Willkommen

(Anmelden)

Mein Konto

Merkliste

Hilfe & Kontakt Häufige Servicefragen: Wie lange dauert die Lieferung Was kostet der Versand? Wie kann ich bezahlen? Wie gebe ich meine Ware zurück? Wie löse ich einen Gutschein ein? Weitere Fragen & Antworten im Hilfe-Center Kontaktformular Kundenhotline 0 18 05 / 30 91 80 (0,14 EUR/Min. aus dem Festnetz; max. 0,42 Euro/ Min. aus Mobilfunknetzen).
Sie erreichen uns:
Montags bis Samstags
von 8 bis 20 Uhr.
Haben Sie Fragen? Eva hilft Ihnen

Detail-Suche

Lumen

von Christoph Marzi, Uta Dahnke, Animagic (Buch)

  • ISBN:3-453-81081-3
  • EAN:9783453810815
  • Veröffentlichungsdatum:Mai 2011
  • Gewicht in g:817
  • Reihe:Heyne-Bücher Allgemeine Reihe
  • Seiten:800
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Nach »Lycidas« und »Lilith« findet die märchenhafte Geschichte um Emily und ihre Gefährten in »Lumen« ihren atemberaubenden Höhepunkt - einmal mehr verwebt der Autor die viktorianische Atmosphäre eines Charles Dickens mit dem Zauber von Harry Potter.


Mysteriöse Gestalten huschen durch die Winternacht, Menschen verschwinden vom Angesicht der Erde und fremde Nebel suchen die Stadt der Schornsteine heim. Erneut muss das Waisenmädchen Emily, begleitet von ihrem Mentor, dem mürrischen Alchemisten Wittgenstein, in die geheimnisvolle Welt unterhalb Londons hinabsteigen und der Spur eines dunklen Rätsels folgen. Alle Zeichen deuten nach Prag, der düsteren Stadt mit dem Tor zur Hölle ... Doch bevor Emily ihre Geschichte beenden kann, trifft der gefallene Engel Lycidas eine schicksalhafte Entscheidung, glaubt Emilys Freundin Aurora, Tote zu sehen, und muss Emily selbst einen gefährlichen Weg gehen, um die zu retten, die sie liebt ...



Leseprobe:

GROSSE ERWARTUNGEN


Die Welt ist gierig, und manchmal umschließen Nebel unsere Herzen, bis wir uns nicht einmal mehr daran erinnern können, wann unsere Träume zu sterben begannen. Emily Laing, die ihren Himmel gefunden zu haben glaubte, war achtzehn, als ihre Mutter starb und die Stadt der Schornsteine von fremden Nebeln heimgesucht wurde, die wie eine Krankheit durch die Straßen flossen und in deren trüber Schattenhaftigkeit sich Allerschlimmstes verbarg.
»Werden sie uns töten?«
Die Feuchtigkeit, die allgegenwärtig ist in den Verliesen tief unterhalb der City Thameslink, lässt mich husten. »Fragen Sie nicht«, antworte ich leise und lausche den Schritten, die sich der Zellentür nähern.
Das Mädchen, das mir einst am Fuße der Rolltreppe in der Tottenham Court Road anvertraut worden war, sieht müde und verängstigt aus. Struppiges rotes Haar fällt über das helle Mondsteinauge, in dem sich einst so große Erwartungen gespiegelt hatten. Erwartungen, die am Ende aber doch unerfüllt geblieben waren und dem Auge, das Emily insgeheim noch immer vor der Welt zu verbergen suchte, den einstigen Glanz genommen haben.
Dann flüstere ich dem Mädchen leise zu: »Treten Sie von der Tür zurück.«
»Was haben Sie vor?«
Ich werfe ihr hastig einen nervösen Blick zu.
»War bloß eine Frage«, murmelt sie beleidigt, schweigt dann aber und leistet meiner Anweisung Folge.
Jemand schiebt langsam einen Schlüssel in das Schloss, und ein rostiges Knirschen frisst sich in die Stille, die uns seit Stunden schon umgibt. Die uralten Eisenscharniere setzen sich in Bewegung, und das, was sich dahinter verbirgt, wird gleich sein Gesicht zeigen.
Doch sollte ich meiner Erzählung nicht vorgreifen. Lassen Sie uns die Geschichte dort beginnen, wo sie ihren Anfang genommen hat. Lauschen Sie still meinen Worten und folgen Sie mir nach London, der Stadt der Schornsteine am dunklen Fluss, hinüber zum alten Raritätenladen am Cecil Court, wo die hölzernen, bis hinauf zur Decke reichenden Regale und die dürftige, matte Beleuchtung allzeit den Eindruck erweckten, man befände sich in einer behaglichen Höhle, irgendwo ganz tief unter der Erde. Die labyrinthischen Gänge erfüllte eine wohlige Stille, die nur von den behutsamen Schritten auf den knarzenden Dielen und dem bei stürmischem Wetter gegen das milchige Glasfenster prasselnden Regen durchbrochen wurde. Wenn überhaupt, dann wurde hier nur äußerst leise gesprochen. Niemals hatte es laute Worte im Laden gegeben, bloß jenes dahingehauchte Flüstern, das sich mit dem wispernden Geräusch in Büchern blätternder Finger zu einem Bild voller staubiger Farben vermischte. Kaufte einer der wenigen Kunden, die sich hierher verirrten, etwas - Buch, Foliant oder gar Nippes -, dann spielte die mächtige Registrierkasse eine rostige Melodie.
An diesem Ort fühlte sich Emily Laing zu Hause.
Der alte Raritätenladen und das Haus in Marylebone, in dem sie eine kleine Dachkammer bewohnte, die so unordentlich und unaufgeräumt war wie sie selbst, waren die Orte, an denen sie Ruhe fand und sich sicher und geborgen fühlte, geschützt vor den kalten Winden und Schneestürmen, die draußen in London wüteten, und auch vor den seltsamen Nebeln, von denen immer häufiger berichtet wurde und die an den unterschiedlichsten Stellen in London und der uralten Metropole gesichtet worden waren.
Manchmal sprachen die Kunden über die Nebelerscheinungen, aber keiner wusste etwas Genaues.
»Nebula mala«, so nannten die Tunnelstreicher die Nebel, die, glaubte man den Berichten, schleichend aus dem Nichts auftauchten und ebenso schnell wieder verschwanden.
