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10. August San Cristóbal Südamerika
Vollkommen schwarz gekleidet und von der Nacht verhüllt verschmolz der Agent von T-FLAC, Huntington St. John mit der Dunkelheit in der stinkenden Gasse hinter dem Gefängnis aus luftgetrockneten Ziegelsteinen. Sein Nachtsichtgerät machte es möglich, alle Einzelheiten des pechschwarzen Inneren der Zelle durch die schmalen, vergitterten Fenster hoch oben in der Wand zu erkennen.
Die Zelle war leer.
Wo zum Teufel war die Gefangene?
Er hatte sechs verdammt lange Monate gebraucht, um herauszufinden, wer diese Frau war. Sechs Monate und beträchtliche Mittel der Antiterroreinheit, für die Hunt arbeitete. Es war bei Gott nicht einfach gewesen, und jetzt würde er nicht ohne sie hier verschwinden.
Er brauchte einen Dieb. Jemanden, der einfallsreich, geschickt und skrupellos war. Jemanden, der sich in diesem Spiel ganz genau auskannte. Hunt wollte den Besten. Mit weniger würde er sich nicht zufrieden geben.
Entschlossen, den richtigen Dieb zu finden, hatte das Team von T-FLAC die Diebstähle der letzten fünf Jahre ganz genau untersucht. Sie hatten ihre Suche auf Einzelpersonen beschränkt oder auf Gesellschaften, die Sammlungen edler Juwelen besaßen und mit den besten, neuesten Sicherheitssystemen ausgerüstet waren. Sie hatten Listen mit Tausenden von Namen zusammengetragen. Dann hatten sie die Freunde der Opfer aufgelistet, Verwandte, Angestellte und deren Lebensstil, um einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Dreihundert Namen waren auf mehreren Listen erschienen, einhundertachtzehn Leute hatten es sogar auf mehr als sechs der Listen geschafft. Eine gründliche Untersuchung des Hintergrunds erbrachte ein interessantes Ergebnis. Siebzehn der Frauen besaßen einen identischen oder fast identischen Hintergrund. Besser gesagt, eine der Frauen besaß siebzehn verschiedene Identitäten.
Niemand außer ihm selbst und einigen wenigen Agenten von T-FLAC wusste, dass es sich bei diesem Dieb um eine Frau handelte. Sie hatten schließlich alle Erkenntnisse zusammengefügt.
Hunt hatte seinen Dieb.
Aber wo zum Teufel war die Frau?
Eine Stunde, nachdem er festgestellt hatte, wer sie war und mit einer vernünftigen Vermutung, wo sie sein könnte, war er schon unterwegs nach Südamerika. Es war sehr wahrscheinlich, dass sie ganz zufällig genau in der Stadt war, wo er sie brauchte. In San Cristóbal.
Auf dem Flug hatte er erfahren, dass sie José Morales ausgeraubt hatte, und wenige Minuten bevor er in San Cristóbal landete, wusste er auch, dass sie sehr schnell verhaftet worden war.
Also war es jetzt ein fait accompli.
Eine schnelle, gründliche Durchsuchung ihres Hotelzimmers hatte nichts ergeben. Kein Hinweis, keinerlei Beweise. Das überraschte ihn nicht. Sie hinterließ niemals Spuren. Niemals. Deshalb war es ja auch so verdammt schwer gewesen, überhaupt herauszufinden, wer sie war.
Diese Frau war nicht nur außergewöhnlich gut bei ihrer Arbeit, sie war ein Phänomen. Und sie war vollkommen furchtlos.
Sie war genau die, die er haben wollte. Und bei Gott, er würde sie bekommen. Selbst wenn sie, wie er vermutete, für jemand anderen arbeitete.
Dass sie nicht in ihrer Zelle war, konnte nur drei Gründe haben, entweder hatte man sie in ein anderes Gefängnis verlegt oder die andere Seite hatte sie bereits herausgeholt oder sie war tot.
Also, das wäre wirklich verdammt unangenehm. Er hatte schon genug Zeit und Energie in die ganze Sache investiert. Jetzt wollte er nicht noch einmal von vorn anfangen.
