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Dass ich nicht lache, Libby«, sagte Sarah Drake zu ihrer jüngeren Schwester. »Du kannst überhaupt nicht gemein sein. Selbst wenn du dich noch so sehr anstrengen würdest, könntest du kein böses Mädchen sein.«
Libby sah Sarah finster an und blickte dann verdrossen in den Kreis von Gesichtern, die sie umgaben. »Ich bin nicht das tugendhafte Mädchen, für das ihr mich alle haltet.«
»Ach, wirklich?« Joley Drake, die sich auf dem Fußboden räkelte, zog eine Augenbraue hoch. »Nenne mir eine einzige Person auf Erden, die du auf den Mars wünschen würdest. Jemanden, den du aus tiefster Seele verabscheust.«
Gelächter schallte durchs Wohnzimmer. »Das ist ganz ausgeschlossen.« Hannah beugte sich zu Libby vor, um ihr einen Kuss auf die Schläfe zu drücken. »Wir haben dich alle schrecklich lieb, Schätzchen, aber die Anlagen zum bösen Mädchen hast du einfach nicht. Ganz im Gegensatz zu mir - oder Joley.« Sie sah ihre jüngste Schwester an. »Oder Elle.«
Das Gelächter nahm zu, und Elle zuckte die Achseln. »Das muss wohl an meinen roten Haaren liegen. Ich übernehme keine Verantwortung für meine ... äh ... interessante Persönlichkeit.«
»Es macht viel mehr Spaß, böse zu sein«, sagte Joley ohne eine Spur von Bußfertigkeit. »Niemand erwartet von einem, dass man das Richtige tut, und man handelt sich auch nie wirklich Ärger ein. Mom und Dad haben niemals von mir erwartet, dass ich höflich und zuvorkommend bin, als wir noch Kinder waren. Sie haben mir nur ständig damit in den Ohren gelegen, dass ich aufpassen soll, was ich sage.« Sie griff nach einem Plätzchen und setzte sich auf, um ihren Tee zu trinken. »Ich habe immer wieder versucht, ihnen zu erklären, dass ich bereits Selbstzensur übe und dass ich, wenn mir fünf Dinge gleichzeitig durch den Kopf schießen, jeweils das herauspicke, was am wenigsten ungehörig ist, aber auch das hat sie nicht gerade begeistert.«
Elle grinste Joley über den Rand ihrer Teetasse an. »Sie haben sich mit der Zeit daran gewöhnt, in die Sprechstunde des Direktors bestellt zu werden. Ich war echt froh, dass ich nach euch gekommen bin. Ihr habt mir den Weg geebnet. Ich habe mich ständig wegen Gott weiß was mit den Lehrern angelegt, und die Schulpsychologin hat gesagt, ich hätte Probleme mit Autoritätspersonen.«
»Mich konnten sie nie wirklich bei etwas erwischen«, sagte Hannah, während sie mit einem Ausdruck von Zufriedenheit auf ihre Fingernägel hauchte und sie frisch lackierte. »Ein oder zwei von den Lehrern hatten den Verdacht, ich hätte etwas damit zu tun, dass Scharen von Fröschen aus den Pulten von Mädchen gesprungen sind, die nicht nett zu mir waren, aber keiner konnte es mir tatsächlich nachweisen.«
Libby seufzte. »So möchte ich auch sein. Ich finde es abscheulich, immer nur das brave Mädchen zu sein.«
»Aber das bist du nun mal«, hob Kate hervor und tätschelte Libbys Knie. »Du kannst nichts dafür. Schon in jungen Jahren wolltest du anderen immer helfen. Du konntest dir keine Schwierigkeiten einhandeln, weil du alle Hände voll damit zu tun hattest, die Welt zu retten. Dagegen kann man doch nichts sagen.«
»Und du denkst auch nicht schlecht über andere, Libby«, fügte Abigail hinzu. »Das liegt dir einfach nicht.«
»Du bist verantwortungsbewusst«, sagte Sarah. »Das hat doch etwas für sich.«
Libby, die im Schneidersitz auf dem Boden saß, schlug sich die Hände vors Gesicht und stöhnte laut, als sie sich umkippen ließ und mit dem Kopf auf Hannahs Schoß landete. »Nein, eben nicht. Es ist langweilig. Ich bin schlicht und ergreifend langweilig. Ich möchte schlecht bis ins Mark sein. Wild. Unberechenbar. Alles andere als die gute alte zuverlässige Libby.«
»Ich färbe dir die Haare, Lib«, erbot sich Joley. »Die Spitzen in einem knalligen Pink und viele rosa und lila Strähnchen.«
Libby lugte um ihre Finger herum. »Ich kann unmöglich mit rosa und lila Strähnchen und Haarspitzen in einem knalligen Pink rumlaufen und erwarten, dass ich ernst genommen werde, wenn ich im Krankenhaus zur Arbeit erscheine. Könnt ihr euch die Reaktion meiner Patienten vorstellen?«
Joley sah sie finster an. »Das ist es ja gerade, Lib. Schlag die Vorsicht und den gesunden Menschenverstand in den Wind. Wenn du dir die Haare färbst, macht dich das noch lange nicht zu einer schlechteren Ärztin. Du bist so hoch angesehen, wie es sich ein Arzt nur wünschen kann.«
Libby ließ die Hände von ihrem Gesicht sinken und griff nach einem Plätzchen. Sie brauchte dringend Trost. »Ich bin für eine Gruppe Ärzte ohne Grenzen eingeteilt. Ich kann nicht mit knallrosa gefärbten Haaren nach Afrika gehen.«
»Klar kannst du das. Die Kinder werden begeistert sein«, beharrte Joley.
