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1. Kapitel
Der ramponierte weiße Kleinbus hatte sie nervös gemacht.
Lara Gibson saß an der Bar von Vesta’s Grill auf der De Anza in Cupertino, Kalifornien, hielt den kalten Stiel ihres Martini-Glases zwischen den Fingern und schenkte den beiden jungen Computerfreaks, die ihr von einem Tisch ganz in der Nähe aufmunternd zublinzelten, keine Beachtung.
Sie schaute wieder nach draußen in den trüben Nieselregen, konnte jedoch den fensterlosen Econoline, der sie, wie sie glaubte, die wenigen Kilometer von ihrem Haus bis zu dem Lokal verfolgt hatte, nirgendwo entdecken. Lara glitt vom Barhocker herab, ging zum Fenster und spähte angestrengt hinaus. Der Van stand nicht auf dem Parkplatz des Restaurants, er war auch nicht auf der anderen Straßenseite vor dem Apple-Computerladen oder auf dem angrenzenden Gelände von Sun Microsystems geparkt. Hätte es der Fahrer tatsächlich auf sie abgesehen, müsste er logischerweise auf einem dieser beiden Plätze stehen, von wo aus er sie bequem im Auge behalten konnte.
Blödsinn. Sie kam zu dem Schluss, dass das Auftauchen des Vans reiner Zufall gewesen war, ein von einem Hauch Paranoia mit Bedeutung aufgeladener Zufall.
Sie kehrte zum Tresen zurück und sah flüchtig zu den beiden jungen Männern hinüber, die sie abwechselnd ignorierten und unentschlossen anlächelten.
Wie fast alle jungen Männer, die sich hier zur Happy Hour versammelten, trugen sie zu lässigen Jeans und Hemden ohne Krawatte die allgegenwärtigen Insignien von Silicon Valley: die Firmenausweise, die ihnen an dünnen Bändern um den Hals hingen. Diese beiden Kandidaten zeichneten sich durch die blauen
Ausweise als Mitarbeiter von Sun Microsystems aus. Andere Grüppchen gehörten zu Compaq, Hewlett Packard oder Apple, dazu kamen einige Frischlinge aus Internet-Startup-Unternehmen, die von den alteingesessenen Talbewohnern mit verhaltenem Hochmut auf Abstand gehalten wurden.
Mit ihren fünfunddreißig Jahren war Lara Gibson an die fünf Jahre älter als ihre beiden Bewunderer. Und als selbstständige Unternehmerin, die nichts mit der Branche zu tun hatte, war sie wohl auch fünfmal ärmer. Aber das machte diesen beiden jungen Männern überhaupt nichts aus, die von ihrem exotischen, ausdrucksstarken, von einer wilden Mähne schwarzen Haars eingefassten Gesicht, den Knöchelstiefeln, dem aufreizenden orangeroten Zigeunerrock und dem eng anliegenden Tank Top, das ihre hart erarbeiteten Oberarmmuskeln zur Schau stellte, absolut hingerissen waren.
Sie gab den Jungs zwei Minuten, bis einer von ihnen sie ansprechen würde, und sie verschätzte sich um nur zehn Sekunden.
Der junge Mann versuchte es mit der Variation eines Spruches, den sie so oder ähnlich schon x-mal vorher gehört hatte: Entschuldigen Sie, dass ich mich aufdränge, aber wenn Sie wollen, breche ich Ihrem Freund das Knie – dafür, dass er eine so schöne Frau hier an der Theke warten lässt. Und so lange Sie überlegen, welches Knie ich nehmen soll, darf ich Ihnen was zu trinken spendieren?
Manch andere Frau wäre vielleicht wütend geworden, hätte vielleicht zu stottern angefangen oder wäre rot angelaufen, hätte sich unsicher umgeschaut, vielleicht gezwungenermaßen zurückgeflirtet und sich einen ungewollten Drink spendieren lassen, weil sie mit der Situation nicht anders umgehen konnte. Diese Frauen wären alle schwächere Frauen als Lara gewesen. Lara Gibson war die »Königin des urbanen Selbstschutzes«, wie sie der San Francisco Chronicle einmal tituliert hatte. Sie sah dem Mann fest in die Augen, schenkte ihm ein höfliches Lächeln und sagte: »Ich habe momentan keine Lust auf Gesellschaft.«
Einfach so. Ende der Unterhaltung.
Er blinzelte irritiert über ihre Unverblümtheit, wich ihrem durchbohrenden Blick aus und ging zurück zu seinem Kumpel.
Macht … es ging immer wieder nur um Macht.
Sie nippte an ihrem Drink.
