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Sündige Rache

von Nora Roberts, Uta Hege, J. D. Robb (Buch)

  • ISBN:3-442-36332-2
  • EAN:9783442363322
  • Veröffentlichungsdatum:August 2006
  • Gewicht in g:430
  • Reihe:Blanvalet Taschenbücher
  • Seiten:576

Kurzbeschreibung:

Nora Roberts schreibt als J. D. Robb!


Die brutale Ermordung eines Polizisten in einem Nachtclub führt Eve Dallas in die gefährlichen Abgründe New Yorks. Was hat der Mann bei seinem Undercover-Einsatz herausgefunden, dass er sterben musste? Als ein weiterer Kollege tot aufgefunden wird, entdeckt Eve eine Spur, die zu dem König der Unterwelt, Max Ricker, führt. Ricker schreckt vor nichts zurück, doch ist er größenwahnsinnig genug, es mit der gesamten Polizei New Yorks aufzunehmen? Eve vermutet einen ganz anderen Drahtzieher hinter den Morden, der jetzt anscheinend sie selbst ins Visier genommen hat. Oder gilt seine eiskalte Blutspur einem anderen - ihrem Ehemann Roarke, dem der Nachtclub gehört?





Leseprobe:

1
Sie stand im Purgatorium und betrachtete den Tod. Das vergossene Blut, die hervorquellenden Gedärme, die ein Zeichen waren für die grausam wilde Schadenfreude, mit der er über einen Menschen hereingebrochen war. Mit dem Jähzorn eines Kindes, voller Hitze, blinder Leidenschaft und gleichgültiger Brutalität.
Mord war kaum jemals ein sauberes Geschäft. Egal, ob der Täter planvoll vorgegangen war oder wild und impulsiv. Er hinterließ jedes Mal Unordnung und Dreck, den zu beseitigen die Aufgabe von anderen war.
Ihre Aufgabe war es, den Trümmerhaufen zu besteigen, die Einzelteile aufzuheben, sorgfältig zu prüfen, wie sie zueinander passten, und ein Bild des Lebens zusammenzusetzen, das gestohlen worden war. Weil sich nur auf diesem Weg ein Bild des Mörders finden ließ.
Jetzt, in den frühen Morgenstunden eines Frühlingstags im Jahr 2059, knirschte unter ihren Stiefeln ein Meer aus gesplittertem Glas. Ihre kühlen, braunen Augen nahmen die geborstenen Spiegel, die zerbrochenen Flaschen, das gesplitterte Holz, die eingeschlagenen Wandbildschirme und die verkratzten, verbogenen Trennwände zwischen den Tischen wahr. Das kostbare Leder und die teuren Stoffe, mit denen die Barhocker und die bequemen Stühle bezogen gewesen waren, hingen in bunten Fetzen auf den Boden herab.
Was einmal ein luxuriöses Striplokal gewesen war, war nur noch ein wirres Durcheinander teuren Mülls.
Was einmal ein Mensch gewesen war, lag als Opfer hinter der breiten, geschwungenen Bar in seinem eigenen Blut.
Lieutenant Eve Dallas ging neben ihm in die Hocke. Sie war Polizistin, und deswegen gehörte er jetzt ihr.
»Männlich. Schwarz. Ende dreißig. Massive Traumata an Kopf und Körper. Mehrfache Knochenbrüche.« Sie nahm ein Thermometer aus dem Untersuchungsbeutel und maß die Körpertemperatur des Toten sowie die Temperatur im Raum. »Sieht aus, als hätte ihn schon der Schädelbruch das Leben gekostet, aber das hat dem Täter offensichtlich nicht genügt.«
