Leseprobe:
Prolog
»Mr. Woodard?«, drang die Stimme der Sekretärin gestochen scharf durch die hypermoderne, sündhaft teure Sprechanlage. Grant Woodard blickte von den Unterlagen auf seinem Schreibtisch auf. »Bei mir ist eine Mrs. Muldoon, Sir. Sie möchte Sie sprechen, hat aber keinen Termin …«
»Ist schon in Ordnung, Rosa. Schicken Sie sie rein.« Grant unterbrach die Verbindung mit einem Tastendruck, lehnte sich in seinem Chefsessel zurück und strich sein Sakko glatt. Er erhob sich, als seine Mitarbeiterin die Zwischentür öffnete und eine untersetzte Frau mittleren Alters in sein Büro führte. »Margo«, sagte er mit einem strahlenden Lächeln. Er umrundete den Schreibtisch, um sie zu begrüßen. »Wie schön, Sie zu sehen. Bitte, nehmen Sie doch Platz.«
Margo Muldoon setzte sich. Den Kaffee, den die Sekretärin ihr anbot, lehnte sie dankend ab. Sie wusste aus Erfahrung, dass Grant Woodards Herzlichkeit nur aufgesetzt war. Die Knie fest zusammengepresst, die Hände nervös um die Bügel einer Riesenhandtasche geklemmt, wartete sie, bis seine junge Assistentin aus dem Zimmer glitt und geräuschlos die Tür hinter sich zuzog. Gleich darauf beugte Margo sich vor und kam ohne Umschweife auf den Anlass ihres Besuchs zu sprechen. »Miss Emma ist nicht mehr da, Sir.«
»Was meinen Sie damit, sie ist nicht mehr da?«, gab Grant ärgerlich zurück, seine joviale Freundlichkeit wie weggeblasen. »Ich zahle Ihnen gutes Geld dafür, dass Sie ein Auge auf das Mädchen haben, Muldoon.«
»Ich weiß, Sir, aber ich dachte, sie wäre bei Ihnen. So lautete jedenfalls die Nachricht, die sie am Freitagmorgen für mich dagelassen hat.«
»Was genau stand darin?«
»Dass sie und Miss Gracie das Memorial-Day-Wochenende zusammen mit Ihnen auf dem Land verbringen wollten. Erst als sie heute Morgen immer noch nicht zurückgekehrt war, fing ich an, mir Sorgen zu machen. Allerdings dachte ich da noch, sie hätte vielleicht bei Ihnen im Gästezimmer übernachtet.« Mrs. Muldoon rang die Hände. »Aber als ich bei Ihnen anrief, erklärte Ihre Haushälterin, sie hätte Miss Emma und Miss Gracie seit über einer Woche nicht mehr gesehen. Dann sagte sie noch, als Miss Emma zuletzt da gewesen sei, habe sie eine geschlagene Stunde in Ihrer Bibliothek auf Sie gewartet. Schließlich sei sie wieder nach Hause gefahren, weil Sie nicht kamen.«
Eine eiskalte Gänsehaut kroch über Grants Rücken. Emma hatte eine Stunde lang in der Bibliothek auf ihn gewartet? Wieso zum Teufel erfuhr er das erst jetzt? Verfluchter Mist – ich zahle diesen unfähigen Banausen Topgehälter, und bei der kleinsten Kleinigkeit machen sie nur Murks. »Haben Sie das Video von dieser Woche dabei?«
»Ja Sir, Mr. Woodard.« Margo Muldoon öffnete ihre Tasche. Als sie das gewünschte Objekt nicht schnell genug zum Vorschein brachte, schnippte Grant ungehalten mit den Fingern. Zunehmend nervöser wühlte sie in den Tiefen ihres Beutels, bis sie das Videoband endlich fand.
Sie schob es über den Schreibtisch. Worauf Grant sie mit einem knappen Nicken und einer ungeduldigen Handbewegung aus dem Zimmer scheuchte.