Dieser verdammte weiße Van hatte ihr sämtliche Verhaltensmaßregeln ins Gedächtnis zurückgerufen, die sie zum Selbstschutz entwickelt hatte und in Kursen anderen Frauen beibrachte, die sich in der heutigen Gesellschaft wirksam schützen wollten. Auf dem Weg zum Restaurant hatte sie mehrere Male in den Rückspiegel geschaut, und dabei war ihr zehn oder fünfzehn Meter hinter ihr dieser Van aufgefallen. Am Steuer hatte so ein junger Bursche gesessen, ein Weißer mit zu ungepflegten braunen Dreadlocks verfilzten Haaren. Er trug eine Militärjacke und, trotz des regentrüben Wetters, eine Sonnenbrille. Ja, sie wusste natürlich, dass sie sich hier im Silicon Valley befand, der Brutstätte der Slacker und Hacker, und es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass man bei Starbucks seinen Vente Skim Latte von einem höflichen Teenager mit Dutzenden von Piercings, kahl geschorenem Schädel und Klamotten wie von einem Großstadt-Gangster serviert bekam. Trotzdem war sie den Eindruck nicht losgeworden, dass sie der Fahrer mit einer unheimlichen Feindseligkeit anstarrte.
Erst jetzt merkte sie, dass sie geistesabwesend mit der Dose Pfefferspray in ihrer Handtasche spielte.
Noch ein kurzer Blick aus dem Fenster. Ausnahmslos teure Wagen, bezahlt mit Dotcom-Geld.
Sie schaute sich im Restaurant um. Alles harmlose Typen, Geeks.
Immer mit der Ruhe, ermahnte sie sich und nahm noch einen kleinen Schluck von dem kräftigen Martini.
Dann ein Blick auf die Wanduhr. Viertel nach sieben. Sandy war fünfzehn Minuten zu spät. Sah ihr gar nicht ähnlich. Lara zückte ihr Handy, doch auf der Anzeige stand: »Kein Netz.«
Gerade als sie sich nach dem Münzapparat erkundigen wollte, sah sie den jungen Mann hereinkommen und ihr freudig zuwinken. Sie kannte ihn von irgendwoher, konnte das Gesicht aber nirgendwo unterbringen. Sein kurz geschnittenes, blondes Haar und das Ziegenbärtchen waren ihr in Erinnerung geblieben. Er trug weiße Jeans und ein zerknittertes blaues Arbeitshemd. Sein Zugeständnis an die Zugehörigkeit zur amerikanischen Unternehmenskultur bestand aus einem Schlips, der jedoch, wie es sich für einen Geschäftsmann aus dem Silicon Valley gehörte, nicht bieder gestreift oder mit Jerry-Garcia-Blumen bedruckt war, sondern mit einem Zeichentrick-Tweety.
»Hallo, Lara.« Er kam näher, schüttelte ihr die Hand und lehnte sich an die Theke. »Kennen Sie mich noch? Ich bin Will Randolph, Sandys Cousin. Sie haben Cheryl und mich in Nantucket kennen gelernt … bei der Hochzeit von Fred und Mary.«
Genau! Daher kannte sie ihn. Er und seine schwangere Frau hatten mit ihr und ihrem Freund Hank am gleichen Tisch gesessen. »Klar doch. Wie geht’s denn so?«
»Danke, gut. Viel zu tun. Aber wem geht das hier nicht so?«
Sein Plastiklätzchen verriet: Xerox Corporation PARC. Sie war beeindruckt. Sogar ausgesprochene Nicht-Geeks, Leute, die nicht vom Computer abhängig sind, hatten von diesem legendären Forschungszentrum gehört, das Xerox nur neun oder zehn Kilometer weiter nördlich von Palo Alto eingerichtet hatte.
Will winkte den Barkeeper herbei und bestellte ein Light-Bier. »Wie geht’s Hank?«, erkundigte er sich. »Sandy hat erzählt, er wollte sich bei Wells Fargo bewerben.«
»Ja, das hat geklappt. Er ist gerade zum Vorbereitungskurs unten in L. A.«
Das Bier wurde serviert, und Will trank einen Schluck. »Na denn, herzlichen Glückwunsch.«
Auf dem Parkplatz blitzte es weiß auf.
Aufgeschreckt drehte Lara den Kopf in die Richtung, doch das Fahrzeug stellte sich als weißer Ford Explorer mit einem jungen Pärchen auf den Vordersitzen heraus.
