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Die Braut des Ritters

von Monika Koch, Elizabeth Chadwick (Buch)

  • ISBN:3-442-36345-4
  • EAN:9783442363452
  • Veröffentlichungsdatum:November 2006
  • Gewicht in g:523
  • Reihe:Blanvalet Taschenbücher
  • Seiten:704
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Ein Mittelalterroman voller Romantik und Abenteuer!


England, 1184. Fulke FitzWarin wird als Schildknappe an den Hof von König Henry gesandt. Doch eine Schachpartie, die Prinz John gegen Fulke verliert, wird zum Auslöser einer lebenslangen Rivalität: Der junge Knappe muss den Königshof verlassen. In Theobald Walter findet Fulke zum Glück einen gerechteren Herrn. Doch er gerät in seelische Bedrängnis, als er erfährt, dass die zauberhafte Maud le Vavasour Theobald heiraten wird. Als dieser stirbt, erhält Fulkes Liebe eine zweite Chance, nur - was kann er der schönen Maud bieten, nachdem der inzwischen zum König gekrönte John ihn für vogelfrei erklärt hat?


Die großartige Verschmelzung einer opulenten Rittersaga mit der Legende von Robin Hood!





Leseprobe:

Knabe und Mädchen


Petersmarkt, Shrewsbury, August 1148


An dem Tag, an dem Brunin FitzWarin den Männern begegnete, die sein Leben verändern und prägen sollten, war er zehn Jahre alt und schlenderte unbeaufsichtigt zwischen den Ständen des Petersmarktes umher.
Mark, der Sergeant seines Vaters, der auf ihn aufpassen sollte, hatte sich von einem randvollen Krug und der drallen Tochter einer Schankwirtin, die an einem der Stände Bier verkaufte, ablenken lassen. Als ihm die Tändelei der beiden zu langweilig wurde, war Brunin davongestromert, um auf eigene Faust die Marktstände zu erkunden. Er war ein schlaksiger Junge mit olivfarbener Haut und so tiefbraunen Augen, dass sie beinahe schwarz wirkten. Von ihnen leitete sich auch sein Spitzname ab, denn eigentlich hieß er Fulke, genau wie sein Vater. Seine fünf Brüder hatten das blonde Haar und die helle Haut der Eltern. Brunin, sagten die Wohlmeinenderen, kam nach seinem Großvater, einem lothringischen Söldner von zweifelhafter Herkunft. Weniger Wohlmeinende behaupteten hinter vorgehaltener Hand, er sei ein Wechselbalg, ein Kuckucksei, welches das Feenvolk von den walisischen Hügeln den Eltern ins Nest gelegt habe.
Er kam an einer Garküche vorbei, an der weiche Haferpfannkuchen auf einem runden Blech flink gewendet und an Vorübergehende verkauft wurden. Eine Frau hatte gerade ein paar davon erstanden und verteilte sie unter ihren aufgeregt um sie herumflatternden Sprösslingen. Ärgerlich wies sie eines der Kinder zurecht, doch schon im nächsten Moment zerzauste sie liebevoll sein Haar. Als sie Brunins sehnsüchtigen Blick bemerkte, lächelte sie, riss ein Stück von einem übrig gebliebenen Haferpfannkuchen ab und hielt es ihm hin, als wolle sie ein scheues Tier anlocken. Brunin schüttelte den Kopf und ging hastig weiter. Es war nicht der Pfannkuchen, dem sein Blick gegolten hatte.
»Krüge und Kannen!«, rief ihm ein Händler entgegen. »Zweiquartpötte und Töpfe! Feinste Ware aus Stamford und Nottingham!« Der Mann schwenkte eine grün glasierte Kanne in der Luft, deren Ausguss wie ein grinsendes Gesicht geformt war. Verbissen und mit geröteten Wangen feilschte eine kiebige Hausfrau mit seinem Gehilfen um den Preis eines Kochgefäßes.
Jeden Sommer kamen die Händler für drei Tage nach Shrewsbury und breiteten ihre Waren im Schatten der großen Benediktinerabtei Sankt Peter und Paul aus. Selbst die Wirren des Bürgerkriegs zwischen den Anhängern von König Stephan und Kaiserin Mathilde konnte die Lust der Menschen am Feilschen und dem Betrachten der Kuriositäten nicht dämpfen. Brunins Vater meinte, dass die unruhigen Zeiten den Jahrmarkt höchstens noch beliebter machten, da die Männer hier Verbündete treffen und ihre Anliegen besprechen konnten, während sie für den unbeteiligten Beobachter nur ganz gewöhnlichen Geschäften nachgingen.
