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Prolog
Er beobachtete sie von Weitem. Völlig sachlich, wie ein Wissenschaftler eine interessante Bakterie untersucht. Selbst aus dieser Entfernung war sie eine attraktive Frau.
Das lange blonde Haar straff zurückgekämmt und zu einem Zopf geflochten, ein aristokratisches Profil, eine kleine, spitze Nase. Ihre Gesichtszüge hätte man majestätisch nennen können, für seinen Geschmack waren sie jedoch zu eckig. Ihr durchtrainierter Körper war schlank und muskulös. Nichts an ihr war weich.
Außer ihren Augen.
Sie verbarg ihre Augen hinter einer dunklen Nickelbrille, aber er erinnerte sich, dass sie meerfarben waren, blaugrau wie der Atlantische Ozean an einem klaren Tag. Ja, sie waren weich, sie verrieten Gefühl. Deshalb trug sie auch diese scheußliche Brille. Sie wollte so hart sein, wie sie nach außen wirkte, doch im Innern war sie weich. Schwach. Weiblich.
Bald würde er ein letztes Mal in ihre Augen blicken – wenn er sie tötete. Sie würden voller Furcht sein, würden die Wahrheit wissen. Sein Herz fing an zu rasen, das Blut pulsierte in seinen Schläfen. Ja, wenn sie die Wahrheit erkannte, würde er frei sein. Er lächelte.
Sicher glaubte sie, er könne ihr nichts anhaben. Ob sie überhaupt noch an ihn dachte? Er wusste es nicht. Doch ehe das Spiel aus war, würde sie wieder an ihn denken, ihn sogar fürchten, seine Rache spüren.
Sie zu töten, war nicht der Anfang, und gewiss würde es nicht das Ende sein. Sie war nicht die Einzige, die verdiente zu sterben.
Ihr Tod aber würde ihn am meisten befriedigen. Zutiefst befriedigen.
Während er sie beobachtete, merkte er, dass sie zögerte, als sie die Tür ihres schwarzen Mercedes-Coupés öffnete und sich umsah. Vor Aufregung hörte er einen Moment lang auf zu atmen. Spürte sie etwa seine Anwesenheit? Sie konnte ihn nicht sehen, und selbst wenn, würde sie sich an ihn erinnern? Er hatte ein durchschnittliches, ein unauffälliges Allerweltsgesicht. Sie kannte sich aus mit Wahnsinn, doch er war nicht wahnsinnig. Sie kannte sich aus mit Todesangst, aber er sah nicht zum Fürchten aus. Zumindest nicht jetzt. Geschickt verbarg er seine Erregung, seinen Ärger, seinen Zorn, seine Wut.
Mit ihr zu spielen bereitete ihm großes Vergnügen. Ein letztes Mal ließ sie den Blick schweifen und schien ihn dabei direkt anzustarren, aber sehen – wirklich sehen – konnte sie ihn nicht. Irgendetwas musste sie trotzdem gespürt haben, denn sie glitt hastig in ihren Sportwagen und drehte den Zündschlüssel um. Mit hämmerndem Herzen und geballten Fäusten stellte er sich vor, wie es wäre, ihren langen, schlanken Hals zu packen und ihr das Genick zu brechen.
Nein, ich werde ihr nicht das Genick brechen. Zu leicht, zu schnell.
Stattdessen werde ich langsam zudrücken. Ihr die Luftröhre zerquetschen. Zusehen, wie sie blau anläuft. Meinen Griff für einen Moment lockern, ihr ein, zwei Atemzüge gönnen. Sie in dem Glauben lassen, sie habe eine Chance. Es gebe noch Hoffnung für sie.
Dann wieder fester zudrücken.
Er würde verfolgen, wie sich die Erkenntnis in ihrem Blick widerspiegelte, dazu Furcht und mit jedem weiteren Atemzug, den er ihr erlaubte, auch leise Hoffnung. Dann endlich die Gewissheit: keine Hoffnung. Nur Tod. Spätestens wenn ihre hellen Augen in die seinen blickten, würde sie wissen, dass sie an allem schuld war.
Sie hätte schon vor vielen Jahren sterben sollen.
Noch lange nachdem ihr Wagen verschwunden war, starrte er auf die verlassene Straße. Dann legte er das Fernglas sorgfältig in das Etui zurück.