Ihr Blick konzentrierte sich abermals auf die Straße und die
Parkplätze hinter dem Ford, und dabei fiel ihr ein, dass sie einen kurzen Blick auf die Seitentür des Van erhascht hatte, als sie zum Parkplatz vor dem Restaurant eingebogen war und der Van sie überholt hatte. Auf dem Lack war eine dunkle, rötliche Schliere gewesen, wahrscheinlich Dreck, aber sie hatte sofort daran denken müssen, dass es wie Blut aussah.
»Alles in Ordnung?«, fragte Will.
»Klar. Entschuldigung.« Sie wandte sich wieder Will zu, froh darüber, einen Verbündeten zu haben. Auch das gehörte zu ihren Verhaltensregeln in der Großstadt: »Zu zweit ist besser als allein.« Im Geiste erweiterte sie die Regel um den Zusatz: Auch wenn einer von beiden ein schmächtiger Geek von kaum einssiebzig ist.
»Sandy hat mich angerufen, ich war gerade auf dem Weg nach Hause. Sie hat mich gebeten, Ihnen etwas auszurichten. Sie hat versucht, Sie zu erreichen, ist aber bei Ihrem Handy nicht durchgekommen. Sie ist spät dran und bittet Sie, sie in diesem Lokal gleich neben ihrem Büro zu treffen. Wie heißt es noch gleich … bei Ciro’s … wo Ihr letzten Monat zusammen gewesen seid. In Mountain View. Sie hat für acht Uhr einen Tisch bestellt.«
»Sie hätten nicht extra vorbeikommen müssen. Sandy hätte auch hier in der Bar anrufen können.«
»Sie wollte, dass ich Ihnen die Bilder gebe, die ich bei der Hochzeit gemacht habe. Ihr zwei könnt sie euch gleich heute Abend gemeinsam anschauen und mir dann sagen, ob ihr Abzüge haben wollt.«
Will winkte einem Freund weiter hinten zu. Silicon Valley erstreckt sich zwar über mehrere Hundert Quadratkilometer, aber eigentlich ist es ein Dorf. An Lara gewandt, sagte er: »Cheryl und ich wollten die Bilder an diesem Wochenende sowieso vorbeibringen, zu Sandys Haus in Santa Barbara …«
»Ja, da fahren wir am Freitag hin.«
Will hielt inne und lächelte, als würde er sie gleich in ein großes Geheimnis einweihen, zog seine Brieftasche heraus und ließ sie aufklappen, woraufhin ein Foto von ihm, seiner Frau und seinem sehr kleinen, proper aussehenden Baby zu sehen war. »Letzte Woche«, sagte er stolz. »Claire.«
»Oh, wie entzückend«, flüsterte Lara und dachte flüchtig an Hanks Bemerkung bei Marys Hochzeit, dass er sich, was Nachwuchs anging, keinesfalls so sicher sei.
Na ja, wie auch immer …
»Wir sind in nächster Zeit wohl eher ans Haus gebunden.«
»Wie geht’s Cheryl?«
»Prima. Dem Baby auch. Es ist unglaublich … Ob Sie es glauben oder nicht, aber das Vaterdasein verändert das Leben vollständig.«
»Das glaube ich gerne.«
Lara warf wieder einen Blick auf die Uhr. Halb acht. Um diese Zeit musste man bis zu Ciro’s eine halbe Stunde rechnen. »Ich muss los.«
Plötzlich fiel ihr wie aus heiterem Himmel der Van und sein Fahrer ein.
Diese Dreadlocks.
Die rostrote Schliere auf der zerbeulten Seitentür.
Will ließ sich die Rechnung geben und zahlte.
»Das ist doch nicht nötig«,sagte sie. »Lassen Sie mich zahlen.«
Er lachte. »Das haben Sie bereits getan.«
»Was?«
»Dieser Investmentfonds, von dem Sie mir bei der Hochzeit erzählt haben … in den Sie damals gerade selbst investiert hatten?«
Lara erinnerte sich daran, dass sie schamlos mit einem Biotech-Papier angegeben hatte, das im vergangenen Jahr tatsächlich um sechzig Prozent in die Höhe geschossen war.
»Zu Hause in Nantucket habe ich gleich einen ganzen Haufen davon gekauft … Also nochmals vielen Dank für den Tipp.« Er prostete ihr mit dem Bier zu. Dann stand er auf. »Alles in Ordnung mit Ihnen?«
»Aber sicher.« Lara starrte nervös auf die Tür, als sie auf sie zugingen.
Reine Paranoia, ermahnte sie sich und dachte, wie so manches Mal, flüchtig daran, dass sie sich einen normalen Job suchen sollte, wie alle anderen Leute hier in der Bar. Sie sollte sich nicht ständig in einer Welt der Gewalt bewegen.