Und eben das tat sein Vater gerade: Er unterhielt sich mit alten Freunden und hatte Brunin deshalb in Marks Obhut gegeben. Sie würden FitzWarin auf dem Rossmarkt treffen, wenn die Glocke der Abtei zur Sext läutete. Brunin sollte ein neues Pony bekommen, da er für den kleinen braunen Waliser, den er seit seinem sechsten Lebensjahr ritt, bald zu groß sein würde. Spinnenbein hatte seine Großmutter ihn letzte Woche genannt, als sei sein plötzliches Wachstum eine Sünde.
Das Geschrei der Händler stürmte von allen Seiten auf ihn ein. Das Latein und Französisch der wohlhabenderen Kaufleute war ihm vertraut. Hier und da erhob sich eine walisische Stimme über das vorherrschend englische Stimmengewirr. Brunin beherrschte auch ein paar Brocken der beiden letzten Sprachen - doch er achtete darauf, dass seine Großmutter ihn so nicht sprechen hörte, es sei denn, er legte es darauf an, sie zu ärgern.
Um die Tuchstände hatten sich ganze Trauben von Frauen versammelt, die beäugten und befingerten, diskutierten, begehrliche Blicke warfen und gelegentlich auch kauften. Brunins Mutter besaß ein seidenes Gewand in dem gleichen rotgolden schimmernden Ton wie der Stoff eines der Ballen, der über einen Warentisch gebreitet lag. Er hatte es in ihrer Kleidertruhe gesehen, doch sie trug es nur selten. Sie hatte ihm einmal mit ausdrucklosem Blick erzählt, dass es ihr Hochzeitskleid gewesen war.
Brunin blieb beim Karren eines Händlers stehen, um einen Wurf gescheckter Jagdhundwelpen zu streicheln. Der Mann hatte auch zwei winzige Hunde mit langem seidigem Fell im Angebot, um deren Hals bunte Bänder geschlungen waren. Ihr Kläffen gellte schrill in Brunins Ohren. Er versuchte, sich solche Schoßhündchen im Haushalt seines Vaters vorzustellen, und musste grinsen. Für FitzWarin gab es ausschließlich Jagdhunde, je größer, desto besser.
Während Brunin in Richtung des Rossmarkts schlenderte, dachte er darüber nach, ob er den Blick seines Vaters diesmal vielleicht auf ein geschecktes oder ein kohlschwarzes Pony lenken könnte - etwas anderes als die üblichen Füchse oder Braunen. Aber natürlich waren ungewöhnliche Farben auch teurer, und wenn der Preis zu hoch war, würde sein Vater sich seinem Ansinnen verschließen.
Der Weg zum Rossmarkt führte Brunin durch die breite Gasse, an der die Waffenschmiede ihre Stände aufgebaut hatten. Die funkelnden Schwertklingen, die Äxte, Dolche, Schilde, Kettenhemden, Helme und andere Stücke, die zur Ausrüstung eines Kriegers gehörten, fesselten seinen Blick und beflügelten seine Fantasie. Hier war ein Messer in einem Futteral aus geprägtem Leder, genau wie das, welches Mark an seiner Hüfte trug, und dort ein Schwert, dessen Griff mit rotem Leder umwickelt war und an dessen Klinge sich eine lateinische Inschrift hinabwand. Brunin konnte sich an all dem gar nicht satt sehen. Manchmal zog er das Schwert seines Vaters aus der Scheide und stellte sich vor, er sei der große Roland, der den Pass von Roncesvalles gegen die Ungläubigen verteidigte. Einmal hatte ihn seine Großmutter dabei ertappt und ihn verprügelt, weil er klebrige Fingerabdrücke auf dem polierten Stahl hinterlassen hatte. Von da an war er vorsichtiger gewesen - und in Erinnerung an ihre Worte wischte er das Schwert jedes Mal an seiner Tunika sauber, ehe er es wieder zurücklegte.
Ein Edelmann trat mit seinem Gefolge an den Stand, dessen Waffen Brunin gerade bewunderte, und begann, die Schwerter in Augenschein zu nehmen. Brunin sah zu, wie er die Klinge, die der Handwerker ihm reichte, in der Hand wog.