Sie fuhr nirgendwohin, ihm blieb also viel Zeit, sie zu töten. Er ging zu seinem Wagen hinunter und warf einen letzten Blick auf ihr Haus, ehe er zum Flughafen aufbrach. Es gab viel zu tun in den nächsten vierundzwanzig Stunden, aber er würde rechtzeitig zurück sein, um ihr Gesicht zu beobachten, wenn man ihr sagte, was geschehen war.
Nun konnte es losgehen.
1
Vom Mord an Doreen Rodriguez erfuhr Rowan Smith durch die Reporter, die am Montagmorgen ihren Vorgarten belagerten.
Als jemand eine Wagentür zuknallte, fuhr sie erschrocken aus dem Schlaf hoch. Instinktiv griff sie nach der Waffe, die nicht mehr unter ihrem Kissen lag, und tastete das kühle Bettlaken ab, bis ihr einfiel, dass sie im Nachttisch suchen musste. Sie zögerte kurz, dann holte sie die kalte Glock aus der Schublade. Ihr fiel zwar kein plausibler Grund ein, wozu sie die Pistole brauchen könnte, doch sie fühlte sich in ihrer Hand gut an.
Sie hatte in Jogginghose und T-Shirt geschlafen, eine alte Gewohnheit, um jederzeit einsatzbereit zu sein, und tappte barfuß die Treppe hinunter, um einen Blick aus dem Fenster ihres Arbeitszimmers zu werfen und nachzusehen, wer so früh am Morgen vorbeikam. Die Tür eines Vans, die mit einem Surren zufiel, sagte ihr, dass es sich um mehr als einen Besucher handelte. Mit dem Zeigefinger zog sie die Lamellen der Jalousie etwa zwei Zentimeter auseinander, um hinauszuspähen.
An ihrer lässigen Aufmachung und den Notizblöcken erkannte sie, dass es Zeitungsjournalisten waren. Fernsehreporter waren viel mehr auf ihr Äußeres bedacht. Drei Vans und zwei Pkws drängten sich auf der Zufahrt ihres gemieteten Strandhauses. Sie verabscheute Journalisten.
Da läutete es an der Tür und Rowan erschrak. Sie konnte aus ihrer Höhle, wie sie ihr Arbeitszimmer nannte, zwar die Zufahrt überblicken, nicht aber die Haustür. Vermutlich hatte einer der forscheren Journalisten sich vorgewagt und geklingelt.
Was wollten die Typen? Sie hatte erst vor zwei Tagen anlässlich der Filmpremiere ihres Romans Mord aus Leidenschaft mehrere Interviews gegeben. Brauchten sie etwa noch eine Gruppensitzung?
Während sie in Richtung Tür ging, fiel ihr ein, dass sie noch immer die Waffe in der Hand hielt. Im Geiste malte sie sich die Schlagzeilen aus: Paranoide ehemalige Agentin tritt bewaffnet zum Interview an. Sie kehrte zum Schreibtisch zurück, schob die Waffe in die oberste Schublade und schritt energisch zur Haustür, wobei sie kaum bemerkte, wie kühl die Fliesen unter ihren bloßen Füßen waren. Genau als die Türglocke erneut ihr widerwärtiges Dingdong von sich gab, fing das Telefon an zu klingeln. Großartig! Die Pressemeute überfiel sie wohl auf allen Kanälen. Als sie noch für den Geheimdienst arbeitete, hatte sie bis zum Überdruss mit den Typen zu tun gehabt. Nun würde sie also wieder mit ihnen zu tun haben. Erst als sie die Tür öffnete, beschlich sie die Furcht, dass etwas Schlimmes geschehen sein könnte und sie vielleicht besser nicht mit der Presse sprechen sollte.
Zu spät.
»Haben Sie etwas zum Mord an Doreen Rodriguez zu sagen?«
»Ich kenne keine Doreen Rodriguez«, erwiderte sie automatisch, während in ihrem Hinterkopf sämtliche Alarmglocken schrillten. Sie kannte den Namen, wusste im ersten Moment aber nicht, woher. Übelkeit stieg in ihr auf, während sie versuchte, sich einen Reim darauf zu machen. Gerade als sie die Tür wieder schließen wollte, stellte jemand eine andere Frage: »Wissen Sie etwa noch gar nicht, dass Samstagnacht in Denver eine Zwanzigjährige namens Doreen Rodriguez ermordet wurde? Und zwar genau so wie die gleichnamige Protagonistin in Ihrem Roman Gelegenheitsverbrechen.«
»Kein Kommentar!« Rowan schlug die Tür zu. Nicht etwa, weil sie befürchtete, die Journalisten könnten ungebeten hereinkommen – sie würde die Typen sofort und ohne Skrupel wegen Hausfriedensbruchs festnehmen lassen. Sie wollte nur, dass die Endgültigkeit ihrer Antwort laut und unmissverständlich angekommen war.
