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Die Operation

von Robin Cook, Leo Strohm (Buch)

  • ISBN:3-442-36826-X
  • EAN:9783442368266
  • Veröffentlichungsdatum:Januar 2008
  • Gewicht in g:470
  • Reihe:Blanvalet Taschenbücher
  • Seiten:608
  • Stilrichtung:Thriller

Beschreibung:

Senator Ashley Butler ist ein erbitterter Gegner der Stammzellenforschung. Im zuständigen Ausschuss für Gesundheitsreformen stemmt er sich mit aller Macht gegen eine Gesetzesnovelle, die von Dr. Daniel Lowell zur Erweiterung der biotechnologischen Anwendungsmöglichkeiten angestrebt wird. Als Butler jedoch erfährt, dass er an der Parkinson-Krankheit leidet, gibt er seinen Widerstand auf: Dafür soll ihn Dr. Daniel Lowell in der Wingate Clinic auf den Bahamas selbst mit Stammzellen behandeln. Und er stellt eine weitere teuflische Bedingung: Es müssen Zellen vom Grabtuch Jesu in Turin sein ...

Kurzbeschreibung:

Eiskalte Präzision und heiße Spannung!


Senator Ashley Butler ist ein erbitterter Gegner der Stammzellenforschung. Als er jedoch erfährt, dass er an Parkinson leidet, beauftragt er Dr. Daniel Lowell, ihn in einer Klinik auf den Bahamas, wo man es mit dem Gesetz nicht so eng sieht, mit Stammzellen zu behandeln. Und er stellt eine heikle Bedingung: Es müssen Zellen vom Grabtuch Jesu aus Turin sein ...


Cook ist Spezialist für atemberaubende Thriller mit brisanten Themen.



Rezension:

"Seit seinem unvergesslichen Thriller-Debüt "Koma" sind Millionen Leser treue Robin-Cook-Fans." (San Francisco Chronicle)

Leseprobe:

Montag, der 22. Februar 2001, war einer jener verblüffend warmen Wintertage, die den Bewohnern der Atlantikküste die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Frühlings vorgaukelten. Von Maine bis hinunter zum äußersten Zipfel von Florida herrschte strahlender Sonnenschein, und die Temperaturunterschiede betrugen nicht einmal zehn Grad Celsius. Für die überwältigende Mehrheit derjenigen, die diesen lang gezogenen Küstenstrich bevölkerten, sollte es ein normaler, glücklicher Tag werden. Für zwei außergewöhnliche Menschen jedoch markierte dieser Tag den Beginn einer Kette von Ereignissen, die schließlich zu einer schicksalhaften Überschneidung ihrer Lebenswege führen sollte.


1335 Uhr Cambridge, Massachusetts
Daniel Lowell hob den Blick von dem rosafarbenen Notizzettel in seiner Hand. Zwei ungewöhnliche Dinge teilte dieses Stück Papier mit: Zum einen war der Anrufer Dr. Heinrich Wortheim gewesen, der Direktor der chemischen Fakultät in Harvard, der ihn zu sich ins Büro bestellte. Zum anderen war das mit DRINGEND beschriftete Kästchen mit einem dicken X gekennzeichnet. Dr. Wortheim verwendete immer Buchstaben zur Kommunikation und erwartete, dass man ihm auch mit einem Buchstaben antwortete. Er war einer der weltweit führenden Chemiker, bekleidete das ehrwürdige und hervorragend dotierte Amt eines Fakultätsdirektors in Harvard und war ein napoleonischer Exzentriker. Nur sehr selten ließ er sich mit dem gemeinen Volk ein, zu dem er auch Daniel rechnete, obwohl Daniel Abteilungsleiter war und in der Hierarchie nur eine Stufe unter Wortheim rangierte.
»He, Stephanie«, rief Daniel quer durch das Labor. »Hast du die Nachricht auf meinem Schreibtisch gesehen? Vom Kaiser persönlich. Er hat mich in sein Büro bestellt.«
Stephanie hob den Blick von dem Stereomikroskop, an dem sie gerade etwas sezierte, und blickte Daniel an. »Das klingt nicht gut«, sagte sie.