Plötzlich hörte er Schritte im Gang. Laut, deutlich und entschlossen. Es waren die Schritte von zwei Menschen – mit schweren Stiefeln. Und man hörte das eigenartige, wenig passende Geräusch von Ketten, wie aus einem schlechten Horrorfilm.
Eine der Wachen trat mit dem Fuß die Zellentür auf. Sie schlug gegen die aus getrockneten Ziegeln gemauerte Wand und ließ ein schwaches Licht aus dem Flur in die enge Zelle fallen. »Diesmal, bruja«, drohte der Gefängniswärter auf Spanisch, »wirst du nicht wieder freikommen.«
Hunt presste die Lippen zusammen, während er das Bild vor sich betrachtete.
In Ketten gefesselt war die Frau nicht in der Lage, sich abzustützen, als der Wachmann sie durch die offene Tür auf den Boden stieß. Ihr Kopf schlug auf den Zementboden, und sie stieß einen erschrockenen Schmerzenslaut aus.
Hunt unterdrückte einen Fluch. Dies war genau der Grund, warum er es nicht mochte, wenn eine Frau an einem Einsatz beteiligt war. Sie waren so verletzlich und leicht zu brechen. Er hasste es, wenn er mit ansehen musste, wie jemand, der so sanft und zierlich war, verletzt wurde.
Die Ketten, mit denen sie gefesselt war, klirrten beinahe musikalisch, als sie über den Boden rollte und dann an der gegenüberliegenden Wand still liegen blieb.
Die beiden Wachmänner betrachteten ihre Gefangene noch ein paar Minuten von der Tür aus und unterhielten sich in schnellem Spanisch darüber, ob sie vielleicht eine Hexe war. Oder etwas noch viel Schlimmeres. Sie hatte immerhin versucht zu entkommen. Hunt schüttelte den Kopf. Guter Versuch, aber vergebens, Liebling. In diesem Gefängnis am Rande der Stadt waren politische Gefangene und der Abschaum der Menschheit untergebracht. Niemand, nicht einmal ein Profi, wie sie einer war, war jemals von hier geflohen. Noch nie.
Hunt hatte vor, das zu ändern.
Er lauschte der Unterhaltung der beiden Wärter und schüttelte den Kopf. Sie hatte es bereits fünfmal versucht, erfuhr er aus dem Gespräch. 5:0 war zwar kein gutes Ergebnis, aber man brauchte ganz sicher Mut dazu. Kein Wunder, dass die Männer schlecht gelaunt waren. Kein Wunder, dass sie die Frau mit einer beinahe zwei Meter langen Kette gefesselt hatten, und Gott allein wusste, wie viele neue und glänzende Schlösser sich auf ihrem Rücken befanden. Sie konnte von Glück sagen, wenn sie überhaupt einen Atemzug machen, geschweige denn aufrecht stehen konnte.
Die Metalltür fiel klirrend zu, und der Schlüssel drehte sich im Schloss. Tut mir leid, wenn ich euch enttäuschen muss, hombres, aber sie gehört mir. Er lauschte, wie sich die Schritte der Wachmänner im Flur in Richtung auf die Eingangstür entfernten. Dann war auf dem Kiesweg zwischen den Gebäuden, auf dem er wartete, das Knirschen von Rädern zu hören. Scheinwerfer warfen ihr Licht über das einstöckige Gebäude, während Autos und Lastwagen langsam den Parkplatz des zwielichtigen Nachtklubs auf der anderen Seite der Gasse hinter dem Gefängnis füllten.
Man hörte Autotüren schlagen, Gläser klirrten. Lachende Stimmen erhoben sich über dem Lärm. Eine Band stimmte ihre Instrumente. Die Tür der Spelunke öffnete sich und schlug wieder zu. Öffnete sich und schlug zu. Öffnete sich und ließ die lauten Geräusche der Menge hinaus. In Hunts Ohren klang das alles wie Musik.
Er wusste, dass die Bar bald bis auf den letzten Platz gefüllt wäre. Die Band würde laut genug spielen, um alle Geräusche in einem Umkreis von hundert Metern zu übertönen, und der Qualm, der aus der Bar dringen würde, würde einen Kettenraucher arm aussehen lassen. Dies hier war beinahe zu einfach.