»Bei dir ist das etwas anderes, Joley. Du bist Musikerin. Von dir erwarten die Leute, dass du wild und verrückt bist. Ich kann nicht so rumlaufen, wie es mir gerade einfällt.«
»Und warum nicht?« Der Teller mit den Plätzchen war leer, und Joley wedelte mit der Hand. Wie auf ein Stichwort erhob sich der Teller in die Luft und segelte in Richtung Küche. Von dort kam der Duft nach frisch gebackenen Plätzchen ins Wohnzimmer geweht.
»Joley spielt sich auf«, sagte Elle. »Sie hat ewig gebraucht, um das zu lernen.«
Joley versetzte Elle einen Klaps mit einer zusammengerollten Zeitung. »Stimmt doch gar nicht. Das konnte ich schon, bevor du überhaupt geboren wurdest. Schweif nicht ab, du gemeines Miststück, wir versuchen gerade, Libby beizubringen, wie man ein böses Mädchen ist.«
»Von wegen gemeines Miststück! Das trifft doch wohl eher auf dich zu«, brachte Elle zu ihrer Verteidigung vor. »Heute Morgen habe ich versucht, dich zu wecken, und du hast unflätige Geräusche von dir gegeben und mir angedroht, mich von einem Turm in ein Meer voller Haie zu werfen.«
Joley versetzte Libby einen Rippenstoß. »Siehst du, Schätzchen? So benimmt sich ein ungezogenes Mädchen. Bin ich etwa aufgestanden und habe mir den Staubsauger geschnappt, wie Ihre Majestät es wollte? Nein, ich habe mich gründlich ausgeschlafen, und sie hat mir die Arbeit abgenommen.«
»Das glaubst auch nur du«, schnaubte Elle. »Als ob ich so was täte. Libby hat dir die Arbeit abgenommen, damit du den Schlaf nachholen konntest, den du gar nicht bräuchtest, wenn du nicht die ganze Nacht auf den Beinen wärest.«
Ein kollektives Stöhnen stieg aus allen Kehlen auf. »Sag, dass das nicht wahr ist, Libby.« Joley bemühte sich, enttäuscht zu wirken, doch sie erstickte fast an ihrem eigenen Gelächter.
