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Die Vergessenen Welten 15. Der Hexenkönig

von Caspar Holz, R. A. Salvatore (Buch)

  • ISBN:3-442-24402-1
  • EAN:9783442244027
  • Veröffentlichungsdatum:Juni 2006
  • Gewicht in g:394
  • Reihe:Blanvalet Taschenbücher
  • Seiten:512
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Ein hochdramatisches Fantasy-Epos voller Kämpfe, schwarzer Magie und tödlicher Intrigen!


Dunkelelfensöldner Jarlaxle und Meuchelmörder Artemis Entreri sind abgebrühte Krieger, die sogar die tückische Unterwelt der Drow überlebt haben. Doch in den unwirtlichen Bergen der Blutsteinlande geraten sie mitten in einen erbitterten Kampf zwischen dem mörderischen Hexenkönig und einer wilden Ritterin des Guten, die ein dunkles Geheimnis hütet. Und plötzlich finden sich die beiden Schurken auf einer für sie sehr ungewohnten Seite wieder ...





Leseprobe:

VORSPIEL


Der eher kleine Mann schlitterte den leicht abschüssigen Korridor entlang, immer wieder stockend und die Füße bewusst voreinander setzend, um sich in dem mithilfe von Magie geölten Gang auf den Beinen zu halten und nicht vollends aus dem Gleichgewicht zu geraten – kein leichtes Unterfangen. Rauchwölkchen stiegen von seinem arg mitgenommenen Reiseumhang auf, und an der Seite seines linken Hosenbeins war ein langer Riss zu sehen, unter dem helles Blut hervorsickerte.
Artemis Entreri wurde gegen die Wand zu seiner Rechten getragen und bewegte sich daran entlang, ohne aber seine Schwindel erregende Schussfahrt mit ihrer Hilfe abzubremsen, denn das hätte unweigerlich bedeutet, dass er dem Untoten Gelegenheit gegeben hätte, einen Blick auf ihn zu erhaschen. Und das wollte der Meuchelmörder unter allen Umständen vermeiden.
Kaum hatte er sich einmal um sich selbst gedreht, stemmte er die Arme vor sich fest gegen die Wand und stieß sich ab, so dass er quer durch den engen Flur geschleudert wurde. Hinter sich vernahm er das Tosen lodernder Flammen, gefolgt von dem etwas bemüht klingenden Lachen Jarlaxles, seines Drow-Kumpans. Entreri spürte sehr wohl, dass der selbstsichere Dunkelelf ihrem Verfolger mit seinem Lachen den Nerv zu rauben versuchte, doch selbst Entreri hörte es als das, was es war: ein schriller Missklang, der in seiner Aufgewühltheit tiefstem Unbehagen entsprang.
Während ihres monatelangen Zusammenseins hatte Entreri nur selten auch nur eine Spur von Besorgnis an dem stets gefassten Dunkelelf bemerkt, aber jetzt war jeder Irrtum ausgeschlossen, was seine eigenen, sehr realen Ängste nur noch verstärkte.
Mittlerweile hatte er den hellen Lichtschein der letzten im Korridor angebrachten Fackel längst hinter sich gelassen, doch dann ließ ein gewaltiger, von hinten kommender Lichtblitz den Weg gleißend aufleuchten und zeigte ihm, dass der Korridor ein Dutzend Schritte weiter vorn abrupt endete und in einem scharfen Schwenk nach rechts abzweigte. Der Meuchelmörder prägte sich den rechtwinklig abknickenden Verlauf genau ein, der seine einzige Chance war, denn in dem gleißend hellen Lichtblitz war deutlich zu sehen gewesen, worin die hässliche Falle des Untoten enden würde: in einem Haufen angespitzter, aus dem Mauerwerk ragender Dornen.
