Willkommen bei buch.de!

Hier können Sie sich anmelden.

Kann ich Ihnen 
helfen?
Sie befinden sich hier: Home » Buch » Leiser Verrat

Leiser Verrat

Roman. Deutsche Erstausgabe
  • ISBN:3-453-43016-6
  • EAN:9783453430167
  • Veröffentlichungsdatum:August 2007
  • Gewicht in g:380
  • Reihe:Diana Taschenbücher
  • Seiten:416

EUR 8,95

Sofort lieferbar

Versandkostenfrei!

 

Marktplatzangebote,
neu oder gebraucht

Kurzbeschreibung von: Leiser Verrat

Dein Feind ist näher, als du denkst


MI 5-Agentin Liz Carlyle erfährt über einen ihrer Agenten von verdächtigen Treffen in einem islamischen Buchladen. Der Verdacht liegt nahe, es könne sich dabei um eine Terrorzelle handeln. Doch kurz darauf wird Liz von ihrem Chef Charles Wetherby überraschend von dem Einsatz abgezogen. Denn Wetherby hat einen Hinweis erhalten, dass es in den Reihen des britischen Geheimdienstes einen Maulwurf gibt. Und während ihre Kollegen versuchen, ein drohendes Attentat zu verhindern, muss Liz den Verräter finden, bevor es zu spät ist...


Rezension von: Leiser Verrat

"In "Leiser Verrat", dem zweiten Liz Carlyle-Roman, bringt Stella Rimington wieder einmal ihre ganze Erfahrung ins Spiel: ein wirklich mitreißender Thriller, der den Leser in eine Welt entführt, in der man niemandem trauen kann und nichts so ist, wie es scheint..." (The Westminster Bookshop)