»Er hat regelrechtes Kleinholz aus dem armen Kerl gemacht.«
Eve quittierte diesen Einwurf ihrer Assistentin mit einem leisen Knurren. Sie schaute auf die Überreste eines gut gebauten Mannes in den besten Jahren, der einen guten Meter fünfundachtzig groß, um die hundert Kilo schwer und anscheinend ziemlich durchtrainiert gewesen war.
»Was sehen Sie, Peabody?«
Automatisch wechselte der Officer das Standbein, blickte nachdenklich auf das Tohuwabohu und erklärte: »Das Opfer … nun, es hat den Anschein, als wäre das Opfer von hinten angegriffen worden. Wenn er nicht bereits beim ersten Schlag umgefallen ist, war er zumindest betäubt. Dann hat der Killer weiter auf ihn eingedroschen, unkontrolliert. Dem verspritzten Blut und der Hirnmasse zufolge wurde er zunächst mit Schlägen auf den Kopf traktiert. Dann, während er vermutlich ohnmächtig am Boden lag, weiter malträtiert. Ein paar von den Verletzungen wurden ihm auf jeden Fall nach Eintreten des Todes zugefügt. Wahrscheinlich ist der Metallschläger, der auf dem Boden liegt, die Mordwaffe gewesen. Der Täter muss sehr stark gewesen sein und stand möglicherweise unter Drogen. Leute, die zum Beispiel Zeus genommen haben, neigen zu Gewaltexzessen, wie hier anscheinend einer stattgefunden hat.«
»Ungefährer Todeszeitpunkt war vier Uhr«, erklärte Eve, wandte den Kopf und musterte ihre Assistentin.
Wie üblich war Peabodys Uniform frisch gestärkt und ordentlich gebügelt, und ihre Kopfbedeckung saß genau im rechten Winkel auf ihrem dunklen Haar. Sie hat gute Augen, dachte Eve, und obwohl sie angesichts der Szene, die sich ihnen nach Betreten des Lokals geboten hatte, etwas bleich geworden war, hielt sie tapfer durch.
»Motiv?«
»Sieht wie ein Raubmord aus.«
»Warum?«
»Die Kasse wurde aufgebrochen, und es ist nichts mehr drin.«
»Mmm-hmm. Wahrscheinlich wird an einem schicken Ort wie diesem überwiegend mit Kreditkarte bezahlt, aber ein bisschen Bargeld war bestimmt im Haus.«
»Zeus-Süchtige begehen schon für ein paar Münzen einen Mord.«
»Das ist natürlich richtig. Aber was hat unser Opfer in einem Privatclub allein mit einem Süchtigen gemacht? Weshalb hätte er jemanden, der auf Zeus ist, hinter die Theke lassen sollen? Und …« Sie hob mit ihren versiegelten Fingern eine kleine Silbermünze auf, die in der Blutlache neben dem Toten schwamm, »weshalb hätte ein Süchtiger das hier liegen lassen sollen? Rund um das Opfer sind eine ganze Reihe Münzen auf dem Fußboden verstreut.«
»Vielleicht hat er sie fallen gelassen.« Gleichzeitig jedoch kam Peabody auf den Gedanken, dass sie irgendetwas übersah.
»Vielleicht.«
Nacheinander hob Eve dreißig Münzen von der Erde auf, gab sie in eine Tüte und drückte diese ihrer Assistentin in die Hand. Dann griff sie nach dem Schläger. Blut und Hirnmasse besudelten das zirka sechzig Zentimeter lange, solide gearbeitete Stück.
Dies war kein Spielzeug, dachte sie. Dies war als Waffe gedacht.
