Sinan war schon früh ein ungewöhnliches Kind, das andere Leute ebenso wie uns in Erstaunen versetzen konnte. Er hatte lernen müssen zu überleben, als er als Notgeburt zur Welt gekommen war und im Alter von nur fünf Monaten an einer Darminvagination, er nennt es Darmverwuselung, schwer erkrankte und als Notfall operiert werden musste. Wir haben weder mit ihm noch mit Pascal in dieser merkwürdigen Babysprache gesprochen, wie es manche Eltern machen. Wenn wir ihm etwas verbieten mussten, weil es nicht erlaubt sein konnte oder zu gefährlich war, bekam er von uns nicht alleine das bloße Verbot um die Ohren gehauen, sondern auch die Begründung, die dazu geführt hat, gleich mitgeliefert. Erstaunen erreichte er durch seine besondere Merkfähigkeit und seine sprachliche Ausdrucksfähigkeit. Regeln im Zusammenleben oder Zusammensein konnte er gut akzeptieren. Wenn ihm jedoch etwas nicht einleuchtend und logisch erschien, stellte er Regeln in Frage, was besonders in der Anfangszeit im Kindergarten für Erstaunen und Belustigung sorgte, wenn er als wirklich kleiner Junge anfing zu argumentieren.
Sarah und ich haben uns früh dafür entschieden, aus Sinan einen kritischen und in ausgewogenen Maßen selbstbewussten Jungen zu machen. Wunderbar war, dass wir beide selbst unausgesprochen in Erziehungsfragen die gleiche Sprache sprachen und es dadurch nicht zu Problemen, Verunsicherungen oder Austrick-Spielchen kommen konnte. So ist es bis heute, auch wenn wir eine ganz neue Form der Verunsicherung kennen lernen mussten.
Sinan gehörte schon immer zu den bewegungsfreudigen Kindern. Wenn wir ihn früher im Kinderwagen oder Buggy durch die Gegend, durch den Wald oder die Stadt schoben, ertönte bald sein typischer Satz: „Aussteigen! Will laufen!“
Pascal ist da ganz anders. Wenn Sarah und ich uns vorstellen, wie die Jungs im erwachsenen Alter sein werden, dann haben wir die Vorstellung, dass Pascal im Urlaub nur All-inklusive bucht und gar nicht aus der Urlaubsanlage herauskommt, während Sinan sich mit Wasser-Ski, Drachenfliegen und Wanderungen durch historische Sehenswürdigkeiten bei Laune hält.
Ich weiß und fühle, wie sehr ich meine beiden Jungs liebe. Liebe ist für mich aber nicht gleichbedeutend mit Verblendung. Ich bin ein strenger Vater, der es sicher manchmal zu genau nimmt. Es fällt mir schwer, einfach mal die Augen und Ohren vor Dingen zu verschließen, die mir nicht gefallen. So wird beispielsweise jedes ausgesprochene Schimpfwort von mir kommentiert. Trotzdem weiß ich genau, dass ich meine Kinder nicht in Watte packen kann. Ich lege schlicht und einfach großen Wert darauf, wie wir in unserer Familie miteinander umgehen.
Als sich der Sommer verabschiedete und es langsam herbstlicher wurde, mussten wir an Sinan beobachten, dass er unzufriedener, unglücklicher, reizbarer und streitbarer wurde. Leider schrillten an diesem Punkt noch immer nicht unsere Alarmglocken. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mich mit Sarah besprach und wir übereinstimmend feststellten, dass Sinan wohl an einem Punkt angekommen war, an dem er gemerkt hatte, dass die Schule doch kein Zuckerschlecken und ganz und gar nicht mit seinem Leben in der Kindergartenzeit zu vergleichen war. Da hätten wir merken können, dass etwas nicht in Ordnung war. Doch richtig gemerkt haben wir es nicht und bloß an das Nahe liegende gedacht.
Später, als wir längst alles wussten, erinnerte sich Sinan oft selbst: „Wie schön war es doch, als ich noch im Kindergarten war. Da hatte ich keine Probleme.“
Auf der anderen Seite gab es keinen einzigen Morgen, an dem sich Sinan geweigert hat, zur Schule zu gehen. Er ging gerne und die Erforschung seiner Möglichkeiten, die sich ihm durch Lesen, Schreiben und Rechnen erschlossen, schienen ihm Freude zu bereiten.
