Zwei neue Fälle für Van Veeteren, Nessers so klugen wie kauzigen Kommissar, der auch heikelste und gefährlichste Morde immer mit dieser unnachahmlichen Mischung aus schwarzem Humor und genialer Intuition aufdeckt, für die ihn seine Fans lieben. In "Das vierte Opfer" darf Van Veeteren vor beschaulicher Kulisse ermitteln: In einem angesagten Ferienort treibt ein brutaler Axtmörder sein Unwesen. In "Das falsche Urteil" sieht sich Van Veeteren mit einer bizarren menschlichen Tragödie konfrontiert - und mit einem Fall, dessen Aufklärung weit in die Vergangenheit reicht. Ist das Motiv Rache?
Hochspannung garantiert! Zwei Bestseller in einem Band!
"Der derzeit erfolgreichste schwedische Krimiautor. Nessers Stil ist ähnlich human und romantisch wie der Mankells, dabei aber noch andeutungsvoller, zeitlos-poetischer und geheimnisvoller."
ZDF
"Die besten Schwedenkrimis überhaupt."
Bild
"Seine Krimis zählen zum Besten, was das Genre in Skandinavien zu bieten hat. Dramaturgisch raffiniert, mit vielschichtigem Personal ausgestattet und psychologisch besonders wertvoll [...]."
Die Literarische Welt
I
Wenn Ernst Simmel gewuᅵt hᅵtte, daᅵ er kurz davor war, das zweite Opfer des Henkers zu werden, hᅵtte er sich vermutlich noch ein paar krᅵftige Drinks in der Blauen Barke gegᅵnnt.
Doch so begnᅵgte er sich mit einem Cognac zum Kaffee und einem verdᅵnnten Whisky in der Bar, wobei er ziemlich fruchtlos und ohne wirkliches Engagement versuchte, mit einer blondierten Frau Blickkontakt aufzunehmen, die schrᅵg gegenᅵber am Treseneck saᅵ. Offensichtlich war es eine der Neueingestellten unten in der Konservenfabrik. Er hatte sie noch nie gesehen, und er hatte einen gewissen ᅵberblick.
Rechts von ihm saᅵ Herman Schalke von de Journaal und versuchte ihn fᅵr eine billige Wochenendreise nach Kaliningrad zu interessieren, oder irgendwas ᅵhnliches, und wenn man spᅵter versuchen wᅵrde, den Abend zu rekonstruieren, dann wᅵrde man zu dem Ergebnis kommen, daᅵ Schalke der letzte gewesen sein muᅵte, der in diesem Leben mit Simmel geredet hatte.
Das heiᅵt, wenn man nicht davon ausging, daᅵ der Henker ihm noch etwas mitzuteilen gehabt hatte, bevor er ihn umbrachte. Was allerdings nicht sehr wahrscheinlich war, denn der Stich kam, genau wie beim ersten Fall, schrᅵg von hinten und ein wenig von unten. Was gab es da noch viel zu sagen?
ᅵAchᅵ, hatte Simmel geseufzt und die letzten Tropfen in sich hineingekippt. Zeit, sich nach Hause aufzumachen, zur Frau. Wenn Schalke sich richtig erinnerte. Jedenfalls hatte er versucht, ihn noch zu ᅵberreden. Erklᅵrt, daᅵ es doch erst elf Uhr wᅵre und die Nacht noch jung, aber Simmel war standhaft geblieben.
Ja, genau das, standhaft. War einfach von seinem Stuhl gerutscht. Hatte seine Brille zurechtgerᅵckt und das dᅵnne, etwas lᅵcherliche Haar quer ᅵber die Glatze gestrichen, wie er es immer tat, als lieᅵe sich damit noch etwas kaschieren... hatte irgendwas gemurmelt und war gegangen. Das letzte, was Schalke von ihm sah, war sein lichtbeschienener Rᅵcken, als er in der Tᅵr stand und zu zᅵgern schien, welche Richtung er einschlagen sollte.
Was natᅵrlich, im nachhinein betrachtet, etwas merkwᅵrdig war. Simmel muᅵte doch wohl wissen, wo er wohnte?
Aber er konnte natᅵrlich auch nur einfach einen Moment stehengeblieben sein, um sich die milde Abendluft zu Gemᅵte zu fᅵhren. Es war ein heiᅵer Tag gewesen, der Sommer war noch nicht vorbei, und die Abende bekamen langsam diese satte Schwere, als lagerten immer noch die Sonnenstunden mehrerer Monate in ihnen. Lagerten dort und wurden immer edler.