Endlich hörte das Telefon auf zu klingeln. Allerdings nur für etwa dreißig Sekunden. Dann begann das durchdringende Läuten von Neuem. Sie hastete ins Arbeitszimmer zurück und warf einen Blick auf das Display: Annette, ihre Produzentin.
Sie nahm den Hörer ab und sagte: »Was ist hier eigentlich los?«
Im selben Moment hielt mit quietschenden Reifen ein weiterer Wagen auf ihrer Zufahrt.
»Du hast es also schon gehört?«
»Eine Reporterbande hat sich auf meiner Türschwelle zusammengerottet, und während wir telefonieren kommen ständig neue dazu.« Sie spähte wieder durch die Jalousie. Ein Übertragungswagen vom Fernsehen. Sie presste die Hand auf den Magen. Irgendetwas ging hier gewaltig schief.
»Ich habe die Einzelheiten von einem Reporter aus Denver«, erklärte Annette hastig, wobei sie wie immer einige Wörter besonders betonte. »Samstagnacht wurde eine zwanzigjährige Kellnerin namens Doreen Rodriguez ermordet. Man hat ihre Leiche gestern, Achtung, ich zitiere, ›in der Nähe des South Broadway in einer Mülltonne vor einem kleinen italienischen Café gefunden, das man malerisch nennen könnte, wäre da nicht das Blut gewesen, das an der weißen Hausfassade trocknete‹.«
Rowan lauschte den Worten, die sie vor einigen Jahren selbst geschrieben hatte. Sie rieb sich die Schläfen und sehnte sich nach einer Zigarette, zum ersten Mal seit sie vor vier Jahren aufgehört hatte zu rauchen. »Das ist ja wohl ein Scherz.«
»Es tut mir ja so leid, Rowan.«
»Lieber Gott, ich glaub es nicht, das gibt es doch nicht!« Sie kniff die Augen zusammen und bemühte sich zu begreifen, was Annette ihr gerade erzählt hatte. Ihr Atem stockte, sie presste die Hand auf den Mund. Es musste ein Zufall sein. Irgendein idiotischer Journalist versuchte ein Verbrechen zu einer Sensation aufzubauschen, indem er es mit einem ihrer Romane in Verbindung brachte.
Der Anblick von Doreen Rodriguez’ blutiger, verstümmelter Leiche schoss ihr durch den Kopf. Sofort öffnete sie die Augen wieder, aber das Bild des Mordes war viel zu real, weil sie es selbst geschaffen hatte. Es konnte kein identisches Verbrechen sein. Nur der Name des Opfers war der gleiche.
»Rowan, sie wurde mit einer Machete an der Mauer des Restaurants getötet und ihre Leiche wurde in eine Mülltonne geworfen.« Annettes Stimme schraubte sich fiebrig in die Höhe. »Sie hat in Denver gearbeitet und wurde in Albuquerque geboren. Irgendein Verrückter hat das Verbrechen haargenau so nachgeahmt, wie du es geschrieben hast.«
Rowan drückte die Finger tiefer in ihre rechte Schläfe. Jemand hatte ihren fiktiven Mord kopiert? Das konnte einfach nicht sein. Wie hatte der Täter diese Frau ausfindig gemacht, die ihrer erdachten Protagonistin glich?
Und – wichtiger noch – warum?
Das Telefon zwischen Schulter und Hals geklemmt, ließ sie sich neben dem Schreibtisch auf den Boden sinken und vergrub das Gesicht in den Armen. Dann riss sie sich zusammen, schließlich musste sie dieser Sache auf den Grund gehen.
Das alles war ein Irrtum, zweifellos.
»Geht es dir gut?«, fragte Annette besorgt.
»Was glaubst du?« Sie brachte kaum mehr als ein krächzendes Flüstern hervor.