Entreri prallte gegen die Wand zur Linken und wurde mehrmals herumgewirbelt. Bei einer dieser Drehungen steckte er sein Markenzeichen, den juwelenbesetzten Dolch, in dessen Futteral zurück, und bei der nächsten gelang es ihm, sein Schwert, Charons Klaue, in die Scheide an seiner linken Hüfte zu schieben. Jetzt hatte er beide Hände frei, so dass sich seine Rutschpartie entlang der Wand besser kontrollieren ließ. Der Boden war glatter als ein vereister Hang in einer der windlosen Höhlen des Großen Gletschers, aber wenigstens waren die Seitenwände gerade und aus massivem Mauerwerk. Bei jeder Umdrehung hatte er alle Hände voll zu tun, seine Füße rutschten weg und drehten sich auf der Stelle, während er darum kämpfte, sich auf den Beinen zu halten. Der scharfe Knick und mit ihm das abrupte, tödliche Ende kamen immer näher.
Dann entfuhr ihm ein Aufschrei, denn soeben hatte eine weitere donnernde Explosion den Korridor hinter ihm erzittern lassen. Noch eine Drehung, dann stieß er sich mit aller Kraft ab – der Zeitpunkt war genau richtig gewählt, um die maximale Wirkung zu erzielen. Noch in der Drehung warf er seinen Oberkörper nach vorn, um die Bewegung zu verstärken, die ihn quer durch den Flur zu dem Seitengang katapultierte. Kaum hatten seine Füße den Hauptkorridor verlassen, geriet er ins Straucheln, denn die magische Schmiere endete unvermittelt. Er bekam die Ecke mit den Händen zu fassen, zog sich zur Wand zurück und prallte hart mit dem Gesicht dagegen. Ein einziger Blick nach hinten genügte, um in dem trüben Licht die geschärften, mit Widerhaken versehenen Spitzen der tödlichen Dornen zu erkennen.
Er wollte gerade um die Ecke spähen, den Weg zurück, den er gekommen war, als ihn der überraschende Anblick einer mit den Armen rudernden, vorbeischießenden Gestalt beinahe hätte laut aufschreien lassen. Er versuchte noch, Jarlaxle zu packen, doch der Drow entglitt seinem Griff, und Entreri sah seinen Gefährten bereits zu einem Ende auf den Dornenspitzen verdammt.
Aber Jarlaxle rauschte mitnichten in die Dornen hinein. Irgendwie gelang es ihm, im letzten Moment jählings abzubremsen und sich nach links hinüberzuwerfen, wo er Entreri gegenüber hart gegen die Mauer krachte. Der Meuchelmörder versuchte die Hand nach ihm auszustrecken, zog sich aber mit einem Jaulen wieder hinter die Ecke zurück, als ein Blitz aus weißlich blauem Licht vorüberzuckte, bei seinem Aufprall an der Rückwand zu einem sengenden Funkenregen explodierte und dabei gleich noch mehrere Dornen abrasierte.
Entreri vernahm das keckernde Gelächter des Untoten, einer ausgezehrten, da und dort noch mit alter, straff gespannter Haut bedeckten, skelettartigen Kreatur. Er widerstand dem Drang, durch den Seitengang Reißaus zu nehmen, und ließ stattdessen ein trotziges Knurren hören.
»Ich wusste, dass du mich ins Grab bringen würdest!«, fauchte er in Richtung Jarlaxle.
Bebend vor Wut sprang Entreri wieder zurück, mitten auf den schmierigen Hauptkorridor, und brüllte: »Na komm schon, du Ausgeburt Zhengyis!«
In diesem Moment kam der Untote in Sicht, hinter sich sein wehendes, schwarzes zerlumptes Gewand, das lippenlose Gesicht, bräunlich und skelettblass, zu einem breiten Grinsen verzogen.
Entreri griff nach seinem Schwert, doch als der Untote seine knochigen Finger nach ihm ausstreckte, stieß er stattdessen mit seiner behandschuhten Hand zu – und schrie abermals wütend auf, denn just in diesem Augenblick zuckte ein weiterer Lichtblitz in seine Richtung.
