Leseprobe:
Jamie Swift war lange genug im Zeitungsgeschäft tätig, um eines zu wissen: Es hatte große Ähnlichkeit mit der Arbeit einer Kellnerin. Man musste sozusagen jeden bedienen – die Reichen, die Armen, die Mittelschicht, selbst den ewigen Nörgler, den Psychopathen, dem man nichts recht machen konnte, egal, was man tat. Und wie eine Kellnerin hoffte man ständig auf ein gutes Trinkgeld. In ihrem Fall bedeutete das eine gute Schlagzeile, mit der man Auflage machen konnte. Sie war ständig auf der Suche nach einer guten Schlagzeile, einer guten Story. Aber das war nicht leicht in dem kleinen verschlafenen Südstaatenstädtchen, in dem Jamie lebte. Hier war das Leben meist ereignislos, ja vorhersehbar. Man musste sich schon gewaltig anstrengen, um hier eine gute Story zu bekommen.
Da saß sie also wieder einmal an ihrem Schreibtisch auf der Suche nach einer guten Geschichte oder vielleicht einem reißerischen Aufhänger, mit dem sie das Interesse der Leser wecken konnte. Was sie brauchte, war eine zündende Idee, um ihrem kränkelnden Blatt auf die Beine zu helfen. Sie war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie einen regelrechten Satz machte, als es plötzlich an ihrer Bürotür klopfte.
Vera Bankhead, ihre sechzigjährige Sekretärin, platzte herein und drückte die Tür hinter sich zu. »Du wirst es nicht glauben!«
Jamie hob den Kopf. »Was denn?« Sie richtete sich auf und streckte sich. Vom langen Sitzen war ihr Nacken ganz steif geworden. Sie war recht früh ins Büro gekommen, weil sie gehofft hatte, so wenigstens eine Zeit lang ungestört arbeiten zu können. »Hast du einen Tipp für mich?«, fragte sie interessiert. »Wenn du eine Schlagzeile für mich hast, Vera, dann küsse ich dir die Füße.«
»Sogar noch was Besseres.« Vera legte eine dramatische Pause ein. Ihre hochtoupierten grauen Haare hatten bereits einige Nadeln gelassen, und die Brille saß ihr schief auf der Nase. Sie schob sie aufgeregt hoch und blickte sich dann verschwörerisch um, als wolle sie sichergehen, dass sie auch wirklich allein waren. Ihr Blick fiel auf die große Fensterfront, die auf den kleinen Stadtplatz hinauswies, auf dem ein paar Rasensprenger sich redlich mühten, das ausgedörrte Grün – Opfer einer mörderischen Juli-Hitzewelle – ein wenig aufzupäppeln. Vera marschierte zum Fenster und machte mit einem Ruck die Jalousien zu.
Jamie hob eine Braue. »Das muss ja ein Knaller sein.«
»Sogar ein noch größerer als diese Sache mit Lorraine Brown, du weißt schon, die, die ihren Mann in flagranti mit Beth Toomey auf einem Sofa im Hinterzimmer des Sportvereins erwischt hat.«
»Wow. Hat man sie nicht verhaftet, weil sie mit einem Brieföffner auf ihren Mann losging?«
»Genau. Und Tom hat sie erst auf Kaution rausgeholt, nachdem sie sich schriftlich verpflichtet hatte, ihm nichts zu tun. Hat ihm trotzdem einen Tritt in den Hintern gegeben, bevor die Zellentür ganz hinter ihr zugefallen war.«
»Also, dann heraus damit.«
»Du wirst es nicht glauben«, wiederholte Vera.
»Jetzt spuck’s schon aus!«
Vera hielt eine weiße Papiertüte hoch. Sie griff hinein und holte einen Brownie heraus. »Hier, probier mal.«
Jamie lief beim Anblick der schokoladigen Köstlichkeit das Wasser im Mund zusammen. »Ich sollte wirklich nicht. Ich hatte heute schon drei Donuts zum Frühstück. Krieg kaum noch den Knopf meiner Jeans zu.«
Vera bedachte sie mit ihrem berüchtigten Blick, einem Blick, der jeden Gedanken an Gegenwehr im Keim erstickte. Vera konnte einen wahrhaftig das Fürchten lehren. Sie war Jamies Sekretärin, aber Jamie hatte sie – aus reiner Notwehr – vor nicht allzu langer Zeit zur stellvertretenden Chefredakteurin ernannt. Eine nicht unwesentliche Rolle hatte dabei die Tatsache gespielt, dass Vera immer eine 38er Smith & Wesson in ihrer Handtasche mit sich herumtrug. Nun, Jamie war – fast – sicher, dass Vera nicht auf sie anlegen würde; Vera war immer so etwas wie eine Mutter für sie gewesen. Trotzdem war es besser, wenn man ihr so wenig wie möglich widersprach.