»Ich fürchte um deine Sicherheit, Rowan.«
»Wieso? Ich kann allein auf mich aufpassen.«
»Ich komme sofort zu dir.«
Rowan musste bei dieser Vorstellung beinahe grinsen. Annette O’Dell, die zierliche Hollywood-Produzentin Mitte fünfzig, stürzte herbei, um ihre Star-Drehbuchautorin vor einer Meute bösartiger Journalisten zu beschützen. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nach dem Joggen fahre ich ins Studio, um mit dem Regisseur eine Szene durchzusprechen, die umgeschrieben werden muss.«
»Die Presse wird hinter dir her sein. Wahrscheinlich lauern sie ohnehin schon vor dem Studio auf dich.«
»Die können mich mal gern haben! Ich habe dazu nichts zu sagen. Punkt. Nichts, nada, zero. Ich möchte nicht, dass du auch nur ein Wort über die Sache verlierst. Ich fahre nachher ins Studio und werde dort meine Arbeit tun. Ich bin kein Cop, sollen die sich doch darum kümmern.« Sie wollte nicht mehr Polizei spielen. Und auch kein Blut mehr an den Händen haben.
Aber es war längst da. Sie wischte sich die Finger an der Hose ab, bis ihr Lady Macbeth einfiel, die wie wahnsinnig Blut von ihren Händen schrubbte, das gar nicht existierte.
Doreen Rodriguez. Sie hatte die Ärmste zwar nicht getötet, aber auf eine wahnwitzige Weise dennoch ihren Tod verursacht.
»Rowan, lass mich einen Bodyguard anheuern …«
Klick. Sie unterbrach Annette, indem sie den Hörer auflegte.
Sie brauchte eine volle Minute, um sich zu sammeln, bevor sie vom Boden aufstand. Draußen fuhr ein weiterer Wagen vor, noch mehr Geier, die sich auf sie stürzen wollten. Das gibt schöne große Schlagzeilen, dachte sie ironisch. Das Geheimnis eines echten Mordes: Die Nachahmung einer Fiktion. Der Nachahmungs-Mörder. Die Presse fieberte Morden förmlich entgegen. Vor allem besonders grausamen Verbrechen. Ein häuslicher Streit, Fahrerflucht, ein gewöhnlicher Überfall einer Räuberbande – alles nicht aufregend genug. Eine vor einem pittoresken italienischen Café von einer Machete aufgeschlitzte und zerstückelte Leiche dagegen …
Rowan schüttelte den Kopf. War sie denn besser? Sie schrieb brutale Kriminalgeschichten. Auch wenn ihre Leichen nur erfunden waren, blies sie nicht in das gleiche Horn wie die Journalisten? Profitierte nicht auch sie vom Interesse der Leute an Mord und Verbrechen? Die Faszination, die der Tod auf die Menschen ausübt, reicht Jahrtausende zurück. Gewalttätige griechische und römische Mythen hatten die Furcht der Menschen vor dem Unbekannten gemildert. Ähnlich grausige Vergnügungen fand man seither in jeder Generation.
Doreen Rodriguez. War der Mord an der Kellnerin wirklich identisch mit der Tat, die Rowan beschrieben hatte? Sie zuckte zusammen, als sie sich den Schmerz und das Entsetzen der jungen Frau vorstellte.
Es tat ihr nicht gut, wenn sie sich jetzt mit dem Opfer beschäftigte. Rowan machte sich mehr als zehn Jahre Routine zunutze, um sich zu distanzieren, um die Tat zu verdrängen. Fehler passierten immer dann, wenn man etwas zu persönlich nahm.
Sie ignorierte Türklingel und Telefon, loggte sich über ihren Laptop ins Internet ein und rief die Websites der Lokalzeitungen von Denver auf. Trotz allem gab sie die Hoffnung nicht auf, dass es nur ein Irrtum war, ein Missverständnis. Aber die Presse hatte die Story bereits aufgegriffen. Schlechte Nachrichten verbreiten sich nun mal schnell, die Beweise dafür parkten auf ihrer Zufahrt.
Auf dem Bildschirm stand alles, was Annette ihr berichtet hatte. Gerne hätte Rowan gewusst, welche Einzelheiten die Polizei zurückgehalten hatte. Auch fragte sie sich, wie lange es wohl dauerte, bis die Beamten hier aufkreuzten, um sie zu vernehmen. Da sich schon die Presse für die zufällige Übereinstimmung interessierte, würde die Polizei nicht lange auf sich warten lassen. Sobald man sie aufgespürt hätte, würde sie von den Cops auch mehr erfahren.