Wie geschaffen, um einen tiefen Atemzug davon zu nehmen, hatte jemand gesagt. Diese Nᅵchte.
Im Nachhinein gesehen ein idealer Abend, um auf die andere Seite zu wechseln, wenn man es unter diesem Gesichtspunkt sah. Schalkes Gebiet bei de Journaal war zwar eher der sportliche und folkloristische Bereich, aber in seiner Eigenschaft als letzter Zeuge hatte er doch wohl die Berechtigung dazu, einen Nachruf auf den so plᅵtzlich dahingerafften Immobilienmakler zu schreiben... eine Stᅵtze der Gesellschaft, so durfte man wohl sagen, gerade erst in seine Heimatstadt zurᅵckgekehrt nach einigen Jahren im Ausland (an der spanischen Sonnenkᅵste unter gleichgesinnten Steuerspekulanten, doch das muᅵte man in diesem Zusammenhang ja nicht erwᅵhnen), Frau und zwei erwachsene Kinder hinterlassend, achtundfᅵnfzig Jahre alt, aber immer noch in der Blᅵte seiner Jahre, ganz zweifellos.
Die schwere Abendluft schlug ihm wie ein Angebot entgegen, und er blieb zᅵgernd in der Tᅵr stehen.
Wᅵre doch keine schlechte Idee, noch eine Runde ᅵber den Fischmarkt und durchs Hafengebiet zu machen!
Was hatte er um diese Zeit schon zu Hause zu erwarten? Das Bild von Gretes schwerem Kᅵrper stieg in seinem Kopf auf, und der sᅵᅵliche Schlafzimmergeruch kam ihm in den Sinn, und er entschied sich fᅵr einen kleinen Spaziergang. Nur einen kleinen. Schon allein die laue Nachtluft war die Mᅵhe wert, auch wenn er nichts finden wᅵrde.
Er ᅵberquerte die Lange Straᅵe und bog zur Bungeskirche ab. Im gleichen Moment lᅵste sich der Schatten seines Mᅵrders aus dem Dunkel unter den Linden im Leisnerpark und nahm die Verfolgung auf. Still und vorsichtig... in sicherem
Abstand und auf Gummisohlen. Das war der dritte Versuch heute abend, noch hatte er sich im Griff. Er wuᅵte, welche Aufgabe er sich gestellt hatte, und das letzte, was ihm in den Sinn gekommen wᅵre, war, ᅵbereifrig zu reagieren.
Simmel ging weiter die Hoistraat entlang und die Treppen hinunter zum Hafen. Am Fischmarkt wurde er langsamer. Bummelte gemᅵchlich schrᅵg ᅵber den menschenleeren Kopfsteinpflasterplatz zur Markthalle. Zwei Frauen unterhielten sich an der Ecke zur Doomsgasse, aber sie schienen ihn nicht weiters zu interessieren. Vielleicht wuᅵte er nicht so recht, woran er bei ihnen war, vielleicht hielt ihn etwas anderes zurᅵck.
Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust. Unten am Kai blieb er ein paar Minuten stehen, rauchte eine Zigarette und betrachtete die Touristenboote, die im Hafen vor sich hindᅵmpelten. Auch der Mᅵrder gᅵnnte sich in diesem Moment eine Zigarette, im Schatten der Lagergebᅵude auf der anderen Seite der Esplanade. Er hielt sie tief in seiner hohlen Hand verborgen, damit die Glut ihn nicht verriet, und er lieᅵ sein Opfer keine Sekunde aus den Augen. Als Simmel seine Kippe ins Wasser warf und seine Schritte zum Stadtwald hin ausrichtete, war dem Mᅵrder klar, daᅵ es an diesem Abend soweit war.
Zwar waren es von der Esplanade nach Rikken, dem halbmondᅵnen Stadtteil, in dem Simmel wohnte, kaum mehr als dreihundert Meter durch den Wald, und es gab auch genᅵgend Lampen entlang dem Spazierweg, aber diverse Feste im Sommer und Veranstaltungen im Freien hatten die eine oder andere zum Bruch gebracht - und dreihundert Meter kᅵnnen ein langer Weg sein... Als Simmel einen leichten Schritt hinter sich hᅵrte, war er jedenfalls noch nicht weiter als fᅵnfzig Meter in den Wald gekommen, und die Dunkelheit hielt ihn dicht umfangen.