Sobald die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, betätigte er die Sprechanlage. »Rosa, mir ist was dazwischengekommen. Sagen Sie für heute Nachmittag sämtliche Termine ab.« Bevor er die Verbindung abbrach, hatte er eine plötzliche Eingebung. »Ach, und noch etwas, rufen Sie Hackett an. Er soll umgehend zu mir nach Hause kommen.«
»Selbstverständlich, Mr. Woodard.«
Zwanzig Minuten später betrat er die Bibliothek seines Hauses. Durchquerte den Raum und ging zielstrebig zu der verschlossenen Mahagonivitrine, in der er seine Videosammlung aufbewahrte. Tastete nach dem Schlüssel, der hinter einer holzgeschnitzten Zierleiste versteckt lag, und schloss die Glastüren auf.
Wie er erleichtert feststellte, schien nichts zu fehlen. Zweifellos hatte Emma nicht sein Archiv durchstöbert; wieso sollte sie auch? Er machte sich einen Drink und legte das neueste Video ein, das ihm Mrs. Muldoon mitgebracht hatte. Mit der Fernbedienung bewaffnet, verfolgte er gönnerhaft grinsend, was sich auf dem Bildschirm abspielte.
Unvermittelt gefror sein Grinsen. Er hielt das Band an. Starrte auf den Stapel Videos, die auf dem Bett lagen, neben dem Koffer, den Emma gerade packte.
Kalte Wut breitete sich in seinen Eingeweiden aus. Abermals lief er zu der Vitrine. Riss willkürlich eine Videobox heraus, klappte sie auf. Das Tape war noch da. Das nächste auch. Die dritte Box war leer.
Er warf sie zu Boden, ging hektisch die gesamte Sammlung durch, bis er sich einen Überblick verschafft hatte. Sechs Kassetten fehlten.
»Dieses Miststück!«
Es klopfte. Grant fuhr sich mit den Fingern durch die silberweißen Haare und betrachtete schulterzuckend die ringsum verteilten Videohüllen auf dem Teppich. Um dieses Chaos sollte sich gefälligst sein unfähiges Personal kümmern. Er durchquerte den Raum und riss die Tür auf.
»Hi, Boss.« Hackett schlenderte ins Zimmer. »Rosa meinte, Sie wollen mich sprechen?«
»Setzen Sie sich.« Grant ging zu dem Wandtresor und positionierte sich so, dass der Mann nicht mitbekam, welche Kombination er eingab. Dem geöffneten Safe entnahm er ein Bündel Geldscheine. Fächerte sie mit dem Daumen durch wie ein Kartenspiel und knallte sie vor Hackett auf den Schreibtisch, bevor er erneut in seinen Sessel sank.
»Emma ist abgehauen und hat etwas mitgenommen, was mir gehört.« Sein stahlharter Blick bohrte sich eiskalt in die Augen seines Angestellten. »Das hier ist für Ihre Ausgaben.« Er deutete auf das Geld. »Ich will, dass Sie sie finden«, fuhr er mit Bestimmtheit fort. »Am besten schon gestern, Hackett.«
Emma schimpfte leise. Na, toll. Ausgerechnet jetzt musste die Karre verrückt spielen. Kaum zehn Minuten zuvor hatte sie die Washington-State-Fähre verlassen. War in der herrschenden Hektik heimlich auf einer Insel von Bord gefahren statt wie gebucht auf dem Festland. Sie wusste nicht einmal, ob es auf dieser Mini-Insel einen richtigen Ort gab, geschweige denn eine Werkstatt mit einem fähigen Automechaniker. Der Motor stotterte lauter, und Emma fürchtete schon, dass er sich in Kürze ganz verabschieden würde.
»Zu McDonald’s?«, fragte Gracie hoffnungsvoll auf dem Beifahrersitz. Der Mordslärm im Auto schien die Kleine überhaupt nicht zu stören.
»Ich glaube nicht, dass es hier ein McDonald’s gibt, Herzchen«, antwortete Emma. Lächelnd streckte sie die Hand aus und streichelte ihrer Tochter zärtlich über die Wange. »Aber wir finden bestimmt was Nettes, wo wir essen können.« Das hoffte sie zumindest inständig.
