Werbe und Marketingabteilung und Mels direkte Vorgesetzte, unter ihrer Elizabeth-Arden-Grundierung wahrscheinlich kreidebleich, falls Mel das Verbrechen beginge, mit zerrissener Strumpfhose bei der Besprechung zu erscheinen.
Mel pflegte immer scherzhaft zu erklären, wenn sie einmal groß wäre, wollte sie so sein wie Hilary: immer perfekt organisiert, statt sich nur darum zu bemühen, organisiert zu wirken, und stets mit einem Notfallvorrat an Kopfschmerztabletten, Strumpfhosen und Parfüm in ihrer Aktentasche, die natürlich aus echtem italienischen Leder war.
Mels Tasche aus Kunstleder enthielt ihre eigenen Reserven für den Notfall, die aus einem halben Schokoriegel, einem Tampon, dessen Plastikhülle bereits angerissen war, einer aufgeweichten Paracetamol, mehreren Kugelschreibern, denen ausnahmslos die Deckel fehlten, und einer kleinen Dose mit Rosinen, die inzwischen jedoch derart hart waren, dass sie aussahen wie Fundstücke aus Tutenchamuns Grab, bestanden. Rosinen waren nach Aussage der Fachleute für die Fütterung von kleinen Kindern ein wunderbarer Snack, Mel jedoch hatte festgestellt, dass Schokolade das deutlich wirksamere Mittel zur Vorbeugung von kleinkindlichen Wutanfällen in Supermärkten war.
»Was sicher wieder mal ein Zeichen dafür ist, was für eine grauenhafte Mutter ich doch bin«, hatte Mel Vanessa, ihrer Kollegin in der Marketingabteilung, spaßeshalber erklärt. Sie beide machten häufig Witze darüber, was für schlechte Mütter sie doch waren, hätten jedoch jede andere Person, die das behauptete, eigenhändig erwürgt.
Als arbeitende Mutter musste man ganz einfach Scherze darüber machen, wovor man sich am meisten fürchtete, erklärte Mel. Ihr Leben war der Aufgabe gewidmet, dafür zu sorgen, dass die zweieinhalbjährige Carrie und die vierjährige Sarah nicht darunter litten, dass sie arbeiten ging. Wenn sie es verhindern könnte, würde niemand je behaupten können, dass sie nicht alle ihre Aufgaben hervorragend miteinander in Einklang zu bringen verstand.
Sie liebte ihren Job bei Lorimar, war hochkonzentriert und motiviert und hatte sich einst geschworen, mit vierzig wäre sie eine der Leiterinnen der Publicity-Abteilung.
Zwei Kinder hatten das verhindert. Oder vielleicht hatte Mel sich auch einfach verändert, seit sie Mutter war. Wie bei der Frage nach dem Huhn und dem Ei konnte sie nicht mit Bestimmtheit sagen, was erst gekommen war.
Inzwischen war sie vierzig, die Leitung der Publicity-Abteilung war, statt näher zu kommen, in weite Ferne gerückt, und sie musste kämpfen, damit keiner der Bälle, mit denen sie jonglierte, auf die Erde fiel. Nicht nur ihr straffer Busen, sondern auch ihr Ehrgeiz war mit der Mutterschaft erschlafft.
»Wenn ich einmal groß bin, möchte ich eine Geschäftsfrau mit einem eigenen Büro und einer schicken Aktentasche sein«, hatte die elfjährige Mel in einem Schulaufsatz geschrieben.
»Was bist du doch für ein schlaues Mädchen«, hatte ihr Vater sie gelobt, als sie mit dem Preis für den besten Aufsatz heimgekommen war. »Seht euch das nur an.« Voller Stolz hatte er auf dem nächsten Familientreffen den in Mels ordentlicher, großer Handschrift verfassten Aufsatz herumgezeigt. »Ganz der Vater, unsere kleine Melanie. Sie ist wirklich unglaublich intelligent.«
Mels Dad hätte studieren sollen, nur hatte das Geld in der Familie dafür nicht gereicht. Deshalb hatte er sich so besonders über das Potenzial der Tochter gefreut.
»Willst du denn nicht heiraten?«, hatte Mels Großmutter sie überrascht gefragt. »Wenn du heiratest, kannst du ein hübsches Heim und Babys haben und sehr glücklich sein.«