»Liegt gut in der Hand«, nickte der Edelmann. »Nur der Griff ist ein wenig kurz. Ich will im Kampf ja nicht meine Fingerkuppen verlieren.« Er schwang das Schwert prüfend durch die Luft, gefolgt von einem geschickten Streich in die Gegenrichtung, dann reichte er die Waffe herum, um die Meinung seiner Begleiter zu hören.
»Wenn die Klinge Euch zusagt, der Griff lässt sich ändern, Mylord«, sagte der Händler. »Ansonsten hätte ich noch das hier.« Er reichte ihm ein weiteres Schwert, diesmal in einer Scheide aus griffigem rosenfarbenem Leder.
Fasziniert rückte Brunin näher, doch im gleichen Moment wurde er auch schon von einem blonden Knappen aus dem Gefolge des Edelmannes zur Seite gestoßen. »Geh aus dem Weg, du Rotznase«, höhnte er. »Sieh zu, dass du zu deiner Amme kommst.«
Brunin schoss das Blut in die Wangen. Der Jüngling trug eine Tunika aus blutroter Wolle, und das Messer an seinem Gürtel war kaum kleiner als das von Mark. Seine Hand schwebte über dem Heft, als spielte er mit dem Gedanken, es zu ziehen. Brunin sah die angedeutete Drohung, und er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach.
»Dem hat es die Sprache verschlagen«, grinste ein jüngerer, blau gekleideter stämmiger Bursche. »Oder er ist Waliser und versteht uns gar nicht. Sieht aus wie ein Waliser, findest du nicht?«
Brunin reckte das Kinn in die Höhe. Jeder einzelne Muskel in seinem Körper spannte sich an, während er sich bemühte, sich nicht einschüchtern zu lassen. »I-ich bin kein Waliser«, sagte er.
Der Edelmann hielt in der Begutachtung des zweiten Schwerts inne und sah sich nach ihnen um. »Ernalt, Gerald, lasst den Jungen in Ruhe. Er kann gerne zuschauen, wenn er mag.« Seine Stimme klang freundlich. »Wie heißt du, Junge?«
Brunin rang um seine Haltung. »Fulke, Sir«, sagte er und nannte seinen offiziellen Geburtsnamen. »Fulke F-Fitz-Warin...«
Das Wohlwollen wich aus den Augen des Mannes. »Aus Whittington?«
»Ja, Sir.«
»Und wieso treibst du dich hier ganz allein auf dem Markt herum?«
»Ich warte auf meinen Vater«, antwortete Brunin.
Der Mann hob den Kopf und blickte sich um, als erwartete er, Brunins Vater in der Menge zu sehen. »Dann tust du vielleicht besser daran, nicht gerade in meiner Nähe zu warten«, sagte er. Seine Stimme hatte ihre Wärme verloren. »Wenn dein Vater mit seinen Ländereien genauso achtlos umgeht wie mit seinem Sohn, ist es gut möglich, dass er beides noch irgendwann verliert.« Dann wandte er Brunin ohne ein weiteres Wort den Rücken zu, gab dem Handwerker das Schwert zurück und begann mit ihm über den Preis zu verhandeln.
Brunin war verwirrt. Er konnte sich diesen plötzlichen Stimmungsumschwung nicht erklären, begriff aber immerhin so viel, dass seine Gegenwart nicht erwünscht war und dass dies etwas mit seinem Vater zu tun haben musste. Er wandte sich zum Gehen, doch plötzlich spürte er einen kräftigen Stoß im Rücken. Er stolperte, und als er sich überrascht umdrehte, sah er sich dem blonden Knappen und seinem Gefährten gegenüber.
»Weißt du, was mit einem jungen Fuchs passiert, der zu weit von seinem Bau entfernt herumstreunt?«, fragte der Blonde mit einer Stimme, die nicht mehr die eines Knaben, aber noch nicht die eines Mannes war. Er zückte sein Messer.
Brunin schluckte, und wieder brach ihm der Schweiß aus.
»Glaubst du, er hat Schiss?« Mit einem bösartigen Glitzern in den Augen versetzte der Stämmige der beiden Brunin einen weiteren Stoß.
»Natürlich hat er Schiss.«
»Hab ich n-nicht!«, widersprach Brunin. Etwas Seltsames ging mit seiner Blase vor sich, er hatte das Gefühl, als schnitte die Klinge des blonden Knappen mitten in sie hinein.
Der Jüngling tippte mit dem Daumen auf die Spitze seiner Waffe und ließ danach den Finger sachte über die Schneide gleiten. »Das solltest du aber«, sagte er. »Vielleicht schneide ich dir deinen kleinen Schwanz ab und schick dich mit einem Stummel zurück zu deinem Rudel. Was meinst du?« Er machte eine vielsagende Geste mit dem Dolch.