»Du hast ihm doch nichts verraten, oder?«
»Wie denn? Während meiner gesamten Doktorandenzeit habe ich ihn nur zweimal gesehen - bei der Verteidigung meiner Dissertation und als er mir die Urkunde übergeben hat.«
»Vielleicht hat er ja eine Ahnung, was wir vorhaben«, mutmaßte Daniel. »Das wäre nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, wen ich alles um Mitarbeit in unserem wissenschaftlichen Beraterstab gebeten habe.«
»Und, gehst du hin?«
»Das möchte ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen.«
Vom Labor bis zum Verwaltungsgebäude der Fakultät war es nur ein kurzes Stück. Daniel wusste, dass ihm eine Konfrontation bevorstand, aber es war ihm egal. Eigentlich freute er sich sogar darauf.
Sofort als Daniel eintraf, schickte ihn die Sekretärin mit einer Handbewegung direkt in Wortheims Heiligtum. Der alternde Nobelpreisträger saß hinter seinem antiken Schreibtisch. Durch die weißen Haare und das schmale Gesicht wirkte Wortheim älter als seine angeblichen zweiundsiebzig Jahre. Aber sein Aussehen schmälerte die Ausstrahlung seiner befehlsgewohnten Persönlichkeit, die ihn wie ein magnetisches Feld umgab, in keiner Weise.
»Bitte, setzen Sie sich, Dr. Lowell«, sagte Wortheim und betrachtete seinen Besucher über den Rand seiner Lesebrille hinweg. Obwohl er den Großteil seines Lebens in den USA verbracht hatte, schwang immer noch ein leichter deutscher Akzent in seiner Stimme mit.
Daniel folgte seiner Aufforderung. Ihm war bewusst, dass sich auf seinem Gesicht ein leises, unbekümmertes Lächeln zeigte, das der Fakultätsdirektor mit Sicherheit nicht übersehen konnte. Wortheim war zwar über siebzig, aber seine Sinne waren immer noch genauso scharf wie früher und registrierten jede Andeutung einer Kränkung. Dass Daniel vor diesem Dinosaurier im Staub kriechen sollte, war einer der Gründe, weshalb er sich sicher war, dass seine Entscheidung, der akademischen Forschung den Rücken zuzudrehen, richtig war. Wortheim war ein kluger Kopf und er hatte den Nobelpreis gewonnen, aber er war immer noch in der anorganischen, synthetischen Chemie des vergangenen Jahrhunderts verhaftet. Die Gegenwart und die Zukunft lagen jedoch in der organischen Chemie in Form von Proteinen und ihren jeweiligen Genen.
Schließlich, nachdem die beiden Männer einander ausgiebig angestarrt hatten, brach Wortheim das Schweigen. »Ihrem Gesichtsausdruck entnehme ich, dass an den Gerüchten etwas dran ist.«
»Könnten Sie vielleicht etwas deutlicher werden?«, entgegnete Daniel. Er wollte absolut sicher sein, dass sein Verdacht zutraf. Eigentlich hatte er erst im nächsten Monat an die Öffentlichkeit gehen wollen.
»Sie haben sich ein Gremium aus wissenschaftlichen Beratern zusammengestellt«, sagte Wortheim. Er stand auf und begann hin und her zu gehen. »Ein solches Gremium kann nur eines bedeuten«, fuhr er fort. Dann blieb er stehen und starrte Daniel an. »Sie haben vor, von Ihrem Amt zurückzutreten, und haben eine Firma gegründet oder stehen zumindest kurz davor.«
»Schuldig in allen Anklagepunkten«, erklärte Daniel. Er konnte nicht verhindern, dass das Lächeln zu einem breiten Grinsen wurde. Wortheims Gesicht hatte sich unterdessen tiefrot verfärbt. Kein Zweifel, für Wortheim war diese Situation gleichbedeutend mit Benedict Arnolds Verrat im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.
»Ich habe mich persönlich für Ihre Einstellung eingesetzt«, fuhr Wortheim ihn an. »Wir haben Ihnen sogar ein Labor nach Ihren Wünschen eingerichtet.«
»Das Labor lasse ich ja hier«, entgegnete Daniel. Unglaublich, dass Wortheim ihm Schuldgefühle machen wollte.
