Die völlig neuartige Methode, aus eigener Kraft mit dem Rauchen aufzuhören. So gewinnt man den Kampf gegen den Nikotin-Dämon ein für alle Mal.
Der Autor nutzt die Prinzipien des Buddhismus und der ostasiatischen Kampfkunst, um der Sucht nach der Zigarette Herr zu werden. Einer alten chinesischen Legende nach ist die Tabakpflanze nämlich ein verwunschener Dämon, der systematisch bekämpft werden kann. So führt Schlaméus seine Leser Schritt für Schritt zum Sieg über den die Gesundheit so schwer belastenden Glimmstängel.
Lektion I
Den Geist für die Wirklichkeit öffnen
Lektion II
Den Gegner durchschauen
Lektion III
Die wahre Form erfassen
Lektion IV
Den Gegner würdigen
Lektion V
Die Angst überwinden
Lektion VI
Einen Entschluss fassen
Lektion VII
Vom Kampf ohne Krafteinsatz
Lektion VIII
Erkenne dich selbst
Lektion IX
Den Schlag führen
Lektion X
Achtsamkeit und Gelassenheit
Literaturangaben
Bildlegenden
Register
Einleitung
Kennen Sie sich mit Dämonen aus? Nein? Nun, dies ist ein Buch, das von Dämonen handelt – genauer gesagt geht es um den Kampf gegen Dämonen aus der Sicht des Buddhismus. Das vorliegende Konzept ist Resultat meiner persönlichen Auseinandersetzung mit der Sucht des Tabakrauchens. Die von mir hier dokumentierten Methoden und Denkansätze stellen das Ergebnis eines spannungsreichen geistigen Prozesses dar, in dessen Verlauf ich schließlich erkannte, worin das Wesen dieser Sucht besteht und welche Schritte zu unternehmen sind, um die Fesseln der Abhängigkeit zu sprengen.
Die Frage nach einer Strategie, die es erlaubt, Raucher sicher durch den Irrgarten suchtbedingter Fiktionen zu leiten, stellte sich mir, als mir durch eigenes Erleben bewusst wurde, welche Bedrohung für Körper und Geist vom »Dämon Nikotin« ausgeht. Dabei wollte ich eine »Strategie des Schreckens« unbedingt vermeiden, denn ich bezweifle, dass die Angst vor den Folgen des Rauchens einen brauchbaren Weg in die Freiheit weisen kann. Diese Angst, die jeder Raucher irgendwie kennt, da niemand die schrecklichen gesundheitlichen Konsequenzen des Rauchens ganz zu ignorieren vermag, kann vielleicht als Anreiz dienen, nach einem Ausweg zu suchen. Doch jene Brücke, die es ermöglicht, das Schattenreich der Sucht zu verlassen, muss eine solide Konstruktion sein. Sie kann nicht auf der Basis wechselhafter Emotionen errichtet werden.
In der buddhistischen Philosophie, so wie sie sich beispielsweise in den Lehren des japanischen Zen darstellt, finden wir Handlungsprinzipien, die helfen können, das Phänomen der Nikotinsucht in einem ganzheitlichen Kontext zu betrachten. Gerade dieser größere, umfassendere Bezugsrahmen ermöglicht Lösungsansätze, die sich nicht erschließen werden, so lange man versucht, das Problem mit Hilfe von Ersatzpräparaten (Nikotinpflaster, Kräuterzigaretten etc.) zu bewältigen.
Die traditionellen Kampfkünste Ostasiens stehen in einer besonderen Verbindung zu den Lehren des Buddhismus und des Daoismus. Hier werden seit jeher Methoden des Trainings gewählt, die dem Praktizierenden eine möglichst ganzheitliche Anschauung vom Wesen des Konflikts vermitteln. Die Meister der Kampfkünste betonen, dass der Kampf zwischen zwei Gegnern als Symbol für das Aufeinandertreffen zweier entgegengesetzter Energien verstanden werden kann und kämpferische Strategien somit auf jede Art von Konflikt anwendbar sind.
In zeitgenössischen Abhandlungen buddhistischer Meister des Altertums werden schädliche, das heißt lebensfeindliche Energien oft im Bild des Dämons umschrieben. So verhält es sich auch in einer sehr alten buddhistischen Geschichte, die mich in ihrer dunklen, rätselhaften Metaphorik beeindruckt hat und eine wesentliche Inspiration für die vorliegende Arbeit darstellte.