Entreri fühlte sich wie in einem heißen, sengenden Wind, spürte das Brennen und Kribbeln gewaltiger Energien. Längst lag er auf den Knien und wusste es nicht einmal. Er war rücklings gegen die Wand geworfen worden, direkt unterhalb der Dornen, aber der feste Halt, den der Sockel der Rückwand seinen Füßen bot, drang nicht bis in sein Bewusstsein vor. Noch immer hielt er den verzauberten Handschuh mit stark zitterndem Arm nach vorn in den Wirbel aus weißen und bläulichen Funken gereckt, der von diesem aufgesogen wurde.
Von alledem bekam der Meuchelmörder nichts mit. Er hatte die Zähne so fest aufeinander gebissen, dass er nicht einmal laut schreien, sondern nur ein kehliges Knurren ausstoßen konnte.
Flecken tanzten vor seinen Augen, und Wogen von Übelkeit brandeten über ihn hinweg.
Dann vernahm er das höhnische Gelächter des Untoten.
Instinktiv stieß er sich von der Wand ab und warf sich wieder zurück nach links, in den Seitenkorridor hinein. Kaum hatte er mit einem Fuß auf der nicht geölten Oberfläche Halt gefunden, sprang er auf. Immer noch geblendet, zog er sein Schwert und tastete sich an der Wand des Seitengangs entlang bis zur Ecke, sprang dann so schnell er konnte vor und schwang mit wildem Ungestüm Charons Klaue, ohne auch nur einen Schimmer zu haben, ob der Untote überhaupt in der Nähe war.
Er war.
Umzuckt von tanzenden Funken, da der Handschuh den größten Teil der Energie des Blitzes absorbiert hatte und sie nun über das Metall des dazugehörigen Schwertes wieder abgab, senkte sich die dunkle Klinge herab.
Der Untote, von der Schnelligkeit und Position seines Gegners überrascht, riss zur Abwehr einen Arm nach oben, den Charons Klaue kurzerhand am Ellbogen abtrennte. Entreris Hieb hätte das Ende der Kreatur bedeutet, nur stellte der Kontakt mit dem Arm ebenjenen Leiter dar, über den die Energie des Blitzes freigesetzt wurde.
Und so schleuderte die Explosion Entreri abermals schlitternd zurück gegen die Wand, wo er mit voller Wucht gegen den Sockel prallte.
Das Kreischen des Untoten zwang den Meuchelmörder, seine verwirrten Sinne zusammenzunehmen. Er streckte die Hand vor und tastete hektisch über den Boden, bis er das Heft von Charons Klaue zu fassen bekam. Dann hob er den Kopf und blickte den Korridor entlang, gerade noch rechtzeitig, um den Untoten mit brennendem Gewand den Rückzug antreten zu sehen.
»Jarlaxle?«, rief er fragend und drehte sich nach rechts zu der Stelle, wo der Drow gegen die Wand geprallt war.
Verwirrt, weil er außer der nackten Wand nichts sah, richtete Entreri seinen Blick noch einmal zurück in die Ecke – in der Erwartung, dort einen zu einer schwarzen Masse verkohlten Drow zu sehen.
Aber nein, Jarlaxle war schlicht … verschwunden.
Den Blick starr auf die Wand gerichtet, schob er sich Zoll für Zoll in den gegenüberliegenden Korridor. Nach Verlassen des geölten Abschnitts fand er seinen Halt wieder und wäre fast aus den Stiefeln gefahren, als er sah, dass ihm aus dem Mauerwerk des gegenüberliegenden Korridors zwei rote Augen entgegenstarrten.
»Gut gemacht«, begrüßte ihn der Drow und beugte sich ein Stück vor, so dass sich die Umrisse seines Gesichts im Mauerwerk abzeichneten.
Entreri stand da wie vom Donner gerührt. Irgendwie war Jarlaxle mit dem Stein verschmolzen, so als hätte er die Mauer in eine zähe Knetmasse verwandelt und seinen Körper in sie hineingepresst. Aber eigentlich verstand Entreri gar nicht, wieso er so überrascht war – schließlich tat sein Gefährte ständig Dinge, die weit jenseits des Normalen lagen.