Mel, die im Geschichtsunterricht besonders die Stunden geliebt hatte, in denen Mädchen, statt sich brav um Haus und Herd zu kümmern, aktiv etwas unternommen hatten, hatte schlicht zurückgefragt: »Warum?«
Diese Antwort fand ihr Vater immer noch zum Schießen, und er wartete noch heute regelmäßig mit der Anekdote von seiner Melanie auf, die schon als Kind Karriere machen wollte.
Mel liebte ihn dafür, dass er so stolz auf seine Tochter war, doch inzwischen war ihr die Geschichte regelrecht verhasst. Als Kind hatte sie angenommen, dass man, wenn man intelligent war, alles haben konnte. Inzwischen war ihr klar, dass diese Vorstellung etwas naiv gewesen war.
Heute hatte sie zwei Jobs, als Mutter und im Büro, und auch wenn alle anderen dachten, dass sie gut damit zurechtkam, hatte sie doch häufig das Gefühl, als würde sie keiner dieser beiden Aufgaben auch nur annähernd gerecht. Sie hatte immer schon extrem hohe Ansprüche an sich gehabt.
Den dritten Job – die Ehe – zählte sie nicht einmal mehr auf.
»Woher weiß eine arbeitende Mutter, dass ihr Partner einen Orgasmus hatte?«, hatte ihr vor kurzem eine alte Collegefreundin gemailt. »Er ruft sie im Büro an, um es ihr zu erzählen.«
Etwas Lustigeres hatte Mel seit langem nicht gehört, lustig auf dieselbe hysterische Art wie der Witz von dem Rettungsboot mit Loch. Aber sie konnte diesen Witz niemandem erzählen, schon gar nicht ihrem Mann, denn vielleicht käme dann von ihm ja die Bemerkung, wie zutreffend er war.
Seit sie Kinder hatten, nahm bei ihnen Sex ungefähr denselben Raum ein wie die Zeit, die sie allein miteinander verbrachten, und die Zeit, die sie sich für lange Bäder mit Aromatherapieprodukten zur Stressreduzierung nahm – in beiden Fällen null.
Mel hoffte voller Inbrunst, dass, wenn sie sich nicht beschwerte und ihre Familie fröhlich lächelnd auch weiterhin bei Laune hielt, niemand merken würde, an welchen Stellen ihre Konzentration und Liebe zu wünschen übrig ließ.
»Delegieren Sie, nehmen Sie sich Zeit für sich, und lassen Sie nicht zu, dass Ihre Familie erwartet, Sie wären Superfrau«, rieten Zeitschriftenartikel, in denen es um den Stress arbeitender Mütter ging.
Mel, die im Rahmen ihrer Arbeit jahrelang mit Journalisten umgegangen war, wusste, dass es zwei Arten von Verfasserinnen solcher Artikel gab: glamouröse junge Frauen, die jeden Morgen pünktlich im Büro erschienen und für die der Gedanke an Kinder noch etwas völlig Fremdes war. Oder freiberuflich arbeitende Mütter, die hektisch ein paar Zeilen am Küchentisch verfassten, bevor sie ihre Kinder von der Schule holen mussten, und denen längst bewusst war, dass man nicht alles gleichzeitig schaffen konnte, die aber ordentlich damit verdienten, dass sie anderen Leuten suggerierten, dass es möglich war.
Zeit für sich? Woher zum Teufel sollte sie die nehmen? Und wie konnte man die Hausarbeit oder den wöchentlichen Einkauf an zwei noch nicht fünfjährige Mädchen und einen Gatten delegieren ...

Autorenportrait:

Cathy Kelly arbeitete als Redakteurin und Filmkritikerin bei der Dubliner Sunday World, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre Romane erobern regelmäßig wochenlang die irischen und englischen Bestsellerlisten und sorgen auch in Deutschland für Furore. Cathy Kelly lebt mit ihrem Lebensgefährten und ihren Zwillingssöhnen in Wicklow, Irland. Zuletzt sind bei Blanvalet Kann denn Küssen Sünde sein? und Himmelblau ist die Hoffnung erschienen.

8,95* EUR