Die Nachtluft war stickig und erdrückend. Nicht einmal der Schimmer eines Sterns war am schwarzen Himmel über ihm zu erkennen. San Cristóbal im Sommer war nichts für Menschen mit schwacher Konstitution. Er war vor einigen Jahren schon einmal mit einem anderen Auftrag hier gewesen. Die ausgedehnte Stadt am Rande des Regenwaldes war für seinen Geschmack viel zu überfüllt. Sie war bekannt für ihre Oben-ohne-Strände und für ihr wildes Nachtleben, doch sie gehörte nicht zu den Lieblingsorten von Hunt.
Die Atmosphäre war von Lärm, Menschen, nackter Haut und übermäßigem Alkoholgenuss geprägt. Die Kombination sorgte normalerweise dafür, dass die Feste schon vor Mitternacht ausarteten. Jetzt war es Viertel vor zwölf.
In einiger Entfernung wandelte sich das Bellen eines Hundes zu einem jämmerlichen Heulen. Der Motor eines Wagens hatte eine Fehlzündung. Immer wieder wanderte das Licht von Scheinwerfern über die Mauern, während mehr und mehr Wagen auf den Parkplatz des Clubs einbogen. Eine elektrische Gitarre gab einige schiefe Akkorde von sich, gefolgt vom Hämmern der Schlägel einer Trommel, während die Band sich für den Abend aufwärmte.
Die Ketten, mit denen die Frau gefesselt war, klirrten. Gut. Wenn sie sich bewegen konnte, war sie nicht zu schwer verletzt. Was Hunt betraf, genügte es ihm, wenn sie nur lange genug reden und denken konnte, um ihm zu verraten, was er wissen wollte.
Theoretisch war es für ihn kein Problem, dass sie gefangen war.
Sie war dort, wo Diebe hingehörten.
Aber nicht dort, wo er sie im Augenblick brauchte.
Er achtete nicht darauf, dass ihm in der drückenden Schwüle das Hemd an seinem Rücken klebte. Schnell zog er an den Klemmen, die er zuvor an dem Gitter befestigt hatte, um sicherzugehen, dass sie auch fest genug waren. Eine schlaue Erfindung von T-FLAC, dieses Gerät. Klein genug, um in eine Tasche zu passen, bestand es aus einer Reihe von Rollen und dünnen Metallkabeln und man brauchte nur sehr wenig Druck, damit es eingesetzt werden konnte.
Die Band begann ihre erste Nummer. Was der Gruppe an Talent fehlte, machten sie mit übermäßiger Lautstärke wett.
Der Lärm von dem Club könnte sogar die Explosion einer Atombombe übertönen.
»Danke«, murmelte Hunt, während er die kleine Bewegung mit der Hand ausführte, die das Werkzeug aktivierte. Im Inneren der Zelle hörten die Ketten plötzlich zu klirren auf.
Er trat einen Schritt zurück, während mit einem Knirschen das Fenster, das Gitter und Teile der Mauer aus der alten Wand herausbrachen.
San Cristóbal
»Was willst du damit sagen, es war nichts da?« Die eisige Stimme in Theresa Smallwoods Ohr bebte vor Wut. »Du hast dafür gesorgt, dass sie sofort verhaftet wurde, als sie in ihr Hotel zurückkam, genau wie ich es dir befohlen habe, oder?«
Schweißtropfen rannen über Theresas Rücken, während sie den Hörer an ihr Ohr presste. Der Klang der Stimme rann über die weite Entfernung über ihre Haut wie ein Dutzend Spinnenbeine. Die enge Telefonzelle roch nach Urin, Schweiß und Angst. Für die letzteren beiden Gerüche war Theresa verantwortlich.
Ein Schauer rann durch ihren Körper, mit weißen Knöcheln umklammerte sie den Hörer und zwang sich zu antworten. Zwang ihre Stimme, ruhig zu klingen. Kompetent.
»Es hat nicht länger als drei Sekunden gedauert«, versicherte sie ihrem Boss. Sie hoffte, dass sich ihre Stimme nicht so verängstigt anhörte, wie sie sich fühlte. Sie wussten beide, wie wichtig dieser Auftrag war.