Immerhin fanden sie einen malerischen Ort namens Port Flannery, der sich zu beiden Seiten des Hafenbeckens erstreckte. Auch die dunkle, tief hängende Wolkendecke, die ein drohendes Gewitter ankündigte, nahm dem hübschen Idyll nichts von seinem Reiz. Es herrschte Ebbe, das Meer war weit zurückgewichen. An den Docks am Kai entdeckte Emma ein Bootshaus, nicht weit entfernt davon eine Tankstelle, ein Lebensmittelgeschäft, mehrere Souvenirläden und eine Kneipe. Weiter oben einen größeren Platz, den das Rathaus und weitere Geschäfte umstanden, und gottlob auch eine Werkstatt. Emma parkte den Chevrolet direkt vor Bill’s Garage.
»Soso, Sie meinen, der Chevy zickt ein bisschen rum, hm?«, wurde sie kurz darauf von einem Mann gefragt, auf dessen ölverschmiertem Overall der Name Bill eingestickt war. Er wischte sich die Hände an einem schmutzigen Lappen ab und beugte sich über den Motor.
»Ein bisschen ist gut«, meinte Emma trocken. »Und er macht einen Mordslärm. Ich denke, es liegt an …«
»Ach was, zerbrechen Sie sich deswegen mal nicht Ihr hübsches Köpfchen«, unterbrach er sie in so herablassendem Ton, dass sich Emma sämtliche Nackenhaare sträubten. Sie öffnete die Lippen, um ihm gehörig über den Mund zu fahren, hatte aber nicht mit Gracie gerechnet, die ausgerechnet in diesem Augenblick unruhig auf ihrem Arm herumzuzappeln begann.
»Ich hab Hunger, Maman«, maulte die Kleine und trommelte mit ihren Füßen gegen Emmas Hüften.
Bill hob den Blick bis zu Emmas Brüsten. »Da hinten auf dem Platz ist ein Café«, meinte er hilfsbereit. »Da können Sie eine Kleinigkeit essen. In der Zwischenzeit mach ich mich schlau, was mit Ihrem Wagen los ist.«
Emma biss die Kiefer aufeinander. Am liebsten hätte sie Bill kräftig zusammengestaucht, aber Gracie blieb hartnäckig. Und ihr selbst knurrte offen gestanden ebenfalls der Magen, also gab sie seufzend nach. Sie stellte Gracie auf die Füße und fasste ihre Hand. Augenblicke später überquerten sie den parkähnlichen Platz und erklommen die Eingangsstufen zu einem größeren, schindelgedeckten Gebäude. Ruby’s Café blinkte die rote Neonreklame über dem Frontfenster mit den hübschen blauweiß karierten Gardinen.
Als sie das Gasthaus wieder verließen, fühlte Emma sich erheblich besser. Schon komisch, überlegte sie, was eine warme Mahlzeit so alles bewirkte. Aber nicht nur das; abgesehen von der schmackhaften regionalen Küche, die es dort gab, hatten sie und Gracie jetzt ein Dach über dem Kopf. Ruby’s war Pension und Café, mit großen, geräumigen Zimmern im Obergeschoss. Emma hatte eins mit Blick über den Platz gemietet.
Ruby, die Pensionswirtin, vermietete jeweils für mindestens eine Woche – gegen Vorkasse, aber das war Emma nur recht. Sie hatte das ständige Herumziehen und das Leben aus dem Koffer nämlich restlos satt. Und freute sich auf den kleinen Luxus, endlich einmal ihre Sachen auspacken und für ein paar Tage irgendwo ausspannen zu können. Früher oder später hätte sie sich ohnehin eine feste Bleibe suchen müssen. Ganz zu schweigen davon, dass in dem Pensionspreis Frühstück und Abendessen inbegriffen waren, was Emma entschieden günstiger kam als die Übernachtungen in den Motels, selbst wenn diese Sonderkonditionen anboten. Warum sollte sie also nicht gleich hier zuschlagen? Sie hielt ihre Entscheidung für goldrichtig.
Fünf Minuten später war sie jedoch nicht mehr ganz so überzeugt.
Sandy, Sachbearbeiterin bei der Polizei, steckte den Kopf in das Büro des Sheriffs. »Elvis, ich glaube, Sie schauen besser mal bei Bill’s Garage vorbei«, meinte sie. »Irgendeine Touristin mit einer uralten Karre probt da den Mordsaufstand und zieht haufenweise Inselbewohner an.«
Inbrünstig fluchend lief Elvis zur Tür. Dieser verdammte Halsabschneider; er hatte Bill schon häufiger verwarnt, weil er die Leute mit getürkten Rechnungen übers Ohr haute.