Ungefähr einhundert Jahre nach dem Buddha Shakyamuni in das Nirvana einging, tauchte in China ein Wesen mit dämonischen Absichten auf. Dieses Wesen war wegen seiner großen Habgier verrückt geworden und sprach, während es starb, folgende Worte: »Mögen die Wesen dieser Erde durch den Kontakt mit meinem Körper in schmerzhafte Daseinsbereiche geführt werden. Begrabt meinen Körper unversehrt, und nach einiger Zeit wird aus ihm eine Pflanze hervorgehen, die anders ist als alle anderen. Durch den Geruch allein werden die Menschen ein großes Vergnügen empfinden, aber es wird sie ihres geistigen Friedens berauben. Diese Pflanze wird sich überall ausbreiten, bis sich fast alle Wesen dieser Erde der Illusion hingeben, sie zu genießen.«
Dämonen besitzen nach buddhistischer Vorstellung die Macht, den Menschen Kämpfe aufzuzwingen, aus denen nur diejenigen siegreich hervorgehen, die die Beschränkungen des Geistes überwunden haben. So ist es der Dämon Mara, dem gemäß buddhistischer Überlieferung die bedeutungsvolle Rolle zukommt, die Makellosigkeit von Siddhartha Gautama – dem Begründer des Buddhismus – zu prüfen. Buddha, der sich am Fuße eines Bodhibaumes niedergesetzt hatte, um vollkommene Einsicht in das Wesen der Dinge zu erlangen, musste zu nächst im Kampf gegen Mara sowohl der Verlockung als auch der Furcht widerstehen. Nach dem er Mara bezwungen hatte, erfuhr er die Befreiung des Geistes.
In diesem Sinne ist es wichtig, die buddhistische Metapher des Dämons als Symbol einer den menschlichen Interessen entgegengesetzten Kraft zu verstehen, die jedoch in ihrer erzieherischen Wirkung von unschätzbarem Wert ist. Im Falle des »Dämons Nikotin« haben wir es, wieder metaphorisch gesprochen, mit einem Gegner zu tun, der dem Menschen einige spezielle mentale Manöver abverlangt, um die verhängnisvollen Täuschungen zu überwinden, die den Raucher im eisernen Griff der Sucht gefangen halten.
Es lag für mich als Lehrer traditioneller chinesischer Kampfkunst nahe, das Problem aus der Perspektive des Kriegers zu betrachten, der sich auf einen Kampf vorbereitet. Dieser Kampf wird – wie übrigens alle Kämpfe – allein auf mentaler Ebene entschieden. Ich begann, auf der Basis meines Wissens und meiner Erfahrungen nach einer Methode zu suchen, den Dämon in einem einzigen kraftvollen Schlag niederzustrecken. Als ich schließlich in der Lage war, diesen Hieb auszuführen, hatte sich in meinem Bewusstsein eine bedeutungsvolle Entwicklung vollzogen.
Ich bitte Sie, dies als den elementaren Aspekt meiner Strategie zu begreifen: Der Kampf gegen die Sucht wird Sie mit jenen Kräften Ihres Bewusstseins in Kontakt bringen, die darüber entscheiden, wie Sie die Welt, in der Sie leben, wahrnehmen. Sie haben jetzt die Möglichkeit, das Wesen des Suchtkonfliktes als ein ganz und gar mentales Problem zu durchschauen. Gelingt Ihnen dies, dann sind auch Sie bereit, den entscheidenden Schlag zu führen.
Natürlich ist mir bewusst, dass sich bei diesem Ansatz eine Schwierigkeit ergibt, die mit konventionellen Denkweisen unserer Gesellschaft zusammen hängt: Traditionellerweise neigen wir zu der Auffassung, das Führen von Kämpfen sei eine gewalttätige und außerdem rein männliche Angelegenheit. Auch wenn diese Sicht der Dinge verständlich sein mag, wenn wir uns an Beispielen des militärischen oder auch alltäglichen Machismo orientieren, so gilt es, in unserem Zusammenhang mit frischem Blick auf das Phänomen des Kampfes zu schauen.
Um den Kampf so zu führen, wie es innerhalb der buddhistischen Tradition vermittelt wird, bedarf es der Harmonie zwischen männlichen und weiblichen Kräften. Wenn Sie sich die Zeit nehmen, den Charakter der Sucht genauer unter die Lupe zu nehmen, dann werden Sie sehen, dass wir es hier mit einer Kraft zu tun haben, die sehr stark ist. Diese Kraft richtet sich gegen Sie.
