Die neue "Heilerin von Canterbury" - Ein grandioser Mittelalterkrimi
England im Mittelalter. Die Ärztin und Heilerin Kathryn Swinbrooke wird vom Bischof von Canterbury bei einem rätselhaften Kriminalfall um Hilfe gebeten: Die heilige Reliquie "Lacrima Christi", ein höchst wertvoller Rubin, wurde aus dem Kloster von Canterbury gestohlen. Kurz darauf geschieht ein brutaler Mord. Wenn es Kathryn nicht gelingt, den Täter zu finden, könnte sie selbst das nächste Opfer sein.
Prolog
Hüte deine Zunge wohl und denke an die Krähe.
GEOFFREY CHAUCER
Die Votivkapelle St. Michael and All the Angels in der Franziskanerkirche Greyfriars zu Canterbury, der Stadt des Königs, wurde von einem Chronisten als »ein Juwel in einem Juwel« beschrieben. Greyfriars mit den honigfarbenen Ziegeln und dem dunkelroten Schieferdach war eine schöne Kirche. Die Fenster waren verbreitert und mit buntem Glas gefüllt worden, auf dem Szenen aus der Bibel dargestellt waren. Im Hochsommer, flimmernd in der starken Sonne, entwickelten diese Bilder ein Eigenleben und tauchten das Kircheninnere in ein lebhaftes, prächtiges Farbenspiel. Greyfriars war im Laufe der Jahrhunderte vergrößert und ausgebaut worden, man hatte Querschiffe hinzugefügt und Dächer ersetzt. Die weiß getünchten Wände waren jetzt mit atemberaubenden Bildern und Mosaiken bedeckt. An einem milden Sommerabend fiel es leicht zu glauben, dass eine solche Kirche wahrhaftig das Haus Gottes und das Tor zum Himmel war. Der marmorne Hochaltar mit den goldenen Kerzenständern war durch die Tür des kunstvoll geschnitzten Lettners zu erahnen, der die Kreuzigung Jesu Christi und andere Szenen aus seinem Leidensweg darstellte. An jenem Donnerstagabend im August 1473 war es im Kirchenschiff ruhig, ein paar Kerzen blakten schwach in der Marienkapelle zur Linken des Hochaltars; auf der anderen Seite leuchteten in einem Schrein, der dem Heiligen Franziskus gewidmet war, zwei große Kerzen in ihren Windlichtern aus rotem Glas. Ein Hort des Friedens, bis auf den Taschendieb, der den Gnadenstuhl im Allerheiligsten besetzte. Unruhig und unbehaglich krallte er sich an die Armlehnen und starrte zum Hochaltar hinauf, die Augen starr auf das Kruzifix gerichtet, als bäte er den Herrn um Hilfe. Der Taschendieb, den Bütteln von Canterbury bekannt als Laus Tibi, wörtlich übersetzt »Gelobet seist du«, hatte seinen richtigen Namen vergessen. Er erinnerte sich noch vage daran, dass er in Gravesend aufgewachsen war, doch die meiste Zeit war er auf den staubigen Landstraßen Englands unterwegs gewesen und hatte sich seinen dürftigen Lebensunterhalt als Langfinger zusammengestohlen. Laus Tibi hatte fettiges Haar, ein Rattengesicht, war dürr wie eine Bohnenstange, ein Mann mit pockennarbigen Wangen und dunklen, glitzernden Augen. Er hatte sich den Pilgern angeschlossen, die jetzt, da der Sommer auf dem Höhepunkt war, in hellen Scharen nach Canterbury kamen, um vor den gesegneten Gebeinen des heiligen Märtyrers Thomas Becket in der Kathedrale zu beten. Laus Tibi war es nicht um Reliquien gegangen, nicht um die Gebeine des heiligen Thomas oder darum, einen Ablass zu erwirken, der ihn nach dem Tod vor den Qualen des Fegefeuers bewahren würde. Laus Tibi hatte sich wie ein Wolf in den Schafstall durch die Tore von Canterbury geschlichen. Er war gekommen, um zu stehlen, lange Finger zu machen, von den Marktbuden zu stibitzen und die Ernte einzufahren, ehe der Winter Einzug hielt. Er brauchte Geld, um sich in einer Schänke auszuruhen, bis das Frühjahr einsetzte: Pilger waren wie Kaninchen im Heu ? man musste sie nur aufscheuchen und fangen. Das war nicht schwer. Pilger waren erpicht, eine Schänke oder ein Gästehaus zu finden, oder sie starrten mit offenem Mund auf die Kirchen und die schönen Gebäude von Canterbury, sodass