Leseprobe von: Leiser Verrat

Die schlanke braunhaarige Frau interessierte sich sehr für das Fliesensortiment des schicken Badezimmergeschäfts in der Regent’s Park Road in Nordlondon. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte der junge Verkäufer, der gern schließen wollte, denn es war schon kurz vor sieben.
Liz Carlyle schlug die Zeit tot. In ihren Turnschuhen und Designerjeans sah sie aus wie so viele wohlhabende junge Ehefrauen, die in diesem Teil Londons durch die Einrichtungsgeschäfte und Boutiquen bummelten. Aber Liz war weder wohlhabend noch verheiratet und schon gar nicht beim Bummeln. Sie war äußerst konzentriert. Sie wartete darauf, dass der Summer in ihrer linken Hand einmal vibrierte, um ihr zu sagen, dass sie gefahrlos zu dem Treffen in dem Coffeeshop ein paar Häuser weiter gehen konnte. Im Spiegel an der Wand gegenüber sah sie, wie Wally Woods, der Leiter des A4-Teams, das die Absicherung für sie übernahm, sich beim Zeitungsmann an der Ecke einen Evening Standard kaufte.
Er hatte schon zwei Signale geschickt, um mitzuteilen, dass ihr Kontaktmann Marzipan schon in dem Café auf sie wartete. Sobald sein Team auf beiden Seiten der Straße sicher war, dass ihm niemand gefolgt war, würde Wally sein Okay geben.
Ein junger Pakistani in schwarzen Jeans und Kapuzenpulli kam direkt vom U-Bahn-Hof Chalk Farm. Wally und sein Team beobachteten gespannt, wie er stehen blieb, um ins Schaufenster eines Maklers zu schauen. Er ging weiter, überquerte die Regent’s Park Road und verschwand in einer Seitenstraße. Nun vibrierte der Summer in Liz’ Hand einmal. »Vielen Dank«, sagte sie zu dem erleichterten Verkäufer. »Ich komme morgen Abend mit meinem Mann wieder, dann entscheiden wir uns.« Sie verließ das Geschäft, wandte sich nach rechts und ging rasch die Straße entlang bis zum Coffeeshop, den sie ohne Zögern betrat, alles unter den wachsamen Blicken des A4-Teams.
Drinnen wartete Liz am Tresen, um einen Cappuccino zu bestellen. Sie spürte die Spannung im Magen und den beschleunigten Herzschlag wie bei jedem Einsatz. Sie hatte die Aufregung vermisst. Nach einer Antiterroroperation in Norfolk Ende vergangenen Jahres hatte sie vier Monate Erholungsurlaub gehabt.
Nachdem der Arzt beim MI5 sie für dienstunfähig erklärt hatte, war sie gleich zu ihrer Mutter nach Wiltshire gefahren. In den Wochen danach hatte sie sich rasch so weit erholt, dass sie ihrer Mutter im Gartencenter helfen konnte. An den freien Tagen besichtigten sie Landschlösser und kochten aufwendige Menüs für zwei; ab und zu trafen sie sich auch mit Freunden aus der Nachbarschaft. Es war angenehm, ruhig und schrecklich langweilig gewesen. An diesem Maiabend war sie froh, wieder im Einsatz zu sein.
Sie arbeitete erst seit dieser Woche wieder. »Lassen Sie sich Zeit«, hatte Charles Wetherby gesagt, und sie hatte in ihrem Büro im Dezernat Agentenführung der Abteilung für Terrorismusbekämpfung mit dem Papierberg angefangen, der sich in ihrer Abwesenheit aufgetürmt hatte. Aber dann war nachmittags das Signal von Marzipan – der Codename für Sohail Din – gekommen, der dringend um ein Treffen bat. Streng genommen war Liz nicht mehr für Marzipan zuständig. Ihr Kollege Dave Armstrong hatte ihn übernommen und damit auch die verlässlichen Informationen, die dieser lieferte. Jetzt war Dave aber in einer dringenden Angelegenheit in Leeds, und Liz war als Marzipans ursprüngliche Kontaktperson eingesprungen.