»Das Ding ist aus gutem, solide verarbeitetem Metall. So etwas liegt garantiert nicht irgendwo herum, wo ein Süchtiger es findet. Wahrscheinlich hat es ständig hier gelegen, und zwar hinter der Bar. Das hat der Täter offenbar gewusst. Wahrscheinlich hat unser Opfer seinen Mörder gekannt. Eventuell haben sie noch etwas zusammen getrunken, nachdem der Laden bereits offiziell geschlossen war.«
Sie kniff die Augen zusammen und stellte sich die Szene vor. »Vielleicht haben sie Streit miteinander bekommen, und dieser Streit ist eskaliert. Vielleicht aber war unser Killer auch schon wütend, als er hier erschien. Er wusste, wo der Schläger lag. Kam hinter die Bar. Das hatte er auch vorher schon ab und zu gemacht, weshalb sich unser Freund hier nichts Schlimmes dabei denkt. Er ist völlig sorglos, er kehrt seinem Mörder den Rücken zu …«
Sie nahm selbst die Position ein, die das Opfer seiner Lage und den Blutspritzern zufolge innegehabt zu haben schien. »Beim ersten Schlag kracht er mit dem Gesicht gegen den Spiegel an der Wand. Sehen Sie sich die Schnittwunden in seiner Stirn und seinen Wangen an. Sie stammen eindeutig nicht von umherfliegenden Splittern. Dafür sind sie viel zu lang und viel zu tief. Er schafft es, sich noch mal umzudrehen, und deshalb trifft der Killer ihn beim zweiten Mal von vorn. Die Wucht des Schlags schleudert ihn wieder herum, er klammert sich an die Regale, reißt sie mit sich herunter, und die Flaschen krachen auf den Boden. In diesem Moment trifft ihn der dritte Schlag, der seinen Schädel platzen lässt wie die Schale von einem Ei.«
Sie ging abermals in die Hocke, setzte sich auf die Fersen und fuhr mit ihren Überlegungen fort. »Danach drischt der Killer wie ein Wahnsinniger weiter auf ihn ein und verwüstet anschließend das Lokal. Entweder aus Wut oder weil er Spuren verwischen will. Aber er war selbstbeherrscht genug, um dann noch mal hierher zurückzukommen, sein Werk zu betrachten und den Schläger dort fallen zu lassen, wo alles begonnen hat.«
»Er wollte, dass es aussah wie ein Raub? Er wollte, dass wir denken, dass irgendein Junkie im Vollrausch auf das Opfer eingedroschen hat?«
»Nur kann es, falls unser Opfer kein totaler Idiot gewesen ist, unmöglich so gewesen sein. Haben Sie die Leiche und den Tatort schon gefilmt?«
»Ja, Madam.«
»Dann drehen wir den Toten jetzt mal um.«
Als Eve den Leichnam wendete, klirrten die gebrochenen Knochen wie zerbrochenes Geschirr. »O verdammt. Gott verdammt.«
Sie zog einen verschmierten Dienstausweis aus der Pfütze halb trockenen Bluts, wischte ihn mit ihrem Daumen ab und erklärte tonlos: »Er war einer von uns.«
»Er war Polizist?« Peabody trat einen Schritt nach vorn, und plötzlich senkte sich vollkommene Stille über den zuvor mit leisem Murmeln angefüllten Raum. Die Leute von der Spurensicherung, die den Bereich hinter der Theke untersuchten, hielten in der Arbeit inne.
Ein halbes Dutzend Gesichter wandte sich den beiden Frauen zu.
»Detective Taj Kohli.« Grimmig stand Eve auf und wiederholte: »Er war einer von uns.«