sie oft ihre Bündel vergaßen, die sie bei sich trugen, oder, noch wichtiger, ihre Geldbörsen, Brieftaschen oder Manteltaschen. Zunächst konnte Laus Tibi sein Glück kaum fassen. Auf dem Markt nahm er den Geldbeutel eines Priesters an sich, dann die Brieftasche eines Schneiders in einer Schänke, nachdem der Mann zu tief in sein Glas mit starkem Ale aus Kent geschaut hatte. Die Frau eines jungen Kaufmanns, die einen bestickten Beutel am verzierten Gürtel um die schlanke Taille hängen hatte, war eine leichte Beute gewesen: Der Beutel hatte ihm eine Goldmünze eingebracht, frisch geprägt vom königlichen Schatzamt in London, ein paar Silberpennys und einen Rosenkranz. Letzteren hatte Laus Tibi als heilige Reliquie an einen Gemeindevorsteher aus Devon verkauft. Schließlich war es Laus Tibi gelungen, sich eine Mansarde in der Schänke Zum Grauen Wiesel gleich am Marktplatz zu sichern: Bett und Tisch, Krüge voller Ale und die Bedienung eines hübschen Zimmermädchens obendrein. Am Ende war Laus Tibi indes zu lange geblieben; es herrschte erhöhte Wachsamkeit, und der Markplatz wurde überwacht. Laus Tibi schloss die Augen und knirschte wütend mit den gelblichen Zähnen, wobei er mit der Zunge den Abszess hinter den oberen Schneidezähnen suchte. »Ich hätte besser aufpassen sollen.« Er schlug die Augen auf und richtete den Blick starr auf das Kruzifix; Schuldgefühle versetzten ihm einen Stich. Doch was blieb einem Mann wie ihm anderes übrig? Er hatte kein Geschäft, kein Zuhause, keine Familie; für ihn hieß es stehlen oder verhungern. »Ich hätte vorsichtiger sein sollen«, wiederholte er. Verstohlen fuhr Laus Tibi mit der Hand unter das verdreckte Leinenhemd, das er in einem Garten stibitzt hatte, wo es über einem Zaun zum Trocknen gehangen hatte. Die schmutzigen Finger des Taschendiebs ertasteten die Narbe des Brandzeichens »V« für Verbrecher, vor drei Jahren in seine rechte Schulter eingebrannt, als man ihn in der Nähe von Smithfield Market in London beim Stehlen erwischt hatte. Sollte der Büttel des Königs das sehen, dann hätte er wenig Gnade zu erwarten: Laus Tibi würde an der Kreuzung hängen! Er war an solchen Galgen mit geteerten, grässlichen menschlichen Überresten vorbeigekommen, eine schauerliche Warnung für Gesetzesbrecher. Trotzdem war Laus Tibi, die Spielernatur, davon ausgegangen, dass der Würfel immer zu seinen Gunsten fallen würde ? bis vor einer Woche. Laus Tibi hatte den dicken Priester beobachtet, der sich zwischen den Ständen auf dem Markt von Canterbury wie ein aufgedunsener Karpfen bewegte, einen pelzbesetzten Umhang über einem Arm, eine schwere Geldbörse baumelte wie eine Glocke vom Ledergürtel um die stattliche Taille. Laus Tibi war ihm gefolgt wie ein hungriger Fuchs einer fetten Gans. Er hatte seine übliche vorsichtige Gerissenheit über Bord geworfen. Priester hatte er noch nie leiden können. Sie hatten keine Zeit für ihn. Nur sehr wenige zeigten sich ihm gegenüber besorgt, noch weniger hatten Mitleid mit ihm. Laus Tibi war entschlossen, sowohl den Umhang als auch den Beutel an sich zu nehmen, eine herausragende Leistung! Er muss seinem Opfer mindestens eine Stunde lang gefolgt sein. Der Priester blieb immer wieder an bestimmten Ständen stehen, die kostbare Tapeten und Wandbehänge aus dem Ausland feilboten. Einige hingen vor dem Stand, andere wiederum waren aufgerollt und unter einem Leinentuch geschützt. Der Priester war sehr wählerisch. Er ließ den Stoff prüfend zwischen den Fingern hindurchlaufen und fragte den dienstbeflissenen Händler Löcher in den Bauch. »War das echter Silberfaden?« - »Aus welcher Mühle?