Sie nahm ihren Kaffee und ging in den halbdunklen hinteren Bereich des Cafés, wo Marzipan an einem kleinen Ecktisch saß und ein Buch las. »Hallo, Sohail«, sagte sie ruhig und setzte sich.
Er schloss das Buch und blickte überrascht auf. »Jane!«, sagte er, der Name, unter dem er sie kannte. »Ich habe Sie nicht erwartet, aber ich freue mich, Sie zu sehen.«
Sie hatte vergessen, wie jung er wirkte, aber er war ja auch jung. Als Liz Sohail Din vor über einem Jahr das erste Mal begegnet war, hatte er gerade einen Jurastudienplatz in Durham bekommen. Er war immer noch keine zwanzig. Um das Wartejahr zu überbrücken, hatte er einen Job in einem kleinen islamischen Buchladen in Haringey angenommen. Obwohl die Bezahlung nicht gut war, hatte er gehofft, Gelegenheit zu religiösen Diskussionen mit anderen ernsthaften jungen Männern zu haben. Bald merkte er jedoch, dass der Buchladen ein Brennpunkt radikalislamistischer Lehren war – nicht die Version des Islam, die Sohail zu Hause gelernt und in seiner Moschee gehört hatte. Die beiläufige Erwähnung von Fatwas und Dschihad hatte ihn schockiert und noch mehr, dass ein paar seiner Kollegen Selbstmordattentate guthießen und sogar prahlten, sie wollten selbst gegen den Westen die Waffen erheben. Schließlich war ihm klar geworden, dass ein paar der Leute, die in den Laden kamen, mit Terrorismus zu tun hatten. An diesem Punkt hatte er beschlossen zu handeln. Er war in ein weiter entferntes Polizeirevier gegangen und hatte einem Beamten vom Staatsschutz seine Geschichte erzählt. Man brachte ihn rasch in Kontakt mit dem MI5 und Liz Carlyle. Sie hatte ihn rekrutiert und als Langzeitagenten aufgebaut, wobei sie ihn überzeugte, sein Studium um ein Jahr aufzuschieben. In den folgenden Monaten hatte Marzipan wertvolle Informationen über das Kommen und Gehen von Personen geliefert, für die sich die Polizei und der MI5 interessierten.
»Es ist schön, Sie wiederzusehen, Sohail«, sagte Liz. »Sie sehen gut aus.«
Marzipan legte das Buch hin, sagte nichts, aber sah sie freundlich und ernst durch seine Brillengläser an. Liz spürte seine Nervosität.
»Freuen Sie sich auf das Studium?«, fragte sie, um ihn zu beruhigen.
»Ja, sehr«, antwortete er aufrichtig.
»Gut. Sie werden es sicher packen. Und wir sind sehr dankbar, dass Sie es aufgeschoben haben.« Sanft leitete sie zum Geschäft über. »Ihre Nachricht sagte, Sie müssten uns dringend sehen. Ist was passiert?«
Der junge Mann – kaum mehr als ein Junge, dachte Liz – sagte: »Vor zwei Wochen kam ein Mann in den Buchladen. Einer der Jungs im Laden erzählte mir, er wäre ein wichtiger Imam aus Pakistan, und ich glaube, ich habe ihn schon einmal in einem der Videos gesehen, die wir verkaufen. Ich habe das Simon erzählt. Er sagte, wenn der Mann wieder in den Laden käme, sollte ich mich sofort bei ihm melden.«
Simon Willis war Dave Armstrongs Deckname. »Und Sie haben diesen Mann wiedergesehen?«, fragte Liz.
Sohail Din nickte. »Heute Nachmittag. Er kam nicht in den Laden. Er war oben mit drei anderen Männern. Junge Männer, der eine ein bisschen älter als die anderen. Sie waren britische Pakistani.«
»Sind Sie sicher?«