Warm und verheiᅵungsvoll, wie gesagt, aber auch dicht. Vermutlich hatte er gar keine Zeit, um Angst zu haben. Und wenn, dann hᅵchstens in den allerletzten Bruchteilen der letzten Sekunde. Die scharf geschliffene Klinge drang von hinten zwischen dem zweiten und vierten Nackenwirbel ein. Sie spaltete den dritten diagonal in zwei Teile, durchschnitt die Wirbelsᅵule, die Speiserᅵhre und die Halsschlagader. Wenn die Klinge nur ein paar Zentimeter tiefer gefᅵhrt worden wᅵre, hᅵtte sie den Kopf wahrscheinlich ganz und gar vom Kᅵrper abgetrennt.
Was an und fᅵr sich natᅵrlich sehr spektakulᅵr gewesen wᅵre, aber fᅵr das Ergebnis an sich nur von untergeordneter Bedeutung.
Allen denkbaren Kriterien zufolge muᅵte Ernst Simmel bereits tot gewesen sein, als er zu Boden fiel. Sein Gesicht traf mit voller Wucht auf den hartgetretenen Kiesweg, die Brille zersplitterte, und es kam zu einigen sekundᅵren Verletzungen. Das Blut spritzte aus der Kehle, von oben und von unten, und wᅵhrend der Mᅵrder ihn vorsichtig in die Bᅵsche zog, konnte er immer noch ein schwaches Blubbern hᅵren. Er wartete leise in der Hocke, bis die vier oder fᅵnf Jugendlichen vorbei waren, wischte seine Waffe dann im Gras ab und begab sich zurᅵck zum Hafen.
Zwanzig Minuten spᅵter saᅵ er an seinem Kᅵchentisch mit einer dampfenden Tasse Tee und hᅵrte, wie sich die Badewanne langsam fᅵllte. Wenn seine Frau noch bei ihm gewesen wᅵre, hᅵtte sie ihn sicher gefragt, ob er einen anstrengenden Tag gehabt hᅵtte und ob er sehr mᅵde sei.
ᅵNicht besondersᅵ, hᅵtte er wahrscheinlich geantwortet. ᅵEs dauert nur seine Zeit, aber es geht alles nach Plan.ᅵ
ᅵDas ist gut, mein Lieblingᅵ, hᅵtte sie darauf antworten kᅵnnen. Wᅵre vielleicht zu ihm gekommen und hᅵtte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. ᅵDas ist gut...ᅵ
Er nickte und fᅵhrte die Tasse zum Mund.
Der Strand war unendlich.
Unendlich und unverᅵnderlich. Ein graues, stilles Meer unter einem blassen Himmel. Ein Streifen feuchter, fester Sand am Wasser, auf dem er gemᅵchlich entlangschlendern konnte. Ein trockenes, grauweiᅵes Band reichte bis zu dem kleinen Hᅵgel mit Strandgrᅵsern und windgepeitschten Bᅵschen. ᅵber den Salzwiesen im Landesinneren zogen Vᅵgel weite Kreise und erfᅵllten die Luft mit ihren dᅵsteren Schreien.
Van Veeteren schaute auf die Uhr und blieb stehen. Er zᅵgerte einen Augenblick. In der diesigen Ferne konnte er zwar den Kirchturm von s′Greijvin erkennen, aber die Entfernung war groᅵ. Wenn er weiterginge, wᅵrde es sicher eine Stunde dauern, bis er sich im dortigen Cafe am Markt mit einem Bier niederlassen kᅵnnte.
Vielleicht wᅵre es ja die Mᅵhe wert, aber jetzt, wo er erst einmal angehalten hatte, war es nicht so einfach, sich wieder auf Trab zu bringen. Es war drei Uhr. Er war nach dem Mittagessen aufgebrochen, oder wenn man es genau nahm, war es eher das Frᅵhstᅵck gewesen. Jedenfalls so gegen ein Uhr, nach einer weiteren Nacht, in der er frᅵh zu Bett gegangen war, aber der Schlaf sich erst in den frᅵhen Morgenstunden eingefunden hatte. Schwer zu sagen, was der wahre Grund seiner Unruhe und Rastlosigkeit war, wenn er in dem wackligen Doppelbett lag und sich hin- und herwᅵlzte, wᅵhrend das Morgengrauen immer stᅵrker hereindrang... schwer zu sagen.