»Schon gut.« Jamie nahm den Brownie und biss hinein. »Mann, schmeckt das gut.« Drei weitere Bissen, und das kalorienreiche Teilchen war verschwunden.
»Und – wie fühlst du dich? Irgendwie anders?« Vera beäugte sie neugierig.
»Ja, ich hätte gern noch so eins. Kann mir ja immer noch eine weitere Jeans zulegen.«
»Das ist kein normaler Brownie«, flüsterte Vera verschwörerisch. »Man erzählt sich, dass Lyle Betts ein Aphrodisiakum in den Teig mischt.«
Jamie hob eine Braue. Lyle Betts gehörte die Sunshine Bakery, und er galt allgemein als Stütze der Gesellschaft. Er war Präsident der Jaycees, coachte die Little League und ging jedes Weihnachten im örtlichen Kinderkrankenhaus als Santa Claus um. »Unmöglich.«
Vera bekreuzigte sich. »Der Herr ist mein Zeuge.«
Jamie überlegte. Vera war, wie die meisten Frauen in dieser Gegend, eine strenggläubige Baptistin. Sie log nur, wenn es unbedingt nötig war.
»Hast du noch mehr davon?«
»Ja, hab extra mehr gekauft. Ich dachte, wir könnten einen kleinen Selbstversuch machen. Wir essen noch ein paar und tauschen dann unsere Erfahrungen aus.«
»Großer Gott«, sagte Jamie, während Vera bereits begann, den Tüteninhalt unter ihnen aufzuteilen. Sie hatte jetzt wirklich keine Zeit für solche Dinge. Es war schon drei Wochen her, seit sie den umwerfend attraktiven, mysteriösen Maximillian Holt zum letzten Mal gesehen hatte, einen Mann, der immer wieder in ihr Leben platzte und alles auf den Kopf stellte. Einen Mann, mit dem sie bei allernächster Gelegenheit intim zu werden hoffte.
»Ich hatte schon drei«, verkündete Vera, »und ich merke gar nichts, außer leichte Blähungen. Kriege ich immer von Schokolade.«
»Also, ich halte das Ganze bloß für einen Geschäftstrick, um den Verkauf anzukurbeln«, sagte Jamie in der ehrlichen Hoffnung, Recht zu behalten. Seit einiger Zeit wurde sie von erotischen Träumen heimgesucht, in denen sie und Max die Hauptrollen spielten. Träume, die alles andere als jugendfrei waren. Sie hatte sogar den Verdacht, dass die Dinge, die sie taten, in den meisten Bundesstaaten verboten waren.
»Und hast du schon gehört?«, riss Vera sie aus ihrer Versunkenheit. »Maxine Chambers hat ihre Stellung in der Bibliothek gekündigt und einen Dessousladen eröffnet. Direkt an der Main Street! Und rate mal, wie er heißt? ›Süße Sünde‹!«
Jamie konnte ihre Überraschung kaum verhehlen. Die pingelige kleine Bibliothekarin und ein Dessousladen? Unmöglich.
»Und das ist noch nicht alles«, fuhr Vera begeistert fort. »Die Leute sagen, sie hat die schockierendsten Sachen ins Schaufenster gehängt, wo sie jeder sehen kann. Elbert Swank meinte, ihm wäre beinahe das künstliche Gebiss rausgefallen, als er die Auslage sah. Das hätte ich zu gerne gesehen.«
»Ein neuer Dessousladen«, überlegte Jamie. »Na so was.« Sie versuchte, sich ihre Begeisterung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Es wurde höchste Zeit, dass Beaumont ein anständiges Wäschegeschäft bekam, in dem es nicht nur die Marken »Liebestöter« oder »Feinripp« im Angebot gab.
»Natürlich habe ich das alles nur aus zweiter Hand erfahren, ich muss also unbedingt selbst mal hin und es mir ansehen. Du weißt ja, wie wichtig es mir ist, nichts rauszugeben, was ich nicht selbst überprüft habe.«
»Vielleicht inseriert sie ja bei uns«, überlegte Jamie. »Die zusätzlichen Einnahmen könnten wir gut gebrauchen.«
»Ach was. Einnahmen kriegen wir schon durch deine neue Kontaktanzeigenseite. Wie viele haben wir bis jetzt?«
»Insgesamt zehn; sieben Männer, drei Frauen. Nicht schlecht für ein kleines Provinzblatt, oder?« Jamie erhoffte sich durch die neue Rubrik dringend benötigte Mehreinnahmen und ein paar neue Leser. Es war noch zu früh, um jetzt schon etwas zu sagen, aber sie war optimistisch.