Nach nur wenigen Wochen kamen die Herbstferien und Sinan genoss die freie Zeit, spielte über lange Zeit des Tages mit seinem kleinen Bruder Pascal, den er liebt, wie sich Brüder eben lieben können und fand große Freude daran. Da war er wieder richtiggehend entspannt. Diese Ferien waren eine sehr schöne Zeit. Unser Kind war umgänglich, zugänglich und voll sprudelnder Ideen.Inhaltsverzeichnis:
Vorwort 7
Die schärfste Waffe 8
Am Anfang 12
Nestbau 15
Die Notoperation 20
Als noch alles gut war 26
Es fing ganz harmlos an 29
Der große Tag 31
Die erste Zeit in der Schule 36
Bewegung in der Adoptionssache 39
Die Adoption ist durch 41
Familie Brodersen 43
Schläge im Religionsunterricht 46
Das Arschloch der Woche 49
Das erste Gespräch 52
Mein Irrtum 55
Auf Spurensuche 57
Vom elterlichen Alleinsein 59
Der erste Bericht 61
Unser Zappelphillip 64
Regeln 68
Die Wahl der Waffen 72
Sinan ein Soziopath? 74
Die Weihnachtsaufführung 78
Das Secondhand-Kind 81
Hilfe in einer Klinik 84
Balsam für die Seele 95
Brettergymnasium 102
Ein Wochenende mit Sinan 109
Es geht noch etwas 114
Wenn es nicht so traurig wäre 118
Offener Streit 121
Das Gespräch mit der Knäckebrot-Frau 125
Das Gutachten 131
Unsere Auseinandersetzungen 136
Sinan nimmt inneren Abschied 139
Selber Schuld 141
Der kleine Kämpfer 146
Ritalin, Zappelin und die Wissenschaft 149
Kreide im Mund 157
Dreck am Fenster 163
Sinan ein KISS-Kind? 168
Aus der Trickkiste einer Lehrerin 175
Dem Pfarrer sei Dank 178
Klaus Brodersen
Die Schülerhasserin
„Vor der Einschulung hatte ich ein glückliches Kind. Dann wurde er ein sehr trauriges und depressives Kind.“ So beschreibt Klaus Brodersen die Situation seines Sohnes nach nur wenigen Wochen Besuch der Sonnenblumen-Grundschule. Brodersen und seine Frau Sarah gerieten mit ihrem sieben Jahre alten Sohn Sinan bereits in der ersten Klasse an einer städtischen Gemeinschaftsgrundschule an die Grenzen des öffentlichen Schulsystems.
Sinan hatte von Anfang an Schwierigkeiten in der Schule. Dieser Umstand erstaunte jeden, der das Kind kannte. Sogar vom Kindergarten hatte der Junge die besten Beurteilungen für einen erfolgreichen Schulbesuch bekommen. Die Eheleute fanden sich in einer schwierigen Auseinandersetzung wieder und wollten sich nicht alles gefallen lassen. Klaus Brodersen beschreibt die nervenaufreibende Situation für die Familie, die schwierigen Gespräche mit der Klassenlehrerin und berichtet über die massiven negativen Veränderungen im Verhalten seines Sohnes. Sinan sollte aus Sicht der Klassenlehrerin auf die Sonderschule eingeschult werden. Es manifestierte sich bei Brodersen der Eindruck, dass die Klassenlehrerin, Frau Döselig, schnell an ihre pädagogischen Grenzen geriet und sich hinter dem Argument „Das kann Schule nicht leisten“ versteckte. Brodersen begann für seinen Sohn zu kämpfen.
In diesem Buch schildert er seine Erfahrungen in einer deutlichen Sprache. Es liegt in seiner Absicht zu provozieren. Er will die Fehler der Lehrer ans Tageslicht bringen und kritisiert deren Arroganz. Der Weg führte die Familie sogar in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Brodersens wollten herausfinden, was mit ihrem Sohn wirklich los war. Sie spürten, dass ihr Sohn eine besondere Förderung brauchte, wollten aber vermeiden, dass Sinan abgeschoben, verwahrt und stigmatisiert werden würde.
Im Gegensatz zu anderen Autoren ähnlicher Veröffentlichungen pauschalisiert Brodersen in diesem Buch nicht, sondern beschreibt die exemplarischen Gemeinheiten einer Schülerhasserin.