Wie konnte diese verdammte Diebin es wagen, mein Leben in Gefahr zu bringen, überlegte Theresa, die noch immer schrecklich wütend war. Sie hatte das Mädchen aufgefordert, für sie zu arbeiten. Sie hatte ihr angeboten, sie zu bezahlen, und zwar sehr gut, um den Inhalt von Morales’ Safe zu stehlen. Und, bei Gott, das hatte sie doch sowieso vor. Aber das Mädchen hatte Theresas Wunsch glatt abgelehnt.
»Smallwood?«
Theresa versuchte, ihre Angst herunterzuschlucken. »Sie hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, da hatten die Federales sie schon erwischt.« Sie hatte gar keine Möglichkeit, etwas zu verstecken. Und sie war viel zu schlau, als dass sie sich all die Mühe gemacht hätte, um dann alles der Polizei zu übergeben.
Theresa hatte ein paar Minuten gewartet, um sicherzugehen, dass niemand sie sah, dann hatte sie das Hotelzimmer durchsucht. Vorsichtig. Wie ein Profi. Niemand würde etwas bemerken. Aber sie hatte nichts gefunden. Nicht einen verdammten Hinweis. Nada. Nix.
»Dann hast du ja, was ich haben will«, hörte sie die Stimme in ihrem Ohr. Es war keine Frage.
Theresas Mund wurde ganz trocken, und ein Schauer rann durch ihren Körper. Sie brauchte einen Drink, dringend. »Ich werde mich wie geplant mit unserem Kontaktmann in Rio treffen. Morgen«, erklärte sie mit so viel Überzeugungskraft, wie sie aufbringen konnte.
Die Luft schien drohend aufgeladen, während das Schweigen am anderen Ende der Leitung andauerte. Als sie dann ein Klicken hörte anstatt der wütenden Beschimpfung, die sie erwartet hatte, ließ sie den Hörer sinken und lehnte sich erschöpft gegen das von Kugeln durchlöcherte Glas der Telefonzelle, als sei sie eine Marionette, deren Fäden man abgeschnitten hatte.
Sie würde dieses Weib finden, und wenn es das Letzte war, was sie tat.
Sie verließ die Telefonzelle und ging über den Kies der verlassenen Tankstelle zu ihrem Mietwagen.
Oh, sie würde das Mädchen schon finden. Sie würde sie finden, würde sich nehmen, was diese gestohlen hatte und würde ihr dann die Haut von ihrem Körper ziehen, als wenn sie einen verdammten Apfel schälte. Theresa war nicht so weit gekommen, indem sie sich von ihren Gefühlen das Geschäft verderben ließ. Dieses Geschäft war brutal.
Wenn sie jedem verdammten Polizisten in dieser elenden Stadt das Hirn herausreißen musste, um herauszufinden, wo man diese Frau gefangen hielt, dann würde sie das tun, schwor sie sich.
Theresa war stolz auf die kleine, elegante Rose, die auf ihren Rücken tätowiert war. Schon bald würde sie dieser Rose mehr Blütenblätter hinzufügen, und dann wäre sie die Schwarze Rose. Bis dahin würde sie ihre Aufgabe erfüllen, und zwar gut. Wenn die Zeit gekommen war, würde sie der augenblicklichen Schwarzen Rose die volle Blüte der tätowierten Rose von der Haut ziehen.
Sie öffnete die Tür des Wagens, schob sich hinter das Steuerrad und legte den Sicherheitsgurt an, dann fuhr sie von dem dunklen Parkplatz. Jetzt dachte sie an die großen schwarzen Augen der Diebin, an diese glatte, dunkle Haut und entschied sich, das Gesicht des Mädchens bis zum Schluss zu verschonen.
»Hörst du mich jetzt, mein Schatz?«, klang die Stimme eines Mannes leise in der Dunkelheit.
Aber ja. Er hatte gerade die Wand herausgebrochen, und seine Schuhe knirschten auf den Trümmern, als er auf sie zukam. Das konnte ihr wohl kaum entgehen. Taylor blieb, wo sie war, die Ketten hingen locker um ihren Körper, und sie fragte sich, ob er wohl erkennen konnte, dass sie sich schon beinahe zur Hälfte davon befreit hatte. Nein. Dafür war es zu dunkel.