»Ihre Pflichtvergessenheit ist eine Unverschämtheit.«
»Ich könnte mich dafür entschuldigen, aber das wäre geheuchelt.«
Wortheim kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück. »Ihr Weggang bringt mich gegenüber dem Universitäts-Präsidenten in eine sehr unangenehme Lage.«
»Das bedaure ich«, sagte Daniel, »und das meine ich wirklich ernst. Aber genau dieses bürokratische Hin und Her ist einer der Gründe dafür, dass mir die Universität nicht fehlen wird.«
»Was noch?«
»Ich habe es satt, neben meinen Forschungen auch noch unterrichten zu müssen.«
»Sie gehören zu denjenigen mit den wenigsten Lehrstunden an der gesamten Fakultät. Das haben wir vereinbart, als Sie zu uns gekommen sind.«
»Und trotzdem werde ich dadurch vom Forschen abgehalten. Aber auch das ist nicht der Hauptgrund. Ich möchte endlich die Früchte für meine Ideen ernten. Preise und Artikel in Fachzeitschriften reichen mir nicht.«
»Sie wollen berühmt werden.«
»So könnte man es wahrscheinlich ausdrücken. Und das Geld ist ja auch nicht zu verachten. Sogar Leute, die nicht halb so viele Fähigkeiten haben wie ich, haben es geschafft.«
»Haben Sie jemals Dr. med. Arrowsmith von Sinclair Lewis gelesen?«
»Ich komme nicht oft dazu, Romane zu lesen.«
»Vielleicht sollten Sie sich die Zeit einmal nehmen«, schlug Wortheim vor. »Unter Umständen überdenken Sie Ihre Entscheidung dann noch einmal, bevor sie unwiderruflich feststeht.«
»Ich habe sehr viel darüber nachgedacht«, sagte Daniel. »Ich glaube, das ist der richtige Schritt für mich.«
»Möchten Sie meine Meinung hören?«
»Ich glaube, ich kenne Ihre Meinung bereits.«
»Ich glaube, dass das Ganze in einer Katastrophe endet, für uns beide, aber hauptsächlich für Sie.«
»Vielen Dank für Ihre ermutigenden Worte«, erwiderte Daniel. Er stand auf. »Man sieht sich auf dem Gelände.« Dann ging er hinaus.
17.15 Uhr Washington, D.C.
»Danke, dass Sie zu mir gekommen sind«, sagte Senator Ashley Butler mit seinem charakteristischen, herzlichen Südstaatenakzent. Das Lächeln fest auf seinem teigigen Gesicht verankert, begrüßte er eine Gruppe aufgeregt wirkender Männer und Frauen, die alle in dem Augenblick von ihren Stühlen aufgesprungen waren, als er mit seiner Stabschefin in das enge Konferenzzimmer seines Senatsbüros gestürmt kam. Die Besucher waren an den massiven Eichentisch in der Zimmermitte gesetzt worden. Sie waren Vertreter einer kleinen Unternehmensgruppe aus der Hauptstadt des Heimatbundesstaates des Senators, die sich für Steuererleichterungen einsetzen wollten. Oder ging es um eine Senkung der Versicherungsprämien? Der Senator konnte sich nicht mehr so genau daran erinnern, und auf seinem Tagesplan, wo es eigentlich hätte vermerkt sein sollen, stand auch nichts. Er durfte nicht vergessen, das mit seiner Büroleiterin zu besprechen. »Es tut mir Leid, dass ich zu spät komme«, fuhr er fort, nachdem er auch mit dem letzten Gast einen energischen Händedruck ausgetauscht hatte. »Ich habe mich wirklich sehr auf unser Zusammentreffen gefreut. Eigentlich wäre ich gerne schon viel früher hier gewesen, aber nun ja, solche Tage gibt es eben.« Er verdrehte die Augen, um das Gesagte zu unterstreichen. »Leider, leider ist es schon spät und ich habe eine andere wichtige Verpflichtung, sodass ich nicht hier bleiben kann. Das tut mir Leid, aber Mike - da steht er - ist wirklich großartig.«
Der Senator gab seinem Mitarbeiter, der die Aufgabe hatte, sich mit den Leuten zu befassen, einen ermunternden Klaps auf die Schulter und schob den jungen Mann so weit nach vorne, dass seine Oberschenkel sich gegen den Tisch pressten. »Mike ist mein bester Mann. Er hat ein offenes Ohr für all Ihre Probleme und informiert mich dann. Ich bin mir sicher, dass wir Ihnen helfen können, und genau darum geht es uns.«
Der Senator verpasste Mikes Schulter noch eine Serie von Klapsen, die er mit einem bewundernden Lächeln begleitete, wie ein stolzer Vater auf der Examensfeier seines Sohnes.
Einstimmig bedankten die Besucher sich beim Senator, dass er sie empfangen hatte, besonders angesichts seines straffen Zeitplans. Auf jedem einzelnen Gesicht lag ein begeistertes Lächeln. Falls die Leute von der Kürze der Zusammenkunft oder angesichts der Tatsache, dass sie fast eine halbe Stunde lang hatten warten müssen, enttäuscht waren, dann ließ sich keiner auch nur das Geringste anmerken.