Sandy hatte nicht übertrieben; vor der Reparaturwerkstatt hatte sich bereits eine kleine Menschentraube versammelt. Die meisten Leute traten wortlos beiseite, als Elvis auftauchte. Nur sein Freund Sam begrüßte ihn grinsend. »Eigentlich schade, dass du dazwischengehen musst, Donnelly«, frotzelte er. »Die Frau ist echt spitze. Könnte glatt Honorar verlangen für ihre Darbietung.«
Nach einem Blick auf den Wagen schluckte Elvis trocken. Grundgütiger, Sandy, dachte er bei sich, das nennst du eine uralte Karre? Der Wagen war ein Klassiker, ein Chevy, Baujahr 1957 und in tadellosem Zustand. Wer einen solchen Oldtimer fuhr, hatte bestimmt auch die Kohle für die zwangsläufig anfallenden Reparaturen. Am liebsten hätte er die Sache auf sich beruhen lassen und Bill keinen Ärger gemacht … aber dann sah er die Frau. Und das war ein verdammt überzeugendes Argument.
Sein erster Eindruck war der einer großen Blondine mit einer Stimme wie warmer Honig und einer Figur, die in null Komma nichts ein mittleres Verkehrschaos auslösen könnte. Bei näherem Hinsehen gewahrte er, dass ihre Haare nicht wirklich blond waren. Vielmehr dunkelblond mit aufgehellten Strähnchen – na, und? Elvis’ breite Schultern zuckten verräterisch, so als hätte er sich mühsam das Lachen verkneifen müssen. Jedenfalls machte sie ihm nicht den Eindruck einer dämlichen Blondine …
Aber die Figur riss einen wahrhaftig von den Socken. Sie trug eine enge Levi’s und hatte ein kleines Mädchen auf der Hüfte sitzen. Und er war bestimmt nicht der einzige Mann in der Werkstatt, der den Blick von der schmutzigen, kleinen Hand, die das T-Shirt dieser Beauty in Brusthöhe umklammerte, nicht losreißen konnte. »Eine kleine Spinne«, gluckste das Kind, während sich die winzigen Finger in die üppige Fülle gruben. »Klettert übern Ast.« Heiliges Kanonenrohr.
»… Sie … Sie mieser, hinterhältiger Betrüger«, erregte sich die Frau gerade, worauf er sich schleunigst wieder auf die Sachlage konzentrierte. Und obschon sie Bill in Grund und Boden redete, rief ihre warme, temperamentvolle Stimme in Elvis Bilder wach an heiße, magnolienduftende Südstaatennächte. »Wo haben Sie eigentlich Ihre Mechanikerprüfung gemacht, Cher? Vermutlich im Lotto gewonnen, was?«
»Das geht Sie Schlampe gar nichts an«, konterte Bill wenig charmant. Zwischen Elvis’ Brauen bildete sich eine steile Falte, die nichts Gutes bedeutete.
Er trat einen Schritt vor. »Was ist denn hier los, Leute?«
Emmas Kopf wirbelte herum. Sie starrte den Beamten sekundenlang entgeistert an. Im Türrahmen und umlagert von einer sensationshungrigen Meute stand ungelogen Mr. Universum. Der Typ war mindestens einsfünfundneunzig groß und brachte locker zwei Zentner auf die Waage – in Form von durchtrainierten Muskeln, wohlgemerkt, adrett verpackt in khakifarbiger Uniform. Sie fixierte ihn jedoch nicht nur wegen seiner imposanten Statur. Sondern auch wegen der knallharten Miene, die er aufgesetzt hatte. Und nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass sein linker Arm statt in einer Hand in einer Prothese mündete. Seine linke Gesichtshälfte wurde von einer hässlichen, zwei Zentimeter breiten Narbe entstellt, die sich zickzackförmig über die Wange bis zum Rand seiner vollen Unterlippe zog.
Gracie schmiegte sich unversehens an sie. Bettete den Kopf auf ihre Brust und schob den Daumen in den Mund. Emma spähte an sich hinunter und gewahrte, wie ihre Tochter fasziniert den finster dreinblickenden Fremden anstarrte, riesige braune Augen klebten an der ungesund geröteten Narbe. »Aua«, flüsterte sie Daumen lutschend. Emma riss sich aus ihren Gedanken, lächelte matt und drückte Gracie einen Kuss auf die weichen Locken.