Libby zog den Kopf ein, und das schwarze Haar fiel ihr in einer Wolke ums Gesicht und um die Schultern. »Ich dachte mir, du brauchst bestimmt noch ein paar Stunden Schlaf. Das war doch nicht der Rede wert.«
Sarah umarmte Libby. »Du bist einfach unglaublich, und es ist dir noch nicht einmal bewusst.«
»Nein, das bin ich eben nicht«, beharrte Libby. »Ich möchte gemein sein. Aber die Haare will ich mir trotzdem nicht färben. Tut mir Leid, Joley. Ich weiß, dass du es lieb gemeint hast, aber pink ist nichts für mein Haar.«
Joley lächelte sie an. »Du versuchst schon wieder, meine Gefühle nicht zu verletzen. Wir brauchen einen Lehrgang für ungezogene Mädchen. Das wäre dann das einzige Mal in deinem Leben, wo du keine Eins bekommst.«
Libby reckte ihr Kinn in die Luft und funkelte ihre jüngere Schwester finster an. »Und ob ich eine Eins im Kurs für ungezogene Mädchen bekommen könnte! Ich bekomme immer nur Einser.«
Joley zuckte die Achseln. »Ich habe mein Bestes getan, um keine guten Noten zu bekommen. Wenn man damit nämlich erst mal anfängt, wollen die Eltern gleich, dass es so weitergeht. Dann hat man den Salat.«
Hannah stieß Joley mit ihrem Fuß an. »Eine gute Philosophie. Ich wünschte, darauf wäre ich von selbst gekommen.« Sie wedelte in Richtung Küche. »Und du bleibst nie bei der Sache. Ohne Plätzchen werden wir alle noch zugrunde gehen.«
»Hast du die Plätzchen mit dieser köstlichen cremigen Füllung gemacht, Hannah?«, fragte Kate. »Die mag ich ganz besonders gern.«
»Für dich, ja.« Hannah lächelte Kate an, doch dann bedachte sie Sarah mit einem harten Blick. »Aber nicht für dich. Du hast dich gestern Abend auf Jonas Harringtons Seite geschlagen, als es um diesen Film ging. Du kriegst nur Plätzchen ohne Füllung.«
»Also, wirklich, Hannah«, protestierte Sarah. »Du kannst mich doch nicht dafür bestrafen, nur weil mir ein Film gefallen hat, der dir nicht gefällt.«
»Ich bestrafe dich nicht, weil dir der Film gefallen hat, du treuloses Weibsstück, sondern weil du es in Gegenwart dieses Höhlenmenschen zugegeben und sein Ego aufgebläht hast.«
»Ich bin ganz sicher, dass Sarah sich nicht auf die Seite von Jonas schlagen wollte«, mischte Libby sich ein.
Wieder brach Gelächter los. »Du bist ein hoffnungsloser Fall, Lib«, sagte Hannah. »Ich zeige dir, wie man richtig schön gemein ist, und du begreifst noch nicht einmal den Grundgedanken.«
Ein Windstoß fegte durch das Haus, als die Wohnzimmertür aufgerissen wurde und einen großen Mann mit breiten Schultern einließ. Jonas Harrington, der Sheriff des Bezirks, knallte die Tür hinter sich zu und trat ein, als gehörte ihm das Haus.
Hannah stöhnte. »Wenn man vom Teufel spricht. Ich schwöre es euch, man braucht seinen Namen bloß zu flüstern, um ihn herbeizurufen wie einen Dämon aus der Hölle.«
Joley versetzte Libby einen Rippenstoß. »Siehst du, das nenne ich Selbstzensur. Sie hat viel Schlimmeres über ihn gedacht, stimmt's, Hannah?«
Hannah nickte. »Das kann ich dir versichern.« Sie spürte, wie sich das Kräftegleichgewicht im Raum augenblicklich verschob und ein subtiler Energiefluss in ihre Richtung gelenkt wurde. Ihre Schwestern standen ihr automatisch bei, um ihr das Sprechen zu erleichtern oder sie vor einer ihrer Panikattacken zu bewahren, die sie schlicht und einfach deshalb bekam, weil jemand bei ihnen war, der nicht zur Familie gehörte.
»Zuckerpüppchen«, sagte Jonas zur Begrüßung zu Hannah, um sie bewusst mit einem ihrer verhassten Spitznamen zu provozieren. »Es ist ganz ausgeschlossen, dass du Libby Gemeinheit beibringen kannst. Im Gegensatz zu dir, ist sie die Güte in Person.« Er nahm eine Hand voll Plätzchen, als der Teller an ihm vorbeischwebte, und warf mit einer geübten Bewegung seine Jacke auf das Sofa.
»Warum beißen ihn deine widerwärtigen Wachhunde eigentlich nicht?«, fragte Hannah Sarah. »Das nächste Mal, wenn einer von ihnen Futter will, werde ich sie daran erinnern, dass sie bei ihrer wichtigsten Aufgabe versagt haben.«
Sarah zuckte die Achseln. »Sie mögen Jonas.«
»Sie haben eben Geschmack«, sagte Jonas mit einem hämischen Lächeln. Er setzte sich auf den Fußboden und zwängte sich zwischen Hannah und Elle. »Rück rüber, Sahnestückchen.« Er stieß mit seinem Bein fest gegen Hannahs Oberschenkel. »Heute Abend bin ich beim Familienrat dabei.«
Hannah machte den Mund auf, schloss ihn jedoch sofort wieder und musterte die grimmigen Furchen, die sich um seine Mundwinkel herum eingekerbt hatten. Sie nahm auch wahr, dass sein Lächeln nicht ganz bis zu seinen Augen reichte. Sie wusste ebenso gut wie ihre Schwestern, dass Jonas, wenn bei seiner Arbeit etwas schrecklich schief ging, Trost bei den Menschen suchte, die er als seine einzige Familie ansah. Hannah schwenkte anmutig ihre Hand, beschrieb ein kompliziertes Muster in der Luft und augenblicklich pfiff der Wasserkessel.