Brunin zuckte zurück. Er wusste, dass das nicht sehr mannhaft war, aber er konnte nicht anders. Er wünschte, er wäre zurück in ihrer Unterkunft, bei seiner Mutter, seinen Brüdern, ja sogar bei seiner Großmutter. Er wünschte, er wäre noch bei Mark und würde sich zu Tode langweilen.
Der blau gekleidete Knappe packte Brunins Arm. »Soll ich ihn festhalten?«
»Wenn du willst.«
Schreckliche Angst durchzuckte Brunin wie ein greller Blitz. Er zog seinen Fuß zurück, trat den Jungen, der ihn gefangen hielt, gegen das Schienbein, wand sich und biss in die Hand, die seinen Ellbogen umklammerte. Der Knappe schrie auf und ließ ihn los. Brunin machte, dass er wegkam. Flink und wendig wie ein Aal zwischen den Steinen, huschte er zwischen den Marktständen hindurch, aber auch seine Verfolger waren schnell, und sie waren zu zweit. Brunin stürzte auf den Stand zu, an dem er Mark, sein Bier schlürfend und mit dem Mädchen schäkernd, zurückgelassen hatte, doch zu seinem Entsetzen war der junge Sergeant seines Vaters nicht mehr zu sehen.
Über den Schanktisch hinweg funkelte das Mädchen den gehetzten, keuchenden Jungen wütend an. »Er ist losgezogen, um nach dir zu suchen.« Ihrem Tonfall merkte er an, wie zornig sie war, dass ihre Tändelei wegen ihm ein so abruptes Ende genommen hatte. »Da wirst du dich auf was gefasst machen dürfen.«
Das brauchte sie ihm nicht zu sagen. »Bitte...«, krächzte er, aber es war schon zu spät. Die beiden Knappen packten ihn rechts und links und hielten ihn fest. Als das Mädchen sie argwöhnisch musterte, nickte der Blonde in Richtung Brunin. »Ein kleiner Taugenichts«, sagte er. Beruhigt wandte sie sich ab und überließ Brunin seinem Schicksal.
Er bot jedes Gran Kraft auf, das sich in seinem schmächtigen Körper verbarg, doch gegen die beiden Halbwüchsigen konnte er nichts ausrichten. Ihre Finger drückten sich schmerzhaft in sein Fleisch, während sie ihn über das Marktgelände schleiften, und einer hatte seine Hand auf seinen Mund gepresst, um sein Kreischen zu ersticken. Als er erneut zu beißen versuchte, spürte er das kalte Brennen des Messers an seinem Hals. Eine plötzliche, beschämende Wärme strömte in seine Bruche und befleckte seine Beinlinge.
»Bei den Gebeinen unseres Herrn, diese Memme hat sich in die Hosen gepisst!«, johlte der stämmige Knappe.
Sein blonder Gefährte schnaubte. »Was erwartest du denn bei einem mit solchem Blut? Es ist ja ein Wunder, dass es rot ist und nicht gelb.« Er zeigte Brunin seine blutbefleckten Finger und strich dann damit über die Wange des Jungen.
»Ich wette eine halbe Mark, dass seine Leber so gelb ist wie Pisse, wenn du sie ihm herausschneidest.«
»Eine halbe Mark? Abgemacht.«
»Ihr da!« Die Stimme klang gebieterisch und streng. Durch einen Tränenschleier hindurch erkannte Brunin den dunklen Umriss eines Benediktinermönchs, der ihnen mit hoch vor der Brust verschränkten Armen und missbilligender Miene den Weg versperrte. »Was macht ihr mit dem Knaben?«
»Das geht Euch nichts an«, entgegnete der Ältere der beiden schnippisch.
Der Mönch zog eine seiner schmalen grauen Augenbrauen hoch. »Ach, meinst du?«, sagte er kühl. »Lasst ihn los und macht, dass ihr fortkommt.«
Die beiden hielten dem gebieterischen Blick nur kurz stand. An Draufgängertum mangelte es den Knappen beileibe nicht, aber sie waren immer noch halbwüchsige Burschen, keine erwachsenen Männer. Widerwillig kapitulierten sie vor der Autorität der Kirche, schubsten Brunin von sich, so dass er auf die Knie fiel, und stolzierten davon. In einiger Entfernung drehte der Blonde sich noch einmal um.