»Ich sag Ihnen, was hier los ist«, gab sie selbstbewusst zurück. Sie durchquerte die Werkstatt und baute sich vor dem Hünen auf. Bog den Kopf leicht zurück, so dass sie ihm frontal in die umwerfend blauen Augen schauen konnte. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass mit den Zündkerzen was nicht in Ordnung war«, hob sie an. »Ich kam her, damit das kontrolliert wird. Und was behauptet dieser Idiot?« – Sie deutete mit einer ausladenden Geste auf Bill Gertz. – »Ich hätte ’nen Kolbenfresser! Einen Kolbenfresser! Zeigen kann der Komiker mir allerdings nicht, welcher Zylinder den Geist aufgegeben hat. Aber ich soll mir wegen so was ja auch nicht mein hübsches Köpfchen zerbrechen!« Letzteres spuckte sie förmlich aus. »Natürlich nicht. Ist ja auch sonnenklar. Immerhin reden wir ja nur von ein paar hundert Dollar Unterschied auf der verfluchten Rechnung.«
»Woher kennen Sie sich mit Autos so gut aus, Miss?«, erkundigte sich Elvis interessiert. Bill hatte sich bei der Dame ganz eindeutig verschätzt. Die wusste genau, wovon sie redete.
Sie hielt seinem Blick stand. »Von meinem Bruder, Cher. Big Eddy Robescheaux hatte den schärfsten Laden in ganz New Orleans, vermutlich von ganz Louisiana. Er und ich – na ja, wir haben irgendwelche Karren umfrisiert und verhökert. Ich bin in dem Laden groß geworden. Und den Jungs ein bisschen zur Hand gegangen.«
»Solche Geschäfte sind illegal, Miss Robescheaux.«
»Sands«, korrigierte sie ihn. »Robescheaux war mein Mädchenname.«
Elvis räusperte sich betreten. Was war auf einmal mit ihm los? War er etwa eifersüchtig? Er gab sich mental einen Ruck. Ganz logisch, dass ein hässlicher Vogel wie er bei einer solchen Superbraut keine Chance hatte.
»Ich weiß, dass so was illegal ist, Cher«, fuhr sie leise fort. In ihre Augen trat ein melancholischer Glanz. »Big Eddy wurde eingelocht, und er starb im Gefängnis, kurz vor seiner Freilassung.« Sie nagte an ihrer vollen Unterlippe, zog sie unbewusst in den Mund. Eddys Festnahme und sein Tod waren exakt in die Zeit gefallen, als sie sich mit Grant Woodard eingelassen hatte … aber das war eine andere Geschichte, die sie diesem Sheriff nicht auf die Nase binden musste.
»Tut mir aufrichtig leid, Mrs. Sands.«
»Oh, nennen Sie mich ruhig Emma, Cher. Und Sie sind …?«
»Sheriff Donnelly.«
»He, seid ihr zwei noch ganz bei Trost?«, mischte sich Bill ärgerlich ein. »Machen wir hier einen auf Verbrüderung oder was? Lass dich doch von ihren hübschen Titten nicht einlullen, Elvis.«
»Elvis?«, erkundigte sich Emma perplex. Gracie gähnte mit dem Daumen im Mund und begann erneut, mit ihrer freien Hand über die Brüste ihrer Mutter zu krabbeln. »Eine kleine Spinne klettert …«
Unangenehm ertappt, hob Elvis die breiten Schultern. »Meine Mutter ist halt ein großer Fan von Elvis Presley«, erklärte er und wandte sich Bill zu. Seine Miene duldete keinen Widerspruch. »Ich sag dir eins, Bill, lass die Anatomie der Dame aus dem Spiel und dreh ihr neue Kerzen rein, aber dalli.«
»Verdammt noch mal! Sie hat einen Kolbenfresser, wenn ich’s doch sage!«
»Das kann dir doch egal sein, oder? Wenn sie Recht hat mit ihren Zündkerzen, kann sie dich anzeigen wegen Betrugs. Sollte deine Diagnose aber stimmen, wird sie sich sicher in aller Form bei dir entschuldigen.«
»O ja, auf Knien, Cher«, versicherte Emma dem wütenden Mechaniker.