»Mit größtem Vergnügen«, schwallte Ashley hervor. »Wir sind immer für Sie da.«
Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging zur Tür. Dort angekommen, winkte er. Die Besucher aus seinem Heimatstaat winkten zurück.
»Das war ein Kinderspiel«, murmelte Ashley Carol Manning zu, seiner langjährigen Stabschefin, die den Konferenzraum im Schlepptau ihres Chefs verlassen hatte. »Ich hatte schon Angst, die wollen mich mit irgendwelchen Jammergeschichten und unvernünftigen Forderungen festhalten.«
»Sie haben aber doch einen ganz netten Eindruck gemacht«, sagte Carol unsicher.
»Was meinen Sie, kommt Mike mit ihnen klar?«
»Ich weiß nicht«, sagte Carol. »Er ist noch nicht so lange dabei, dass ich das beurteilen könnte.«
Der Senator ging voraus, den Flur hinunter und in sein persönliches Büro. Er blickte auf seine Armbanduhr. Es war siebzehn Uhr zwanzig. »Kann ich davon ausgehen, dass Sie wissen, wohin Sie mich jetzt begleiten werden?«
»Natürlich«, sagte Carol. »Wir gehen wieder zu Dr. Whitman.«
Der Senator warf Carol einen tadelnden Blick zu und legte den Zeigefinger auf die Lippen. »Das ist ja wohl kaum für die Allgemeinheit bestimmt«, flüsterte er gereizt.
Ohne seine Büroleiterin Dawn Shackelton auch nur im Geringsten wahrzunehmen, griff Ashley nach den Papieren, die sie in die Höhe hielt, während er an ihrem Schreibtisch vorbeiging und sein persönliches Büro betrat. Unter den Papieren befanden sich ein vorläufiger Ablaufplan für den morgigen Tag, eine Liste aller Anrufer während seines Aufenthalts in der Hauptstadt anlässlich einer verspäteten namentlichen Abstimmung sowie die
Abschrift eines spontanen Interviews mit irgendeinem CNN-Menschen, der ihm in der Lobby aufgelauert hatte.
»Ich hole lieber mal mein Auto«, sagte Carol nach einem Blick auf ihre eigene Armbanduhr. »Wir sollen um halb sieben da sein, und man weiß nie, wie es mit dem Verkehr aussieht.«
»Gute Idee«, sagte Ashley und trat hinter seinen Schreibtisch, die Augen aufdie Liste der Anrufer geheftet.
»Soll ich an der Ecke C-Avenue/Zweite Straße auf Sie warten?«
Ashley knurrte zustimmend. Ein paar Anrufe waren wichtig, von den Vorsitzenden einiger seiner vielen politischen Aktionsgruppen. Aus seiner Sicht war das Spendensammeln seine wichtigste Aufgabe überhaupt, schließlich wollte er im übernächsten November wieder gewählt werden. Er hörte, wie die Tür hinter Carol ins Schloss fiel. Zum ersten Mal an diesem Tag wurde es still um ihn herum. Er hob den Blick. Zum ersten Mal an diesem Tag war er allein.
Sofort ergriff die Düsterkeit wieder von ihm Besitz, die er schon beim Aufwachen heute Morgen registriert hatte. Vom Magen bis in die Fingerspitzen konnte er sie spüren. Er war noch nie gerne zum Arzt gegangen. Als Kind war es einfach die Angst vor der Spritze oder einer anderen schmerzhaften oder peinlichen Erfahrung gewesen. Je älter er wurde, desto mehr hatte sich die Angst verändert, war stärker und schrecklicher geworden. Arztbesuche waren nun unwillkommene Erinnerungen an seine eigene Sterblichkeit, daran, dass er kein junger Hüpfer mehr war. Mittlerweile war es so, als erhöhte schon das bloße Aufsuchen eines Arztes die Wahrscheinlichkeit auf irgendeine schreckliche Diagnose wie zum Beispiel Krebs oder, noch schlimmer, ALS.
Vor ein paar Jahren war bei einem von Ashleys Brüdern nach dem Auftreten einiger unspezifischer neurologischer Symptome die so genannte Amytrophische Lateral-Sklerose festgestellt worden. Nach dieser Diagnose war der muskulöse, sportliche Mann, der, mehr noch als Ashley, vor Gesundheit gestrotzt hatte, in Windeseile zum Krüppel geworden und nach wenigen Monaten gestorben. Die Ärzte waren machtlos gewesen.