« Der Priester konnte sich nicht entscheiden. Er ging weiter und kam zurück. Laus Tibi schob sich näher heran. An einem Stand mit Stoff von den Webstühlen in Brabant legte der Priester den Umhang ab und verschob den Gürtel ein Stück, so dass der Geldbeutel, der an der Seite gehangen hatte, nun nach hinten gerutscht war. Laus Tibi zog ein nadelartiges Messer aus der Lederscheide, die er unter dem abgenutzten Wams an den Arm gebunden hatte. Der Priester feilschte mit dem Standbesitzer. Jetzt! Der Priester schickte sich an, etwas zu kaufen, und hatte alles um sich herum vergessen, da er den Händler auf seinen Preis drücken wollte. Laus Tibi hörte das Gezeter und Geschnatter des Marktplatzes nicht mehr, das heisere Gebrüll der Lehrburschen, roch die Misthaufen nicht mehr, die Düfte aus den Garküchen und Bäckereien, vernahm weder Glockengeläut noch die fernen Klänge des Gesangs aus einer nahe gelegenen Kirche. Wie ein schwebender Falke beobachtete er seine Beute. Rasch warf er einen Blick in die Runde: Niemand hatte ihn im Auge, er konnte keinen Büttel sehen. Laus Tibi beschloss, auf sein Opfer herabzustoßen. Verstohlen überquerte er die schlammigen Pflastersteine, das Messer in der Hand. Ein schneller Schnitt, um die Riemen zu durchtrennen, an denen der Geldbeutel hing; den würde er an sich nehmen, dann den Umhang grapschen und in Windeseile in der Menge verschwinden ? Laus Tibi erhob sich vom Gnadenstuhl, ging zum Eingang des Lettners und blickte starr durch das Kirchenschiff. Er sah noch immer die beiden Franziskaner auf ihren Betstühlen vor der Kapelle »St. Michael and All the Angels«. Einer der Brüder hatte ihn mit hinuntergenommen, damit er sich die Kapelle ansehen sollte, und Laus Tibi hatte ihre Schönheit bewundert. Die Votivkapelle war eigentlich eine Kirche in einer Kirche. An die Mauer des nördlichen Querschiffs gebaut, wurde sie vom Hauptschiff durch drei kunstfertig geschnitzte Lettner aus Eichenholz abgeschirmt, die zu beiden Seiten kleine Fenster hatten. Die Front der Votivkapelle schwang sich zum Dach des Querschiffs empor; sie hatte zwei ovale Fenster über einer schmalen Holztür, die jetzt verschlossen und verriegelt war. Bruder Simon, der Sakristan, hatte ihn durch das Gitter auf die heilige Reliquie spähen lassen, die in einem Gefäß an einer Silberkette hing. »Der Legende zufolge«, hatte Bruder Simon ihm zugeflüstert, »ist dies der Lacrima Christi, ein prächtiger Rubin, der entstand, als der Herr, unser Retter, von den Römern gegeißelt wurde: Tränen aus Blut fielen zu Boden, die sich auf wunderbare Weise zu diesem glänzenden Stein verbanden.« Laus Tibi hatte nur genickt und mit offenem Mund hineingestarrt. Oh, was für eine hübsche Beute das abgäbe! Der Rubin war so groß wie ein Taubenei. Die guten Brüder hatten ihn in ein blutrotes, vergoldetes Gefäß gelegt; dieses wiederum war am Ende einer langen Silberkette befestigt, die vom gewölbten Dach der Votivkapelle herabhing, sodass das Gefäß genau zwischen der Tür der Votivkapelle und dem Altar an der gegenüberliegenden Wand zu hängen kam. Es hatte eine Rückwand und war nach drei Seiten offen, damit möglichst viel von der Reliquie zu
sehen
war; ein Metallring oben auf dem Gefäß diente dazu, es in dem starken Silberhaken am Ende der Kette einzuhängen. »Warum ist es hier?«, hatte Laus Tibi geflüstert. »Es gehört Walter Maltravers.« Beim Reden kaute der geschwätzige Sakristan auf seinen zahnlosen Kiefern; ihm hatte dieser arme Verbrecher Leid getan, der in seiner Kirche Zuflucht gesucht hatte. Als Bruder Simon ihn so einsam und verlassen am Eingang zum Lettner hatte stehen sehen, hatte er ihn hereingebeten. Der andere Franziskaner war nicht so freundlich gewesen, doch er war gegangen und hatte sich in seinen Betstuhl gekniet, das hagere Gesicht in die Hände vergraben, als wollte er Laus Tibi aus seinem Gesichtsfeld verbannen. »Kennt Ihr Sir Walter Maltravers?«, flüsterte der Sakristan. Der flüchtige Dieb schüttelte den Kopf.