Peabody ging durch den verwüsteten Raum zu Eve, die zusah, wie der Leichnam von Detective Kohli für den Transport ins Leichenschauhaus in einen schwarzen Beutel umgebettet wurde. »Ich habe ein paar erste Informationen eingeholt, Dallas. Er war auf dem hundertachtundzwanzigsten Revier und dort bei der Drogenfahndung eingesetzt. War seit acht Jahren dabei. Kam vom Militär. Siebenunddreißig Jahre. Verheiratet. Zwei Kinder.«
»Irgendwelche Auffälligkeiten in Zusammenhang mit seiner Arbeit?«
»Nein, Madam. Seine Akte ist völlig sauber.«
»Lassen Sie uns rausfinden, ob er undercover hier war oder ob dies nur ein normaler Nebenjob für ihn gewesen ist. Elliott? Ich will die Disketten aus sämtlichen Überwachungskameras.«
»Es gibt keine«, erklärte der Mann von der Spurensicherung ihr aufgebracht. »Sie sind alle weg. Es gibt jede Menge Kameras in diesem Haus, aber dieser Hurensohn hat keine übersehen. Wir haben also nicht das Geringste in der Hand.«
»Hat seine Spuren gut verwischt.« Eve stemmte die Hände in die Hüften und drehte sich einmal um sich selbst. Das Lokal erstreckte sich über drei Etagen. Ganz unten gab es eine Bühne, und die größere der beiden Tanzflächen in den beiden oberen Geschossen wurde von einer Reihe von Separees gesäumt. Für eine vollständige Überwachung würden also mindestens ein Dutzend Kameras gebraucht.
»Er hat das Lokal gekannt«, schloss sie aus der Information, dass keine dieser Kameras von dem Täter übersehen worden war. »Oder er ist ein Sicherheitsexperte. Tarnung«, murmelte sie nachdenklich. »All die Zerstörung dient lediglich der Tarnung. Er wusste, was er tat. Er war total beherrscht. Peabody, finden Sie heraus, wem das Lokal gehört und wer es leitet. Ich will die Namen aller Leute, die hier beschäftigt sind. Ich will wissen, was das Purgatorium für ein Laden ist.«
»Lieutenant?« Einer der Männer von der Spurensicherung bahnte sich mit gequälter Miene einen Weg durch die Verwüstung und trat auf die beiden Frauen zu. »Draußen steht ein Mann.«
»Draußen stehen jede Menge Leute. Sorgen Sie dafür, dass sie auch weiter draußen bleiben.«
»Zu Befehl, Madam, aber dieser Mann besteht darauf, mit Ihnen zu sprechen. Er sagt, dass ihm das Lokal gehört und, äh …«
»Und, äh, was?«
»Und, dass Sie seine Frau sind.«
»Roarke Entertainment«, las in dieser Sekunde Peabody vom Bildschirm ihres Handcomputers ab und fragte mit einem vorsichtigen Lächeln: »Raten Sie mal, wem das Purgatorium gehört?«
»Ich hätte es mir denken sollen.« Resigniert marschierte Eve in Richtung Tür.