Sie befinden sich, ob es Ihnen gefällt oder nicht, in einem Konflikt, den Sie klären und für sich entscheiden müssen, wenn Sie Ihre Lebensqualität bewahren wollen. Dieser Konflikt wird in buddhistischer Tradition als Kampf umschrieben, nicht weil Sie Gewalt oder Aggression zu seiner Lösung einsetzen müssen, sondern weil Sie souverän, gelassen und mit Weisheit an die Sache herangehen sollten.
Wird ein Meister der Kampfkunst von Feinden angegriffen, so verteidigt er sich, ohne die Nerven zu verlieren. Er weiß, was zu tun ist, auch wenn die Situation chaotisch erscheint. Diese Fähigkeit können Sie ebenfalls erreichen, wenn der Nikotin-Dämon Sie zu überwältigen droht. Indem Sie den Kampf gegen die Sucht auf buddhistische Weise erlernen, werden Sie bisher vernachlässigte Potenziale Ihrer Persönlichkeit entfalten.
Auf diese Weise kann das Männliche, dem man traditionellerweise die Eigenschaft der Härte zuschreibt, durch weibliche Qualitäten, wie beispielsweise Flexibilität, bereichert werden. Umgekehrt wird das Weibliche, das sich bisher vielleicht primär auf eine hochentwickelte Intuition stützte, im buddhistischen Training durch ein männliches Attribut wie z. B. Zielstrebigkeit gestärkt.
Bevor Sie beginnen, die hier vorgestellten zehn Lektionen zu studieren, möchte ich Ihnen einige Hinweise ans Herz legen, die Sie unbedingt beachten sollten, wenn Sie ernsthaft daran interessiert sind, Ihre Sucht mit Hilfe meiner Instruktionen zu überwinden.
Zunächst bitte ich Sie, den Text so aufzunehmen, als würden wir uns persönlich kennen. Ich weiß, dass dies eine ungewöhnliche Forderung darstellt, aber glauben Sie mir, es ist von erheblicher Bedeutung, dass Sie meine Ausführungen so aufnehmen, als wären sie von mir direkt für Sie geschrieben worden. Es gibt einige buddhistische Meister, die ihre Vorträge stets mit der Bitte an die Zuhörer beginnen, die ausgeführten Darlegungen als ganz persönliche Hinweise zu betrachten, denn im Buddhismus misst man nicht nur der Frage, ob ein Mensch etwas Bestimmtes tut, Bedeutung bei. Von großer Wichtigkeit ist ebenfalls, wie er es tut. Nur wenn Sie sich wirklich persönlich angesprochen fühlen, das heißt ihr Herz öffnen, werden Sie die Veränderungen in Ihrem Bewusstsein bewirken können, die Sie letztlich dazu befähigen, sich zu befreien.
Falls Sie eine akademische Ausbildung genossen haben oder aus beruflichen Gründen mit dem Lesen umfangreicher Texte vertraut sind, verfügen Sie mit Sicherheit über Fähigkeiten, die als »punktuelles Lesen« oder auch »diagonales Lesen« bezeichnet werden. Im Falle des vorliegenden Konzeptes ist es von größter Wichtigkeit, dass Sie von diesen Lesetechniken keinen Gebrauch machen. Bitte nehmen Sie sich die Zeit, den Text langsam zu lesen und in aller Ruhe wirken zu lassen.
Sie kennen vielleicht die populären »magischen« Bilder, die es gestatten, mit Hilfe einer speziellen Betrachtungstechnik (z. B. Schielen) versteckte Formen und Figuren wahrzunehmen. In einem ähnlichen, wenngleich nicht völlig identischen Sinne enthalten die folgenden zehn Lektionen Bilder, die sich Ihnen nur erschließen, wenn Sie sich langsam durch den Text bewegen und jede Hast vermeiden.
Es ist nicht notwendig, dass Sie sich während der Lektüre meiner Strategie durch sofortiges Nichtrauchen unter Druck setzen. Vielleicht sind Sie der Meinung, diese Auseinandersetzung hätte nur Sinn, wenn Sie Ihren Wunsch, Nichtraucher zu sein, augenblicklich in die Tat umsetzen. Das Gegenteil ist der Fall. Im Moment sollten Sie alles tun, um eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Körperliche und geistig-emotionale Entspannung ist der ideale Zustand für eine Tätigkeit wie Lesen, Lernen oder Denken. Da Sie als Raucher diesen Zustand wahrscheinlich nicht erreichen, wenn Sie sich zum Nichtrauchen zwingen, sollten Sie vorerst Ihre Routinen beibehalten.
