Leseprobe:
Der alte Mann kam erst aus dem Haus geschlurft, als der Hund sich schon heiser gekläfft hatte. Doch Lies hatte weder den Mut gehabt, an ihm vorbei zur Haustür zu gehen, noch laut zu rufen. Dabei war es nur einer dieser behaarten Spitze, die hier in Island jeder zu halten schien – klein, rund, unglaublich schnell und alles ankläffend, was sich bewegte.
Lies seufzte. Also doch jemand da. Der Typ, der sie von Egilstaðir aus freundlicherweise in diese grässliche, ostisländische Einöde gefahren hatte, hatte nicht mehr als drei Worte verloren, als sie ausgestiegen war, sie hatten Ähnlichkeit mit »Nice stay« gehabt. Koffer raus, Tür zu, Abfahrt. Selbst die Staubwolke, die sein Pick-up hinterließ, hatte sich hastig aufgelöst. Merkwürdig. Aber nun war der Hausherr ja da. Mutig nahm sie ihren Koffer und ging auf ihn zu.
Der Spitz sprang kläffend an ihr hoch – ein energisches Brummen des Besitzers, und der Hund ließ ab von ihr und kroch geduckt auf einen alten Teppich neben der Tür.
»Hallo – hæ. Goðan daginn«, versuchte Lies ihr Glück mit den wenigen isländischen Wörtern, die sie aus dem Reiseführer behalten hatte. ›Den Rest lernst du schon von selber‹, hatte ihre Freundin gesagt.
Ha. Guter Witz.
Denn das, was aus dem Munde des Alten kam, klang eher wie ein unappetitliches Schmatzgeräusch denn wie Worte einer europäischen Sprache, zudem alles andere als willkommen heißend. Vielleicht war der doch nicht der Hofbesitzer? Oder sie war am falschen Hof abgesetzt worden? Fast wünschte sie sich das, wenn sie sich heimlich umschaute … Dann sagte ihr ein Gefühl, dass sie hier richtig war und dass es dem Schicksal wohl gefiel, ihr diese Prüfung abzuverlangen. Die Gegend sah nämlich nicht so aus, als gäbe es hier noch mehr Höfe.
Und so blieben sie voreinander stehen, ohne zu verstehen, was einer dem anderen sagen wollte. Der Alte musterte sie finster. Buschige graue Brauen wucherten über seinen wassergrauen Augen, die sie flink musterten und zwischen hunderten von Falten und Krähenfüßen zu verschwinden schienen. Ab und zu leckte er sich die Lippen, dann bemerkte sie seine furchtbar aussehenden Zähne. Die knollige Nase dominierte das Gesicht und erzählte von vergangenem Alkoholgenuss. So, wie er jetzt da stand, roch sie nichts. Dafür eine Mixtur aus Dutzenden anderer Gerüche, die verrieten, dass auf dem Hof Gunnarsstaðir nicht allzu viel Zeit auf Kleiderwaschen verschwendet wurde.
Das also war ihr Arbeitgeber für die nächsten Monate. Herzlichen Glückwunsch.
Was für eine Schwachsinnsidee.
Als hätte er ihre Gedanken gehört, drehte er sich ruckartig um, schwankte erst, dann fing er sich und humpelte zum Haus. Ein Bein war länger als das andere, die Hüfte verwachsen. Die schlabbrige Hose wurde von einem Hosenträger gehalten, und der Wind spielte an dem zu weiten Hemd, das rechts über den Hosenbund heraushing. Sicher war er früher mal ein stattlicher Kerl gewesen, breite Schultern und kräftige Arme hatte er immer noch. An der Haustür, die sich leise quietschend in den Angeln wiegte, drehte er kurz den Kopf und machte eine Bewegung – komm mit. Der Spitz blieb liegen, wo er hinbefohlen worden war, doch schwarze Äuglein überwachten jeden einzelnen von Lies’ Schritten, den sie aufs Haus zuging. An der Haustür drehte sie sich noch einmal um.
Braun und gleichgültig, mit langen weißen Schneetränen erhoben sich die faltigen Berge des Tales über ihr, und gleichgültig gurgelte der Gletscherfluss, den sie vom Auto aus gesehen hatte, weiter hinten vor sich hin. Gleichgültig wehte der ewige Wind – wer bist du, was willst du, was geht’s dich an –, blies ihre Haare stur in eine Richtung. Eine Schwalbe zerschnitt den Luftraum, schwang sich mit kühnem Bogen vor ihr in die Luft – hier bist du nun, hier bleibst du auch. Hier bleibst du, wirst schon sehen.