Sie drehte sich in Richtung Stimme. Drückende Luft drang durch das Loch in der Wand. Noch nie zuvor hatte Gestank so gut gerochen. »Die Kavallerie, nehme ich an?«, flüsterte sie.
»So etwas Ähnliches.« Seine dunkle Stimme war tief und ein wenig rau, der Akzent seiner Stimme hatte einen leicht britischen Anflug.
Sie hatte keine Ahnung, wer er sein könnte. Hatte die Frau, die an diesem Morgen auf sie zugekommen war, ihn geschickt? Das war die einzig logische Erklärung. Sie kannte niemanden in San Cristóbal. Oder wenigstens kannte sie niemanden, der wissen konnte, dass sie im Gefängnis saß. Sie brauchte und wollte keinen Partner, und sie würde das, was sie heute Morgen Theresa Smallwood erklärt hatte, wiederholen, sobald er sie hier herausgeholt hatte.
Er hockte sich neben sie, ehe sie überhaupt begriff, dass er ihr so nahe war. Donnerwetter. Beeindruckend. Er bewegte sich wie eine Katze. Wie eine große, starke, kräftige Katze.
»Sind Sie schlimm verletzt?«, fragte er, und seine Hände glitten über die Ketten. »Wo ist denn der Anfang von diesen Dingern hier?«
»Ich werde es überleben. Sie haben mich bei weitem nicht so sicher gefesselt, wie sie glauben.« Taylor schüttelte die Ketten von den Schultern und kam unbeholfen auf die Beine. Er packte ihren Oberarm, als sie schwankte. Das Dröhnen in ihrem Kopf war so schlimm, dass sogar ihre Zähne schmerzten, und sie war dankbar dafür, dass seine große starke Hand sie hielt.
Die Zelle war so dunkel wie das schwarze Loch von Kalkutta, aber auch wenn sie ihn nicht sehen konnte, so fühlte sie doch die Wärme seiner großen Gestalt neben sich. Sie verspürte den unvernünftigen Wunsch, ihren Kopf an seine Brust zu legen. Doch nur für einen kurzen Augenblick. Etwas so Einzigartiges, von jemandem gerettet zu werden, durfte sie nicht so einfach hinnehmen. Anstatt ihrem Wunsch nachzugeben, riss Taylor sich zusammen. Luft strich über ihr Gesicht. Sie nahm an, dass er mit der Hand vor ihrem Gesicht gewedelt hatte.
»Können Sie mich sehen?«, flüsterte er.
Himmel, er riecht so gut, dachte sie abwesend. Einen Augenblick lang schlug ihr Puls schneller, aus reiner weiblicher Reaktion. Doch dann erwachte ihr Überlebensinstinkt. »Natürlich nicht«, flüsterte sie zurück. »Es ist stock…« Sie legte den Kopf ein wenig schief. »Können Sie mich denn sehen?«
»Ja. Sogar ohne mein Nachtsichtgerät.«
Ein Nachtsichtgerät. Ausgezeichnet. Er war ja ein regelrechter Pfadfinder. Sie streckte die Hand aus. »Lassen Sie mich einmal durchsehen.« Er legte ihr das Nachtsichtgerät in die Hand.
»Es ist möglich, dass Ihre Gefängniswärter nicht gehört haben, wie die Mauern von Jericho zusammengestürzt sind«, flüsterte er voller Sarkasmus, während Taylor versuchte, das Gerät an ihre Augen zu halten. Er streckte die Hand aus und gab ihr das Gerät richtig herum in die Hand. »Es ist auch möglich, dass sie nicht gleich zurückkommen, um nach Ihnen zu sehen. Ebenso ist es möglich, dass jemand in die Gasse kommt und das Loch sieht. Alles das ist möglich. Möchten Sie länger bleiben und das Schicksal herausfordern?«
Sie blinzelte ein paar Mal, um besser sehen zu können. Dann blinzelte sie noch einmal. Doch auch das half nicht. Sie hörte ihn über dem lauten Rauschen in ihren Ohren und begriff vage, was er ihr sagte, während ihr Hals ganz trocken wurde. Sie umklammerte das Nachtsichtgerät und presste die Augen zusammen. Dann öffnete sie sie wieder.