Wie dem auch sein mochte - an jenem Tag, als Emily von der Neuigkeit erfuhr, die ihr junges Leben erneut verändern sollte, hatte sich kaum Kundschaft in den Laden verirrt, und sie hatte den Nachmittag damit verbringen können, die restlichen Schulaufgaben zu erledigen und in einem Buch über die Geschichte der Grafschaft Kensington zu schmökern. Edward Dickens, der Eigentümer des alten Raritätenladens, war den ganzen Tag abwesend, und so saß Emily nun einfach nur da, beobachtete die Schneeflocken, die sich wie kleine, helle Sterne auf den Fensterscheiben niederließen, und fragte sich, ob sie sich bezüglich der sporadisch auftauchenden Nebel sorgen sollte oder nicht.
Ein wenig verloren sah sie aus in dem dunklen Rollkragenpullover und der schwarzen Jeans, die ihre bevorzugten Kleidungsstücke im Winter waren, weil sie sich mit ihnen, wie sie glaubte, unauffällig durch die Stadt bewegen konnte und kaum Blicke auf sich zog. Die roten Haare trug sie nun länger.
Sie wirkten meist so, als sei sie gerade erst aufgestanden. Und noch immer fiel eine lange Strähne über ihr Mondsteinauge, das gegen ein sorgfältig modelliertes Auge aus Glas zu ersetzen sie sich immer noch beharrlich weigerte.
»Das Mondsteinauge ist ein Teil von mir und wird es immer sein«, pflegte sie trotzig zu bemerken, wenn andere Schüler es wagten, sie darauf anzusprechen. Zudem war es das erste richtige Geschenk in ihrem Leben gewesen.
»Der Mondstein«, hatte ich ihr erklärt, »nimmt die Angst vor der Zukunft. Er besitzt die Kraft der Jugend und schenkt Lebensfreude.«
Ganz zaghaft hatte sie damals das neue Auge berührt. »Es fühlt sich lebendig an, Wittgenstein.«
Ich hatte damals gehofft, dass ihr das Mondsteinauge einige der schlimmen Erinnerungen an Rotherhithe nehmen würde. Daran, dass sie im Alter von sechs Jahren infolge unglücklicher Verquickungen das Licht des linken Auges hatte einbüßen müssen.
Fremden Menschen war Emily meist mit Misstrauen und Argwohn begegnet.
»Ich weiß, dass die Menschen mich nur wegen des Auges anstarren.«
»Eines Tages«, hatte ich ihr versichert, »werden Sie jemandem begegnen, der Sie gerade wegen Ihres Mondsteinauges lieben wird.«
Damals hatte ich nur ein Achselzucken geerntet.
Nicht lange darauf jedoch war meine Schutzbefohlene einem Jungen begegnet, der den Blick gar nicht mehr hatte abwenden können von ihr. Der sie mit seinen dunklen Augen angeschaut und das verunsicherte Herz des jungen Waisenmädchens in eben jenem Augenblick erobert hatte, als sie einander zum ersten Mal über den Weg gelaufen waren.
Zwei Jahre schon lag dieser Augenblick zurück, und noch immer war er mehr Gegenwart als Vergangenheit für Emily. Noch immer waren Adam Stewart und sie ein Paar, und sie lächelte, das sei hier angemerkt, viel öfter, als sie es früher getan hatte.
Und wenn Emily allein im alten Raritätenladen saß, dann hing sie manchmal Tagträumen nach, die so angefüllt waren mit großen Erwartungen, dass sie mühelos den Werken der großen Romantiker das Wasser hätten reichen können. Endeten nicht all die Klassiker und Filme mit einem guten Ende? Doch wann erfuhr man schon, wie das Leben nach diesem Ende weiterging? Was geschah mit den Liebenden, nachdem sie ihren Himmel gefunden hatten? Immer führte dieser Gedanke sie auf Pfade, die zu beschreiten sie noch nicht bereit war. Zu viele Menschen, die einst ihren Himmel gefunden hatten, verloren sich irgendwann im Labyrinth des Lebens und blieben auf ewig Verirrte. Die Pfade, denen diese Gedanken folgten, führten zu Gesichtern, die Emily schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatte.