»Deine Leber gehört mir, Hosenscheißer!«, rief er. »Irgendwann komme ich und hole sie mir!«
Brunin starrte auf das staubbedeckte Gras wenige Zoll vor seinen Augen. Ein dunkler Blutstropfen fiel aus der Schnittwunde an seinem Hals, rann die Halme hinab und versickerte im Boden. Er konnte den Atem in seinem Brustkorb rasseln und mit einem heiseren Schluchzen aus seiner Kehle entweichen hören. Er fragte sich, ob er wohl sterben würde, und wünschte, er wäre bereits tot.
»Was hatte das zu bedeuten, mein Kind?« Der Mönch beugte sich hinab und half Brunin auf die Beine. »Was hast du getan, dass sie auf dich losgegangen sind?«
»Nichts«, schluckte Brunin mit zitternder Stimme und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. Ihm war übel, und seine Beine knickten ein wie die eines Fohlens.
»Ich verstehe.« Die Stimme des Mönchs klang ausdruckslos. Vorsichtig neigte er Brunins Kopf zur Seite, um den Schnitt zu begutachten. »Nur ein Kratzer«, sagte er, »aber die Geschichte hätte durchaus böse ausgehen können.« Er schnalzte mit der Zunge und sprach eher zu sich selbst als zu Brunin. »Jedes Jahr bringt uns der Markt neben den Einkünften auch solche bösen Händel, vor allem seit die Männer sich darum streiten, wer das Königreich regieren soll.« Er führte Brunin mit sanftem Druck auf die Abtei zu. »Komm, mein Kind, wir wollen sehen, ob wir eine Salbe für deinen Kratzer finden und einen Platz, wo du dich eine Weile hinsetzen kannst.« Er musterte ihn aufmerksam. »Wenn du kein Findling bist, was ich, deinem Gewand nach zu urteilen, nicht glaube, wird sicher schon jemand nach dir suchen.«
Fulke FitzWarin, Herr über die Burgen von Whittington und Alberbury und mehr als fünfzehn Lehen in den Grafschaften Shropshire, Staffordshire, Devonshire und Cambridgeshire, nahm einen Schluck Wein, rollte ihn prüfend im Mund herum und schluckte. Dann reichte er den Becher seinem Begleiter. »Was haltet Ihr davon?«
Joscelin de Dinan roch an dem Wein und setzte den Becher unter dem erwartungsvollen Blick des Händlers an die Lippen. »Nicht übel«, sagte er und wischte sich den Mund ab. Die Fältchen in seinen Augenwinkeln vertieften sich, als er lächelte. »Ich würde mich gewiss nicht beleidigt fühlen, wenn Ihr ihn mir kredenzen solltet.«
FitzWarin stieß ein belustigtes Grunzen aus. »Gut zu wissen, dass ich nicht meinen besten Wein anzubrechen brauche, um Euch zufrieden zu stellen.« Er winkte den Weinhändler mit erhobenem Zeigefinger heran. »Ich nehme dreißig Fässer davon. Den Preis kannst du mit meinem Haushofmeister aushandeln.« Er hielt den Becher unter den Zapfen des Fasses und füllte ihn erneut. Um sie herum wogte die Menge. An den Ständen der Weinhändler herrschte stets besonders reges Treiben, und am besten besuchte man sie so früh wie möglich, wenn die Auswahl noch groß war.
Es war schön, an diesem sonnigen Morgen draußen zu sein, während keine dringenderen Angelegenheiten auf die Männer warteten, als vergnüglich mit alten Freunden zu plaudern, den Weinvorrat aufzustocken und später den Rossmarkt und die Waffenstände zu erkunden.
»Euer Haushofmeister?« Joscelin zog die Augenbrauen hoch. »Nicht Eure Mutter?«
FitzWarin lachte und strich sich das dichte, braune Haar aus der Stirn. »Sie würde sicher ein Wörtchen mitreden wollen, aber einstweilen sind all ihre Gedanken auf den Kauf von Stoff und Geschmeide gerichtet. Manchmal gibt es einfach zu viele Dinge, um die sie sich kümmern zu müssen glaubt, als dass sie bei allem ihre Finger im Spiel haben könnte.« Unter den Kronvasallen der walisischen Lande genoss seine Mutter einen geradezu legendären Ruf. Viele behaupteten, manche sogar in seiner Gegenwart, dass Lady Mellette es mit jedem Drachen aufnehmen könne. Sie war schon fünfundsechzig, aber immer noch zäher als FitzWarins Gemahlin, die nicht einmal halb so viele Jahre zählte.