Ein vernehmliches Klicken lenkte seine Aufmerksamkeit wieder zurück in die entgegengesetzte Richtung, den Korridor hinauf. Entreri erkannte es sofort als den Riegel der Tür oben an der Rampe, wo er und Jarlaxle auf den Untoten gestoßen und anschließend von diesem gejagt worden waren.
Ein leises, rollendes Poltern setzte ein und ließ Fußboden und Seitenwände erzittern.
»Hol mich hier raus«, rief Jarlaxle ihm zu. Die Stimme des Drow klang undeutlich, so als spräche er unter einer Schicht aus flüssigem Gestein, was er ja auch tat. Er streckte die Hand aus und hielt sie Entreri hin.
Das Poltern rings um sie her wurde lauter. Entreri schob seinen Kopf um die Ecke.
Was dort nahte, verhieß nichts Gutes.
Der Meuchelmörder ergriff Jarlaxles Hand und zerrte kräftig daran, nur um zu seiner Überraschung festzustellen, dass auch der Drow nach Kräften zog.
»Nicht«, stieß Jarlaxle hervor.
Entreri blickte den leicht gekrümmten Flur hinauf, und plötzlich weiteten sich seine Augen, bis sie beinahe aus den Höhlen traten. Das Poltern kam immer näher, in Gestalt einer etwa hüfthohen Eisenkugel, die in hohem Tempo auf ihn zuschoss.
Er überlegte noch, wohin er sich werfen sollte, als die Kugel vor seinen Augen zur doppelten Größe anschwoll und nun fast den gesamten Korridor ausfüllte.
Mit einem Aufschrei warf sich der Meuchelmörder zurück in den Seitengang, stolperte und fuhr herum. Sein Blick streifte die Gestalt Jarlaxles, der soeben im Begriff war, sich wieder in das Mauerwerk zurückzuziehen, aber er hatte keine Zeit, innezuhalten und darüber zu sinnieren, ob sein Gefährte wohl imstande war, der Falle zu entkommen.
Entreri wandte sich ab, krabbelte auf allen vieren los, bis er schließlich die Beine wieder unter seinen Körper brachte und um sein Leben rannte.
Die Explosion hinter ihm, Folge der Kollision der massiven Eisenkugel mit der Rückwand, ließ ihn erneut straucheln, und die Erschütterung warf ihn auf die Knie. Ein kurzer Blick nach hinten zeigte, dass der Aufprall die Kugel teilweise ihres Schwungs beraubt, sie aber nicht vollends gestoppt hatte. Sie rollte bereits wieder auf ihn zu, langsam zwar, aber allmählich Fahrt gewinnend.
Auf allen vieren krauchend, stieß Entreri erneut einen Fluch in Richtung Jarlaxle aus, weil der ihn an diesen Ort geschleppt hatte, bis er schließlich die Beine unter seinen Körper brachte und sich mit einem Sprint entfernte, um Abstand zu der Kugel zu gewinnen. Dieser Abstand, das ahnte er, würde allerdings kaum von Dauer sein, denn die Kugel nahm immer mehr Fahrt auf, und der geneigte, sich an der Außenwand des kreisrunden Turmes entlangwindende Korridor war noch lang – sehr lang.
Im Laufen suchte er einen Ausweg, warf sich im Vorbeirennen mit der Schulter gegen jede Tür, musste aber wenig überrascht feststellen, dass die Falle sämtliche Portale versiegelt hatte. Dann machte er sich auf die Suche nach einer Stelle, wo die Decke höher war, wo er hinaufklettern und die Kugel unter sich passieren lassen konnte.
Aber die gab es nicht.
Er blickte hinter sich, um zu sehen, ob die Kugel die eine oder andere Seitenwand streifte, so dass er vielleicht an ihr vorbeischlüpfen konnte, aber zu seiner Verwunderung, ja Überraschung, legte die Kugel abermals an Umfang zu, bis sie fast auf beiden Seiten an den Wänden entlangschrammte.
Er rannte weiter.