»Libby möchte ein böses Mädchen sein«, teilte Sarah Jonas mit.
Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. Ein bedächtiges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Libby, Schätzchen, es ist ganz ausgeschlossen, dass es dem Rest deiner Schwestern gelingt, dich zu verderben. So reizend, wie du bist, kann daraus nichts werden.«
Libby sah ihn finster an. »Ich bin nicht reizend. Hör bloß auf. Du könntest mir wenigstens ein bisschen helfen, Jonas. Ich bin durchaus fähig, genauso gemein zu sein wie der Rest meiner Familie.«
»Hört, hört«, sagte Elle. »Das hast du schön gesagt, Schwester. Ein wahrhaft löblicher Vorsatz.«
Joley nickte zustimmend. »Es ist zwar nicht wahr, aber der Vorsatz ist löblich«, schloss sie sich der Jüngsten an.
Hannah hob ihre Hand, und ein Becher mit dampfendem Tee schwebte aus der Küche auf den Kreis der Schwestern zu. Sie griff ihn vorsichtig aus der Luft, pustete hinein, bis sich die sprudelnden Blasen beruhigten, und reichte ihn Jonas.
»Warum willst du eigentlich ein böses Mädchen sein?«, fragte Jonas.
»Mein Leben ist so langweilig. So schrecklich langweilig«, klagte Libby. »Ich möchte Spaß haben. Ich habe keine Lust mehr, immer die Verantwortungsbewusste zu sein.«
»Dann steigst du also bei Ärzte ohne Grenzen aus und lässt Rettet die Wale und die Projekte zur Unterstützung von Großkatzen sausen?«, fragte Jonas. Er schnalzte mit den Fingern. »Und du musst natürlich auch aufhören, den Müll zu trennen. Die Aktivitäten zum Umweltschutz, an denen du dich jedes Jahr beteiligst, solltest du auch bleiben lassen.«
»Warte«, fügte Joley hinzu. »Die Rettung des Regenwaldes kannst du dir auch gleich abschminken. Dann solltest du jede Menge Zeit haben, um ein böses Mädchen zu werden.«
Libby trat ihre Schwester mit auffallender Behutsamkeit. »Das ist gar nicht nett von dir und von dir, Jonas, auch nicht. Ihr macht euch über mich lustig.«
»Nein, überhaupt nicht«, stritt Joley augenblicklich ab. »Ich mag dich genau so, wie du bist. Du musst dich lediglich damit abfinden, dass du keinen Funken Gemeinheit im Leib hast. Deshalb fällt dir auch niemand ein, den du gern in eine Rakete stecken und zum Mars schicken würdest.«
»Jonas, zum Beispiel«, sagte Hannah. »Weil er so herrisch ist.«
»Hannah«, konterte Jonas, »weil sie immer im Mittelpunkt stehen will und sich deshalb für jeden Knülch auszieht, der ihren Körper sehen will.«
»Ich bin Model, du Giftzwerg«, sagte Hannah. »Ich stelle meinen Körper nicht zur Schau, ich führe Kleider vor.«
»Und das machst du ganz ausgezeichnet«, sagte Kate und warf ihr eine Kusshand zu. »Ich bin auch dafür, Jonas auf den Mars zu schicken, weil er gemein zu Hannah ist.«
»Ich finde es ungerecht, dass ihr euch gegen mich verbündet«, protestierte Jonas. »Sie hat mit den Gemeinheiten angefangen.«
»Und du hast mitgemacht«, hob Kate hervor.
»Jackson Deveau.« Elle nannte einen der Deputies des Sheriffs. »Weil er mich immer ärgert.«
»Ilja Prakenskij«, fügte Joley im nächsten Moment hinzu. »Weil er dringend von diesem Planeten entfernt werden sollte und weil er mir absolut nicht geheuer ist.« Sie rieb ihre Handfläche, als juckte sie immer noch.