Und holte voller Entsetzen tief Luft.
Schwarz. Alles war schwarz.
Sie konnte nichts sehen.
Der Himmel helfe ihr. Sie. Konnte. Nicht. Sehen.
Sie hatten sie mehrmals geschlagen, heftig, als sie zum letzten Mal geflohen war. Sie hatten mit etwas Schwerem auf sie eingeschlagen. Sehr wahrscheinlich mit dem Knauf eines Gewehrs. Sie hatte ein paar Sekunden lang das Bewusstsein verloren und hatte im Augenblick entsetzliche Kopfschmerzen. Taylor fühlte nach der Beule an ihrem Hinterkopf. War es etwa ein bleibender Schaden? Himmel. Sie könnte das nicht ertragen. Die Tatsache erfüllte sie mit Entsetzen.
»Nun?« Trotz des Lärms, der von irgendwo aus der Nähe kam, hörte Taylor seine leisen Worte.
Sie leckte sich über ihre trockenen Lippen. »Houston, ich glaube, wir haben ein Problem. Ich kann nicht sehen – gar nichts.
Es dauerte einen kurzen Augenblick, ehe er leise fragte: »Gar nichts?«
»Gar nichts.«
»Verdammt.«
Sie zuckte heftig zusammen, als sie plötzlich seine Hand auf ihrem Hinterkopf fühlte.
»Sie sind mit dem Kopf aufgeschlagen, als sie gefallen sind.« Sanft fuhr er mit den Fingern durch ihr Haar, bis er zu der Stelle kam, die sie gerade vor einer Sekunde berührt hatte. Sie zuckte zusammen, als er mit einer überraschend zärtlichen Geste darüber fuhr. »Sie haben hier eine hässliche Beule. Sie blutet auch.«
Es hatte keinen Zweck zu erwähnen, dass ihre Gefängniswärter sie für jeden ihrer Ausbruchsversuche damit belohnt hatten, sie als Punchingball zu benutzen, ehe sie wieder in ihre Zelle geworfen wurde. Immerhin war sie auf der falschen Seite von Reno in Nevada groß geworden, sie hatte eine Menge Erfahrung mit den Fäusten von Rüpeln gesammelt.
Verletzungen hatte sie auch früher schon gehabt. Sie waren wieder verheilt. Es war ihr Augenlicht, das ihr Sorgen machte.
Er ließ die Hand wieder sinken. »Das macht die Dinge noch komplizierter.«
Taylor hätte beinahe aufgelacht. »Für mich auch, Kumpel.« Es tat weh, die Stirn in Falten zu legen. »Tut mir leid, wenn ich Ihnen Umstände…«
Er schob die Schulter gegen ihre Rippen und warf sie mit einer schnellen Bewegung über seine Schulter. Taylor hielt sich am Rücken seines Hemdes fest.
»Oh Gott, bitte hängen Sie mich nicht mit dem Kopf nach unten. Es könnte sein, dass ich mich übergeben muss.« Das bewies, wie sehr ihr Kopf wirklich schmerzte. Immerhin war es ihre Spezialität, mit dem Kopf nach unten zu hängen.
Sie nutzte beide Hände, um sich damit an seinem beeindruckend festen Hintern festzuhalten, während er mit ihr durch die Zelle ging. Sekunden später fühlte – und roch – sie eine andere Luft. Frisch konnte man sie kaum nennen. Es stank nach ungewaschenen Körpern, nach frittierten Nahrungsmitteln und nach Abfall. Doch in diesem Fall war es der Geruch von Freiheit.
Seine Schulter schien aus massivem Stahl zu sein. Ihr verletzter Magen und ihre Rippen protestierten heftig, als er loslief. Sie hatte entsetzliche Kopfschmerzen, ihre Rippen fühlten sich an, als würden sie sich in ihre schmerzende Lunge drücken, und ihr war so übel, dass sie sich jeden Augenblick übergeben würde. Taylor gab kein einziges Wort der Klage von sich, während er sich von der lauten Musik und dem Klang klirrender Flaschen wegbewegte. Weg von der Zelle.
