Leseprobe:
PROLOG
Als meine Hündin urplötzlich auf die Idee kam, ihre Rolle als Fußablage aufzugeben, und aufsprang, hätte ich in meinem Sessel um ein Haar eine Rolle rückwärts gemacht. Sie erstarrte, drehte den Kopf zum Fernsehgerät und konzentrierte sich mit der Begeisterung eines Welpen auf den Mann, der gerade sprach. Ich sah ebenfalls zu, aber mit erheblich weniger Interesse als sie.
»Der neue Bericht der Gesundheitsbehörde ist über jeden Zweifel erhaben! Schließlich reden wir hier über Forschungsmethoden, die seit einem halben Jahrhundert immer weiter verfeinert worden sind. Wir reden über modernste wissenschaftliche und statistische Verfahren. Wir reden über die Koryphäen auf diesem Gebiet …«
»Warte, warte …«, sagte ich, als ein aufgeregtes Brummen aus der Kehle meiner schon etwas betagten Pyrenäenberghündin drang. Sie schlich ein paar Zentimeter nach vorn, blieb dann aber stehen.
»Dass Big Tobacco sich nicht einmal die Mühe macht, jemanden in diese Sendung zu schicken, damit er versucht, die Ergebnisse zu widerlegen, ist zwar eine Beleidigung, aber nicht gerade eine Überraschung.« Der Mann, der da sprach, war Angus Scalia, der schärfste Kritiker der Tabakindustrie und ziemlich schwer zu beschreiben. Stellen Sie sich einen sechzig Jahre alten, einhundertachtzig Kilo schweren John Lennon vor, der unter Glatzenbildung leidet und seine kahlen Stellen mit einem quer über den Schädel geklebten Pferdeschwanz zu verstecken versucht. Wenn Sie ihm dann noch etwas anziehen, was Ihrer Meinung nach für einen Texaner typisch ist, wissen Sie so ungefähr, wie Scalia aussieht.
»Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass Rauchen die größte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit ist, seit die Pest im vierzehnten Jahrhundert die Bevölkerung Europas dezimiert hat.«
»Das war gut«, sagte ich laut, weil ich an alte Holzschnitte denken musste, auf denen sich ein personifizierter Tod über weinende Kinder beugt, die mit ansehen müssen, wie man die von Eiterbeulen entstellten Leichen ihrer Väter auf einen Schubkarren stapelt.
Ich würde es zwar nie öffentlich zugeben, aber Scalias durch nichts zu erschütternde Überzeugung imponierte mir. Für ihn ging es weder um Politik noch darum, sein Gesicht im Fernsehen zu sehen. Der Mann glaubte wirklich an das, was er tat. Und er brachte es tatsächlich fertig, so zu argumentieren, dass plötzlich alle Übel der modernen Welt irgendwie mit Big Tobacco zusammenhingen. Diese Zielstrebigkeit hatte etwas Reines, Unverfälschtes an sich, das mich faszinierte.
Da Scalia ein wenig aus der Puste war und offenbar eine Pause brauchte, schwenkte die Kamera auf einen grauhaarigen Mann Anfang fünfzig, der mit überzeugend gespielter Aufrichtigkeit nickte. Sein Name wollte mir nicht gleich einfallen – er klang irgendwie ausländisch und fing mit einem der Buchstaben an, die im Englischen nicht so oft vorkommen. Q? X? V?
Viasanto. Genau. So hieß er. Craig Viasanto.
»Mr Scalia, ich will Ihnen mal eine Geschichte erzählen …«, fing Viasanto an.
Meine Hündin machte einen Satz nach vorn, aber ich hatte es kommen sehen und hielt sie auf, indem ich meinen bestrumpften Fuß unter ihr Halsband zwängte.