Nein. Nein, sie durfte sich nicht in die Sache hineinziehen lassen. Sie hatte in zwei Stunden einen Termin im Studio. Sie hatte sich eine neue Existenz geschaffen, ein ruhiges Leben. Verdammt wollte sie sein, wenn sie es zuließe, dass ein mordender Irrer über ihre Zukunft bestimmte. Wieder einmal.
Sie ging ins Schlafzimmer, um sich für ihre Flucht umzuziehen, als ein vertrautes Hämmern an der Haustür sie innehalten ließ. Die Polizei.
Das ging aber schnell.
»Miss Smith!«, rief eine nuschelnde Stimme. »Miss Smith, hier ist die Polizei! Wir haben ein paar Fragen an Sie!«
Sie wandte sich zur Tür. Es hatte begonnen.
Sie setzten sich an den Esszimmertisch vor dem Panoramafenster, das den blaugrünen Pazifischen Ozean einrahmte. Von hier oben, sechs Meter über dem Strand und gut dreißig Meter vom Ufer entfernt, konnte man noch immer die einzelnen Wellen und weißen Schaumkronen erkennen, die ein leichter Wind vor sich hertrieb. Es war Ebbe, der Strand menschenleer.
Rowan stellte zwei Becher Kaffee vor die Detectives und öffnete das Fenster. Die würzige, salzige Meerluft half ihr, sich zu entspannen, sobald sie tief einatmete. Sie musste ruhig und wachsam sein, aber vor allem musste sie die Kontrolle behalten.
Sie umfasste ihren Kaffeebecher mit beiden Händen und setzte sich den Beamten gegenüber.
Ben Jackson war ein kleiner, schlanker Mann, seine Haut hatte die Farbe des starken Kaffees in seinem Becher vor ihm. Seine teilnahmslose Miene konnte nicht über seinen wachen, intelligenten Blick hinwegtäuschen. Die aufrechte Haltung und die sich unter seinem makellosen Mantel abzeichnenden Muskeln verrieten Rowan, dass er gut durchtrainiert war und seinen Job ernst nahm. Nur um mit ihr zu sprechen, war er am Morgen von Denver hergeflogen.
Das Police Department von Denver würde sein spärliches Budget kaum vergeuden. Offensichtlich glaubten sie also, der Mord an Doreen Rodriguez habe mit ihrem Buch zu tun.
Jim Barlow war vom Police Department in Los Angeles. Er war älter, seine Haut, verglichen mit der von Jackson, geisterhaft bleich. Er sah aus wie der klassische amerikanische Cop – leicht übergewichtig, in ungebügelten Hosen und einem zu engen, abgetragenen Sakko mit Lederflicken an den Ellenbogen. Seinen blassblauen Augen entging nicht das geringste Detail, seine Hände waren ständig in Bewegung, als halte er eine Zigarette. Typisch ehemaliger Raucher, dachte Rowan mitfühlend.
Sie mochte die beiden auf Anhieb. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie ihnen trauen konnte.
Jackson ergriff als Erster das Wort. »Sie haben sicher schon von dem Mord an Doreen Rodriguez gehört?« Er zeigte lässig zum Vorgarten, wo die Journalisten sich allmählich zerstreuten.
Sie nickte. »Ich habe den Artikel in der Online-Ausgabe des Lokalblatts gelesen.«
»Sie waren früher beim FBI?«
»Sieben Jahre.«
»Haben sich wahrscheinlich eine Menge Feinde gemacht. Mir jedenfalls geht es so, das weiß ich sicher.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Ich glaube, Ihr Leben ist in Gefahr. Sie sollten darüber nachdenken, einen Bodyguard anzuheuern.«
»Ich bin ausgebildete FBI-Agentin. Ich weiß mich zu schützen.«
»Das mag durchaus stimmen. Vermutlich schlafen Sie noch immer mit einer Waffe unter dem Kissen.« Er nickte, als er in ihrer Miene eine kaum sichtbare Regung bemerkte, und fuhr dann fort: »Das war ein brutales Verbrechen, und es war eindeutig gegen Sie gerichtet. Ihnen muss doch die frappierende Ähnlichkeit zwischen dem Mordopfer und einer Figur aus einem Ihrer Romane aufgefallen sein.«
»Ich habe doch schon erwähnt, dass ich den Artikel gelesen habe.«
Mehr konnte Rowan nicht tun, um den Augenkontakt aufrechtzuerhalten. Sie wollte die Tatsache nicht akzeptieren, dass dieser Mord etwas mit ihr zu tun hatte. Aber ihr Instinkt sagte laut und deutlich das Gegenteil.