Sie versuchte sich einzureden, dass ihre Blindheit vorübergehen würde. Sie wünschte nur, dass sie wüsste, wie lange es dauern würde. Genauso gern wüsste sie, wer dieser Mann war und warum er sich die ganze Mühe machte, sie zu retten. Aber das konnte sie auch später noch herausfinden. Im Augenblick war sie ganz einfach dankbar dafür, dass er so unerwartet aufgetaucht war.
Seine Schritte waren überraschend leise, während er immer weiterlief, beinahe eine ganze Stunde, vermutete sie. Gerade als sie sicher war, dass all die köstlichen Canapés von Maria Morales ihren Körper wieder verlassen würden, stellte er sie wieder auf die Füße und hielt sie mit fester Hand am Nacken fest, damit sie nicht fiel. Seine Finger waren heiß und hart auf ihrer feuchten Haut. Eine Erinnerung an seine Kraft und daran, dass er ihren Hals brechen könnte wie einen dünnen Ast. War sie etwa nur von einem Unglück ins andere gestolpert?
Der leichte Anflug von Panik, den sie in den letzten Stunden so sehr zu unterdrücken versucht hatte, erwachte wieder und machte ihrem Magen zu schaffen.
Er atmete nicht schwer, und sie war milde beeindruckt. Er war groß, stark und körperlich fit.
Immerhin war sie kein Leichtgewicht. Sie war einen Meter siebzig groß, und auch wenn sie vielleicht zierlich aussah, so wog sie doch ganze 70 Kilo. Sie trainierte hart, um ihre Muskeln zu stählen. In ihrem Geschäft zählte jeder Vorteil.
Auch wenn Taylor nichts sehen konnte, schloss sie die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Sie versuchte herauszufinden, wo sie war. Doch sie hatte keine Ahnung. Es gab keinerlei Geräusche von der Straße. Niemand redete. Sie hörte in der Entfernung noch immer die Musik aus der Bar, durch die Gebäude wurde sie gedämpft. Die Luft bewegte sich nicht, sehr wahrscheinlich befanden sie sich also in einer weiteren engen Gasse. Dass sie ihn nicht sehen konnte und nicht wusste, wo sie war, machte sie nervös. Sie war es gewohnt, sich vollkommen auf sich selbst zu verlassen, jetzt einem Fremden ihre Sicherheit anzuvertrauen und ihr Wohlergehen, machte sie außerordentlich nervös. Sie versuchte, ihre Angst zu unterdrücken, sie würde ihr nur schaden.
Einen Augenblick lang schien ihn ihr Wohlergehen überhaupt nicht zu kümmern. Sollte sich das ändern, dann wäre
sie bereit.
Eine Autotür wurde geöffnet.
»Einsteigen.« Er legte die Hand auf ihren Kopf und schob sie in den Wagen. Sie hatte kaum die Füße in den Wagen gezogen, als die Tür auch schon zugeschlagen wurde. »Huntington St. John«, stellte er sich vor, als er hinter das Lenkrad kletterte und den Motor anließ.
»Annie Sullivan«, erklärte Taylor freundlich. »Danke, dass Sie mich gerettet haben.«
Er schnaufte verächtlich. »Annie Sullivan? Sie sind flink, nicht wahr?«
»Nicht flink genug, um der Polizei von San Cristóbal zu entkommen, wie es scheint. Ist es zu früh, Sie zu fragen, warum sie das Gefängnis zerstört haben, um mich dort herauszuholen? Das soll nicht heißen, dass ich mich deswegen beklage. Ich bin ganz einfach nur neugierig.«
»Sie haben etwas, das ich haben möchte.«
Die Reifen knirschten auf dem Kies, und sie musste sich zur Seite lehnen, als er mit dem Wagen auf die asphaltierte Straße bog. »Wirklich? Was sollte das sein?«
»Der Inhalt des Safes, den Sie heute Abend ausgeraubt haben.«
Ah. Also hatte diese Frau sich wirklich nicht abweisen lassen. »Was für ein Safe?«, fragte sie vorsichtig und suchte mit den Fingern nach dem Sicherheitsgurt, während der Wagen durch die Straßen der Stadt raste. Es gab gar keinen Sicherheitsgurt. Taylor erwartete, jeden Augenblick durch die Windschutzscheibe zu fliegen. Das Makabere daran war, dass sie den Tod noch nicht einmal würde kommen sehen. Gott hatte vielleicht einen eigenartigen Sinn für Humor.