Er sah noch genauso aus wie vor zwei Stunden, als sie zu Hause aufgebrochen war. Geschmeidig, prachtvoll, elegant. Der leichte Mantel, den er über seinem dunklen Anzug trug, flatterte in der frühmorgendlichen Brise. Derselben Brise, die auch seine dichten, schwarzen Haare um das verrucht poetische Gesicht mit den markanten Wangenknochen wehen ließ. Durch die dunkle Sonnenbrille, die er trug, wurde die maskuline Eleganz, die er verströmte, tatsächlich noch verstärkt.
Dann aber nahm er die Brille ab und betrachtete seine Frau, als sie zu ihm auf die Straße trat, mit hochgezogenen Brauen aus leuchtend blauen Augen.
»Guten Morgen, Lieutenant.«
»Ich hatte schon ein ungutes Gefühl, als ich vorhin hier eintraf. Ich hätte mir denken sollen, dass als Eigentümer eines solchen Ladens nur du in Frage kommst. Warum zum Teufel musst du so viel besitzen?«
»Mit dem Lokal habe ich mir einen Traum aus meiner Jugendzeit erfüllt.« Wie immer, wenn er in den irischen Akzent, mit dem er aufgewachsen war, zurückfiel, klang seine Stimme wie Musik. Er spähte an ihr vorbei auf das Polizeisiegel, das am Eingang seines Etablissements befestigt worden war. »Sieht aus, als hätte man uns beiden Ungelegenheiten gemacht.«
»Musstest du dem Typen von der Spurensicherung unbedingt erklären, dass ich deine Frau bin?«
»Du bist doch meine Frau«, erklärte er ihr vergnügt, »was mich jeden Tag aufs Neue freut.« Er griff nach ihrer Hand und strich mit seinem Daumen über ihren Ehering, bevor es ihr gelang, sich ihm wieder zu entziehen.
»Rühr mich nicht an«, zischte sie, und er sah sie lächelnd an.
»Vor ein paar Stunden hast du noch etwas völlig anderes gesagt. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass –«
»Halt die Klappe, Roarke.« Obwohl keiner der Kollegen in der Nähe war, sah sie sich ängstlich um. »Wir ermitteln hier in einem Mordfall.«
»Das wurde mir bereits verraten.«
»Und von wem?«
»Vom Leiter der Putzkolonne, der die Leiche gefunden hat. Er hat erst die Polizei verständigt«, klärte er seine Gattin auf. »Aber es ist ja wohl normal, dass er mich ebenfalls angerufen hat. Was ist passiert?«
Es wäre sinnlos, sich darüber aufzuregen, dass sich ihrer beider Arbeitsfelder wieder einmal überschnitten. Also tröstete sie sich damit, dass er ihr zumindest bei all dem Papierkram würde helfen können, der mit einem solchen Fall verbunden war.
»War ein Theker namens Kohli in dem Laden beschäftigt? Taj Kohli?«
»Ich habe keine Ahnung. Aber ich finde es gern für dich heraus.« Er zog einen schlanken Handcomputer aus der Brusttasche seines Jacketts und gab die Anfrage dort ein. »Ist er tot?«
»So tot, wie man nur sein kann.«
»Ja, er war bei mir angestellt«, bestätigte Roarke, und seine Stimme bekam einen nüchternen, kalten Klang. »Seit drei Monaten. Als Teilzeitkraft. Vier Abende pro Woche. Er hatte Familie.«
»Ja, ich weiß.« Regelmäßig rief es ein Gefühl der Rührung in ihr wach, dass er solche Dinge derart wichtig nahm. »Er war Polizist«, erklärte sie, und er zog überrascht die Brauen hoch. »Hast du das nicht gewusst?«
»Nein. Scheint, als wäre die Geschäftsführerin ein wenig nachlässig gewesen. So etwas kommt nicht noch einmal vor. Darf ich das Haus betreten?«
»Ja, gleich. Wie lange gehört dir dieser Laden schon?«
»Ungefähr vier Jahre.«
»Und wie viele Leute sind dort als Voll- oder Teilzeitkräfte angestellt?«
»Ich werde alle deine Fragen beantworten, Lieutenant.« Verärgert legte er die Hand auf den Griff der Tür. »Aber erst mal würde ich mich gerne drinnen umsehen.«
Er ging hinein, sah sich in dem Durcheinander um und blickte auf den dicken, schwarzen Sack, den man auf eine schmale Bahre lud.
»Wie wurde er umgebracht?«
»Gründlich«, antwortete Eve und seufzte, als Roarke sie auffordernd ansah, leise auf. »Es war ziemlich hässlich, okay? Jemand hat mit einem Metallknüppel Brei aus ihm gemacht.« Sie merkte, dass Roarke zu den Blutspritzern auf dem Glas hinter dem Tresen sah. Sie wirkten wie ein abstraktes Gemälde. »Nach den ersten Schlägen hat er bestimmt nichts mehr gespürt.«
»Hat man dich jemals mit einem Metallschläger verdroschen? Mich schon«, erklärte er, ohne abzuwarten, ob sie ihm eine Antwort gab. »Das ist alles andere als angenehm. Tja, ein Raubüberfall war das sicher nicht.«
»Warum?«