Die Ferien dauerten jetzt bereits drei Wochen, ziemlich lange fᅵr seine Verhᅵltnisse, aber trotzdem nicht ungewᅵhnlich lange. Und zumindest wᅵhrend der letzten Woche hatte sich sein Tagesrhythmus kontinuierlich verᅵndert. In vier Tagen wᅵrde es an der Zeit sein, wieder ins Bᅵro zu kommen, und er hatte nicht das Gefᅵhl, daᅵ er es auf rᅵstigen Beinen tun wᅵrde.
Und das, obwohl er eigentlich kaum etwas anderes getan hatte, als sich auszuruhen. Am Strand gelegen und gelesen. Im Cafe in s′Greijvin gesessen oder nᅵher dran in Hellensraut. Den unendlichen Strand rauf und runter spaziert.
Die erste Woche mit Erich war ein Fehler gewesen, das hatten beide bereits nach dem ersten Tag eingesehen, aber das Arrangement lieᅵ sich nicht so leicht ᅵber den Haufen werfen. Der Urlaub war nur unter diesen Voraussetzungen bewilligt worden: daᅵ der Vater die Verantwortung fᅵr den Sohn ᅵbernahm und daᅵ dieser hier an der Kᅵste blieb. Der Sohn hatte immer noch zehn Monate seiner Strafe abzusitzen, und sein letzter Aufenthalt in der Freiheit hatte so einiges zu wᅵnschen ᅵbrig gelassen.
Van Veeteren blickte aufs Meer hinaus. Das lag so still und unbegreiflich da, wie es das die ganze letzte Woche getan hatte. Als kᅵnnte nichts es wirklich erschᅵttern, nicht einmal der Wind. Die Wellen, die am Strand eines natᅵrlichen Todes starben, schienen schon lange Leben und Hoffnung hinter sich gelassen zu haben. Das hier ist nicht mein Meer, dachte Van Veeteren. In den letzten Arbeitswochen im Juli hatte er auf die Tage mit Erich fᅵrmlich gewartet. Als sie da waren, wartete er, daᅵ sie vorbeigehen wᅵrden, damit er wieder seine Ruhe hatte. Und nachdem er jetzt zwᅵlf Tage und Nᅵchte in absoluter Einsamkeit verbracht hatte, sehnte er sich danach, wieder mit seiner Arbeit anfangen zu kᅵnnen.
Oder war es vielleicht doch nicht so einfach? War es einfach nur eine beschᅵnigende Umschreibung fᅵr das eigentliche Problem - die Frage nᅵmlich, ob es einen Punkt gibt, ab dem man sich nicht lᅵnger nach etwas sehnt, sondern ab dem man nur noch von etwas fort will. Weg. Sich danach sehnt, etwas abzuschlieᅵen und aufzubrechen, aber nicht danach, etwas neu anzufangen? Wie eine Reise, deren Verlockung im gleichen Takt abnimmt, je weiter man sich vom Ausgangspunkt entfernt, die immer bitterer wird, je nᅵher man dem Ziel kommt... Weg, dachte er. Beenden. Begraben.
Das ist es, was man den Weg nach unten nennt. Und es gibt immer ein anderes Meer.
Er seufzte und zog sich den Pullover aus. Band ihn sich um die Schultern und machte sich auf den Heimweg. Der Wind blies ihm ins Gesicht, und ihm war klar, daᅵ der Rᅵckweg lᅵnger dauern wᅵrde... Es war eigentlich gar nicht schlecht, am
Abend ein paar Stunden fᅵr sich allein zu haben. Das Haus muᅵte saubergemacht werden, der Kᅵhlschrank geleert, das Telefon abgestellt. Er wollte am nᅵchsten Morgen frᅵh los. Es gab keinen Grund, den Aufbruch unnᅵtig zu verzᅵgern. Er trat gegen eine liegengelassene Plastikflasche im Sand. Morgen beginnt der Herbst, dachte er.