»Vor vielen Jahren wollte R. J. Reynolds außer Kautabak auch Zigaretten verkaufen. Aber auf keinen Fall wollte er etwas unter die Leute bringen, das womöglich gefährlich war, und daher ließ er von drei unabhängigen Labors untersuchen, welche Auswirkungen das Rauchen auf die Gesundheit hat. Alle drei kamen zu dem Schluss, dass es ungefährlich ist. Ganz und gar ungefährlich. Ich will damit sagen, dass wir diesen ›wissenschaftlichen Studien‹ nicht allzu viel Glauben schenken sollten. Früher war Vitamin C das Allheilmittel, aber inzwischen ist man sich in der Medizinwelt einig, dass es Veränderungen im Erbgut verursachen kann. Und können Sie sich noch daran erinnern, wie man die Hormontherapie für Frauen nach den Wechseljahren in den Himmel gejubelt hat? Heute dagegen behauptet man, dass solche Frauen ein etwa dreißig Prozent höheres Herzinfarkt- und Brustkrebsrisiko haben.«
Der bis in die Fingerspitzen gepflegte Craig Viasanto wirkte seriös und pragmatisch und war damit das genaue Gegenteil von Angus Scalia. Aufgrund seiner botoxähnlichen Fähigkeit, wirklich alles sagen zu können, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen, hatte man ihn vor Kurzem zum Sprecher der Tabakindustrie gemacht. Ich hatte natürlich gegen seine Ernennung protestiert und eine fünfseitige Aktennotiz losgelassen, in der ich detailliert die Vorteile schilderte, die eine Ernennung Pamela Andersons zur Sprecherin der Tabakindustrie haben würde. Ich für meinen Teil war jedenfalls bereit, alles zu glauben, was Miss Anderson mir vorbetete.
Erstaunlicherweise hatte es keinerlei Reaktion auf meinen durch und durch vernünftigen und erschöpfend recherchierten Vorschlag gegeben.
»Es wäre naiv von uns zu glauben, dass die Politik keinen großen Einfluss auf die Wissenschaft hat«, fuhr Viasanto fort. »Dafür könnte ich Ihnen unzählige Beispiele nennen, angefangen bei der katholischen Kirche, die steif und fest darauf bestanden hat, dass die Sonne sich um die Erde dreht.«
Um ein Haar hätte ich ihn ausgepfiffen, aber meine Hündin zerrte immer noch an ihrem Halsband, und ich musste mich am Sessel festhalten, um nicht auf den Boden gezogen zu werden. Es war ein wenig versteckt, aber Viasanto spielte eindeutig auf einen katholischen Priester an, der erst gestern zugegeben hatte, mindestens dreißig der ihm anvertrauten Jungen missbraucht zu haben. Für die Medien war es ein gefundenes Fressen, und Viasanto war sich offenbar nicht zu schade dafür, diesen Skandal zu nutzen, um den Zorn des Publikums in eine andere Richtung zu lenken.
»Es ist gerade Mode, die Tabakindustrie für alles und jedes verantwortlich zu machen, angefangen bei Lungenkrebs bis hin zum Defizit im Staatshaushalt. Wenn das so weitergeht, haben wir es bald mit einer McCarthy-Ära des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu tun.«
Nun war er ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Das nahm ihm niemand so richtig ab. Aber immerhin, er hatte es versucht.
»Jetzt will ich Ihnen mal eine Geschichte erzählen, Mr Viasanto«, sagte Scalia, während die Kamera sich wieder auf ihn richtete. Sein feistes Gesicht war vor Wut so verzerrt, dass es aussah, als würden die winzigen runden Brillengläser auf seiner Nasenspitze gleich von den Fettmassen verschluckt werden.
»Nach dem Ersten Weltkrieg starb ein Soldat, der Zigaretten – die damals noch recht selten waren – von der US-Army erhalten hatte, an Lungenkrebs. Bevor einer der damals bekanntesten Ärzte die Autopsie durchführte, rief er einige seiner Kollegen an und lud sie zu der Untersuchung ein. Er sagte, und ich zitiere wörtlich: ›Einen Fall wie diesen werden Sie nie wieder sehen.‹ So selten war diese Krankheit früher einmal.«
»Ups«, entfuhr es mir.