Nachdenklich legte Ashley die Papiere auf den Schreibtisch und starrte ins Leere. Vor einem Monat hatte er die ersten unspezifischen Symptome bei sich selbst festgestellt. Zunächst hatte er sie nicht weiter beachtet, hatte sie auf die Arbeitsbelastung oder zu viel Kaffee oder zu wenig Schlaf geschoben. Die Symptome kamen und gingen, verschwanden aber nie vollständig. Und wenn er ganz ehrlich sein sollte, sie wurden langsam schlimmer. Das Ärgerlichste war dieses immer wiederkehrende Zittern seiner linken Hand. Bereits ein paar Mal war er gezwungen gewesen, sie mit der rechten Hand festzuhalten, um zu verhindern, dass es auffiel. Dann dieses Gefühl, als hätte er Sandkörner in den Augen, wodurch sie peinlicherweise zu tränen anfingen. Und schließlich noch diese gelegentliche Steifheit, die das Aufstehen und das Losgehen zu einer geistigen und körperlichen Anstrengung machte.
Letzte Woche hatten ihn diese Schwierigkeiten endlich bewogen, trotz seiner fast abergläubischen Bedenken zum Arzt zu gehen. Aber er war weder ins Walter-Reed noch ins Bethesda-Naval-Hospital gegangen. Er hatte zu viel Angst davor, dass die Medien Wind davon bekamen, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Solche Art Publicity konnte Ashley nicht gebrauchen. Nach fast dreißig Jahren Zugehörigkeit zum Senat hatte er sich große Bedeutung erworben. Er war eine Kraft, mit der man rechnen musste, auch wenn er als Blockierer galt, der die Vorgaben seiner Partei regelmäßig unterlief. Aber sein konsequentes und permanentes Engagement für biblisch-fundamentalistische und populistische Anliegen wie zum
Beispiel die Beschneidung der Rechte des Staates und das Schulgebet hatte ihm, ebenso wie seine ablehnende Haltung gegenüber der Abtreibung oder der gesellschaftlichen Gleichbehandlung benachteiligter Gruppen, eine wachsende Gefolgschaft im ganzen Land und über die Parteigrenzen hinweg gesichert. Mit einer gut geölten politischen Maschinerie im Hintergrund war die Wiederwahl in den Senat kein Problem. Und für 2004 peilte er die Eroberung des Weißen Hauses an. Spekulationen oder irgendwelche Gerüchte über seinen Gesundheitszustand konnte er da nicht gebrauchen.
Als Ashley seine Zurückhaltung gegenüber einer ärztlichen Untersuchung schließlich aufgegeben hatte, hatte er einen Internisten in Virginia aufgesucht, den er von früher her kannte und auf dessen Diskretion er zählen konnte. Der Internist hatte ihn dann unverzüglich an Dr. Whitman überwiesen, einen Neurologen.
Dr. Whitman hatte sich zwar nicht festgelegt, aber als er von Ashleys größter Sorge erfahren hatte, hatte er gesagt, er glaube nicht, dass es sich in diesem Fall um das Gehrig-Syndrom handele. Nach etlichen gründlichen Untersuchungen, darunter auch eine Kernspintomographie, hatte Dr. Whitman zwar keine Diagnose geäußert, hatte Ashley aber ein Medikament verschrieben, das er ausprobieren sollte, um zu sehen, ob die Symptome damit verschwanden. Dann hatte er Ashley einen Termin für die nächste Woche gegeben. Bis dahin sollten alle Untersuchungsergebnisse vorliegen, sodass er eine Diagnose stellen konnte. Und genau dieser Besuch stand Ashley nun bevor.
Ashley strich sich mit einer Hand über die Augenbrauen, wo sich Schweißtropfen gebildet hatten, obwohl es kühl im Raum war. Er konnte das Rasen seines Pulsschlags spüren. Und wenn er jetzt doch das Gehrig-Syndrom hatte? Oder einen Gehirntumor? Damals, in den frühen Siebzigern, als Ashley noch State Senator war, hatte einer seiner Kollegen einen Gehirntumor bekommen. Vergeblich versuchte Ashley, sich daran zu erinnern, welche Symptome der Mann gezeigt hatte. Er wusste nur noch, dass er ein Schatten seiner selbst geworden und dann gestorben war.