Was für eine Schwachsinnsidee.
Lies schluckte. Sie nahm allen Mut zusammen und machte den letzten Schritt auf das Dunkel des Hauseinganges von Gunnarsstaðir zu.
»Mach doch mal was ganz anderes«, hatte ihre Freundin Silke gesagt. »Nimm unbezahlten Urlaub und mach mal was ganz anderes.« Diese Idee an sich war ja nicht schlecht gewesen. Was sie jedoch dazu gebracht hatte, ausgerechnet Silkes Vorschlag in die Tat umzusetzen und für ein paar Monate auf einem Bauernhof in Island zu arbeiten, das wusste Lies nicht mehr. Was in aller Welt macht man Anfang April in Island?
Naja, irgendwie war in letzter Zeit alles so unerfreulich gewesen, vom ersten Tag des neuen Jahres an. Blöder Ärger mit den Eltern – weswegen eigentlich? Dann die Mieterhöhung. Kurz darauf ein Wasserrohrbruch, tagelang Gestank in der Bude, der neue Teppichboden fraß die Ersparnisse auf, die Versicherung stellte sich taub. Dann musste die Katze eingeschläfert werden. Und Thomas verkündete, dass er sich anderweitig verliebt hatte und packte seine Sachen. ›Anderweitig‹ war ausgerechnet ihre Freundin Sandra gewesen, und bei ihr war er dann auch gleich eingezogen. Leider sah man sich allwöchentlich beim Judotraining, weswegen Lies schon bald keine Lust mehr auf ihren geliebten Sport hatte und lieber zu Hause vor dem Fernsehen dahindämmerte. Und schließlich der ganze verdammte Ärger im Job. Der Job. Ja, das war vielleicht das Schlimmste von allem.
Sie wusste nur noch, dass sie dringend weggewollt hatte und dass ihr da alles recht gewesen war. Weg von allem, insbesondere aber weg von diesem staubigen, schmierigen Sechziger-Jahre-Schreibtisch im Finanzamt, weg vom allmorgendlichen Magendrücken, wenn sie die schwere Tür des Betonklotzhauses in der Seitenstraße aufstieß und sich sofort wie in einem Tresorraum eingesperrt gefühlt hatte. Weg von den staubigen Akten voller Schicksale, die zu lenken ihr Job war und die sie nach Auffassung ihres Abteilungsleiters viel zu großzügig und unökonomisch behandelte. Weg vom schalen Bürokaffee und altem Zigarettenqualm im überheizten Klo, in dem ganzjährig das Fenster aufstand, Heizöl auf Steuerzahlerkosten vergeudet wurde, weil die Thermostate kaputt waren, und wo man sich im Winter trotzdem den Hintern abfror. Weg von den Strickmusterdiskussionen der Kolleginnen, von billigen Pralinen, die Sodbrennen verursachten, und von irgendwelchen Frauenzeitschriften in Schreibtischschubladen, wenn man Klebeband suchte.
Weg von dieser Stimme, die sie im Schlaf verfolgte, näselnd, penetrant und mit ewig zu trockenem Mund. »So geht es nicht, Frau Odenthal, so läuft das nicht. Ich werde Ihre gesamten Akten prüfen lassen, und dann können Sie sich auf was gefasst machen.«
Arnold Packbiers Augen hatten unternehmungslustig geglitzert, während er die zuletzt geprüfte Stichprobe mit Verve auf ihren Schreibtisch pfefferte. Der Abteilungsleiter war bekannt dafür, dass er wie ein einmal geweckter Terrier keine Ruhe mehr gab. Und ihr Büro lag nur zwei Zimmer weiter, da war die Chance groß, ungewollt seine Aufmerksamkeit zu erregen.