»Ja. Ich habe sie reden gehört. Ich wurde nämlich nach oben geschickt, um den Videorekorder einzustellen. Aswan – der arbeitet auch im Laden – hatte ihn aufgestellt, aber heute hat er frei. Er hatte das Kabel nicht richtig angeschlossen.«
»Was haben sie angesehen?«
»Ein Video, das der Imam mitgebracht hatte – neben dem Rekorder lag ein ganzer Stapel. Eines davon lief gerade.«
Die Tür zum Café öffnete sich, und Sohail blickte über Liz’ Schulter. Es waren aber nur zwei junge, mit Einkaufstüten beladene Frauen, die nach dem Shoppen einen Kaffee trinken wollten. Er fuhr fort: »Als ich den Rekorder angeschlossen hatte, machte ich ihn an, um zu sehen, ob er auch läuft. Dabei sah ich einen Teil des Videos.«
Er hielt inne, und Liz unterdrückte ihre Ungeduld und wartete, dass er fortfuhr. »Es war ein Video von diesem Mann, dem Imam. Er sprach Urdu, das verstehe ich nicht gut – aber vom Hören zu Hause kann ich es ein bisschen. Er sagte, manchmal wäre es notwendig, für seinen Glauben zu sterben; er redete von einem Heiligen Krieg.«
»Haben Sie noch mehr gesehen?«
Sohail schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin nicht dageblieben. Ich wollte nicht, dass sie denken, ich würde darauf achten.«
»Warum haben die sich das wohl angesehen? Ich meine, wenn der Imam doch sowieso da war.«
Sohail schwieg einen Moment. »Ich habe lange darüber nachgedacht. Vielleicht ist er hergekommen, um die Männer anzuleiten oder sie vorzubereiten.«
»Vorzubereiten?«
»Ich glaube, er bereitete sie auf einen Auftrag vor«, fuhr Sohail ruhig fort. »Vielleicht einen Selbstmordanschlag. Die reden im Laden über solche Dinge.«
Liz war überrascht. Das kam ihr als eine sehr dramatische Schlussfolgerung vor. Sie kannte Marzipan als ruhig und ausgeglichen; jetzt wirkte er ängstlich und aufgeregt. »Warum glauben Sie das?«, fragte Liz ruhig.
Plötzlich fasste Sohail nach unten und holte eine kleine Papiertüte aus seinem Rucksack. Er schob sie über den Tisch. »Deshalb«, sagte er.
»Was ist da drin?«
»Ich habe das Video mitgebracht. Der Imam ließ es mit den anderen Bändern da. Ich bin nach oben gegangen und habe es mir angesehen, bevor wir zumachten.«
Liz steckte das Band rasch in ihre Tasche, erfreut, dass Sohail es mitgebracht hatte, aber auch schockiert darüber, dass er ein solches Risiko eingegangen war. »Gut gemacht, Sohail«, sagte sie, »aber wird keiner merken, dass es weg ist?«
»Da lagen viele Videos rum. Und ich bin sicher, dass mich keiner nach oben gehen gesehen hat.«
»Es muss schnell wieder an seinen Platz zurück«, sagte sie entschieden. »Aber sagen Sie mir erst, wie alt waren diese drei Männer?«
»Die Jüngeren etwa so wie ich. Der andere vielleicht Ende zwanzig.«
»Sie sagten, sie waren aus England. Haben Sie einen Akzent bemerkt?«
»Schwer zu sagen.« Er dachte einen Augenblick nach. »Außer beim Ältesten. Ich glaube, er kam aus dem Norden.«
»Würden Sie die Männer wiedererkennen?«
»Ich bin nicht sicher. Ich wollte sie mir nicht zu auffällig ansehen.«
»Natürlich«, erwiderte Liz beruhigend, denn sie merkte, dass Sohail immer wieder zur Tür schaute. »Haben Sie eine Ahnung, wo die drei hingegangen sind?«
»Nein, aber ich weiß, dass sie wiederkommen.«
Liz spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte. »Warum? Wann?«
»In einer Woche um dieselbe Zeit. Aswan fragte, ob er den Apparat runterbringen sollte, aber der Besitzer hat gesagt, das sei nicht notwendig, da sie ihn am Donnerstag wieder brauchen. Darum glaube ich, dass sie ausgebildet wurden. Sie sollen sich eine Reihe von Videos ansehen. Es ist eine Art Kurs.«