»Ihm gehört Ingoldby Hall im Süden von Canterbury, ein sehr reicher Herr und enger Freund des Königs. Als junger Mann«, plapperte der Sakristan weiter, »gehörte Sir Walter zur Leibgarde des Kaisers in Konstantinopel.« Laus Tibi verdrehte die Augen und nickte, als habe er verstanden, obwohl er keine Ahnung von einem Kaiser oder der Stadt mit dem langen Namen hatte. »Lacrima Christi?«, krächzte er. »Wie ist er denn hierher gekommen?« »Oh, Kaiserin Helena«, hatte Bruder Simon weiter geplappert, »die Mutter des großen Konstantin, fand den Rubin Lacrima Christi in Palästina und nahm ihn mit in die Stadt ihres Sohnes. Als jedoch die Türken vor zwanzig Jahren die Stadt eroberten, war Sir Walter gezwungen, zu fliehen. Und bevor er eine so kostbare Reliquie in die Hände von Ungläubigen fallen ließ, hat er sie lieber mitgenommen.« »Aber was macht sie denn hier?«, hatte Laus Tibi nachgehakt. »Sir Walter hat Ingoldby Hall vor gut drei Jahren gekauft. Prior Barnabas hörte von der Reliquie und bat Sir Walter, sie der Priorei zum Zwecke der öffentlichen Verehrung zu leihen.« Aha, überlegte Laus Tibi, und somit die Pilger noch mehr zu schröpfen als ich! »Ist sie denn hier sicher?« »Seht Euch nur um.« Bruder Simons scharfe Antwort machte deutlich, dass er gelinde bedauerte, Laus Tibi zur Besichtigung des Schatzes aufgefordert zu haben. Das Juwel war eine Versuchung, aber gut bewacht. Die Kapelle war gut abgesichert, hohe Holzlettner aus dicker, polierter Eiche, das Dach ohne Öffnung, Zugang hatte man nur durch die schwere Eichentür mit Schloss und Riegel. Ein verzweifelter Dieb mochte durch das bleiverglaste Fenster direkt über dem Altar einzudringen versuchen, das den Heiligen Michael darstellte, wie er Satan ins Höllenfeuer hinabstößt, doch das Fensterblei war noch zusätzlich verstärkt, und wer würde schon so schönes Glas zerbrechen? Der Lärm würde bestimmt die Priorei alarmieren, und der Dieb käme vielleicht hinein, hätte aber Schwierigkeiten, wieder hinauszugelangen. Stämmige Laienbrüder, mit dicken Knütteln bewaffnet, drehten im Garten unterhalb des Fensters ihre Runden; nicht einmal eine Maus könnte in die Votivkapelle eindringen. Zwei Angehörige der Gemeinschaft waren ständig in der Nähe auf Wache, entweder knieten sie im Betstuhl nicht weit von der Kapellentür, oder sie standen davor und ließen die Pilger vorbeidefilieren, wobei sie ihre Münzen für einen kurzen Blick durch das schmale Gitter entgegennahmen. Gewiss! Der Lacrima Christi war sicher ? Laus Tibi seufzte und lehnte sich an die Tür des Lettners. Es war kurz vor Sonnenuntergang, die Vesper war gesungen worden, und die Kirche schloss für heute ihre Türen. Dessen ungeachtet würden die Brüder ihre Wache weiterführen, bis die Glocke sie zur Komplet rief. Laus Tibi schnaubte. Zwei Mönche knieten noch auf ihren Betstühlen. Der Verbrecher blinzelte durch das Kirchenschiff und erkannte in einem von ihnen Prior Barnabas, einen zähen, strengen Mann mit den Augen einer jagenden Dogge. Der zweite war Ralph, der Krankenpfleger. Sie würden bis zur festgesetzten Stunde bleiben, in der die Reliquie sicher unter Verschluss gebracht wurde. Laus Tibi war versucht, noch einmal hinzugehen und einen Blick auf das Juwel zu werfen. Die Brüder hatten die Votivkapelle in einen prächtigen Schrein verwandelt: Dicke rote Türkenteppiche bedeckten jeden Zoll des Kapellenbodens. Selbst das Altartuch, die Kerzenhalter und Kerzen waren rubinrot, sodass die gesamte Kapelle in überirdisches Licht getaucht war. Laus Tibi war stolz darauf, ein Auge für Schönheit zu haben, und hätte so lange durch das Gitter starren können, wie die Brüder es zuließen. Die Votivkapelle St. Michael repräsentierte alles, was Laus Tibi bisher gefehlt hatte: Bequemlichkeit, Überfluss und Luxus. Überall duftete es nach Weihrauch, den Kerzen aus Bienenwachs und dem kräuterhaltigen Öl, das zum Polieren des schimmernden Holzwerks verwendet wurde. »Wie viel ist der Rubin wohl wert?