»Wir sind hier nicht die Wohlfahrt, wir sind Steuereintreiber, Frau Odenthal. Wir treiben Steuern ein, bei Leuten, die ordentlich Steuern zahlen sollen und das aber nicht wollen. Wir sind dazu da, dem Betrug des Bürgers auf die Spur zu kommen, und nicht, Wohltaten zu verteilen. Wenn Sie wohltätig sein wollen, Frau Odenthal, dann gehen Sie zur Caritas.« Dann hatte er auf ihrem Schreibtisch nach weiteren Akten gewühlt und sich drei aus dem Haufen in der Ablage genommen. »Ich werde jetzt mal weiterschauen, was Sie hier eigentlich so produzieren.« Damit war er aufrecht und triumphierend wie ein General abgezogen.
Und Lies hatte sich kurzentschlossen krankgemeldet.
»Island. Was soll ich bitte in Island?«, hatte sie Tage später gefragt, als Silke ihr das Jobangebot auf den Küchentisch gelegt hatte.
»Naaa –«, und Silkes Blick war geheimnisvoll geworden. »Fahr hin und schau’s dir an. Island ist anders. Wer einmal dort war, will immer wieder hin.« Und sie hatte ihr ein Foto dagelassen. Dieses Foto hatte Lies unzählige Abende vor dem Lichtausknipsen betrachtet, bis Fettflecken den Glanz des Fotopapiers zerstörten und die Ecken Eselsohren bekamen, und sie war mit dem Bild vor Augen eingeschlafen. Ein kleines rotes Haus auf einer Klippe, inmitten einer Wiese voller weißer Wollblumen. Wollblumen gab es hier nicht, sie hatte noch nie welche gesehen. Das blaue Blechdach passte zum sanften Blau des Himmels und erwiderte die Farbe des Meeres unterhalb der Klippe. Eine karge Felseninsel rundete das Ganze im Hintergrund ab.
Das Bild hatte sie die nächsten Tage verfolgt. Rotes Haus, blaues Dach. Klippe. Rotes Haus.
»Sag ich doch«, hatte Silke beim nächsten Treffen gesagt. »Alle paar Kilometer steht so ein putziges Haus.« Hatte grinsend ihre Reithose zusammengerollt und sie in den Beutel gesteckt. Lies mochte nämlich den Pferdegeruch nicht in ihrer Wohnung haben.
»Fahr hin und komm auf andere Gedanken.«
Andere Gedanken.
Weg aus der staubigen Wohnung an der Hauptverkehrsstraße und vom nebelig kalten Deutschlandwetter, weg von Axels nervenden Anrufen, von seiner aufdringlichen Verehrerschaft. Dabei war klar, was er wollte, und seine Höflichkeit ging ihr auf den Geist – sie hatte noch an Thomas’ Untreue zu knabbern und erst mal keinen Bock auf eine neue Beziehung. Weg von Packbier. Von den Akten, mit denen sie nicht weiterkam, wo sie Anträge nicht verstand und nicht zu fragen wagte, und von dem Riesenstapel, bei dem es ihr so leid tat, die errechneten Forderungen auszudrucken, weil sie wusste, was Briefe vom Finanzamt für so manche Familien bedeuteten, und den sie daher Tag für Tag von rechts nach links schob und ihn vor Packbier versteckte.
Und immer wieder Packbier, dessen Aktenprüfung wie ein Mühlstein auf ihrem Herzen lastete und zunehmend Düsternis verbreitete …
War weglaufen eine Lösung dringlicher Probleme?
Es war durchaus eine Lösung, hatte sie eines Abends entschieden.
Keine elegante, aber eine Lösung, mit der sich erst mal wieder schlafen ließ, ohne schweißgebadet wachzuwerden, mit Herzrasen und Angstattacken und Appetitlosigkeit, selbst wenn Silke Lammfilets mit Rosmarin für sie beide gebraten hatte.
Und so hatte sie eine Woche später unbezahlten Urlaub eingereicht, Arbeitsbefreiung für 12 Monate beantragt und spät in der Nacht geradezu beschwingt auf die Return-Taste ihres PCs gedrückt und die Online-Buchung für einen Hinflug am fünften April nach Island bestätigt. Jemand aus Silkes weitläufigem isländischen Bekanntenkreis hatte ihr dort eine Arbeitsstelle beschafft und würde ihr langweiliges, überschaubares Leben damit für eine Zeit unterbrechen.
Nach dem Tastendruck saß sie noch eine Weile still auf dem Kissen.