Er hᅵrte das Telefon schon am Gartentor. Automatisch verlangsamte er seine Bewegungen, zᅵgerte mit dem nᅵchsten Schritt und suchte nach den Schlᅵsseln in der Hoffnung, daᅵ es aufhᅵren wᅵrde zu klingeln, bevor er ins Haus kam. Vergeblich. Die Tᅵne durchschnitten hartnᅵckig die Dᅵmmerung und die Stille. Er nahm den Hᅵrer auf. ᅵJa?ᅵ
ᅵVan Veeteren?ᅵ ᅵKommt darauf an.ᅵ
ᅵHaha... Hier ist Hiller. Wie geht′s so?ᅵ Van Veeteren unterdrᅵckte den Impuls, sofort wieder aufzulegen.
ᅵAusgezeichnet, danke. Aber ich bin davon ausgegangen, daᅵ mein Urlaub erst am Montag zu Ende ist...ᅵ
ᅵGanz genau! Ich hab mir gedacht, du kᅵnntest noch ein paar Tage zusᅵtzlich gebrauchen.ᅵ Van Veeteren antwortete nicht.
ᅵWᅵrdest du gern noch ein biᅵchen an der Kᅵste bleiben, wenn du die Mᅵglichkeit hᅵttest?ᅵ ᅵ...ᅵ
ᅵNoch eine Woche oder so? Hallo!?ᅵ ᅵWenn der Herr Polizeiprᅵsident zur Sache kommen kᅵnnteᅵ, sagte Van Veeteren.
Hiller bekam einen simulierten Hustenanfall, und Van Veeteren seufzte.
ᅵJa, hrrm, da ist so eine kleine Sache oben in Kaalbringen... das dᅵrfte nicht mehr als vierzig, fᅵnfzig Kilometer von deinem Haus entfernt liegen, ich weiᅵ nicht, ob du davon weiᅵt. Jedenfalls sind wir um Unterstᅵtzung gebeten worden.ᅵ ᅵWorum handelt es sich denn?ᅵ
ᅵMord. Zweifachen. Irgend so ein Wahnsinniger rennt da herum und haut den Leuten mit der Axt oder so den Kopf ab. Heute steht auch was in der Zeitung drᅵber, aber vielleicht hast du...ᅵ
ᅵIch habe seit drei Wochen keine Zeitung mehr gelesenᅵ, erklᅵrte Van Veeteren.
ᅵDer letzte... ich meine, der zweite Mord geschah gestern, oder eher vorgestern. Tja, auf jeden Fall mᅵssen wir Verstᅵrkung schicken, und da du sowieso in der Gegend bist...ᅵ ᅵVielen Dank.ᅵ
ᅵDu kannst dich erst mal drum kᅵmmern. Ich schicke Mᅵnster oder Reinhart nᅵchste Woche nach. Natᅵrlich nur, wenn du den Fall bis dahin nicht gelᅵst hast.ᅵ ᅵWie heiᅵt der Polizeichef? Ich meine, in Kaalbringen.ᅵ
Hiller hustete wieder.
ᅵEr heiᅵt Bausen. Ich glaube nicht, daᅵ du ihn kennst... Er hat jedenfalls nur noch einen Monat bis zu seiner Pensionierung, und es scheint ihm nicht besonders viel Spaᅵ zu machen, ausgerechnet jetzt diesen Fall am Hals zu haben.ᅵ
ᅵWie verwunderlichᅵ, sagte Van Veeteren.
ᅵDann fᅵhrst du also morgen hin?ᅵ beendete Hiller das Gesprᅵch. ᅵDamit du nicht hin und her fahren muᅵt. Kann man eigentlich noch baden?ᅵ
ᅵIch mache den ganzen Tag nichts anderes.ᅵ
ᅵSoso... ja, schᅵn. Also, dann rufe ich an und sage ihnen, daᅵ du morgen nachmittag auftauchen wirst. Okay?ᅵ
ᅵIch will Mᅵnster habenᅵ, sagte Van Veeteren.
ᅵWenn es sich einrichten lᅵᅵtᅵ, erwiderte Hiller.
Van Veeteren legte den Hᅵrer auf. Blieb noch einen Moment lang stehen und starrte das Telefon an, bevor er den Stecker herauszog. Ich habe vergessen, einzukaufen, fiel ihm plᅵtzlich ein. Verflucht noch mal! Warum fiel ihm das gerade jetzt ein? Er war gar nicht hungrig, also muᅵte das irgendwie mit Hiller zusammenhᅵngen. Er holte sich ein Bier aus dem Kᅵhlschrank. Ging auf die Terrasse und setzte sich in den Liegestuhl. Ein Axtmᅵrder?