«, flüsterte Laus Tibi vor sich hin. »Aber wo könnte man ein solches Juwel schon verkaufen?« Bruder Simon hatte ihm erklärt, dass der Lacrima Christi für die Dauer der Pilgerzeit in Greyfriars bleiben würde. Laus Tibi schaute starr auf seine abgenutzten Schuhe und stöhnte. Die Pilgerzeit! Er spürte das Brandmal auf seiner Schulter. Wo er wohl am Ende der Pilgerzeit wäre? Er ging wieder zum Gnadenstuhl in der Nische des Heiligtums, setzte sich, nahm die Holzplatte in die Hand und schob gedankenverloren die Krümel zusammen. Wenn dieser Priester nicht gewesen wäre ? nein, nein, das stimmte nicht: Der Dieb war aus purer Habsucht in eine Falle gelaufen! ? Laus Tibis auserwähltes Opfer war kein Priester, sondern ein verdeckter Marktbüttel gewesen. Er und seine Gefährten hatten Laus Tibi tagelang beobachtet, und so kam es, dass der Jäger zum Gejagten wurde. Laus Tibi hatte sich gerade angeschickt, den Geldbeutel vom Gürtel seiner Beute zu schneiden, als er hinter sich das Horn hörte, das zum Alarm blies. »Zu Hilfe! Zu Hilfe!«, ertönte eine Stimme. »Ein Dieb! Ein Dieb!« Der falsche Priester war herumgefahren, ein Lächeln auf den Lippen, und hatte Laus Tibi am Arm gepackt, sodass er gezwungen war, das Messer fallen zu lassen. »Habe ich Euch«, schnarrte er, das aufgedunsene, gerötete Gesicht in Schweiß gebadet. »Ich verhafte Euch im Namen des Königs!«
Laus Tibi versetzte ihm einen gemeinen Tritt gegen das Schienbein. Der Mann lockerte den Griff, und Laus Tibi war flink wie ein Wiesel nicht aus der Menge hinaus-, sondern ins Gewühl hineingelaufen. Überall wurden Hörner geblasen, der Ruf »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« wurde laut. Laus Tibi hatte Menschen beiseite gestoßen. Vom Stand eines Fleischers hatte er ein Hackmesser gegrapscht und damit jeden bedroht, der sich ihm in den Weg zu stellen versuchte. Wie der Wind war er gerannt, über die Pflastersteine geschlittert und gerutscht, während ihn eine Schar Büttel verfolgte wie ein Rudel kläffender Hunde. Keuchend und schnaufend, mit wild klopfendem Herzen und in Schweiß gebadet hatte Laus Tibi sich vom Marktplatz abgesetzt, doch er war ein gebranntes Kind. Er hatte diese Tortur schon einmal durchgemacht und kannte die Anzeichen. Die Menschen wichen instinktiv vor ihm zurück und stempelten ihn als Gesetzesbrecher ab. Ein paar Lehrburschen kamen aus einer Seitenstraße gestürmt, doch der Anblick des erhobenen Hackbeils und des wahnsinnigen, starren Blicks von Laus Tibi zwang sie, sich zurückzuziehen. »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Ein Dieb! Ein Dieb!« Laus Tibi war weiter durch Gassen und Rinnsteine geflüchtet; Schweiß vernebelte seine Sicht, immer stechender wurde der Schmerz auf seiner linken Seite. Sie konnten ihn nicht kriegen! Die Fahrt im Henkerskarren zu den Galgen vor der Stadt ? nicht mit ihm! Blindlings bog er in eine Gasse ein und rannte durch ein halb offenes Tor in einen duftenden Garten. Zuerst dachte Laus Tibi, es sei das Haus eines Kaufmanns, doch als er auf die Knie sank und sich umschaute, erkannte er, dass er sich auf dem Grundstück einer Priorei oder eines Klosters befand. Laus Tibi kannte das Gesetz. Vier Jahre zuvor hatte man ihn in York aufgegriffen, und er hatte Zeilen aus dem einundfünfzigsten Psalm aufsagen können: »Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.«