Nun hatte sie den Sprung gewagt. Los. Obwohl sie noch nie in Island gewesen war, keinen Isländer kannte, die Sprache noch viel weniger, und auch über das Land nicht viel mehr wusste, als dass es dort große Kälte und gefährliche Vulkane gab, und Schafe und diese merkwürdigen Ponys, von denen Silke gleich drei besaß, weil sich eins allein ja langweilte. Alkohol war teuer, Gemüse wuchs dort nicht, und die Einwohner waren schweigsam. Nun, Letzteres musste nichts Schlechtes bedeuten.
Vielleicht waren es die Vulkane, die ihre Entscheidung beeinflussten. Was war ein Vulkan gegen einen mit Akten bewaffneten Packbier? Beide machten Lärm und Ärger, beide störten den Alltag, beide hatten Einfluss auf ihr Wohlbefinden. Der Vulkan brach nur alle Jubeljahre mal aus, Packbier hingegen beinahe täglich. Ziemlich schräger Vergleich …
Die kleine Wohnung war schnell vermietet, Möbel und Krempel besaß sie eh nicht viel, Silke half ihr, die Sachen auf dem Hof ihrer Eltern unterzubringen. Die letzte Woche wohnte sie bei Silke, und so langsam, ganz langsam, stellte sich so was wie Nervosität ein. All die Wochen war es nichts als ein Plan gewesen. Jetzt gab es nur noch ihre Koffer, das Flugticket und Silke, die ihr so viel wie möglich über die kalte Insel zu erzählen versuchte. Manchmal hörte Lies hin, meistens jedoch hing sie ihren Gedanken nach …
Zwei Tage vor dem Abflug war dann der Anruf gekommen, die Familie in Island habe die bestellte Haushaltshilfe leider abgesagt, sie müsse sich aber keine Sorgen machen und könne ruhig den Flieger besteigen, man habe bereits einen anderen Arbeitgeber für sie gefunden. Lies hatte kurz vorm Durchdrehen gestanden – so kurz vor dem Ziel sollte alles über den Haufen geworfen werden?!
»Mach dich nicht verrückt«, hatte Silke versucht, sie zu trösten, während sie am Flughafen einen Parkplatz suchte. »Wird bestimmt lustig. Wer weiß, wen du kennenlernst.« Schwungvoll hatte sie ihr Auto an der Parkbucht zum Stehen gebracht. »Guck mal – das hier stand heute Morgen in der Zeitung. Ich hab’s dir ausgeschnitten.« Und sie hatte ihr lächelnd einen kleinen Zeitungsausschnitt gereicht.
Im Flugzeug hatte Lies ihn ausgepackt.
»Es ist drei Uhr in der Frühe. Ein letztes Mal steigen wir, die Arme voll duftendem Heu, über den Mittelgang, wo sich die Schafe nach dem Futter recken. Die Stimmen der Mutterschafe mischen sich mit dem Quäken der Lämmer – Hunger, schneller! Kurz darauf wohliges Schmausen, hier und da ein leises ›Bäh‹, Ruhe im Stall. Ich nehme eins der Wollknäuel auf den Arm. Es riecht wie ein Baby, süßlich nach Milch, und die feine Flaumwolle streichelt sanft meine Wange. Durch die offene Tür zieht kühle Luft in den Schafstall. Aufmerksam sitzt der Bordercollie neben der Isländerin. Auf ein Wort hin läuft er los, lautlos und blitzschnell auf die trächtigen Schafe zu, um sie in den Stall zu treiben. Wie ein schwarzer Schatten kreist er um die Herde; kurz darauf drängeln sie im Futtergang aufgeregt um das Heu herum. Derweil schwankt vorne in der Box das neugeborene Lämmchen auf seinen staksigen Beinen. Emsig leckt die Mutter sein lockiges Fell, sein erstes Bähen verzaubert mein Herz. Die Isländerin strahlt mich an. ›Ich liebe das‹, sagt sie leise. ›Verstehst du jetzt?‹
Wir löschen das Licht und verriegeln den Stall. Die Sonne ist nicht untergegangen, das tut sie im Mai hier in Ostisland nicht mehr. Sie ruht gegen Mitternacht nur kurz aus, dann strahlt sie gleich wieder vom Himmel, und meine Müdigkeit verfliegt, als die frische Morgenluft mein Haar verwirbelt. Langsam gehe ich auf mein Ferienhaus zu. Die kahlen Berge beiderseits der Jökulsá á Brú nicken majestätisch ›Guten Morgen‹, Schwalben flitzen lautlos vor mir her, es duftet nach neuem Gras – dieser Ort ist zu magisch, um ins Bett zu gehen.«
Verzaubert hatte Lies den Papierfetzen sinken lassen und aus dem Fenster geschaut, wo die Wolken wie ein dickes Flaumkissen lagen und sie im Notfall auffangen würden. Nett klang das.