Abschließend möchte ich Ihnen einen besonders wichtigen Rat geben. Obwohl es sich zunächst trivial anhören mag, ist dies vielleicht eine der wertvollsten Lehren, die wir aus dem Buddhismus gewinnen können: Egal, wie sich Ihr Leben in der näheren oder fernen Zukunft entwickelt, bewahren Sie Ruhe. Die Unerschütterlichkeit eines Buddha ist nur den wenigsten unter uns gegeben, doch wenn Sie sich verdeutlichen, dass es besonders in kritischen Situationen auf eine gefasste Geisteshaltung ankommt, werden Sie sich nicht gedankenloser Hektik überlassen.
Das Ziel buddhistischer Erziehung ist Frieden. Süchte verurteilen uns dazu, in einem inneren Krieg zu leben. Wenn Sie die folgenden zehn Lektionen in Ruhe studieren und überdenken, werden Sie in der Lage sein, den Krieg in Ihrem Innern zu beenden.
Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie einen Weg finden, den Dämonen dieser Welt ein klares Bewusstsein entgegenzusetzen und Ihr Leben so zu führen, wie Sie es sich erhoffen.
Berlin, August 2004 Thorre Schlaméus
Lektion I
Den Geist für die Wirklichkeit öffnen
Unterliegt ein Mensch Täuschungen, so werden sein Denken und auch sein Handeln irregeleitet sein, ganz gleich, worin die Motive dieses Menschen bestehen. So kann auch eine Person, die die besten Absichten hegt, schwere Fehler begehen, wenn sie sich von Fiktionen leiten lässt. Der Begriff Fiktion wird in buddhistischen Lehrtexten im Sinne einer Falschannahme als Ursache diverser schädlicher Verhaltens- und Reaktionsweisen angeführt. Aus diesem Grunde ist es nicht verwunderlich, dass sich ein erheblicher Teil der buddhistischen Methodologie auf das Ausräumen fiktiver Vorstellungen konzentriert.
Fiktionen sind immer Merkmal einer Sucht. So besteht die wahrscheinlich schwerwiegendste Täuschung des Rauchers in der anfänglichen Annahme, er sei nicht süchtig. Falls Sie als Raucher dieser Meinung sind, stehen Sie am Beginn eines wichtigen Gedankenprozesses, in dessen Verlauf Sie sich Klarheit über das Wesen Ihres Tabakkonsums verschaffen müssen. So lange Sie der Überzeugung anhaften, frei entscheiden zu können, wann, wo und wie viel Sie rauchen, werden Sie das grundlegende Problem des Tabakrauchens nicht verstehen.
Dieses Problem besteht nicht in der Giftigkeit der Tabakbestandteile. Chlor ist ebenfalls giftig, aber Sie werden nicht auf die Idee kommen, täglich etwas Chlorgas zu inhalieren. Das Problem liegt in der suchtauslösenden Wirkung des Nikotins. Aufgrund einer speziellen molekularen Architektur ist Nikotin in der Lage, alle körpereigenen Abwehrmechanismen zu täuschen und einen Suchtprozeß auszulösen. Wie dies funktioniert, werden wir im nächsten Kapitel genau erörtern.
Im Augenblick ist es wichtig, dass Sie sich fragen, wie frei Ihre Entscheidungen wirklich sind, wenn es um das Rauchen geht. Haben Sie Ihren Konsum unter Kontrolle? Ja?
Ich habe über dieses Thema mit vielen Rauchern gesprochen und fand meine eigenen Erfahrungen bestätigt: Die gedankliche Vorstellung der Kontrolle aufrechtzuerhalten, ist für jeden Raucher anfangs von großer Bedeutung. Niemand fühlt sich bei dem Gedanken wohl, von etwas abhängig zu sein. Doch nur die wenigsten langjährigen Raucher täuschen sich in diesem Punkt. Die Wahrheit ist: Kein Raucher hat das Rauchen unter Kontrolle.