Das Rumpeln ließ die Zähne in seinem Mund aufeinander schlagen. Jedes Mal, wenn die Kugel krachend gegen die Wand polterte, spürte der im Innern des Mauerwerks gefangene Jarlaxle die Erschütterung bis in den Kern seines Seins. Die Schläge gingen ihm durch Mark und Bein.
Für einen kurzen Augenblick wurde es rings um ihn vollkommen schwarz, dann entfernte sich die Kugel allmählich wieder und rollte weiter den angrenzenden Korridor entlang.
Jarlaxle atmete ein paar Mal tief durch. Das war mit knapper Not überstanden, aber es stand zu befürchten, dass er sich einen neuen Gefährten würde suchen müssen.
Er unternahm den nächsten Versuch, sich aus dem Mauerwerk zu zwängen, hielt dann aber inne, als er ein wohlvertrautes, heiseres Lachen vernahm.
Er schreckte zurück und riskierte durch eine dünne Gesteinsschicht einen Blick nach draußen, als der Untote plötzlich vor ihm stand. Der Drow wagte nicht zu atmen, noch sich zu rühren.
Aber der Untote sah gar nicht in seine Richtung, sondern starrte den Korridor entlang und ließ dabei ein triumphierendes, keckerndes Gelächter hören, bis er sich schließlich zu Jarlaxles großer Erleichterung mit fließenden Bewegungen, so als glitte er über einer Wasserfläche dahin, zu entfernen begann.
Jarlaxle überlegte schon, ob er sich nicht schlicht durch die Außenwand des Turmes pressen und anschließend einfach zum Boden hinabschweben sollte, um diesem Ort den Rücken zu kehren, als er die unverkennbaren Wunden an dem Untoten bemerkte, die Entreri ihm durch die Umkehrung des Lichtblitzes und den kräftigen Hieb mit Charons Klaue beigebracht hatte, und sich auf eine andere Möglichkeit besann.
Schließlich war er mit dem Ziel hierher gekommen, Beute zu machen, da wäre es doch wirklich schade, wenn er mit leeren Händen wieder abziehen müsste.
Der Drow wartete ab, bis der Untote hinter der Biegung verschwunden war, dann begann er, sich aus dem Mauerwerk hervorzuzwängen.