»Ich drück dir jedenfalls die Daumen«, meinte Vera. Sie trat etwas näher. »Ich hätte da speziell eine Anzeige im Auge«, sagte sie in verschwörerischem Flüsterton. »Stand in der gestrigen Ausgabe, unter dem Titel: ›Bereit, willens und fähig‹. Klingt mir nach ’nem Volltreffer, besonders angesichts der Tatsache, dass die Männer in meinem Alter meistens Probleme in der ›Fähig‹-Abteilung haben.«
Jamie lachte laut auf. »Vera Bankhead, ich bin schockiert!«
Vera grinste. »He, auch Frauen in meinem Alter haben Bedürfnisse!«
»Warum meldest du dich nicht auf die Anzeige?«
»Und wenn er hässlich ist? Du weißt, dass ich keinen hässlichen Menschen ertragen kann. Es wäre vielleicht am besten, wenn du mir einfach seinen Namen nennen würdest.«
Jamie schüttelte den Kopf. »Du weißt genau, dass diese Anzeigen strikt vertraulich sind.«
»Ich wette, ich könnte rauskriegen, wer das ist. Ich kenne hier jeden.«
Und aus genau diesem Grund hatte Jamie auch darauf bestanden, die Kontaktanzeigen persönlich zu verwalten. Sie bewahrte sie in einem zugesperrten Aktenschränkchen in ihrem Büro auf. Vera war, sosehr Jamie sie auch mochte, leider eine der größten Klatschtanten der Stadt. Jamie zuckte gespielt gleichgültig mit den Schultern. »Ich würde dafür sorgen, dass er deinen Brief erhält.«
»Ich werde es mir überlegen.«
Jamie seufzte wehmütig. »Tja, eins ist sicher: Im Städtchen Beaumont, South Carolina, liegt derzeit die Liebe in der Luft. Also, ich finde das irgendwie wahnsinnig romantisch.« Jamie hatte erst kürzlich herausgefunden, was für eine Romantikerin sie im tiefsten Herzen war – genau genommen, seit sie Max Holt kannte. Auf einmal ertappte sie sich bei sehnsüchtigen Tagträumen und bei Überlegungen, wohin ihre Beziehung wohl führen mochte. Sie wünschte sich etwas Dauerhaftes mit ihm, und genau das jagte ihr eine Heidenangst ein.
»Klingt meiner Meinung nach eher nach einem akuten Anfall von Geilheit«, widersprach Vera. »Das liegt an der Hitze. Macht die Leute ganz verrückt. Und wenn die jetzt auch noch anfangen, diese Brownies zu futtern, dann kann ich für nichts mehr garantieren.«
Jamie wollte nicht über das G-Wort reden, denn dann musste sie nur – einmal mehr – an Max denken. Max, der besser aussah, als ihm gut tat – und der das leider auch genau wusste. Max, der gewiss dasselbe von ihr dachte, seine tieferen Gefühle aber für sich behielt. Zwischen ihnen herrschte eine starke erotische Spannung.
So war es schon, seitdem sie sich zum ersten Mal begegnet waren, als Max nach Beaumont gekommen war, um seinem Schwager, dem jetzigen Bürgermeister, bei der Aufdeckung eines Korruptionsskandals zu helfen. Max war auf seinem weißen Ross, oder besser gesagt, in seinem Zwei-Millionen-Dollar-Schlitten in der Stadt aufgetaucht. Und sie war im Zuge seiner Ermittlungen Hals über Kopf in die Sache hineingezogen worden, war knapp erst einem Kugelhagel, dann einer Autobombe entgangen, nur um anschließend beinahe von einem Riesenkrokodil aufgefressen zu werden.
Nun, das mit dem Riesenkrokodil war vielleicht ein wenig übertrieben, aber wenn man in einem Fluss landete und ein Krokodil auf sich zukommen sah, schaute man nicht so genau auf dessen Größe.
Die meisten Frauen hätten in diesem Fall die Beine in die Hand genommen – zumindest, wenn sie noch alle Sinne beieinander hatten. Was bei Jamie offenbar nicht der Fall war. Sie war Max sogar nach Tennessee gefolgt, um dem Auftraggeber der Anschläge auf die Spur zu kommen.