Er ᅵffnete die Dose und schenkte sich das hohe Glas voll. Versuchte sich daran zu erinnern, ob er jemals mit diesem ungewᅵhnlichen Tᅵtertyp zu tun gehabt hatte. In den dreiᅵig Jahren oder mehr, die er bei der Polizei war. Aber wie er es auch drehte und wendete, er konnte aus den dunklen Tiefen seiner Erinnerung keinen einzigen Axtmᅵrder hervorlocken. Dann wird es wohl Zeit, dachte er und hob sein Glas.
ᅵFrau Simmel?ᅵ Die korpulente Frau ᅵffnete die Tᅵr sperrangelweit. ᅵBitte schᅵn.ᅵ
Beate Moerk trat ᅵber die Schwelle und versuchte teilnahmsvoll auszusehen. Sie gab Frau Simmel ihren dᅵnnen Mantel, den diese umstᅵndlich auf einen Bᅵgel an der Garderobe hᅵngte. Dann zeigte sie ihr den Weg, ging voran und zupfte
nervᅵs an dem engen schwarzen Kleid, das sicher schon einige Jᅵhrchen auf dem Buckel hatte. Auf einem rauchfarbenen Glastisch im Wohnzimmer war zwischen den massiven Ledersofas Kaffeegeschirr aufgedeckt. Frau Simmel lieᅵ sich auf ein
Sofa sinken.
ᅵSie kommen doch von der Polizei?ᅵ
Beate Moerk setzte sich und legte ihre Aktentasche neben sich. Sie kannte diese Frage. Hatte sich fast schon an sie gewᅵhnt. Offensichtlich konnte man es gerade noch akzeptieren, wenn weibliche Polizisten die Uniform trugen. Daᅵ der Beruf
nicht notwendigerweise von den Kleidern abhing, ging nicht so leicht in die Kᅵpfe. Daᅵ es tatsᅵchlich mᅵglich war, hᅵbsche Zivilkleidung zu tragen und trotzdem seine Aufgaben zu erfᅵllen.
Vielleicht war es ᅵberhaupt schwieriger, Frauen zu vernehmen. Mᅵnnern war es eher peinlich, aber sie gingen aus sich heraus. Frauen kamen direkt zur Sache, behielten aber gleichzeitig eine gewisse Reserviertheit.
Aber Frau Simmel dᅵrfte wohl kein Problem werden, redete sie sich ein. Dort saᅵ sie auf ihrem Sofa und atmete schwer. Groᅵ und plump mit etwas verweinten, ahnungslosen Augen.
ᅵJa, ich bin Polizeiinspektorin. Ich heiᅵe Beate Moerk. Tut mir leid, daᅵ ich Sie so kurz danach behelligen muᅵ... Ist niemand bei Ihnen?ᅵ
ᅵMeine Schwesterᅵ, sagte Frau Simmel. ᅵSie ist nur eben einkaufen gegangen.ᅵ
Zwei neue Fälle für Van Veeteren, Nessers so klugen wie kauzigen Kommissar, der auch heikelste und gefährlichste Morde immer mit dieser unnachahmlichen Mischung aus schwarzem Humor und genialer Intuition aufdeckt, für die ihn seine Fans lieben. In "Das vierte Opfer" darf Van Veeteren vor beschaulicher Kulisse ermitteln: In einem angesagten Ferienort treibt ein brutaler Axtmörder sein Unwesen. In "Das falsche Urteil" sieht sich Van Veeteren mit einer bizarren menschlichen Tragödie konfrontiert - und mit einem Fall, dessen Aufklärung weit in die Vergangenheit reicht. Ist das Motiv Rache?<br />
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Hakan Nesser, geboren 1950, ist einer der interessantesten und aufregendsten Kriminalautoren Schwedens. Dem deutschen Publikum ist er vor allem durch seine Reihe um Kommissar Van Veeteren bekannt, die bereits Millionen Fans hat. 'Kim Novak badete nie im See von Genezareth' gilt inzwischen als Klassiker in Schweden, das Buch wird als Schullektüre eingesetzt, und es hat seinen Ruf als 'absoluter Meister des Stils' (Göteborgs Posten) nachhaltig begründet. Für seine Kriminalromane um Inspektor Van Veeteren erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in mehrere Sprachen übersetzt und wurden erfolgreich verfilmt. Hakan Nesser lebt in New York.
€ 9,00