Was sie allerdings seither erlebt hatte, war nicht nett gewesen, und ihr Arbeitgeber war keine freundliche, strahlende Isländerin, sondern ein bärtiger, alter Sack.
Elías Böðvarsson auf Gunnarsstaðir.
Elías war nicht mehr zu sehen, verschluckt vom Dunkel der muffigen Diele. Es roch nach Stall, Essen von gestern und nach altem Mann. Mutig wagte sie sich weiter vor und wäre fast über Fetzen des zerlöcherten Linoleumbodens gestolpert, sie fing sich gerade noch, um gleich darauf in ein Meer von Schuhen zu fallen. Die ganze Diele stand voller breiter Treter, Stiefel, Generationen von Schlappen unbekannten Alters. Speckiges Leder und poröses Gummi hinterließen einen ekligen Film an ihren Händen. Gehörten die etwa alle diesem alten Mann?? Heftig schluckend rappelte sie sich aus dem Haufen auf, schob den Schuhberg zur Seite und tastete sich weiter vor, auf einen Lichtschein zu, zu dem Elías vielleicht verschwunden war.
Irgendwo knackte es, Papier knisterte. Ein Löffel fiel zu Boden. Im ganzen Haus roch es durchdringend nach Heizöl.
Es war die Küche, aus der das Licht kam, und jemand hatte Kaffee frisch aufgebrüht. Kaffee. Stark und schwarz und aromatisch. Lies schloss die Augen und sog den Duft ein – ein Kaffee würde sie retten nach der anstrengenden Fahrt über die Buckelpisten des isländischen Ödlands …
Das Linoleum flüsterte, dass jemand mit Socken darüberlief. Elías erschien in der Küchentür, die Kaffeetasse in der Hand, und wirkte nicht besonders einladend.
Lies schluckte. Was für ein unhöflicher Klotz. Der sah ja aus wie ein Troll. Sein Blick glitt an ihr herab, blieb an den Wanderschuhen hängen. Der struppige Bart bewegte sich, Worte rannen zwischen den Barthaaren heraus, sie verstand irgendwas von ›ausziehen‹ und ›sofort!‹. Siedendheiß fiel ihr ein, was Silke ihr eingeschärft hatte: immer die Schuhe ausziehen. Hastig nestelte sie an den Schnürsenkeln, tappte die paar Schritte zurück in die Dunkelheit und zog die Schuhe dort aus, wo es nach Schuhen, Fußschweiß und Schlimmerem roch und wo sie eben auf der Nase gelegen hatte. Als sie zurückkam, stand Elías immer noch in der Tür.
Und er reichte ihr den Kaffeebecher mit beinahe großmütiger Geste.
Das blieb dann aber auch die einzige freundliche Geste an diesem Tag.
So jedenfalls kam es ihr vor, als sie spätabends in ihrem Zimmer auf dem Bett lag und die Decke anstarrte. Durchgelegenes Bett, muffige Wäsche. Das Abendessen – Eintopf mit undefinierbarem, fettigem Inhalt – lag ihr zentnerschwer im Magen, sie hatte zu hastig gegessen, und das Wasser aus dem Hahn war so kalt wie drei Gletscher gewesen, noch nachträglich schüttelte es sie. Einen zweiten Teller Eintopf hatte sie dankend abgelehnt, worauf der Topf sofort in einer Kammer neben der Küche verschwunden war – bei Elías Böðvarsson schien zumindest rund um den Herd militärische Ordnung zu herrschen. In der Spüle jedoch türmte sich der Abwasch, ansonsten war die Küche leer, keine Regale, keine Ablagen oder Bilder, nur ein einziger kahler Hängeschrank. Die Wand hatte vom jahrelangen Kochdunst eine gräuliche Farbe angenommen. Neben dem wilden Eingangsbereich sah dieser Raum so unbewohnt aus wie eine Jugendherberge. Doch Lies war zu müde, um darüber nachzudenken, und hatte sich gleich nach dem Essen zum Schlafen verabschiedet.