Ein eigenartiger Schmerz drückte ihre Brust zusammen, und es schien nicht genug Luft im Wagen zu sein, was ihr das Atmen erschwerte. Sie rieb sich mit den Fingern über die Schläfen, um den dumpfen Schmerz zu vertreiben und versuchte sogar, gleichmäßig durchzuatmen. »Von dem habe ich noch nie gehört.«
»Können Sie sehen, wo wir sind?«, fragte er ganz nebenbei. Der Spott in seinen Worten war offensichtlich.
»Nein«, erklärte Taylor kühl. »Das kann ich nicht.
»Was haben Sie mit dem Inhalt des Safes gemacht?«, wollte er wissen. Aus seiner Stimme war nichts zu hören, doch sie nahm an, dass er verärgert war. Zu schade.
Sie konnte das arme blinde Mädchen spielen – der Himmel allein wusste, dass es die Wahrheit war. Das brachte ihr vielleicht ein wenig Zeit. Oder sie konnte ihn ganz offen anlügen und darauf bestehen, dass sie keine Ahnung hatte, wovon er überhaupt sprach. Oder sie konnte das tun, was sie am besten verstand. Sie konnte die Wahrheit verschleiern und sich so schnell wie möglich aus dieser Situation befreien.
»Okay«, gab sie langsam zu, als hätte er die Wahrheit aus ihr herausgepresst. »Ich habe also das Ding mit Morales gedreht. Doch leider haben die Bullen mir meine Beute abgenommen, als sie mich verhaftet haben.«
»Unsinn. Man hat Sie in Ihrem Hotel verhaftet.«
»Wie ich schon sagte…«
»Sie hatten gar nichts bei sich. Auch in Ihrem Hotelzimmer war nichts.«
Natürlich nicht. Glaubte dieser Kerl etwa, sie sei blöd? Sie hatte das Zeug auf dem Weg zum Hotel per Post weitergeleitet. »Der Grund dafür ist der, dass die Polizei alles hat.«
Taylor lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze und schloss die Augen. »Ob Sie mir nun glauben oder nicht, das sind die Fakten. Verklagen Sie mich. Da ich nicht habe, was Sie haben wollen, können Sie mich gleich zu meinem Hotel bringen. Ich werde mich freundlich bei Ihnen für Ihre heldenhafte Rettung bedanken und mich dann verabschieden.«
»Machen Sie es sich nicht zu einfach, meine Süße, Sie sind nicht in der Lage, mich zu verärgern. Ich könnte Sie ganz einfach an der nächsten Straßenecke absetzen«, erklärte er ihr mit so viel Überheblichkeit, dass es für sie nicht gerade ein Trost war. »Und dann könnte ich zu meiner eigenen Belustigung mit ansehen, wie Sie herumstolpern.«
Wenn er etwas so dringend haben wollte, dass er sie dafür aus dem Gefängnis holte, dann würde er sie nicht mitten in der Nacht auf den gefährlichen Straßen von San Cristóbal einfach aus dem Wagen werfen. Auf keinen Fall, so lange er nicht bekommen hatte, was er haben wollte. Und diese Vermutung basierte nicht auf der sexy, rauen Stimme oder auf dem berauschenden Duft seiner Seife. Beides erfüllte den Wagen und ihre Sinne. »Sie sind nicht nur ein Held, sondern auch ein Charmeur. Mein Glückstag.« Sie tat so, als müsse sie gähnen. »Ich stelle also fest, dass ich entführt wurde. Wecken Sie mich auf, wenn wir am Ziel unserer Reise angekommen sind, ja?«
»Möchten Sie denn gar nicht wissen, wohin wir überhaupt fahren?«
Sie rollte den Kopf in seine Richtung, ohne die Augen zu öffnen. »Würde es denn etwas ändern, wenn ich erkläre, dass ich dort gar nicht hin will?«
»Nein.«
»Also. Dann wollen wir uns überraschen lassen, nicht wahr?«