Einfacher ausgedrückt: Max war ein Menschenfreund mit Köpfchen. Er war überall dort zu finden, wo es für eine gerechte Sache zu kämpfen galt, egal, wie hoch das persönliche Risiko war.
»Mir wird ganz komisch«, sagte Vera. »Ich glaube, ich habe zu viele Brownies gegessen.«
Jamie blickte auf. »Ach ja?« Sie würde Vera gewiss nichts von den Schmetterlingen in ihrem Bauch erzählen. Ihre mütterliche Freundin würde dies sicher gleich auf die Wirkung der Brownies zurückführen, aber Jamie wusste es besser. Sie musste an das letzte Mal denken, als sie und Max sich in einer so genannten »kompromittierenden Situation« befunden hatten. Früher oder später würde es zur Sache gehen.
Max und sie konnten nicht ewig so weitermachen, aber sie fürchtete sich davor, mehr zu erwarten. Egal, wie sehr sie auch von einer dauerhaften Beziehung mit Max träumen mochte, er schien nun einmal nicht der Typ Mann zu sein, der länger bei einer Frau blieb.
»Ist wahrscheinlich sowieso alles nur Einbildung«, bemerkte Vera. »Lyle Betts hat das Gerücht wahrscheinlich selbst in die Welt gesetzt, um mehr Kundschaft in seine Bäckerei zu locken.« Sie schaute sich im Büro um. »Wo steckt eigentlich Flohsack?«
»Hm?«
»Hörst du mir überhaupt zu? Wo ist dein Hund? Du weißt schon, diese hässliche Töle, die du jeden Tag ins Büro mit bringst, weil sie sonst zu Hause schmollt.«
»Ach, der ist beim Tierarzt. Und er ist nicht hässlich.«
»Ich hoffe sehr, dass sie ihm dort etwas gegen seine Blähungen geben, ich halte das Gefurze einfach nicht mehr aus.«
Jamie hatte Flohsack, einen faltigen, immerzu todtraurig dreinblickenden Bluthund, vor ein paar Wochen sozusagen zwangsgeschenkt bekommen. Zu der Zeit hatte sie dringend einen fahrbaren Untersatz gebraucht und hatte, um Geld zu sparen, einen rostigen alten Pick-up erstanden. Der Gebrauchtwagenhändler hatte behauptet, der Hund gehöre zum Wagen, und hatte ihr sogar einen Preisnachlass gegeben, nur damit sie das Tier auch mitnahm. Nun, sie hatten sich mittlerweile recht gut aneinander gewöhnt, jedenfalls soweit das bei einem Hund mit chronischen Blähungen möglich war.
»Er wird heute kastriert«, erklärte Jamie. »Armes Ding, wahrscheinlich liegen seine Eier genau in diesem Moment auf Dr. Adams’ Hackklotz.«
Vera erschauderte. »Will’s mir gar nicht vorstellen.«
Sie wurden durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. »Verzeihung?«, sagte eine weibliche Stimme.
Vera und Jamie blickten zur Tür und trauten ihren Augen nicht.
»Tut mir Leid, dass ich einfach so hier eindringe«, meinte die Frau, »aber draußen war niemand.«
Jamie konnte nicht aufhören zu glotzen. Die Erscheinung hatte rabenschwarzes, hüftlanges Haar, die Augen mit blauem Glitzerlidschatten geschminkt und Wimpern, die so lang waren, dass man damit eine Scheune hätte streichen können. »Kann ich Ihnen helfen?«, stammelte Jamie.
Die Frau kam herein. Sie trug einen knallengen Minirock, dazu eine tief ausgeschnittene Bluse, die ihre perfekten Brüste – mindestens Körbchengröße E – unübersehbar zur Geltung brachte. Jamie gelangte zu der Ansicht, dass die Dame entweder besonders gute Erbanlagen mitbekommen haben musste oder andernfalls bis zum Halskragen mit Silikon voll gestopft war.
»Mein Name ist Destiny Moultrie«, verkündete sie mit erotischer Samtstimme. »Ich möchte mich um die neue Stellung bewerben.«
Vera bedachte Jamie mit einem misstrauischen Blick. »Welche Stellung? Du willst doch nicht etwa jemand anders an den Empfang setzen? Etwa so einen Erin-Brockovich-Verschnitt mit dicken Titten? Bin ich dir jetzt nicht mehr gut genug?«
»Ich weiß nichts von einer neuen Stellung«, erklärte Jamie mit abwehrend erhobenen Händen. Sie schaute die Frau an. »Welche Stellung?«, wiederholte sie Veras Frage.