In ihrem Zimmer jedoch wurde sie wieder munter, denn es war fürchterlich kalt – es gab nämlich keine Heizung. Die einzige Heizung im ganzen Haus war offenbar dieser bullernde Ölofen in der Küche. »Pfffff …« Vergiss die Küche. Ihr Gaumen lechzte nach einem Stück Schokolade. Andächtig wickelte sie einen Riegel aus dem Silberpapier – einer von vieren, die noch da waren. Deswegen biss sie auch nur ein Stück ab und packte den Rest wieder in die Nachttischschublade. Dieser Ort machte nicht den Eindruck, als ob man problemlos an Schokolade herankommen würde…
Nachdenklich sah sie sich um. Schrank, Stuhl. Eine nackte Glühbirne. Die Gardinen vor dem Dachfenster schienen hundert Jahre alt zu sein und schafften es, dünnfaserig wie sie waren, nicht mehr, den Raum zu verdunkeln. Und draußen wollte es irgendwie nicht so recht dunkel werden. Zum wiederholten Mal stand sie auf und sah aus dem Fenster. Stets dasselbe Bild: ein schrottreifer Traktor, eine verrostete Egge, eine Reifensammlung, ein blaulackierter Öltank. Dazwischen drei herumstreunende Schafe, die im harschen Schnee scharrten. Eins sah immer wieder in ihre Richtung. Ein Grauschwarzes mit weißer Blesse und endlos langen Rastahaaren. Seine Kiefer bewegten sich emsig kauend, unverwandt starrte es sie aus wässrig kalten Augen an. Was willst du hier? Wer bist du? Es sah nicht sehr freundlich aus. Schneeflocken tanzten durch die Luft und bedeckten die gelblich grauen Grasreste, die die Tiere sich freigescharrt hatten. Der Himmel wurde grauer. Hoffnung glomm in Lies auf, dass es vielleicht doch richtig dunkel werden würde – aber nein. Weit nach Mitternacht, und nichts als staubig finstere Dämmerung, die mit langen Fingern an den Gerätschaften fummelte, doch nichts vollständig zu bedecken vermochte. Sie drang durch das Fenster und stieg an Lies’ Beinen hoch. Zudem zog es durch die Fensterritzen. Sie würde sie ausstopfen müssen, bevor sie im Schlaf erfror, doch womit nur … Schafwolle vielleicht, davon gab es hier sicher genug.
Die Schokolade schmolz langsam an ihrem Gaumen. Süß und dickflüssig floss der Saft die Kehle herab – wunderbar. Ein kleines Stück Schokolade rettete den beschissenen Abend. Wer hätte das gedacht.
Auf dem Nachttisch stand eine alte Petroleumlampe. Lies suchte nach einem Feuerzeug im Rucksack und brachte sie zum Brennen. Die Petroleumlampe war zwar gnadenlos altmodisch, doch durch das Licht draußen wirkte es gleich erlösend dunkler. Mit dem sanften Öllicht gewann das Mobiliar an Freundlichkeit, und sie machte sich auf Entdeckungsreise. Vielleicht sollte sie doch mal den Koffer auspacken? Sie könnte auch die Jacke ausziehen, die sie immer noch trug. Sie war wie ein Panzer gegen Kälte und Unfreundlichkeit. Aber nun gab es ja Licht und vielleicht auch ein bisschen Wärme. Mit dem Pulloverstapel in der Hand öffnete sie die Schranktür, zählte die Regalbretter. Eins für Pullis, eins für Unterwäsche, eins für die Hosen. Eins für alles andere. Die Bretter waren mit altem Zeitungspapier ausgelegt, und eine uralte Flasche Parfüm stand einsam, schlank und unnahbar wie eine Madonna auf dem obersten Brett. Tosca. Mit dem Zeigefinger schob sie sie zur Seite, um die Pullis abzulegen. Das Zeitungspapier war mit den Jahren so dünn geworden, dass es riss, und darunter kam ein weiteres Stück Papier zum Vorschein. Ein altes Schwarzweißfoto. Ein Foto von einem jungen Mann in Uniform, die Fliegermütze keck auf dem Blondschopf sitzend, mit dem Rücken lässig gegen einen Flugzeugpropeller gelehnt. Ein irgendwie unheimlicher Gruß aus der Vergangenheit.