»Echt? Also, wenn Sie erst mal da unten hocken, können Sie mir auch gleich meinen kleinen Freund lut …«
Emma hatte noch niemanden erlebt, der sich mit einer solch blitzartigen Geschmeidigkeit bewegte. Bevor der Mechaniker seinen schlüpfrigen Vorschlag herausposaunt hatte, war Elvis Donnelly bei ihm und packte Bills schmutzigen Overallkragen mit seiner Prothese. Hob ihn mühelos einige Zentimeter vom Boden hoch.
»Es ist nicht das erste Mal, dass ich von deinen abseitigen Geschäftspraktiken höre«, sagte Donnelly gefährlich leise. Er brachte sein Gesicht dicht über das des Automechanikers. »Und wenn du nicht schleunigst aufhörst, Gertz, die Leute für dumm zu verkaufen, dann schließe ich deinen Laden schneller, als du gucken kannst. Also halt den Mund und mach deine Arbeit. Los, setz deinen faulen Arsch in Bewegung und streng deine grauen Zellen an.« Elvis richtete sich auf, öffnete den Prothesenmechanismus und ließ den Overall los. Worauf Bill unsanft auf den Füßen landete.
Gertz straffte sich, rieb sich den schmerzenden Nacken. »Sieh mal einer an, unser Sheriff macht sich für irgendwelche Flittchen stark«, knirschte er und wich automatisch einen Schritt zurück, da er Elvis’ wutblitzende blaue Augen bemerkte.
»Wie bitte?« Schwer entrüstet trat Emma zwischen den breitschultrigen Hüter des Gesetzes und den Mechaniker. Diesen persönlichen Affront ließ sie nicht auf sich sitzen, Sheriff hin oder her. Außerdem war sie es gewohnt, ihr Leben selbst zu regeln. Mit ihren knapp ein Meter achtzig baute sie sich vor Bill Gertz auf.
»Was halten Sie eigentlich davon, wenn ich Sie miese, kleine Ratte wegen Beleidigung vor Gericht zerre?«, meinte sie leise provozierend. Ihre wutglitzernden, braunen Augen bohrten sich in seine. »Ich bin keine zwei Stunden hier in der Stadt, und wir sind uns nie vorher begegnet! Woher nehmen Sie sich das Recht, so über mich zu reden?« Emma tat einen tiefen Atemzug, spürte, wie ihre Schultern die Brust des Sheriffs streiften, und war für Sekundenbruchteile versucht, sich Halt suchend an ihn zu lehnen.
Das hätte ihr gerade noch gefehlt! Sie drückte das Rückgrat durch und atmete hektisch aus. »Juristisch gesehen bewegen Sie sich sowieso schon auf verdammt dünnem Eis. Da brauche ich nur die Sache mit meinem Wagen zu erwähnen«, informierte sie Gertz kühl und schickte noch eine Warnung hinterher. »Wenn ich Sie wäre, Mistah Bill oder wie zum Henker Sie auch heißen mögen, würde ich ganz kleine Brötchen backen. Wenn Sie sich in Gegenwart meiner kleinen Tochter noch die kleinste Unverschämtheit herausnehmen, dann können Sie einpacken. Ich werde mir den besten Anwalt diesseits des Mississippi nehmen und so lange prozessieren, bis diese abgewrackte, kleine Werkstatt mir gehört!« Nach einem verächtlichen Blick auf das schäbige Interieur bohrten sich ihre Augen wieder in die des Mechanikers. »Zweifellos muss hier mal jemand ganz andere Saiten aufziehen.«
Jetzt hatte sie tüchtig Dampf abgelassen. Ja, gut so, gib’s ihm, Em, dachte sie gefrustet. Große Töne und alles heiße Luft. Freilich durfte sie nichts riskieren, was die Aufmerksamkeit auf sie und Gracie lenkte! Trotzdem fixierte sie Bill Gertz, ohne mit der Wimper zu zucken. Zu bluffen hatte sie immerhin schon im zarten Kindesalter gelernt, und dieser dämliche Schmalspurmechaniker war so ungefähr der Letzte, der Emma Robescheaux-Sands beeindrucken konnte. Oder im Beisein ihres Kindes beleidigte.