Das Läuten der Klingel, die über der Tür baumelte, ließ Emily das Grübeln beenden.
»Adam!«
Der Junge, der eingetreten war, schüttelte den Schnee von seiner Jacke und aus den Haaren, stapfte kurz den Matsch von den Schuhen, lächelte und ging zu ihr.
»Emmy!« Er küsste sie sanft auf den Mund und strich ihr das Haar aus dem Gesicht.
»Was ist los?« Emily spürte, dass etwas anders war als sonst, und die unbeschwerte Fröhlichkeit, die er zur Schau trug, schien ihr unecht zu sein. Also reagierte sie misstrauisch, wie es nun einmal ihre Art war.
»Es hat sich etwas ergeben«, offenbarte ihr Adam. Zögerlich zwar, aber die Entschlossenheit in den dunklen Augen war etwas, was Emily zuvor noch nicht in ihnen erblickt hatte. »Etwas, was ich mir schon all die Jahre über gewünscht habe.«
Emily spürte, wie sie instinktiv auf Distanz ging.
Adam stand vor ihr und sah sie ernst an.
»Was ist los?«
Er umarmte sie ganz schnell und hob sie dabei hoch. »Etwas Wunderbares, Emmy.«
Das Mädchen mit dem roten Haar zog ein Gesicht. »Lass mich runter, Adam. Ich mag das nicht.« Und nachdem er ihrem Wunsch entsprochen hatte: »Los, raus mit der Sprache! Was ist das für eine Neuigkeit, die mir zu unterbreiten du nicht erwarten kannst.«
»Ich habe ein Engagement.«
Sie hatte es vage geahnt.
Die ganze Zeit schon.
»Wo?«
»In Paris.«
Emily starrte ihn an.
Stille wurde zwischen ihnen geboren.
So absolut, dass sie schon schmerzte.
Schließlich fragte er: »Und?«
»Und was?«
»Freust du dich nicht?«
Sie wollte nicht glauben, was sie da hörte. »Weshalb, in aller Welt, sollte ich mich freuen?«
»Es wäre mein erstes richtiges Engagement.« Die leuchtenden Augen ließen keinerlei Zweifel daran aufkommen, wie wichtig dies alles für ihn war. »Das Le Chat Noir nimmt mich für die gesamte Winterspielzeit als Solist, und wenn ich Glück habe, dann verlängern sie den Vertrag für einen Sommer. Sie planen eine Revue, etwas über Poe.« Ganz verträumt fügte er hinzu: »Und vielleicht lassen sie mich irgendwann einmal sogar ein eigenes Stück komponieren. Toulouse würde bestimmt gerne die Texte dazu schreiben. Etwas ganz Spektakuläres. Wäre das nicht toll?«
Ein Kunde betrat den Laden und steuerte zielstrebig ein Regal an.
Emily warf Adam einen bösen Blick zu und erkundigte sich bei dem Kunden, der, dem Abzeichen an seiner Jacke nach zu urteilen, zur Leyton-Gilde gehörte, ob sie ihm helfen könne. Der Kunde, der tatsächlich ein fahrender Händler war, verneinte und stöberte durch die Reihen alter Bücher.
Gut so.
Zurück zu Adam.
»Du wirst also ein halbes Jahr in Paris sein. Wenn nicht gar länger.«
Adam sah schuldbewusst aus. »Du kannst mitkommen.«
»Um was zu tun?«
Die Zeit totzuschlagen und darauf zu warten, dass ihr Freund Zeit für sie hatte?
»Du könntest mir helfen.«
»Wobei?«
Auch darauf wusste er nur eine dürftige Antwort. »Du könntest etwas schreiben. War das nicht einmal ein Teil deines Traums gewesen? Eine richtige Geschichte zu schreiben? Oder ...«
»Was?«
»Emmy, wir könnten so viele Dinge tun.«
Der Kunde, der sich dazu entschieden hatte, nichts zu kaufen, verließ den Raritätenladen.
Endlich!
Emily hasste es, Gespräche dieser Art vor den neugierigen Ohren Fremder führen zu müssen, zudem, wenn sie sich noch kurz vor Ladenschluss hierher verirrten. »Sei kein Narr, Adam. Ich spreche kein Französisch, und außerdem mag ich Paris nicht sonderlich. Und das, was wir dort erlebt haben, war auch nicht unbedingt ein Anreiz, die Stadt auch nur einen Deut mehr zu mögen.«
»Du könntest es versuchen.«
»Nein!«
»Emmy, bitte.«
»Nein, verdammt noch mal!«