Die Tür zum Vorzimmer ging ein Stück weit auf. Dawn streckte ihren sorgfältig frisierten Kopf herein. »Carol hat gerade vom Handy aus angerufen. Sie ist in fünf Minuten am Treffpunkt.«
Ashley nickte und stand auf- ohne jede Schwierigkeit. Das war ermutigend. Der einzige Lichtblick in dieser ganzen Angelegenheit war, dass die Medikamente von Dr. Whitman offensichtlich Wunder vollbracht hatten. Die Besorgnis erregenden Symptome waren allesamt verschwunden, abgesehen vielleicht von einem leichten Zittern kurz bevor er die nächste Tablette nahm. Wenn das Problem so einfach in den Griff zu bekommen war, dann brauchte er sich vielleicht gar keine Sorgen zu machen. Das versuchte er sich zumindest einzureden.
Carol war pünktlich. Ashley hatte auch nichts anderes erwartet. Sechzehn seiner fast dreißig Jahre als Senator arbeitete sie nun für ihn und hatte unzählige Male ihre Verlässlichkeit, Einsatzbereitschaft und Loyalität unter Beweis gestellt. Sogar auf der Fahrt nach Virginia wollte sie die Zeit nutzen, um die Ereignisse des Tages und das, was morgen zu erwarten war, zu besprechen. Aber dann verfiel sie in die gleiche Nachdenklichkeit wie Ashley und redete nicht weiter. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den wahnsinnigen Verkehr.
Ashleys Angstpegel stieg sprunghaft höher, je näher sie der Arztpraxis kamen. Als er aus dem Wagen stieg, schwitzte er bereits wieder. Er hatte im Lauf der Jahre gelernt, auf seine Intuition zu hören, und jetzt schrillten sämtliche Alarmglocken. Irgendetwas war mit seinem
Gehirn nicht in Ordnung. Er wusste es, und er wusste auch, dass er versuchte, es zu verleugnen.
Der Termin war Ashley zuliebe extra außerhalb der allgemeinen Sprechstunde gelegt worden. In dem leeren Wartezimmer herrschte Grabesstille. Die einzige Lichtquelle war eine Leselampe, die einen schummerigen Lichtkegel auf den leeren Empfangstresen warf. Ashley und Carol blieben einen Augenblick lang unschlüssig stehen. Dann öffnete sich eine Tür und hartes Neonlicht fiel herein. Im Türrahmen war Dr. Whitmans schemenhafte, von hinten angestrahlte Silhouette zu sehen.
»Bitte verzeihen Sie diesen unfreundlichen Empfang«, sagte Dr. Whitman. »Meine Mitarbeiter sind schon nach Hause gegangen.« Er knipste einen Wandschalter an. Er trug einen gestärkten weißen Arztkittel und legte ein geschäftsmäßiges Auftreten an den Tag.
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, sagte Ashley. »Wir sind für Ihre Diskretion dankbar.« Er suchte im Gesicht des Doktors nach der Andeutung eines sanften Ausdrucks, nach irgendetwas, was er als gutes Zeichen interpretieren konnte. Es war nichts dergleichen zu entdecken.
»Kommen Sie bitte in mein Büro, Herr Senator.« Dr. Whitman winkte ihn herein. »Miss Manning, wenn Sie bitte hier draußen warten wollen.«
Das Büro des Arztes war ein Paradebeispiel für zwanghaften Ordnungstrieb. Vor dem Schreibtisch standen zwei Besucherstühle. Die Dinge auf der Schreibtischplatte waren sorgfältig in einer Reihe ausgerichtet, die Bücher im Regal nach ihrer Größe sortiert.
Dr. Whitman deutete auf einen der Gästestühle und setzte sich dann an seinen Platz, die Unterarme auf den Tisch gelegt, die Hände übereinander. Sobald der Senator sich gesetzt hatte, schaute er diesen durchdringend an. Eine lastende Stille machte sich breit.
Ashley hatte sich noch nie so unwohl gefühlt. Seine Angst hatte ihren Höhepunkt erreicht. Den größten Teil seines Lebens hatte er damit zugebracht, nach immer mehr Macht zu jagen, und er hatte damit mehr Erfolg gehabt, als er in seinen kühnsten Träumen gehofft hatte. Doch in diesem Augenblick war er vollkommen machtlos.
»Am Telefon haben Sie gesagt, dass die Medikamente, die ich Ihnen verschrieben habe, Ihnen geholfen haben«, begann Dr. Whitman.
»Ganz hervorragend sogar«, rief Ashley aus. Eine plötzliche Welle der Freude hatte ihn erfasst, weil Dr. Whitman zunächst das Positive aufgegriffen hatte. »Die Symptome sind fast alle verschwunden.«
Dr. Whitman nickte wissend. Sein Gesichtsausdruck blieb undurchschaubar.