»Na, die neue Ratgeberkolumne. Ich würde gerne Ihre neue Kummerkastentante werden. Sie denken doch schon seit Wochen darüber nach.«
»Ach, tatsächlich?«
Vera sah Jamie an. »Wirklich?«
Jamie rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. »Na ja –«
»Du hast kein Wort davon erwähnt«, wurde sie von einer höchst verärgerten Vera unterbrochen. »Sonst bist du mit deinen Ideen immer zuerst zu mir gekommen.«
Die Frau blickte zwischen Vera und Jamie hin und her. »Oh, tut mir Leid, ich wollte keinen Streit verursachen. Vielleicht sollten wir das Ganze lieber unter vier Augen besprechen, Miss Swift.«
Jetzt war Vera vollends beleidigt. »Miss Swift hat keine Geheimnisse vor mir. Ich weiß besser als jeder andere, was hier vorgeht.« Sie bedachte Jamie mit einem finsteren Blick. »Zumindest dachte ich das.«
Jamie konnte ihre Verwirrung nicht verhehlen. »Vera, bitte nicht jetzt.«
Aber Vera war nicht mehr zu bremsen. »Zuerst nimmst du mir die Kontaktanzeigen aus der Hand, weil du mir nicht traust. Und jetzt auch noch das. Ich sollte kündigen. Ich sollte alles hinschmeißen und eine von diesen Luxuskreuzfahrten für Senioren machen, wo man sieben Mahlzeiten pro Tag serviert bekommt. Ich könnte einen netten Witwer kennen lernen und es noch mal so richtig krachen lassen. Das könnte ich nämlich, ob du’s glaubst oder nicht.«
»Vera –« Jamie musste gegen den Drang ankämpfen, sich unter dem Schreibtisch zu verkriechen. Sie gab eine alles andere als professionelle Figur ab. Leider wusste sie, dass Argumente keinen Zweck hatten. In Veras Augen war sie immer noch das unartige Kind, das vom Vater nie streng genug erzogen worden war.
»Sieben Mahlzeiten pro Tag?«, meinte Destiny. »Das ist aber eine ganze Menge. Da würde ich ja aus meinen Kleidern platzen.«
»Das tun Sie ja bereits«, meinte Vera ungnädig. Sie sah Jamie an. »Wenn ich’s recht überlege, werde ich doch nicht kündigen. Ich bin länger in diesem Saftladen als jeder andere hier. Ich werde doch nicht meine Rente aufs Spiel setzen! Außerdem kannst du mich gar nicht vor die Tür setzen. Ich bin von deinem seligen Vater eingestellt worden, nicht von dir.« Mit einem lauten Schnauben verließ sie das Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
»Oh-oh, das habe ich wohl vermasselt«, meinte Destiny zerknirscht.
Jamie blickte ihre Besucherin an. Sie war fasziniert. »Bitte, nehmen Sie Platz, Miss Moultrie«, sagte sie mit ihrer professionellsten Stimme. Sie pflasterte ein gelassenes Lächeln auf ihr Gesicht, als käme es alle Tage vor, dass ihre Sekretärin einen Ausraster hatte. Na gut, eigentlich kam es tatsächlich alle Tage vor, fiel ihr ein. Wahrscheinlich saß Vera jetzt draußen und polierte wütend ihre 38er.
»Bitte nennen Sie mich doch Destiny«, bat die Dame. Sie setzte sich auf einen der Stühle vor Jamies Schreibtisch. »Tut mir Leid, dass ich so aus heiterem Himmel auftauche, aber ich hatte das Gefühl, Sie würden bald zu einer Entscheidung gelangen, und ich wollte die Erste sein, die sich vorstellt.«
Jamie sagte nichts dazu.
»Sie haben doch überlegt, ob Sie nicht eine Ratgeberkolumne starten sollen, nicht wahr?« Plötzlich schlug sich die Frau mit der flachen Hand an die Stirn. »O Mann, ich hoffe, ich bin nicht am falschen Ort gelandet.«
»Am falschen Ort?« Jamie merkte, dass sie ziemlich oft wiederholte, was die Frau sagte.
Destiny holte ein kleines Notizbuch aus der Handtasche und blätterte darin herum. »Ihr zweiter Name ist doch Leigh, nicht wahr?«
Jamie nickte. »Ja, das war der Name meiner Mutter.« Warum hatte sie das gesagt? Zu dieser vollkommen Fremden, die sie wahrscheinlich nie wiedersehen würde?
»Ja, ich weiß Bescheid über Ihre Mutter. Sie hat Sie verlassen, als Sie noch in den Windeln lagen.«