»Ein perfektes Beispiel für das, was ich meine«, entgegnete Viasanto. Scalia machte nicht oft einen Fehler, und Viasanto stürzte sich sofort darauf. »Wenn es um Lungenkrankheiten geht, ist nie die Rede von Luftverschmutzung durch die Industrie und die Abwanderung der Bevölkerung von ländlichen in städtische Gebiete.«
Scalia wusste, dass er ins offene Messer gelaufen war. Seine Bolo-Tie schien plötzlich gefährlich eng zu sitzen. »Das ist doch lächerlich! Sie wissen genauso gut wie ich, dass Rauchen schädlich ist! Ich habe noch ein Zitat für Sie: ›Wir sind ebenfalls der Meinung, dass Rauchen abhängig macht und bei Rauchern Krankheiten verursacht.‹ Das hat einer Ihrer eigenen Vizepräsidenten gesagt.«
Bevor Viasanto antworten konnte, schwenkte die Kamera zum Moderator der Nachrichtensendung, der eine kurze Werbepause ankündigte. Meine Hündin entspannte sich ein wenig.
»Warum sehe ich mir so was überhaupt an?«, fragte ich laut.
Es führte doch nur dazu, dass ich den Wert der menschlichen Rasse und insbesondere meine eigene prekäre Stellung darin anzweifelte. Außerdem war es schon halb sieben, und ich wusste, dass auf einem anderen Kanal Folgen von Herzbube mit 2 Damen wiederholt wurden.
Die Sendung wurde fortgesetzt, und ich tat, als würde ich sie ignorieren, obwohl ich nicht so genau wusste, wen ich damit beeindrucken wollte. Mich vermutlich.
»Mr Scalia«, begann der Moderator, »Berichten zufolge haben Sie gesagt, die Sammelklage in Montana sei der Anfang vom Ende für die Tabakindustrie. Aber ist eine solche Behauptung realistisch? Schließlich geht es hier um eine Industrie, die maßgeblich am Aufbau dieses Landes beteiligt war und inzwischen fast ein Prozent aller amerikanischen Arbeitsplätze stellt.«
Dazu muss ich jetzt etwas weiter ausholen.
In Montana war eine Sammelklage über zweihundertfünfzig Milliarden Dollar angestrengt worden, deren Kläger – zur Überraschung aller – behaupteten, die Tabakindustrie verkaufe ein todbringendes Produkt, ermuntere die Leute dazu, dieses Produkt zu benutzen, habe die gesundheitlichen Gefahren der Sucht heruntergespielt und tue dies auch weiterhin. Das war natürlich alles richtig. Und eigentlich war es gar nicht so schwer, die Klageschrift als Zielsetzung eines Tabakunternehmens misszuverstehen.
Aber so einfach war es nun doch wieder nicht. Schließlich gab es die Warnhinweise auf den Zigarettenpackungen, das höchst subjektive Konzept von der Verantwortung und Freiheit des Einzelnen und die Frage, ob tatsächlich jemand glaubte, Rauchen würde ihn nicht umbringen.
In der Praxis allerdings spielten diese durchaus berechtigten Einwände manchmal überhaupt keine Rolle für das Abschneiden der Tabakindustrie im Gerichtssaal. Letzten Endes lief es darauf hinaus, wie übel gelaunt die Geschworenen waren. Und in der Regel waren sie sehr übel gelaunt, weshalb Big Tobacco vor den Richtern eines Berufungsgerichts auch erheblich besser abschnitt als vor Menschen aus Fleisch und Blut.
Was also war in Montana los, und weshalb regten sich alle so auf? Schließlich war so gut wie sicher, dass die Geschworenen den Klägern die zweihundertfünfzig Milliarden Dollar zusprechen würden und die Tabakindustrie ihre bis dahin im Keller versteckten Horden gut frisierter Anwälte loslassen würde, damit diese Berufung einlegen konnten. Das war der Lauf der Dinge, stimmt’s?
Bei diesem Fall war es vielleicht anders.
Denn in Montana gab es kein Gesetz, das eine Höchstgrenze für die Kaution eines Berufungsprozesses vorsah. Wenn Big Tobacco diesen Fall verlor, würden die Unternehmen der Tabakindustrie also den gesamten durch das Urteil festgesetzten Betrag aufbringen müssen, um Berufung einlegen zu können. Und im Gegensatz zur landläufigen Meinung konnten sie so viel Geld nicht einfach aus der Portokasse nehmen.
Und das bedeutete, dass das Urteil rechtskräftig werden würde, wenn die Geschworenen in Montana der Meinung waren, die Tabakindustrie sei Schuld daran, wenn es im Juli regnete, und den Klägern mehr Geld zusprachen, als die Tabakindustrie zusammenkratzen konnte. Dann würde das ganze Kartenhaus einstürzen.