Bestimmt war das rein beruflich bedingte Paranoia …
Warum war dann der Junge davongerast, nachdem sie zum Parkplatz eingebogen war und ihn kurz angesehen hatte?
Vor der Tür spannte Will seinen Regenschirm auf und hielt ihn über sie beide.
Lara rief sich eine weitere ihrer Verhaltensregeln in der Großstadt ins Gedächtnis: »Sei nie zu stolz oder zu verlegen, andere um Hilfe zu bitten.«
Trotzdem drängte sich, als sie Will Randolph gerade bitten wollte, sie zu ihrem Auto zu bringen, ein anderer Gedanke in den Vordergrund: Wenn der junge Mann in dem Van wirklich eine Bedrohung darstellte, verhielt sie sich dann mit ihrer Bitte, Will möge sich ebenfalls in Gefahr begeben, nicht sehr egoistisch? Er war ein frisch gebackener Familienvater, ein Mann, der für andere Menschen verantwortlich war. Sie fand es mehr als unfair, ihn …
»Stimmt was nicht?«, erkundigte er sich.
»Nein, schon gut.«
»Ehrlich?«, hakte er nach.
»Na ja, ich weiß nicht. Ich glaube, mich hat jemand auf dem Weg hierher verfolgt. Ein junger Bursche.«
Will schaute sich um. »Sehen Sie ihn irgendwo?«
»Nein, im Augenblick nicht.«
»Sie haben doch diese Website, stimmt’s? Wie Frauen sich selbst schützen können?«, fragte er.
»Ja.«
»Glauben Sie, dass er davon weiß? Vielleicht will er Sie schikanieren.« »Möglich. Wenn Sie wüssten, wie viele Hassbriefe ich bekomme.« Er zog sein Handy heraus. »Soll ich die Polizei anrufen?«
Sie überlegte hin und her.
Sei nie zu stolz oder zu verlegen, andere um Hilfe zu bitten.
»Nein, nein. Aber … würde es Ihnen etwas ausmachen, mich zu meinem Auto zu begleiten, nachdem Sie mir die Bilder gegeben haben?«
Will lächelte. »Selbstverständlich nicht. Ich kann zwar kein Karate, aber wenn es darauf ankommt, kann ich ganz schön laut um Hilfe schreien.«
Sie lachte. »Vielen Dank.«
Sie gingen vor dem Restaurant auf dem Bürgersteig entlang, und sie ließ den Blick über die geparkten Autos schweifen. Wie auf jedem Parkplatz im Silicon Valley standen dort haufenweise Saabs, BMWs und Lexus’. Aber kein Van. Keine Jugendlichen. Keine blutigen Schlieren.
Will nickte zum Parkplatz auf der Rückseite des Gebäudes, wo er sein Auto abgestellt hatte. »Sehen Sie ihn?«
»Nein.«
Sie gingen durch die schmale Durchfahrt an dem Gebäude vorbei zu seinem Wagen, einem makellos gepflegten, silberfarbenen Jaguar.
Herrje, schwammen denn alle im Silicon Valley im Geld – außer ihr?
Er fischte die Autoschlüssel aus der Tasche. Sie gingen zum Kofferraum. »Bei der Hochzeit habe ich nur zwei Filme voll geknipst. Aber ein paar Bilder sind ganz nett geworden.« Er klappte den Kofferraum auf und blickte sich misstrauisch auf dem Parkplatz um. Sie tat es ihm nach. Niemand zu sehen. Sein Wagen war der Einzige, der hier abgestellt war.
Will sah sie kurz an. »Wahrscheinlich haben Sie sich über die Dreads gewundert.«
»Die Dreads?«
»Ja«, nickte er, »die Dreadlocks.« Seine Stimme klang irgendwie verändert, flacher, nicht mehr bei der Sache. Er lächelte zwar noch, aber sein Gesichtsausdruck war plötzlich anders, irgendwie lauernd.
»Was meinen Sie damit?«, fragte sie betont ruhig, doch innerlich breitete sich die Angst explosionsartig aus. Jetzt fiel ihr auf, dass die Zufahrt zum Parkplatz von einer Kette blockiert war, und ihr war klar, dass er sie eingehakt haben musste, nachdem er sein Auto abgestellt hatte – um sicherzugehen, dass keiner außer ihm hier parkte.
»Es war eine Perücke.«
Großer Gott, Herr im Himmel, dachte Lara Gibson, die schon seit zwanzig Jahren nicht mehr gebetet hatte.