Während meiner Ausbildung an der Charité zu Berlin arbeitete ich einige Wochen auf einer Station für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Nicht wenige Patienten, die ich dort physiotherapeutisch behandelte, hatten sich einer schwer wiegenden Tumoroperation im Halsbereich, der Laryngektomie, unterziehen müssen. Bei diesem Eingriff wird der Kehlkopf chirurgisch komplett entfernt, deshalb ist der Patient von diesem Zeitpunkt an gezwungen, durch eine Trachealkanüle zu atmen, die sich im unteren Halsbereich befindet. Obwohl die meisten Patienten diese Operation wegen starken Tabakrauchens hatten ertragen müssen, dessen zerstörerische Wirkung also in höchst dramatischer Weise am eigenen Leibe erfahren hatten, ließen erstaunlich viele der Betroffenen nicht vom Rauchen ab. In meinen Pausen traf ich sie im Foyer; sie rauchten, indem sie den Zigarettenqualm durch ihre Kanülen inhalierten.
Aus diesem Erlebnis wird ersichtlich, dass sich die Sucht, die durch den Konsum von Tabakwaren ausgelöst und aufrechterhalten wird, von einem bestimmten Zeitpunkt an selbst dann nicht mehr kontrollieren lässt, wenn dem Betroffenen die destruktiven und letztlich tödlichen Konsequenzen klar vor Augen stehen. Der sukzessive Verlust von Unabhängigkeit muss hier als ein grundlegendes Merkmal der Nikotinsucht verstanden werden. Es liegt im Wesen der Sucht, dass sie sich einer Kontrolle entzieht. Falls Sie glauben, Sie werden keinesfalls in eine so dramatische Situation geraten, dann stimme ich Ihnen gern zu. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Sie das Rauchen beenden. Dies ist die einzige Möglichkeit der Kontrolle.
Wenn man sich meine oben beschriebene Erfahrung durch den Kopf gehen lässt und meiner Behauptung folgt, dass jene verhängnisvolle Entwicklung das Resultat einer geistigen Täuschung ist, so stellt sich unweigerlich die Frage, wie es zu einer derart gravierenden Täuschung des Denkens überhaupt kommen kann. Eine Antwort auf diese Frage finden wir, wenn wir beobachten, mit welchen Methoden der Raucher den zunehmenden Verlust von Unabhängigkeit kompensiert.
Jemand, der keine spürbaren »Nebenwirkungen« des Rauchens wahrnimmt außer vielleicht einem leichten Kratzen im Hals, wird zur persönlichen Rechtfertigung andere Argumente entwickeln als jemand, dem wegen des Rauchens gerade ein Bein amputiert wurde. Die Selbsttäuschungen eines Rauchers, seine Erklärungen, Argumentationen und Rechtfertigungen durchlaufen eine Entwicklung, die sich parallel zu den Schwankungen des Konsums und dem Ausmaß der resultierenden Beeinträchtigungen vollzieht.
Das bedeutet: Je tiefer ein Mensch in die Sucht gerät, desto größer ist das Ausmaß der Selbstmanipulation. Jemand, der auf zwanzig Jahre starken Rauchens zurückblickt, hat einen tief greifenden psychischen Prozess durchlebt, der sowohl von starken Selbstvorwürfen als auch von – im Grunde unhaltbaren – Rechtfertigungen geprägt ist. Im Verlauf der Sucht muss der Betroffene angesichts diverser gescheiterter Versuche, das Rauchen zu beenden, Rechtfertigungen bemühen, die zunehmend unrealistischer werden. Dies kann beispielsweise in der absurden, aber oft gehörten Überzeugung gipfeln, genetisch zur Sucht veranlagt und somit quasi durch das Schicksal zur Sucht verdammt zu sein. Das bedeutet aber somit auch: Je tiefer ein Mensch in die Sucht gerät, desto schwieriger wird es für ihn, seine eigene Lage objektiv zu beurteilen.
Wenn Sie der Meinung sind, zum augenblicklichen Zeitpunkt über ausreichend Kontrolle zu verfügen, und glauben, den »Absprung« zu schaffen, bevor es kritisch wird, stellen Sie sich folgende Frage:
Falls Sie wirklich die Kontrolle besitzen, falls Sie wirklich unabhängig sind und Ihnen auch klar ist, dass der folgende Test von entscheidender Bedeutung sein kann, warum versuchen Sie nicht einfach, drei Monate ohne Rauchen zu leben? Wenn Sie die Fähigkeit besitzen, dies ohne weiteres zu tun, brauchen Sie sich keine Sorgen mehr zu machen, denn Sie wissen dann, dass es für Sie möglich ist, auch ohne Rauchen Spaß am Leben zu haben.