»Frank Warner, weil er Inez das Herz gebrochen hat«, sagte Sarah.
»Sylvia Fredrickson kann ich eigentlich nicht anführen, weil sie sich neuerdings von einer ganz anderen Seite zeigt«, sagte Abigail. »Also werde ich mich in dem Punkt wohl Joley anschließen müssen.«
Alle sahen Libby an. Sie seufzte, als sie die Blicke ihrer Schwestern auf sich fühlte. »Nicht Jonas. Er ist zwar herrisch, aber in Wirklichkeit liegen ihm unsere Interessen am Herzen.«
Hannah verdrehte die Augen, als Jonas ihr einen Rippenstoß versetzte.
»Jackson schon mal ganz bestimmt nicht. Ehrlich wahr, Elle, wie kann er jemanden ärgern, wenn er doch nie etwas sagt, der arme Kerl. Ilja Prakenskij hat uns geholfen, Joley, und Frank sitzt im Gefängnis und büßt für seine Verbrechen. Inez ist unglücklich darüber, das schon, aber sie ist eine starke Frau, die versteht, dass Menschen Fehler machen.«
»Wen würdest du denn auf den Mars schicken?«, hakte Joley nach.
»Ich bin noch am Überlegen.« Libby trank mit gerunzelter Stirn einen Schluck von ihrem Tee. »Es gab mal eine Krankenschwester, die sich immer über mich lustig gemacht hat. Sie hat behauptet, ich sei flachbrüstig und nicht im Geringsten attraktiv.«
Hannah bog ihren Rücken durch. »Wer war das? Die bekommt etwas von mir zu hören.«
Plötzlich war eine Spannung im Wohnzimmer zu spüren, und der Tee brodelte in den Tassen.
Libby schüttelte den Kopf. »Nein, bloß nicht. Das arme Ding hat es ohnehin schon so schwer gehabt im Leben. Sie hat so viele Probleme. Es ist wirklich kein Wunder, dass sie nicht besonders nett zu ihren Mitmenschen ist. Sie hat mir Leid getan.«
Die Drake-Schwestern pusteten in ihren Tee, bevor sie Blicke miteinander austauschten, aber Libby konzentrierte sich so sehr, dass sie die Stirn in Falten zog. »Mir wird schon noch jemand einfallen.«
»Finde dich damit ab, Lib. Dir fällt einfach niemand ein.«
Libby zog den Kopf ein. »Oh, doch, jetzt weiß ich jemanden. Er ist eine Zeit lang mit mir zur Schule gegangen und hat an allen Programmen für überdurchschnittlich begabte Schüler teilgenommen. Er war sogar gleichzeitig mit mir in Harvard.« Sie blickte zu ihren Schwestern auf. »Er hat bessere Noten bekommen als ich.«
Jonas grinste sie an. »Ich wette, das hat dich wirklich auf die Palme gebracht.«
»Es war nicht nur das, Jonas. Er glaubt nicht an Magie. Er ist der Meinung, dass wir lügen, was unsere Gaben angeht. Er hält meine Angehörigen für Hochstapler und Scharlatane. Er ist sehr arrogant und überheblich.«
»Dann setzen wir seinen Namen auf die Liste derer, die wir mit einer Rakete auf den Mars schießen«, sagte Elle ermutigend.
Libby seufzte. »Es ist nur so, dass er unglaublich intelligent ist. Die Welt braucht ihn wirklich. Für seine medizinischen Forschungen hat er bereits den Nobelpreis bekommen. Er ist sehr begabt. Aber seine Beweggründe sind nie die richtigen.«
»Er ist auf Ruhm versessen?«, fragte Kate.
»Nein, um Berühmtheit geht es ihm eigentlich gar nicht. Er ist der reinste Laborfreak. Ihn interessiert nichts anderes als seine Wissenschaft. Nun ja, die Wissenschaft und das Adrenalin.«
»Du sprichst von Tyson Derrick«, vermutete Jonas. »Er ist verrückt. Wenn er sich gerade mal nicht im Labor einschließt, dann arbeitet er für das Forstamt. Er ist ein absoluter Adrenalinjunkie. Skydiving, Autorennen, Motorräder, Wildwasserrafting - was auch immer angeboten wird, er ist sofort dabei.«
»Er hat kein Recht, sein geniales Gehirn zu gefährden«, sagte Libby.