So ging es weiter.
Ein Wort ergab das andere.
Emily war gleichermaßen traurig und wütend, und ihre Antworten wurden immer schnippischer und verletzender, weil sie mit jedem von Adams Worten selbst ein wenig mehr verletzt wurde.
»Die Musik«, versuchte Adam ihr geduldig zu erklären, »ist mein Leben. Das weißt du doch.« Seine Ruhe und die gönnerhafte Geduld machten Emily in diesem Moment einfach rasend. Wie konnte er nur dermaßen gefasst sein in einem Augenblick, der so entscheidend war für ihrer beider gemeinsames Leben?
»Ich dachte, dass ich dein Leben wäre.«
»Das ist etwas anderes.«
»Ach, ist es das?«
»Es ist nur für kurze Zeit.«
»Ein halbes Jahr ist keine kurze Zeit, Adam. Es ist eine Ewigkeit.« Sie wollte nicht schwach wirken. Niemals! »Aber wenn die Musik dein Leben ist, dann will ich dich natürlich nicht aufhalten.« Sie musste schlucken und spürte, wie es ihr in den Augen brannte. »Geh nach Paris und tu, was du nicht lassen kannst.«
»Im Sommer werde ich wieder bei dir sein.«
Da!
War die Entscheidung also nicht längst gefallen?
»Im Sommer wird die Welt eine andere sein.« Sie war sich nicht einmal sicher, ob er verstanden hatte, was sie meinte. »Herzen hören auf zu schlagen, wenn ihrem Klang niemand mehr zuhört. Hast du auch daran gedacht?«
»So darfst du nicht reden.«
Er war so versöhnlich. Und die Ruhe, die sie sonst so an Adam schätzte, wirkte plötzlich gegenteilig auf sie. Er schien mit einem Mal so berechnend, und sie hatte das Gefühl, mit einem ganz anderen Menschen zu reden als demjenigen, dem sie einst ihr Herz geschenkt hatte.
»Ich rede«, schrie sie ihn an, »wie es mir passt!« Dann nahm sie eines der Bücher, die vor ihr lagen, und warf es mit aller Kraft auf den Boden, und die Stille im Raritätenladen zersplitterte in tausende stummer Aufschreie eines Mädchens, das geglaubt hatte, seinen Platz in der Welt gefunden zu haben.
»Wittgenstein hat Recht, wenn er sagt, dass man die Dinge beim Namen nennen soll. Worte können so viel verschleiern, Adam, das solltest du wissen. Wenn du nach Paris gehst, dann bist du fort. Ganz einfach. Du bist fort. Keine schönen Worte. Ich will jetzt nichts Besänftigendes hören, verstehst du?! Wenn du nach Paris gehst, dann bist du nicht mehr in London. Du bist fort. Auf und davon.« Sie machte eine Pause. »Du bist nicht mehr bei mir, und das ist genau das, was dann ist.«
Adam schwieg nachdenklich, wendete den Blick aber nicht von ihr ab.
»Und schau mich nicht so an!«, herrschte Emily ihn an.
Schweigen.
Lauter, als Emily Stille jemals empfunden hatte.
Dann, nach einer Weile, ergriff Adam ihre Hand. »Du musst das verstehen, Emmy. Wie oft haben wir schon darüber gesprochen.«
Sie seufzte. »Ich weiß, dass die Musik dein Leben ist.« Sie musste daran denken, wie sie den Jungen mit dem zerwuschelten Haar und den warmen dunklen Augen in der Metro kennen gelernt hatte. In Cluny La Sorbonne war sie vor einem Kontrolleur geflüchtet, und Adam Stewart, der dort musiziert hatte, war ihr zu Hilfe geeilt, hatte ihr einen Fahrschein in die Hand gedrückt und dem Kontrolleur das Blaue vom Himmel herunter gelogen, um dem jungen Mädchen den Kopf zu retten. Damals hatte er Stücke von Bob Dylan, Bruce Springsteen und Johnny Cash gespielt und sich genauso gegeben wie die mittlerweile ergrauten Helden von einst. Emily hatte sich auf der Stelle in den Jungen verliebt, der sich ihrer angenommen hatte in der fremden Stadt der Lichter. Und Adam Stewart war ihr bis in die Hölle und wieder zurück gefolgt.