»Woher wissen Sie, dass es dieselben Männer sein werden?«
Sohail dachte einen Moment nach. »Von der Art, wie er es sagte. ›Lass ihn stehen, sie brauchen ihn nächste Woche wieder‹, hat er gesagt, und so, wie er ›sie‹ sagte, konnte er nur dieselben Männer meinen.«
Liz überlegte. Sie hatten also etwas Zeit, wenn auch nicht sehr viel, bevor sich die Gruppe wieder traf. Sie dachte kurz angestrengt nach, um zu entscheiden, was als Nächstes zu tun sei. »Könnten wir uns heute Abend noch mal treffen? Ich möchte das Video kopieren und ein paar Fotos holen, die Sie sich angucken können. Fotos von Personen. Geht das?«
Sohail nickte.
»Ich erkläre Ihnen, wo Sie hinmüssen.« Sie sagte ihm eine Adresse in einer der anonymen Straßen nördlich der Oxford Street und ließ sie ihn wiederholen. Dann fuhr sie fort: »Nehmen Sie die U-Bahn bis Oxford Circus und gehen Sie dann nach Westen. Wissen Sie, wo das Kaufhaus John Lewis ist?« Sohail nickte. »Sie machen Folgendes, um zu dem Haus zu kommen. Wir überprüfen, ob Ihnen jemand folgt. Wenn wir nicht sicher sind, fragt jemand Sie auf der Straße nach der Zeit. Wenn Sie zweimal gefragt werden, gehen Sie nicht zu dem Haus. Sie gehen weiter, steigen in einen Bus und fahren nach Hause. Und falls Sie jemanden treffen, den Sie kennen, denken Sie sich eine Ausrede aus, was Sie da machen.«
»Das ist leicht«, sagte Sohail. »Ich sage, ich hätte bei HMV in der Oxford Street nach CDs geguckt. Die haben lange offen.«
Liz schaute auf die Uhr. »Es ist jetzt sieben Uhr dreißig. Wir treffen uns dort um zehn Uhr.«
»Sind Sie jetzt wieder meine Kontaktperson?«, fragte er.
»Müssen wir mal sehen«, antwortete sie sanft, denn sie wusste es selbst nicht. »Das ist aber nicht so wichtig. Wir arbeiten alle zusammen.«
Er nickte, und in seinen Augen lag ein Blick, den Liz zuerst für einfache Aufregung hielt, doch dann merkte sie, dass es zum Teil Angst war. Sie lächelte ihn beruhigend an. »Sie machen einen ganz tollen Job. Seien Sie weiter vorsichtig, Sohail.«
Er lächelte etwas gezwungen zurück, seine Augen verdunkelten sich. Sie fügte hinzu: »Wenn Sie je das Gefühl haben, in Gefahr zu sein, müssen Sie uns das sofort sagen. Benutzen Sie das Alarmverfahren. Wir erwarten nicht, dass Sie sich unnötig in Gefahr begeben.«
Sie wusste, dass das leere Worte waren. Natürlich war er in Gefahr, bei solchen Operationen war ein Risiko unvermeidlich. Nicht zum ersten Mal zweifelte sie an ihrer Arbeit im subtilen psychologischen Spiel der Agentenführung: die Aufforderung an den Agenten, vorsichtig zu sein; das Ernstnehmen der Gefahr, in der er sich befand; die Versicherung, er werde geschützt; die Ermutigung, um Informationen zu bekommen. Die einzige Rechtfertigung dafür war der Schaden, den sie abzuwenden versuchte. Aber angesichts eines Marzipan erschien es als ein schwieriges Gleichgewicht.
Sohail sagte aber schlicht und entschlossen: »Ich werde alles tun, was ich kann.« Liz war bewegt, aber seine Worte nahmen ihr nicht die Schuldgefühle. Wenn die Männer im Buchladen bereit waren, sich einfach in die Luft zu sprengen, wollte sie nicht daran denken, was sie mit Sohail machen würden. Fast unwillkürlich schüttelte sie den Kopf und wandte sich ab.