»Du hast ihn nicht in die Rakete gesteckt«, hob Joley hervor.
Libby errötete. Erst wurde sie scharlachrot, dann purpurrot. Das war eine Schwäche, mit der sie leben musste. Das und ihre Flachbrüstigkeit.
»Oho«, sagte Joley. »Ich glaube, dein Tyson Derrick ist ein scharfer Typ. Das stimmt doch, oder, Jonas?«
»Woher zum Teufel soll ich das denn wissen?«, sagte Jonas. »Ich sehe diesen Kerl nur an, wenn ich ihn wegen Geschwindigkeitsübertretung anhalte und ihm einen Strafzettel gebe.«
»Er hält sich nicht ans Tempolimit?«, fragte Libby, die sich einbildete, sie könnte sich unauffällig Luft zufächeln.
»Weder auf seinem Motorrad noch in seinem Wagen. Der Mann kennt nicht einmal die Bedeutung der Worte ›das Tempo drosseln‹.«
»Er sieht gut aus, das ist schon wahr«, gab Sarah zu, »aber er ist nicht auszuhalten. Dieser Mann kennt keine normalen Umgangsformen. Ich habe einmal erlebt, wie er mitten im Gespräch aufgestanden ist, als er gemeinsam mit seinem Cousin eine Verabredung mit zwei Frauen hatte. Er ist ohne ein Wort der Erklärung fortgegangen und hat Sam mit zwei sehr aufgebrachten Frauen sitzen lassen. So etwas ist ihm ganz egal.«
»Wenn er den Mund hielte, wäre er ein scharfer Typ«, meinte Libby. Sie dachte gar nicht daran, noch mehr von sich preiszugeben. Denn immer dann, wenn Tyson Derrick in der Nähe war, spielte ihre Libido verrückt. Dagegen war nichts zu machen. Daher kam es auch überhaupt nicht in Frage, dass sie ihn mit einer Rakete auf den Mars schießen würde. Jedenfalls nicht, bevor sie Gelegenheit gehabt hatte, mit ihm zu schlafen.
Dazu würde es jedoch niemals kommen, weil er ein widerlicher Kerl und viel zu sehr von sich selbst eingenommen war. Nie im Leben würde sie jemandem gestehen, dass sie von ihm träumte. Es war beschämend, dass sie sich zu einem Mann hingezogen fühlte, der sie so miserabel behandelte. Er war das absolute Gegenteil von allem, wofür sie eintrat und was sie zu schätzen wusste.
»Was ist heute Abend vorgefallen, Jonas?« Elle wechselte abrupt das Thema. »Was hat dich derart aus der Fassung gebracht?«
Das Lächeln auf dem Gesicht des Sheriffs verblasste. »Ihr wollt doch sicher nicht, dass ich über meine Arbeit rede.«
»Es gibt keinen besseren Ort dafür.«
Er seufzte und trank einen Schluck von dem Tee, der ihn immer zu beschwichtigen schien. Aber vielleicht waren es auch die sieben Schwestern, die diese Wirkung auf ihn hatten. »Wir sind heute Abend einem Anruf nachgegangen. Eine Frau hat gemeldet, sie hätte in der Nachbarschaft Schreie gehört. Ein Mann von vierzig Jahren sorgt für seine Mutter, die offenbar sehr krank ist. Er löst die Schecks ein, die sie erhält, aber er hat sie hungern lassen und wir können mit Sicherheit sagen, dass er sie geschlagen hat, wenn sie ihm zur Last gefallen ist. Er hat sich ein Heimkino der Spitzenklasse eingerichtet und seine Mutter im Hinterzimmer untergebracht, mit schmutzigem Bettzeug und ohne Essen oder Wasser. Ich hätte ihn am liebsten ...« Er ließ seinen Satz abreißen und sah sich im Zimmer um. »Tut mir Leid. Ich weiß, dass ihr alle fühlen könnt, was ich empfinde, und deshalb versuche ich, es für mich zu behalten, aber ...« Er deutete ein Achselzucken an.
Hannah und Elle legten ihm jeweils eine Hand aufs Knie. Libby beugte sich vor und folgte ihrem Beispiel. Sarah und Kate berührten seine Schultern, während Abigail und Joley ihre Finger um seine Arme schlangen. Augenblicklich spürte er eine Flut von Wärme und das Gefühl von Zugehörigkeit.