»Ich dachte eigentlich, das sei eine gute Nachricht.«
»Sie hilft uns, die richtige Diagnose zu stellen«, entgegnete Dr. Whitman.
»Und ^ wie sieht die aus?«, fragte Ashley nach einer unangenehmen Stille. »Wie lautet die Diagnose?«
»Die Medikamente, die ich Ihnen gegeben habe, waren Levodopa«, begann Dr. Whitman zu dozieren. »Der menschliche Körper kann diese Mittel in Dopamin umwandeln, eine Substanz, die bei der Nachrichtenübermittlung im Gehirn eine gewisse Rolle spielt.«
Ashley holte tief Luft. Er spürte plötzlich, wie die Wut sich Bahn brechen wollte. Er wollte nicht, dass man ihm Vorlesungen hielt wie einem Studenten. Er wollte eine Diagnose hören. Er fühlte sich wie eine Maus, die von der Katze in die Ecke gedrängt und nur zum Spaß noch ein bisschen geärgert wird.
»Sie haben einige Gehirnzellen verloren, die an der Herstellung des Dopamin beteiligt waren«, fuhr Dr. Whitman fort. »Diese Zellen befinden sich in einem bestimmten Teil Ihres Gehirns, der so genannten substantia nigra.«
Ashley hielt zum Zeichen der Kapitulation die Hände in die Höhe. Er unterdrückte das Bedürfnis, seinem Ärger mit Worten Luft zu machen, indem er angestrengt schluckte. »Herr Doktor, kommen Sie zum Punkt. Wie lautet Ihre Diagnose?«
»Ich bin mir zu fünfundneunzig Prozent sicher, dass Sie an der Parkinson-Krankheit leiden«, sagte Dr. Whitman. Er lehnte sich zurück. Sein Stuhl quietschte.
Einen Augenblick lang war Ashley sprachlos. Er wusste nicht viel über die Parkinson-Krankheit, aber es klang nicht gut. Ein paar Prominente, die mit dem Leiden zu kämpfen hatten, tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Gleichzeitig war er erleichtert darüber, dass kein Gehirntumor oder das Gehrig-Syndrom diagnostiziert worden waren. Er räusperte sich.
»Ist das heilbar?«, wagte er zu fragen.
»Gegenwärtig noch nicht«, sagte Dr. Whitman, »aber Sie haben ja selbst erlebt, dass die Krankheit mit Hilfe von Medikamenten eine Zeit lang unter Kontrolle gehalten werden kann.«
»Was heißt das konkret?«
»Wir können Sie für eine Weile, vielleicht ein Jahr, vielleicht auch länger, von fast allen Symptomen befreien. Meiner Erfahrung nach ist es allerdings leider so, dass die Medikamente bei Patienten wie Ihnen, wo die Symptome relativ schnell stärker geworden sind, auch schneller an Wirkung verlieren. Von diesem Punkt an werden sich die durch die Krankheit hervorgerufenen Lähmungserscheinungen immer weiter ausbreiten. Wir müssen uns dann auf die jeweiligen Umstände einstellen.«
»Das ist eine Katastrophe«, murmelte Ashley. Die Konsequenzen dieser Diagnose waren erschütternd. Seine schlimmsten Befürchtungen waren wahr geworden.


KAPITEL 1
Mittwoch, 20. Februar 2002,18.30 Uhr Ein Jahr später
Daniel Lowell hatte den Eindruck, als hätte das Taxi ohne jeden Grund mitten auf der M-Street - einer belebten, vierspurigen Hauptverkehrsader in Washington, D.C. - angehalten. Daniel war noch nie gerne Taxi gefahren. Es kam ihm absolut lächerlich vor, sein Leben einem völlig Unbekannten anzuvertrauen, der meistens aus irgendeinem weit entfernten Dritte-Welt-Land stammte und sich mehr mit seinem Handy beschäftigte als mit dem Verkehr. Jetzt standen sie mitten auf der M- Street, während draußen in der Dunkelheit der Berufsverkehr zu beiden Seiten an ihnen vorbeijagte und der Fahrer immer noch mit großem Engagement in einer fremden Sprache telefonierte. Daniel fühlte sich bestätigt. Er warf einen Blick zu Stephanie hinüber. Sie machte einen entspannten Eindruck und lächelte ihm aus dem Halbschatten zu. Liebevoll griff sie nach seiner Hand.