»Ich glaube, das ist realistisch«, sagte Scalia. »Genau genommen dürfte es sogar sehr realistisch sein. Big Tobacco kann nicht mehr kontrollieren und manipulieren, welche Informationen das amerikanische Volk bekommt. Diese Firmen sind jetzt endlich als skrupellose Lügner entlarvt worden. Und die Politiker wissen jetzt, dass sie, wenn sie auch nur einen Cent von Big Tobacco nehmen und diese Mörder verteidigen, in den Augen ihrer Wähler als das dastehen, was sie sind – Huren. Merken Sie sich gut, was ich jetzt sage – in den nächsten zehn Jahren wird die Tabakindustrie zusammenbrechen.«
Der Moderator nickte nachdenklich und wandte sich an Viasanto. »Möchten Sie dazu etwas sagen?«
Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, sah es tatsächlich so aus, als wüsste der mit allen Wassern gewaschene Sprecher der Tabakindustrie nicht, was er sagen sollte. »Es tut mir leid, aber zu einem laufenden Verfahren kann ich mich nicht äußern.«
Als Viasanto wieder das Wort hatte, zerrte meine Hündin so heftig an ihrem Halsband, dass ich schließlich meinen Fuß zurückzog.
»Schnapp ihn dir!«
Sie gab ein freudiges Bellen von sich, machte einen Satz nach vorn und überzog den Bildschirm meines Fernsehers mit Pfotenabdrücken und Speichel. Der nicht allzu bösartig wirkende Angriff dauerte nur ein paar Sekunden, dann hatte sie sich so verausgabt, dass sie sich zu einem wohlverdienten Nickerchen auf den Teppich fallen ließ.
Mit einem Mal wurde mir klar, dass ich jetzt ganz dringend etwas zu trinken brauchte – und zwar in einer Menge, die in meinem Kühlschrank nicht zu finden war. Ich stand auf, schaltete den Fernseher aus und ging zur Haustür.
»Nikotin, ich bin in ein paar Stunden wieder da. Kannst du so lange die Stellung halten?«
Sie schnarchte und rollte sich auf den Rücken, machte die Augen aber nicht auf.
1
»Muss man eigentlich nackt sein, wenn man Tischfußball spielen will?«
Das glaubte ich jedenfalls verstanden zu haben. Die Tonanlage des Hauses hatte eine halbe Million Dollar gekostet und wurde gerade mit jenen monoton wummernden Bässen malträtiert, die etwas jüngere Leute als ich gern hörten. Ich konzentrierte mich auf ihren Mund, während sie weiterredete, und versuchte, durch die Rauchschwaden und die chaotische Beleuchtung hindurch von den Lippen zu lesen, stellte dann aber fest, dass ich nur Augen für ihre perfekten Kurven hatte.
Als ich mich umdrehte, stieß ich einen Mann hinter mir an, woraufhin der größte Teil seines Biers auf meinem Rücken landete. Da ich ziemlich gute Laune hatte, nahm ich seine Entschuldigung an und sah zur Tanzfläche hin, die so voll war, dass niemand sich allzu weit aus der Vertikalen bewegen konnte. Jedes Mal, wenn sich die Köpfe der Pogotänzer senkten, konnte ich einige Zentimeter nackte Haut hinter der Menge erkennen.
»Ich bin mir nicht ganz sicher«, schrie ich laut genug, damit sie mich verstand, aber nicht so laut, dass es Speicheltröpfchen auf sie regnete. »Aber ich glaube, es ist eher eine Empfehlung.«
Sie dachte einen Moment darüber nach. »Und warum?«
Die Antwort auf diese Frage war vermutlich zu lang und zu kompliziert, um sie unter den aktuellen Umständen verständlich zu machen.
Vor hundert Jahren war das Haus, in dem wir gerade standen, das imposante Heim eines reichen Plantagenbesitzers gewesen, der immer noch anwesend war – im weißen Anzug abgelichtet auf einer alten Daguerreotypie, die über der Toilette in einem der Badezimmer hing. In seiner Blütezeit war das Haus mit europäischen Möbeln, südamerikanischem Silber und chinesischer Seide eingerichtet gewesen, was alles von ehemaligen Sklaven gepflegt wurde, denen wohl erst so langsam bewusst wurde, dass Freiheit ein weniger greifbares Konzept war als sie ursprünglich gedacht hatten. Die rauschenden Feste, die gern und häufig veranstaltet wurden, sollten die steif und starr durch die Räume wandelnden Gäste aus den besten Familien der Stadt beeindrucken und die soziale Stellung der Gastgeber heben.