Er sah ihr tief in die Augen, erkannte ihre Angst. »Der Jaguar parkt hier schon länger. Dann habe ich den Van geklaut und bin dir von deiner Wohnung aus gefolgt. Mit Perücke und Militärjacke. Damit du nervös und ein bisschen paranoid wirst und in meiner Nähe bleiben willst … Ich kenne nämlich alle deine Verhaltensregeln, diesen ganzen Selbstschutz-Quatsch. Geh nie mit einem Mann in ein verlassenes Parkhaus. Verheiratete Männer sind sicherer als ledige. Und mein Familienfoto?« Er nickte zu seiner Brusttasche. »Das habe ich aus einem Bild in Eltern am Computer zusammengebastelt.«
»Sie sind nicht …«, flüsterte sie entsetzt.
»Sandys Cousin? Den kenne ich nicht mal. Ich habe mir Will Randolph ausgesucht, weil du ihn ein bisschen kennst und weil er mir ein bisschen ähnlich sieht. Schließlich wärst du sonst doch nie im Leben allein mit mir hier herausgekommen. Du kannst die Hand übrigens aus deiner Handtasche ziehen.« Er hielt das Pfefferspray hoch. »Das habe ich mir auf dem Weg nach draußen geschnappt.«
»Aber …« Sie schluchzte, und ihre Schultern sanken vor Hoffnungslosigkeit nach unten. »Wer sind Sie? Sie kennen mich nicht einmal …«
»Stimmt nicht, Lara«, flüsterte er und betrachtete sie und die Angst in ihrem Gesicht auf die gleiche Weise, wie ein überlegener Schachmeister das Gesicht seines besiegten Gegners studiert. »Ich weiß alles von dir. Jedes kleinste Detail.«
2. Kapitel
Langsam, vorsichtig …
Bloß nichts kaputtmachen, bloß nichts abbrechen.
Eine winzige Schraube nach der anderen löste sich aus der Plastikverkleidung des kleinen Radios und fiel in die langen, ungewöhnlich muskulösen Finger des jungen Mannes. Einmal hätte er beinahe das feine Gewinde einer dieser Schrauben verbogen und musste eine Pause einlegen, sich entspannt im Sessel zurücklehnen und den Blick aus dem kleinen Fenster in den wolkenverhangenen Himmel über Santa Clara County richten. Dann ging es wieder. Inzwischen war es 20 Uhr. Er saß schon über zwei Stunden an dieser mühseligen Arbeit.
Endlich waren alle zwölf Halteschrauben aus der Verkleidung des Radios entfernt und lagen auf der klebrigen Seite eines gelben Haftzettels. Wyatt Gillette zog die Grundplatte des Samsung heraus und betrachtete sie eingehend.
Wie üblich preschte seine Neugier los wie ein nervöses Rennpferd. Er fragte sich, warum die Designer so viel Platz zwischen den Platinen gelassen hatten, warum sie beim Empfänger Draht von ausgerechnet dieser Stärke verwendet hatten, und in welchem Verhältnis die Metalle der Lötmasse gemischt.
Vielleicht war das die optimale Konstruktion, vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht hatten die Techniker nachlässig gearbeitet, oder sie waren abgelenkt gewesen …
Konnte man Radios noch besser bauen?
Er nahm das Gerät noch weiter auseinander, schraubte sogar die Leiterplatten los.
Langsam, vorsichtig …
Wyatt Gillette war neunundzwanzig Jahre alt, einsfünfundachtzig groß, wog etwas über siebzig Kilo und hatte ein so hageres Gesicht, dass man bei seinem Anblick unwillkürlich dachte, jemand sollte ihn mal ordentlich aufpäppeln. Sein dunkles, fast schwarzes Haar war schon eine Weile weder geschnitten noch gewaschen worden. Auf seinem rechten Arm befand sich eine stümperhafte Tätowierung: eine Möwe, die über eine Palme flog.
Die kühle Frühlingsluft ließ ihn plötzlich erschauern. Er zitterte kaum merklich, seine Finger zuckten, und er rutschte aus dem Schlitz des winzigen Schraubenkopfs. Gillette seufzte ärgerlich. Mochte er auch noch so viel technisches Geschick haben – ohne ordentliches Werkzeug kam man nur bis an bestimmte Punkte. Den Schraubenzieher, mit dem er im Augenblick arbeitete, hatte er aus einer Büroklammer gefertigt. Ansonsten standen ihm lediglich seine Fingernägel als Werkzeuge zur Verfügung. Selbst eine Rasierklinge wäre zum Öffnen dieser Schrauben besser geeignet gewesen, aber so etwas war hier, in Gillettes vorübergehender Unterkunft, der Bundesstrafanstalt für Männer in San Jose, Kalifornien, nicht aufzutreiben.