Die Männer kosteten noch an einigen anderen Weinen. Joscelin suchte nach einem weißen Rheinwein, und FitzWarin erstand ein Viertelfass süßen, starken Eisweins.
»Es gibt da etwas, um das ich Euch bitten wollte«, sagte FitzWarin, als sie in traulicher Stimmung von den Weinständen fortschlenderten. Seine Schritte waren fest, und er schwankte auch kein bisschen, aber er merkte, wie seine Zunge mit ihm durchgehen wollte. Joscelins Wangen waren mit einer dunklen Röte überzogen, die seine rauchgrauen Augen wie polierte Feuersteine glänzen ließ.
»Solange es sich nicht um meine Töchter handelt«, erwiderte Joscelin nur halb im Scherz. Er hatte zwei Stieftöchter und zwei Töchter von seinem eigen Fleisch und Blut, aber keinen Sohn, und so traten unablässig Männer an ihn heran, die es nach einem künftigen Anteil an der strategisch bedeutsamen Burg und dem wohlhabenden Städtchen Ludlow gelüstete.
»Nein.« FitzWarin schüttelte den Kopf. »Es geht um meinen Sohn... meinen Ältesten«, fügte er hinzu, denn er hatte nicht nur den einen. »Er sollte schon längst mit seiner Ausbildung begonnen haben. Der Junge ist jetzt zehn Jahre alt. Ich habe mich gefragt, ob Ihr...«
Joscelin zog die Augenbrauen hoch, denn normalerweise behielt ein Mann seinen Erben bei sich und nahm die Söhne anderer Männer als Gefährten für ihn in seinen Haushalt auf. Es waren die jüngeren Söhne, die in fremde Familien gegeben wurden, in der Hoffnung, dass sie durch Heirat oder als Ritter im Haushalt des Burgherrn einen Platz finden würden. »Ihr wollt ihn nicht in Whittington behalten?«
Sie blieben stehen, um eine Reihe von Packpferden durchzulassen. Glöckchen läuteten an ihrem Geschirr, und auf dem Rücken trugen sie Weidenkörbe voller Gürtel aus vergoldetem Leder, die wie ein Gewirr schimmernder Schlangen anmuteten.
FitzWarin seufzte und strich sich erneut das Haar aus der Stirn. »Nein«, sagte er. »Wenn es Ralf wäre oder Richard oder Warin, würde ich das tun, aber Brunin muss seine Flügel ausbreiten. Und ich kann mir keinen besseren Ort denken, an dem er seine Ausbildung erhalten könnte, als Ludlow... wenn Ihr ihn nehmen wollt.«
Joscelin blickte nachdenklich drein und versuchte, die Bedeutung von FitzWarins Worten zu ergründen. Er hegte keine Zweifel daran, dass Ralf, Richard und Warin sich als umgängliche Knaben erweisen würden, die sich leicht ins Mannesalter führen ließen. Doch ein Junge, der seine Flügel ausbreiten musste, verhieß eine größere Herausforderung zu werden. »Es ist keine geringe Verantwortung, den Erben eines Freundes aufzuziehen«, sagte er.
»Ich vertraue Euch.«
»Und Euch selbst vertraut Ihr nicht?«
FitzWarin warf ihm einen finsteren Blick zu. »Da ich nicht der Älteste war, wurde ich zur Ausbildung fortgeschickt. Das hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin... und es war eine glückliche Fügung, denn mein Bruder starb und ließ mich als Erben zurück. Brunin ist wie ich. In einem fremden Haushalt wird er eher die Möglichkeit haben, sich zu entfalten, und es wäre mir sehr lieb, wenn dieser Haushalt der Eure sein könnte.«
Joscelin runzelte die Stirn. »Habt Ihr darüber schon mit Eurer Gemahlin gesprochen?«
»Eve wird tun, was ich sage, und um meine Mutter werde ich mich schon kümmern«, erwiderte FitzWarin brüsk.
Joscelin dachte an sein eigenes behagliches Zuhause, und er wusste, dass er trotz Eve FitzWarins großer Schönheit nicht eine Minute lang mit seinem Freund tauschen wollte.