Jetzt war das alles verschwunden und ersetzt worden durch die bereits erwähnte Tonanlage, eine raffinierte Bar, die aus einem alten VW-Bus zusammengeschweißt worden war, fünf Großbildschirme, Konzertscheinwerfer und eine unbestimmte Anzahl schwitzender und gelegentlich auch nackter Leute in den Zwanzigern. Auch den einst so gepflegten Garten hinter dem Haus gab es nicht mehr. Er hatte Platz machen müssen für einen zwanzig Personen fassenden Whirlpool, einen Pool, der aus unerklärlichen Gründen die Form eines Sterns hatte, und einen nicht funktionsfähigen Kran, der in Kürze verhinderte Bungeespringer dazu verleiten würde, sich aus luftiger Höhe auf die Partygäste zu übergeben.
Ich zuckte mit den Achseln, während das Mädchen und ich der Masse auf der Tanzfläche auswichen, die uns gefährlich nahe kam. Ich hatte ihren Namen nicht verstanden, oder vielleicht hatte ich ihn verstanden, aber schon wieder vergessen. »Ich weiß es nicht. Vielleicht aus Tradition?«
Sie legte den Kopf schief, was ihren Nasenring hypnotisch aufblitzen ließ, und überlegte, ob ich mich über sie lustig machte.
Seit fünfzehn Minuten versuchte ich, ihr Alter zu schätzen, aber sie gehörte zu den Frauen, die je nach Gesichtsausdruck einmal älter und dann wieder jünger wirkten. Zurzeit vermutete ich, dass sie ein paar Jahre jünger war als ich. Etwa achtundzwanzig.
»Du wolltest mir doch von deiner Reise erzählen«, brüllte ich, weil ich unser Gespräch unbedingt auf ein anderes Thema bringen wollte. Zurzeit steuerten wir gerade in eine Richtung, die unweigerlich zu Fragen über den berühmtberüchtigten Eigentümer des Hauses führen würde, was ich unter allen Umständen vermeiden wollte.
»Nach meinem Abschluss am MIT bin ich ein bisschen rumgereist. Ich hab mir ein Flugticket gekauft, dahin, wo es gerade billig war, und dann bin ich einfach mit meinem Rad losgezogen. In Europa hab ich angefangen … Bist du schon mal in Prag gewesen?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Wunderschöne Stadt. Außerdem braucht man dort fast kein Geld. Ich bin durch Tschechien geradelt …«
»Ganz allein?«
»Ja. Eigentlich wollte ich mit ein paar Freunden zusammen gehen, aber nach dem Studium haben sie dann alle sofort angefangen zu arbeiten und mich im Stich gelassen. Aber das war eigentlich besser. Ich war sozusagen gezwungen, mich kopfüber in die einheimische Kultur zu stürzen. Die Leute dort waren großartig – sie haben mich eingeladen, haben mich in ihrem Haus übernachten lassen … einmal habe ich sogar in einer Scheune bei den Kühen geschlafen.«
Ich grinste, was vermutlich ziemlich blöd aussah. »Im Ernst? Kühe?«
»Du brauchst gar nicht zu lachen. Wenn du dich den ganzen Tag im Regen auf deinem Rad abgestrampelt hast, bist du so fertig, dass du dich freiwillig neben eine Kuh legst. Kühe geben eine Menge Wärme ab.«
»Ja, das kann ich mir gut vorstellen …«
»Irgendwann bin ich dann in einen Zug gestiegen und nach Skandinavien gefahren. Bist du schon mal in Kopenhagen gewesen?«
Ein Mann in einem Superman-Kostüm kletterte auf einen Billardtisch und sprang in die Menge auf der Tanzfläche. Ich sah zu, wie er von ausgestreckten Händen weitergetragen und dann neben uns auf den Boden geworfen wurde.
»Dänemark? Nein.«
»Schönes Land. Nette Leute.