»Das kann nur eine Täuschung sein«, redete sich Artemis Entreri zum wiederholten Male ein. Eisenkugeln nahmen schließlich nicht an Umfang zu – aber dem Klang, der Form und dem Gefühl nach wirkte sie so echt … Wie war es möglich, dass eine Täuschung, eine Illusion, all diese Dinge so perfekt zu imitieren vermochte?
Er wusste, der Trick, wenn man nicht zum Opfer einer Illusion werden wollte, bestand darin, sich mit seinem ganzen Denken dagegen zu sträuben, sie mit Leib und Seele von sich zu weisen. Doch ein neuerlicher Blick nach hinten machte ihm unmissverständlich klar, dass dies hier nicht in Frage kam.
Mit aller Gewalt versuchte er, das anschwellende Poltern hinter seinem Rücken zu ignorieren, senkte den Kopf, rannte los und zwang sich, sich alle Einzelheiten des vor ihm liegenden Korridors ins Gedächtnis zu rufen. Längst hatte er es aufgegeben, sich mit der Schulter gegen die Türen zu werfen, denn sie waren für ihn verschlossen, und die sinnlose Anstrengung kostete ihn nur Zeit.
Im Laufen riss er das kleine Bündel von seinem Rücken und entnahm ihm einen seidenen Strick samt Enterhaken, dann ließ er den Beutel hinter sich auf den Boden fallen, in der nahezu aussichtslosen Hoffnung, er werde den immer mehr anwachsenden Schwung der Eisenkugel ein wenig hemmen.
Was er aber mitnichten tat. Die Kugel wälzte ihn einfach platt.
Entreri vermied es bewusst, in Gedanken immer wieder zu der rollenden Bedrohung hinter ihm zurückzukehren, stattdessen spulte er mit schnellen, hektischen Bewegungen das Seil ab, prüfte seine Länge, nahm den noch ein gutes Stück weiter vorn im Gang befindlichen Punkt ins Visier und schätzte die Spanne ab, die er benötigen würde.
Der Boden unter ihm bebte. Er war sicher, dass jeder Schritt sein letzter sein und die Kugel über ihn hinwegrollen würde.
Jarlaxle hatte ihm irgendwann einmal erklärt, eine Illusion sei durchaus imstande, einen Mann zu töten, sofern dieser nur fest genug daran glaubte.
Seine Instinkte rieten ihm, sich ganz an der Seite auf den Boden zu werfen – in der stillen Hoffnung, dass zwischen dem spitzen Winkel und der gekrümmten Oberfläche seines Verfolgers genug Platz für ihn wäre. Nur fand er zu keiner Zeit den Mut, den Rat auch zu beherzigen, also verbannte er ihn rasch wieder aus seinen Gedanken und konzentrierte sich stattdessen ganz auf die eine Erfolg versprechende Chance, die sich ihm ein Stück weiter vorn bot.
Ums nackte Überleben rennend, machte Entreri den Strick zum Wurf bereit. Die Kugel unmittelbar hinter ihm, schoss er um die nächste Biegung, passierte die Stelle, wo die Mauer zu seiner Rechten unvermittelt einem hüfthohen Geländer wich, das den Blick auf den Innenraum des geräumigen Turmes freigab, während der Korridor sich weiter an der Außenwand entlangzog.
Schon segelte der Enterhaken, meisterlich geworfen, los und schlang sich um den gewaltigen Kristalllüster, der an der Decke der höhlenartigen Eingangshalle des Turmes befestigt war.
Noch immer rannte Entreri in vollem Tempo – er hatte auch gar keine andere Wahl, denn stehen zu bleiben hieße, platt gewalzt zu werden. Er hatte den Strick fest um seine Hände geschlungen, und als das schlaffe Seil sich spannte, ließ er sich von ihm nach rechts hinübertragen, wo es ihn glatt über das Geländer zog, als die Eisenkugel vorüberschoss und ihn dabei, genau in dem Moment, als er von den Füßen gerissen wurde, ganz leicht an der Schulter streifte. Sein Körper wurde in eine schnelle Drehbewegung versetzt, während er, getragen vom Schwung des Seils, in weitem Bogen kreiste.
Einen Moment lang konnte er noch beobachten, wie die Kugel, wieder und wieder gegen die Wände prallend, den Korridor immer weiter hinabpolterte, dann wurde er von einem weitaus verhängnisvolleren Knarren über ihm abgelenkt.
Er kletterte nach oben, löste das eine Ende des Seils mit flinken Griffen und ließ es unter sich fallen, dann hangelte er sich so schnell es irgend ging am Strick nach unten. Plötzlich spürte er ein Rucken, und gleich darauf noch eins, als der kunstvoll verzierte Kristalllüster sich aus seiner Deckenverankerung zu lösen begann.
Dann stürzte er in die Tiefe.


Die Tür war leicht angelehnt. Angesichts der Falle, die er ausgelöst hatte, hatte der »Wirt« keinen Grund anzunehmen, dass auch nur einer der Eindringlinge imstande sein würde, es bis hier hinauf zu schaffen.

Autorenportrait:

R. A. Salvatore wurde 1959 in Massachusetts geboren, wo er auch heute noch lebt. Bereits sein erster Roman "Der gesprungene Kristall" machte ihn bekannt und legte den Grundstein zu seiner weltweit beliebten Reihe von Romanen um den Dunkelelf Drizzt Do´Urd

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