»Ich will Brunin ein neues Pony kaufen«, fuhr FitzWarin in unbeschwerterem Ton fort. »Mark führt ihn gerade ein wenig auf dem Markt herum, aber wir treffen uns zur Sext auf dem Rossmarkt. Wenn Ihr den Jungen sehen wollt, könnt Ihr Euch uns gerne anschließen.«
»Damit ich ihm ins Maul schauen kann, als wäre er ein Hengstfohlen, das zum Verkauf steht?«
Joscelins Sarkasmus war an FitzWarin verschenkt. »Nun ja, wenn Ihr es so seht... Kein Mensch kauft ein Pferd, ohne es sich vorher genau anzusehen.«
Joscelin blieb eine Antwort erspart, als ein junger Mann mit besorgter Miene von den Garküchen her auf sie zuhastete. Er trug das gesteppte Wams eines Kriegers, und seine linke Hand ruhte auf dem Heft eines langen Jagdmessers.
»Mark?« FitzWarins Lippen wurden schmal. »Wo ist Brunin?«
Respektvoll senkte der junge Mann den Kopf. »Ich weiß es nicht, Mylord«, antwortete er bekümmert.
Der Blick, den FitzWarin ihm zuwarf, hätte Stahl zerschneiden können. »Du weißt es nicht?«
Der Sergeant fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Wir wurden durch die Menschenmenge getrennt, Mylord. Ich war gerade auf dem Weg zum Rossmarkt, um nachzusehen, ob er dort ist. Er weiß, dass wir uns dort treffen wollen, und ich dachte...«
»Wie in Gottes Namen konntet ihr getrennt werden?« FitzWarins Stimme verhieß nichts Gutes für seinen Sergeanten.
»Ich... Gerade war er noch da, und im nächsten Moment war er schon verschwunden.«
»Wo war er?«, fragte Joscelin. »Wo genau hast du ihn verloren? Bei welchem Stand?«
Der Sergeant zuckte zusammen. »Bei einer der Garküchen, Mylord.«
FitzWarins Augen blitzten drohend auf. »Ich vermute, du hast gesoffen und dir den Wanst voll geschlagen, statt auf den Jungen aufzupassen.«
»Ich habe nur für einen einzigen Moment weggesehen, das schwöre ich.«
»Und das war schon zu viel, wie du merkst!« FitzWarin hieb mit der geballten Faust durch die Luft. »Aber dafür habe ich jetzt keine Zeit; ich werde mich später mit dir befassen. Zuallererst müssen wir meinen Sohn finden.«
Joscelin räusperte sich. »Euer Sergeant hat sicher Recht, und der Junge wird zum Rossmarkt gehen. So viel Verstand wird er ja wohl haben.«
FitzWarin sah Mark finster an. »Ja«, knurrte er. »Er hat genug Verstand, wenn er sich dazu entschließt, ihn zu gebrauchen... auf jeden Fall mehr als dieser Schafskopf hier.«
Die Männer machten sich auf den Weg durch die Marktstände. FitzWarin schickte Mark fort, um die anderen Ritter und Sergeanten aus seinem Gefolge zu holen, damit sie sich an der Suche beteiligten. »Aber scheuch mir ja nicht die Frauen auf«, befahl er. »Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist ein Aufruhr im Hühnerstall.«
FitzWarin und Joscelin gingen auf direktem Weg zum Rossmarkt, doch obwohl es dort unzählige Jungen gab, die Pferde am Zügel hielten und den Pferdeknechten halfen, war von dem Gesuchten weit und breit nichts zu sehen. Die kleine Hand schützend in einer von harter Arbeit schwieligen Faust geborgen, ging ein Sohn neben seinem Vater her an den Männern vorbei. Die beiden blieben Seite an Seite stehen, um ein wohlgenährtes, scheckiges Pony in Augenschein zu nehmen. FitzWarin sah das eifrige, auf den Vater gerichtete Gesicht des Kindes und dann auf dessen nachsichtiges Lächeln, und er wusste, dass Gott ihn strafte. »Wenn Brunin auch nur das Geringste zugestoßen ist, werde ich in Zukunft meine Beinlinge mit den Gedärmen meines Sergeanten schnüren«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Joscelins erste Regung war, ihn mit der Versicherung zu beruhigen, dass der Junge gewiss unversehrt war und wieder auftauchen würde, doch er biss sich auf die Zunge. Wenn eine seiner Töchter in dieser Menschenflut verloren gegangen wäre, wäre er sicher weniger zuversichtlich. Wohlweislich sagte er daher gar nichts und konzentrierte sich ganz auf die Suche.
