In der Geschichte Russlands nahm der Prozess der Individualisierung lange Zeit einen anderen Verlauf als im Westen. Vielfältige Faktoren wie das Fehlen von Schulen und Hochschulen oder die Leibeigenschaft hielten das Zarenreich lange Zeit in einem Stadium fest, in welchem, wie im lateinischen Mittelalter, das Bekenntnis zum Ich als Todsünde der Eitelkeit galt. Erst seit der Herrschaft Peters des Großen nahm die Angst ab, mangelnder Demut bezichtigt zu werden, wenn man seine Autobiographie zu Papier brachte. Vor diesem Hintergrund setzt sich der Band das Ziel, mittels der Verknüpfung von Individuum und Autobiographik für eine neue Sicht auf die Geschichte Russlands seit dem späten Mittelalter zu werben. Besondere Beachtung finden dabei Menschen außerhalb der Besitz- und Bildungseliten. Warum griffen sie zum Stift, um das eigene Leben zu umreißen? Wie sahen sie selbst ihre eigene Identität? Das Buch beschäftigt sich ebenso mit den Aufzeichnungen einer Freimaurerin wie es die »Erinnerungen« einer Leibeigenen vorstellt. Auch bäuerliche Traumaufzeichnungen zwischen Zarenreich und Sowjetunion sind Gegenstand des Buches.
€ 49,90