Nach all den traurigen Erlebnissen, die sie die Hölle niemals würden vergessen lassen, waren sie dann nach London zurückgekehrt, und das normale Leben hatte Besitz von ihnen ergriffen. Soweit man von einem normalen Leben sprechen konnte. Emily hatte die Whitehall Schule für höhere Töchter und Söhne verlassen und besuchte nun das Mayfair College in der Duke Street - und Adam Stewart musizierte nach wie vor in den Straßen Londons und den U-Bahnhöfen und den Märkten und Grafschaften, die sich jenseits der Underground erstreckten.
Emily betrachtete die Hand, die ihre hielt.
Spürte den festen Griff.
Dachte an all die schönen Momente, die sie miteinander erlebt hatten während der vergangenen Jahre.
»Wenn ich nicht nach Paris gehe, dann werde ich es irgendwann einmal bereuen.«
Am Ende waren es diese Worte, die eine Entscheidung brachten.
Jedenfalls für Emily.
Noch viel später würde sie sich an diese Worte erinnern.
Ein einziger Satz nur, der ein Königreich zerstörte.
»Wenn ich nicht nach Paris gehe, dann werde ich es irgendwann einmal bereuen.«
Voller Wut zog sie ihre Hand zurück. »Du wirst es bereuen, wenn du nach Paris gehst!« Sie selbst, das war ihr klar, bereute seine Entscheidung schon jetzt und fragte sich, warum sie die Entschlossenheit in seinen Augen nicht schon früher bemerkt hatte. Vermutlich hatte er dem Le Chat Noir bereits zugesagt und einen Vertrag unterzeichnet. Warum also diese Farce? Vom ersten Moment an hatte sie gewusst, dass Adam gehen würde. Hatte geahnt, dass sie nichts daran würde ändern können, und befürchtet, dass sie es dennoch versuchen würde.
»Du wirst also in London bleiben.« Es war Adam, der die Worte in Stein meißelte.
»Ja, das werde ich. Hier bin ich daheim.«
Dann schwiegen sie.
Grabesstill.
»Wirst du mir schreiben?«, fragte Emily schließlich und wusste nicht einmal, ob sie das überhaupt wollte.
»Das werde ich.«
Adam umarmte sie.
Zärtlich.
Drückte sie an sich, ganz fest, ganz fest.
Emily jedoch blieb einfach stehen, wo sie stand, und erwiderte seine Umarmung nur halbherzig. Und bevor Adam ihr etwas zuflüstern konnte, hatte sie die Umarmung bereits wieder gelöst. »Sag jetzt nichts«, bat sie ihn, und als er ihr einen Kuss auf die Wange geben wollte, da drehte sie ihr Gesicht weg und begann die Bücherkiste, die neben der Kasse stand, zu leeren. »Ich habe zu tun.« Überaus konzentriert sortierte sie die kürzlich erst gelieferten Bücher zu Stapeln. »Geh einfach.« Die Worte schnürten ihr die Kehle zu. »Verschwinde!« Und ohne ihn anzusehen, flüsterte sie: »Pass auf dich auf.« Für einen Moment nur hob sie den Blick und sah ihm hinterher, wie er sich anschickte, den Raritätenladen zu verlassen.
An der Tür drehte Adam sich noch einmal zu ihr um, und Emily dachte, dass er sich kaum verändert hatte seit ihrer ersten Begegnung. Nur die Entschlossenheit in seinen Augen war etwas, was sie vorher noch nie dort erblickt hatte.
Trotzdem.
Er sah nicht glücklich aus.
Nicht an diesem Tag.
Einfach nur zerwuschelt und traurig und irgendwie verloren.
»Adam?«
»Ja?«
»Versprich mir, dass du auf dich aufpasst.«
»Das werde ich.«
Emily wollte noch etwas sagen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken.
Adam drehte sich um.
Die Tür fiel ins Schloss.
Und er war fort.
Es vergingen Augenblicke, bis Emily langsam zur Tür ging, den Riegel vorschob und den alten Raritätenladen für diesen Tag schloss.

Autorenportrait:

Christoph Marzi, Jahrgang 1970, wuchs in Obermending nahe der Eifel auf, studierte in Mainz und lebt heute mit seiner Familie im Saarland. Mit dem sensationellen Erfolg seiner Trilogie um die Uralte Metropole ("Lycidas", "Lilith" und "Lumen") hat er sich

14,00* EUR