Mark und die anderen Soldaten suchten das Ufer des Severn ab, wo die flachen Kähne der Kaufleute an ihren Vertäuungen auf dem Wasser schaukelten, doch sie fanden keine Spur von Brunin, und niemand hatte den Jungen gesehen. Obwohl der Fluss so harmlos aussah, war er tückisch und ein Kind, das ins Wasser fiel, würde rasch in seinen Tiefen verschwinden. Mühlgraben, Bach und Teich wurden ebenfalls abgesucht, aber auch dort war keine Spur von dem Jungen. FitzWarin war zusammen mit Joscelin über den ganzen Markt gelaufen, und seine Nerven lagen mittlerweile bloß, als plötzlich ein junger Mönch auf sie zutrat.
»Mylords, ich habe gehört, dass Ihr nach einem verloren gegangenen Kind sucht?«
FitzWarins Augen leuchteten auf. »Gott sei gepriesen, habt Ihr ihn gefunden?«
»Ja, Mylord. Er ist bei Bruder Anselm im Pförtnerhaus.« Der Mönch deutete hinter sich auf ein niedriges steinernes Gebäude neben dem Haupteingang der Abtei.
FitzWarin ging mit schnellen Schritten darauf zu und legte eine Hand auf seine Schwertscheide, um sie ruhig zu halten. Joscelin eilte neben ihm her. »Wenn er bei den Mönchen Hilfe gesucht hat, zeugt das auch von Verstand«, sagte er.
FitzWarin knurrte. »Verstand hätte er bewiesen, wenn er bei meinem Sergeanten geblieben wäre«, schimpfte er. »Dafür werde ich den beiden noch das Fell über die Ohren ziehen.«
Auf einer Bank vor dem Pförtnerhaus saß ein gedrungener Mönch mittleren Alters und tätschelte einem kläglich dreinblickenden Kind beruhigend die Schulter. Tränenspuren zogen sich über die Wangen des Jungen, seine dunklen Augen waren glasig und verschreckt. Auf einer Wange hatte er Flecken, die wie blutige Fingerabdrücke aussahen, und ein Schnitt an seinem Hals war mit einer gelben Salbe bestrichen worden. Auf den Innenseiten seiner Beinlinge prangte ein verräterischer Fleck.
FitzWarin blieb abrupt stehen. Seine Augen weiteten sich. »In Dreiteufelsnamen, Brunin!«
Der Mönch zog seine Hand zurück und stand auf. Wenn er sich durch diese Blasphemie auf Gottes eigenem Boden irritiert fühlte, ließ er sich davon nichts anmerken. »Gehört dieser Junge zu Euch, Mylord?«
»Er ist mein Sohn«, erwiderte FitzWarin scharf. »Was ist mit ihm geschehen?« Mit großen Schritten ging er auf die Bank zu, beugte sich zu Brunin hinab und drehte seinen Kopf, so dass er die Wunde besser sehen konnte. »Wer war das?«
Die Miene des Jungen war vollkommen ausdruckslos. FitzWarin kannte diesen Blick. Welchen Schmerz Brunin auch immer hatte erdulden müssen, er hatte ihn in sein Inneres gesperrt, wo er sich schweigend von ihm nährte und der Schmerz sich von ihm.
»Ein paar ältere Burschen haben ihre Scherze mit ihm getrieben, die allerdings immer weniger komisch wurden«, sagte der Mönch. »Ich ging dazwischen und brachte ihn ins Pförtnerhaus. Als ich von einem meiner Brüder hörte, dass jemand nach einem Kind suchte, sandte ich Bruder Simon aus, um Eure Schritte hierher zu lenken.« Er deutete auf den Jungen. »Es hat ihn mitgenommen, aber er hat keine ernsthaften Verletzungen davongetragen.«
FitzWarin wandte sich an Brunin. »Würdest du die Burschen wiedererkennen?«, fragte er und presste die Kiefer zusammen, als er sah, wie blankes Entsetzen in den Augen seines Sohnes aufleuchtete. »Also, würdest du?« Er konnte nichts dagegen tun, dass er immer lauter sprach.
»Ja, Sir«. Brunin schluckte.
FitzWarin zog ihn mit einem Ruck auf die Beine. »Dann lass uns gehen und sie suchen, und dann werden wir ja sehen, ob ihnen der Spaß nicht vergeht, wenn sie meine Klinge zu spüren bekommen.«

Autorenportrait:

Elizabeth Chadwick lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Nottingham. Sie hat inzwischen 15 historische Romane geschrieben, die allesamt im Mittelalter spielen. Vieles von ihrem Wissen über diese Epoche resultiert aus ihren Recherchen als Mitglied

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