»Ihr braucht das nicht zu tun«, wehrte er ab. »Ich bin nicht hergekommen, damit ihr meinetwegen eure Energien verausgabt. Ich wollte nur einfach bei euch sein. Ich hatte gehofft, eure Eltern und Tante Carol wären wieder da.«
»Nein, sie haben beschlossen, sich ein paar Tage Zeit für eine Rundreise durch die Weinbaugebiete zu nehmen. Im Napa Valley ist es um diese Jahreszeit so wunderschön, und sie dachten sich, das nutzen sie aus, um sich dort einiges anzusehen«, erklärte Kate.
»Wahrscheinlicher ist, dass sie ein paar Tage Erholung von uns brauchten«, sagte Joley. »Tante Carol hat Zeitschriften mitgebracht, du weißt schon, die mit den neuesten Sensationsmeldungen über Joley Drake, die wilde Sängerin. Ich glaube, diese Woche bin ich angeblich in einer Entzugsklinik.«
»Das war letzte Woche«, verbesserte Elle ihre Schwester. »Diese Woche bist du verhaftet worden, weil du ein Hotelzimmer zertrümmert hast.«
»Ach, wirklich?« Joley wirkte erfreut.
»Ich möchte auch ein Hotelzimmer zertrümmern«, sagte Libby. »Nein. Vielleicht doch nicht. Eigentlich liegt es mir nicht, anderer Leute Eigentum zu zerstören.«
»Bin ich immer noch im Gefängnis?«, fragte Joley hoffnungsvoll.
»Nein. Dein neuester Liebhaber hat dich gegen Kaution rausgeholt. Nur für den Fall, dass du dich nicht an ihn erinnerst - er hat längere Haare als du und einen schmuddeligen Bart, und er spielt bei einer Heavy Metal Band.«
»Ich bin ihm nicht persönlich begegnet«, sagte Joley, »aber wir waren etwa fünf Minuten lang im selben Hotel. Er muss scharf rangehen und das Vorspiel weglassen.«
»Die Zeitschriften haben es in der letzten Zeit wirklich auf dich abgesehen, Joley«, sagte Sarah.
Joley seufzte. »Ich weiß. Hoffentlich legt sich das bald.«
»Ich habe nie verstanden, warum du diese Schreiberlinge nicht verklagst, wenn sie so viele Lügen über dich verbreiten«, sagte Jonas. »Mich ärgert das.«
»Anfangs war ich wütend und verletzt und besorgt darüber, dass meine Familie diese hässlichen Lügen über mich lesen muss und vielleicht sogar interviewt wird und Fragen über mich beantworten soll. Aber inzwischen habe ich gelernt, damit zu leben. Es laufen so viele Verrückte durch die Gegend, Jonas, aber das weißt du vermutlich längst.«
»Bedauerlicherweise. Ich habe mit Douglas über die Sicherheitsvorkehrungen bei deinem letzten Konzert geredet«, fügte Jonas hinzu. »Sie haben zugelassen, dass jemand die Bühne gestürmt hat. Ich konnte es einfach nicht fassen. Wenn das einer von denen gewesen wäre, die es darauf abgesehen haben, dir etwas anzutun, dann wäre nichts mehr zu machen gewesen.« Seine Stimme klang jetzt wieder grimmig.
»Das war doch nur ein übereifriger Fan, Jonas«, beschwichtigte ihn Joley. »Die Sicherheitskräfte haben ihn von der Bühne geschleift und mir ist nichts passiert.« Der Vorfall hatte sie erschüttert, aber sie hatte nicht die Absicht, es ausgerechnet Jonas gegenüber zuzugeben. Vor dreißigtausend Menschen zu singen, fiel ihr leicht, aber mit Stalkern und durchgeknallten Fans und den Paparazzi fertig zu werden, war nervenaufreibend.
»Das war aber noch nicht alles, was in der Zeitschrift stand.« Elle zögerte und biss sich auf die Unterlippe. Sie sah Libby an. »Erinnerst du dich noch an den Zwischenfall vor ein paar Monaten, als du dieses Kind geheilt hast und die Eltern ihre unglaubliche Geschichte einem Reporter erzählt haben?«
Libby nickte. Die Zeitschrift hatte ein ganzseitiges Bild von ihr veröffentlicht. Zum Glück war der Artikel so theatralisch abgefasst gewesen, dass man davon ausgehen konnte, die meisten Leute würden ihn als blanken Unsinn abtun.