»Maman?« Um auf sich aufmerksam zu machen, zog Gracie sie an den Haaren. Als Emma zu ihr blickte, meinte die Kleine zaghaft: »Gehen wir jetzt?«
»Gleich, Herzchen.« Emma senkte den Kopf und küsste das Kind auf die rosige Wange. Fuhr mit der Hand zärtlich durch Gracies Locken, bevor sie den Mechaniker abermals vernichtend musterte. »Also, was ist Ihnen lieber, Mistah Gertz?«
Der Mechaniker nahm jedes Wort für bare Münze. Er blickte sich betroffen um und wünschte, er hätte diesen Blödsinn nie angefangen. Aber verdammt und zugenäht, wer konnte denn wissen, dass eine Frau – vor allem ein Rasseweib wie die da – Ahnung von Autos hatte? Früher waren seine kleinen Schwindeleien noch nie aufgeflogen.
Nach der aufgeheizten Stimmung unter den Umstehenden zu urteilen, kam von der Seite bestimmt keine Unterstützung. Elvis Donnelly war den meisten Bewohnern zwar unsympathisch, trotzdem respektierte man ihn als Sheriff. Bill war klar, dass er einen Riesenbock geschossen hatte. Ein taktischer Fehler, die junge Frau dumm anzumachen – und das im Beisein ihrer süßen, kleinen Tochter. Daran gab es nichts zu rütteln.
»Okay, okay, ich dreh Ihnen neue Kerzen rein«, murrte er ungnädig. Teufel noch, er musste sich irgendwie aus dieser Mordsblamage herauslavieren. Dann fuhr die scharfe Braut wenigstens wieder ab und er sah sie nie wieder. In einer Woche krähte vermutlich kein Hahn mehr danach, dass er mit linken Tricks arbeitete. Außer vielleicht Elvis Donnelly.
Und mit dem wurde er doch locker fertig, oder?
Emma war heilfroh, als sie sich wieder hinters Steuer setzen und den Wagen auf den kleinen Parkplatz hinter Rubys Pension fahren konnte. Nach einem letzten mordlustigen Blick auf den Mechaniker und einem knappen Nicken von diesem verkniffenen Sheriff, als sie sich für seine Hilfe bedankt hatte, hätte sie am liebsten aufs Gas gedrückt und diesen dämlichen Ort verlassen. Aber das war leider nicht möglich.
Vor ihrer überstürzten Abreise aus St. Louis hatte sie ihr Sparbuch geplündert – stolze Ausbeute: eintausendvierhundertsechsunddreißig Dollar und siebzehn Cents. Und die Visa- und Mastercard, die Grant ihr spendiert hatte, mit je viertausend Dollar Cash belastet. Das machte zusammen neuntausendvierhundertsechsunddreißig Dollar und siebzehn Cents. Ein Haufen Geld für jemanden, der seine Rechnungen seit Jahren nicht mehr selbst bezahlt hatte. Aber wenn man überlegte, dass das alles war, was sie und Gracie noch von der Gosse trennte, und dass es, als Jahreseinkommen betrachtet, knapp über der Armutsgrenze lag, dann sah ihre finanzielle Situation alles andere als rosig aus. Sie hatte bereits fünfhundertsiebenundneunzig Dollar ausgegeben und konnte es sich wirklich nicht leisten, eine Woche Kost und Logis mal eben locker in den Wind zu schreiben.
Ob sie wollte oder nicht, sie saß die nächsten sieben Tage in diesem unsäglichen Port Flannery fest.
Vielleicht war es aber auch gar nicht so schlimm, wie sie zunächst angenommen hatte. Am Abend kam Ruby persönlich an ihren Tisch und brachte Emma und Gracie das Essen. Sie schob der Kleinen einen hübsch mit Früchten garnierten Teller Makkaroni mit Käse hin und blickte über den Tisch zu Emma. »Ich hab von Ihrem Zusammenstoß mit Bill gehört«, begann sie. Emma musterte sie unschlüssig. Miene und Tonfall der Frau sagten nichts über ihre Meinung darüber aus.
»So was spricht sich vermutlich rum«, erwiderte sie unverbindlich.