Liz nahm am Fuß von Primrose Hill ein Taxi und ließ sich zum Restaurant Atrium an der Millbank fahren. Von dort waren es nur wenige Schritte zum Thames House, dem gedrungenen Gebäude am Nordufer der Themse, in dem der MI5 seine Zentrale hatte. Es war ein guter Zeitpunkt, um durchs West End zu fahren. Der Berufsverkehr war vorbei, und das Theaterpublikum saß schon auf seinen Plätzen. Die Lichter der Pubs versprachen eine Wärme, die sie normalerweise angezogen hätte. Zwanzig Minuten nach dem Abschied von Marzipan saß sie wieder an ihrem Schreibtisch.
Es war viel zu tun, bevor sie zu Sohail Din zurückkonnte. Das Video musste kopiert, die Arrangements für das sichere Haus bestätigt und ein neues A4-Überwachungsteam zusammengestellt werden, um das von Wally Woods abzulösen.
Dann setzte sich Liz hin und dachte nach. Gab es eine unmittelbare Bedrohung? Wenn ja, musste sie Charles Wetherby verständigen, der zufällig gerade mit Geoffrey Fane, seinem Amtskollegen beim MI6, zu Abend aß. Wenn Marzipan recht hatte, gab es eine Bedrohung, wenn auch keine unmittelbare. Sie beschloss, die Entscheidung aufzuschieben, bis sie wieder mit ihm gesprochen hatte, griff nach dem Telefonhörer und rief das Ermittlungsdezernat der Antiterrorabteilung an. Judith Spratt hatte Nachtdienst und nahm ab.
Judith war eine alte Freundin. Die beiden waren vor über zehn Jahren am selben Tag beim MI5 eingetreten und arbeiteten jetzt seit sechs Jahren in der Antiterrorabteilung. Während Liz’ Talente sie zur Agentenführerin prädestiniert hatten, war Judith aufgrund ihrer scharfen analytischen Fähigkeiten und der Aufmerksamkeit für Details zu einer hervorragenden Ermittlerin geworden. Mit fast besessener Ausdauer folgten sie und ihre Kollegen jeder Information, die neben den Berichten der Agentenführer in ihre Abteilung gelangte. Sie standen in ständigem Kontakt mit ausländischen Kollegen und tauschten Spuren aus, identifizierten Personen, stellten Verbindungen her. Die Ermittlungsabteilung war das Schleppnetz der Antiterrorarbeit von Thames House; sie sammelte Informationen und interpretierte sie.
Also wandte sich Liz wegen eines Fotoalbums britischer Pakistani, bei denen man Verbindungen zum Terrorismus vermutete, an Judith. Sie gab ihr eine Zusammenfassung von Marzipans Bericht, aber nichts ergab eine Verbindung zu etwas, woran Judith und ihre Kollegen gerade arbeiteten. Mit der großen verschlossenen Ledermappe, die Judith ihr gab, fuhr Liz im Fahrstuhl in die Tiefgarage und nahm einen der anonymen Dienstwagen. Sie hatte noch eine Dreiviertelstunde Zeit und fuhr wieder nach Norden durch die Regent Street bis zum Oxford Circus und schließlich in die ruhigen Straßen, in deren ehemals vornehmen Häusern aus dem achtzehnten Jahrhundert jetzt Ärzte, Zahnärzte, Psychiater und andere Spezialisten für Londons wohlhabende Bürger und Besucher ihre Praxen hatten. Schließlich bog sie unter einem Torbogen in eine schwach beleuchtete Gasse mit kleinen Häusern, den früheren Remisen der Vorderhäuser. Als sie die Fernbedienung bediente, öffnete sich ein Garagentor, und sie fuhr sofort in die kleine, beleuchtete Garage.
Über der Garage befand sich ein warmes, freundliches Wohnzimmer mit mehreren älteren Sofas, deren Bezug von den Agentenführern »Beamten-Chintz« genannt wurde. Die restliche Einrichtung bestand aus einem quadratischen Esstisch mit mehreren Stühlen aus nicht identifizierbarem Holz, einem zerkratzten Couchtisch und einem gerahmten Druck. Konspirative Häuser waren eine der Sackgassen der Zivilisation. Sie waren nur auf Nützlichkeit ausgerichtet und stets zum Gebrauch bereit, in der Küche gab es Tee und Kaffee, aber niemals Lebensmittel. Eine Viertelstunde später, während Liz immer noch die Fotosammlung aus der Ledermappe auspackte, klingelte das Telefon.
»Neunzig Sekunden«, sagte eine Stimme. »Alles ruhig.«
Als es an der Tür klingelte, öffnete sie sofort und führte Marzipan die Treppe hinauf.
»Möchten Sie was trinken – Tee vielleicht oder Kaffee?«
Sohail schüttelte langsam und ernsthaft den Kopf, während er das Zimmer musterte. »Haben Sie schon was gegessen?«, fragte sie und hoffte darauf.
»Ich brauche jetzt nichts.«
»Gut, dann fangen wir an. Ich möchte, dass Sie sich in Ruhe diese Bilder ansehen, aber denken Sie nicht zu intensiv darüber nach. Meistens ist der erste Instinkt der richtige.«
Die Fotos stammten aus verschiedenen Quellen. Die besten waren Kopien von Pass- und Führerscheinanträgen. Der Rest stammte hauptsächlich aus weiter entfernten versteckten Überwachungskameras und war von schlechterer Qualität. Sohail ließ sich Zeit und betrachtete jedes Foto aufmerksam, bevor er bedauernd den Kopf schüttelte. Als sie um elf Uhr erst mit der Hälfte fertig waren, fiel Liz ein, seine Eltern könnten sich Sorgen machen, wenn er später als sonst nach Hause käme. »Ich glaube, wir sollten für heute Schluss machen«, sagte sie. »Könnten Sie sich den Rest morgen ansehen?«