»Ein anderer Reporter hat die Eltern interviewt und nicht so leicht lockergelassen. Er hat ein bisschen recherchiert und weitere Patienten von dir ausfindig gemacht, die bereit waren, ein Loblied auf dich zu singen. Eine dieser Patientinnen war Irene Madison.«
»Ausgeschlossen«, sagte Sarah. »Irene würde Libby niemals hintergehen.«
»Sie war sehr aufgebracht, als wir das letzte Mal nach ihrem Sohn gesehen haben, Sarah«, hob Hannah hervor. »Sie hat darauf bestanden, dass Libby Drews Leukämie heilt. Libby hat sein Leben verlängert, aber Irene will, dass er geheilt wird.«
»Die Zeitschrift hat sie dafür bezahlt«, sagte Elle.
»Woher weißt du das?«, fragte Jonas.
Elle sah ihn einfach nur an.
Jonas hob die Hände als Zeichen seiner Kapitulation. »Tut mir Leid, dass ich überhaupt gefragt habe.«
Libby rieb ihre Schläfen, die plötzlich pochten. »Ich hätte es wissen müssen. Heute hat mich jemand während meiner Arbeit im Krankenhaus aufgesucht. Er trug einen gut geschnittenen Anzug, war eindeutig nicht von hier und wollte ein Treffen mit seinem Boss arrangieren.«
Jonas rückte näher zu ihr. Jede Spur von einem Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. »Wer war das?«
»Das ist es ja gerade. Der Name von seinem Boss war mir bekannt. Edward Martinelli. Er hat sich einen großen Namen in der Pharmaindustrie gemacht. Über ihn und die Leute, die seine Firma unterstützen, sind ständig wüste Gerüchte im Umlauf. Ich habe seinem Abgesandten gesagt, ich sei zu beschäftigt. Der Mann hat mir nicht gedroht, aber ich habe mich bedroht gefühlt. Er hat meine Familie erwähnt, insbesondere Hannah, und wie schön und wie bekannt sie ist.«
»Verdammt noch mal, Libby, wieso hast du mir nicht längst etwas von diesem netten kleinen Plausch erzählt?«, fauchte Jonas sie an. »Du hättest mir augenblicklich Bescheid geben sollen.«
»Ich habe den Sicherheitskräften des Krankenhauses diesen Vorfall gemeldet - und meine Schwestern informiert«, sagte Libby. »Er hat mir schließlich nicht gedroht - und Hannah auch nicht. Was hätte ich der Polizei denn sagen sollen?«
»Nicht der Polizei - mir«, verbesserte Jonas sie. »Mir sollst du es sagen.«
»Solche Dinge passieren doch ständig«, verteidigte sich Libby. »Die Käseblätter bringen liebend gern Artikel über ›Gesundbeter‹ oder ›Wunderheiler‹, wenn sie gerade nichts Besseres zu berichten haben.« Sie fuhr sich mit einer Hand durch das dunkle Haar, das ihr wie eine Wolke ums Gesicht fiel. »Ich hatte nur gehofft, es würde so schnell nicht wieder passieren.«
»Martinelli stammt aus einer Sippe von Verbrechern, die in Chicago sitzt. Er ist jetzt schon seit ein paar Jahren in San Francisco, und seine Firma ist angeblich blitzsauber, aber gegen seine Familie ist schon zahlreiche Male ermittelt worden.«
»Vielleicht führt er seine Firma tatsächlich korrekt«, sagte Libby. »Wenn ihm niemand etwas anhängen konnte, dann ist er eventuell ein einwandfreier Geschäftsmann, der einfach nur das Pech hat, aus einer nicht ganz sauberen Familie zu stammen. Wir alle haben Leichen im Keller.«
»Warum sollte er dann jemanden zu dir schicken, der Hannah bedroht, wenn du dich nicht auf eine Zusammenarbeit einlässt?«
»Er hat sie nicht bedroht«, wiederholte Libby. »Ich war müde, Jonas. Ich hatte eine Schicht von achtzehn Stunden hinter mir, und es hat mir gar nicht gefallen, dass ein Fremder auf mich zukommt und von mir verlangt, ich soll mich mit seinem Boss treffen. Er wollte mir nicht sagen, was Martinelli von mir will, aber als ich gesagt habe, dass ich keine Versuchsreihen durchführe, hat er gesagt, es hätte nichts mit seiner Firma zu tun. Vielleicht war ich derart übermüdet, dass ich ihn falsch verstanden habe.«