»Hier in diesem Laden gab es jede Menge teurer Alkoholika. Weshalb also hätte jemand, der Beute machen wollte, die Flaschen zerbrechen sollen, statt sie einzusacken und sie zu verkaufen? Wenn man ein Lokal wie das hier überfällt, dann bestimmt nicht wegen der paar Kröten, die es möglicherweise abzustauben gibt. Ein Räuber hätte es bestimmt nicht auf das bisschen Kohle, sondern auf das Inventar und vielleicht auf ein paar technische Geräte abgesehen.«
»Spricht da etwa die Stimme der Erfahrung?«, fragte Eve und entlockte ihm ein, wenn auch schmales, Grinsen.
»Natürlich. Und zwar meine Erfahrung als Eigentümer und gesetzestreuer Bürger.«
»Genau.«
»Was ist mit den Disketten aus den Überwachungskameras?«
»Weg. Er hat sie alle mitgenommen.«
»Woraus folgt, dass er sich vorher schon mal gründlich umgesehen hat.«
»Wie viele Kameras sind insgesamt in dem Laden installiert?«
Erneut zog Roarke seinen kleinen Computer aus der Tasche und gab die Frage ein. »Achtzehn. Neun hier in der untersten Etage, sechs in der ersten und die anderen drei oben unterm Dach. Bevor du fragst: Geschlossen wird um drei, was heißt, dass die Angestellten für gewöhnlich spätestens halb vier gegangen sind. Die letzte Show endet um zwei. Die Musiker und Entertainer –«
»Stripper –«
»Meinetwegen«, erwiderte er milde. »Sie hören um dieselbe Zeit mit ihrer Arbeit auf. Sämtliche Namen und Arbeitszeiten liegen innerhalb der nächsten Stunde auf dem Schreibtisch in deinem Büro.«
»Danke. Warum Purgatorium?«
»Der Name?« Der Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht. »Er hat mir gefallen. Das Purgatorium ist ein Ort der Sühne, vielleicht der Rehabilitation. Ein bisschen wie ein Gefängnis. Ich habe ihn immer als die letzte Möglichkeit zum Mensch-Sein angesehen«, antwortete er. »Bevor man entweder Flügel und einen Heiligenschein verpasst bekommt – oder im ewigen Feuer der Verdammnis schmort.«
»Was wäre dir lieber?« Sie sah ihn leicht lächelnd an. »Die Flügel oder das Feuer?«
»Weißt du, genau das ist die große Frage. Ich bin am liebsten Mensch.« Als die Bahre an ihnen vorbeigetragen wurde, strich er mit einer Hand über ihr kurzes braunes Haar. »Das hier tut mir Leid.«
»Mir auch. Gibt es einen Grund, aus dem ein Detective der New Yorker Polizei undercover im Purgatorium hätte ermitteln können?«
»Keine Ahnung. Es wäre natürlich möglich, dass ein paar von unseren Gästen irgendwelche Dinge tun, die der Polizei nicht unbedingt gefallen, aber mir ist nichts davon bekannt. Vielleicht wechseln in den Separees manchmal ein paar Drogen den Besitzer, aber größere Geschäfte finden hier nicht statt. Davon hätte ich gehört. Und nur diejenigen von unseren Stripperinnen, die eine Lizenz dafür besitzen, lassen sich näher mit den Gästen ein. Minderjährige kommen weder als Gäste noch als Angestellte hier herein. Selbst wenn du das eventuell nicht glaubst, habe ich gewisse Standards, und von denen weiche ich nicht ab.«
»Niemand macht dir irgendwelche Vorhaltungen, Roarke. Ich brauche lediglich eine Vorstellung davon, was hier in diesem Laden läuft.«
»Es nervt dich, dass ich in die Sache involviert bin.«
Sie wartete einen Moment. Und als die Tür geöffnet wurde, um die Bahre mit dem toten Kohli aus dem Haus tragen zu können, drangen die Geräusche des anbrechenden Tages zu ihnen ins Lokal.
Der Verkehr nahm bereits merklich zu. Autos verstopften die Straßen, Flugzeuge den Himmel, und sie hörte, wie ein neugieriger Schwebegrillbetreiber von den Bahrenträgern wissen wollte: »Wer zum Teufel ist das?«
»Okay, es nervt mich, dass du in die Sache involviert bist. Aber ich werde mich damit arrangieren. Wann warst du zuletzt hier?«
»Vor zig Monaten. Der Laden lief gut, weshalb ich mich nicht persönlich darum kümmern musste.«
»Wer ist der Geschäftsführer?«
»Rue MacLean. Ich drucke dir gerne ihre Daten aus.«
»Und zwar so schnell wie möglich. Willst du dir den Laden jetzt genauer ansehen?«
»Das macht keinen großen Sinn, denn schließlich weiß ich kaum noch, wie er ausgesehen hat. Aber wenn ich meine Erinnerung aufgefrischt habe, lasst ihr mich hoffentlich noch mal herein.«
»Ich werde eine diesbezügliche Anweisung erteilen. Ja, Peabody?«, fragte sie, als ihre Assistentin zögernd näher kam.
»Entschuldigung, Madam, aber ich dachte, Sie wollten sicher wissen, dass ich die Vorgesetzte des Opfers erreicht habe. Sie schicken ein Mitglied seiner Einheit und einen psychologischen Beistand zu seinen nächsten Verwandten.

Autorenportrait:

J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts. Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte 1979 ein eisiger Schneesturm sie in ihrer Heimat Maryland ans Haus. U

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