Erst als Daniel sich vorbeugte, sah er die Ampel, die über der Straße hing, um den Verkehr auf einer relativ ungünstig in der Mitte eines Häuserblocks gelegenen Linksabbiegerspur zu regeln. Als sein Blick auf die andere Straßenseite wanderte, entdeckte er eine Einfahrt, die zu einem unscheinbaren, kastenförmigen Backsteingebäude führte.
»Ist das unser Hotel?«, fragte Daniel. »Falls ja, dann sieht es aber nicht gerade einladend aus.«
»Warten wir doch mit der abschließenden Beurteilung, bis wir ein wenig mehr Erkenntnisse gewonnen haben«, erwiderte Stephanie in spielerischem Ernst.
Die Ampel sprang auf grün und das Taxi schoss vorwärts wie ein Rennpferd aus der Box. Der Fahrer steuerte den Wagen mit einer Hand, während er aus der Kurve heraus beschleunigte. Nur mit Mühe konnte Daniel verhindern, gegen die Autotür geschleudert zu werden. Nach einem heftigen Schlag waren sie in der Hoteleinfahrt und nach einer weiteren scharfen Linkskurve, die sie vor den Eingang brachte, bremste der Fahrer so scharf, dass Daniels Sicherheitsgurt sich spürbar straffte. Schon einen Augenblick später wurde seine Tür aufgerissen.
»Willkommen im Hotel Vier Jahreszeiten«, strahlte ein livrierter Portier. »Sie kommen gerade an?«
Daniel und Stephanie ließen ihr Gepäck in der Obhut des Portiers, betraten die Hotellobby und gingen zum Empfangstresen. Als sie über den dicken, feudalen Teppich schritten, kamen sie an einer Gruppe vorbei, die in ein Museum für Moderne Kunst gepasst hätte. Elegant gekleidete Menschen räkelten sich in plüschigen Samtsesseln.
»Wie hast du mich denn zu diesem Hotel überredet?« Daniels Frage hatte nur rhetorischen Charakter. »Von außen sieht es ja ziemlich unscheinbar aus, aber die Inneneinrichtung lässt darauf schließen, dass das eine teure Angelegenheit wird.«
Stephanie hielt Daniel am Arm fest. »Willst du etwa behaupten, dass du unser Gespräch von gestern schon wieder vergessen hast?«
»Gestern haben wir über vieles gesprochen«, grummelte Daniel. Gerade ging eine Frau mit einem französischen Pudel auf dem Arm an ihm vorbei. Sie trug einen diamantenen Verlobungsring von der Größe eines Tischtennisballs.
»Du weißt genau, was ich meine!«, rief Stephanie. Sie griff nach Daniels Gesicht und zwang ihn, sie anzuschauen. »Wir haben beschlossen, dass wir das Beste aus dieser Reise machen wollen. Wir bleiben zwei Nächte in diesem Hotel und wir werden den Luxus genießen, so, wie wir einander genießen werden, hoffe ich jedenfalls.«
Daniel verstand Stephanies sinnliche Andeutung und musste lächeln, auch wenn ihm nicht danach zumute war.
»Deine Aussage morgen vor dem gesundheitspolitischen Unterausschuss von Senator Butler wird nicht gerade ein Spaziergang«, fuhr Stephanie fort. »So viel steht fest. Aber egal, was passiert, wir nehmen auf jeden Fall eine schöne Erinnerung mit nach Cambridge zurück.«
»Hätte es dafür nicht ein etwas weniger extravagantes Hotel sein können?«
»Ausgeschlossen«, erklärte Stephanie. »Hier gibt es einen Wellness-Club, Massagen und einen erstklassigen Zimmerservice, und wir werden alles in Anspruch nehmen. Also entspann dich, mach dich locker. Und außerdem… die Rechnung übernehme ich.«
»Ehrlich?«
»Na klar! Die Firma hat mich so fürstlich entlohnt, da sollte ich ihr schon mal etwas davon zurückgeben.«
»Aah, Tiefschlag!«, sagte Daniel spielerisch und taumelte, als wäre er tatsächlich getroffen worden.
»Schau mal«, sagte Stephanie, »ich weiß, dass die Firma schon seit einer Weile keine Gehälter mehr bezahlen kann, aber ich werde dafür sorgen, dass diese gesamte Reise über die Firma abgerechnet wird. Wenn es morgen wirklich schlecht läuft - und das kann durchaus sein -, dann soll das Insolvenzgericht entscheiden, wie viel Geld das Vier Jahreszeiten für unsere Sinnesfreuden bekommen soll.«
Daniels Lächeln wurde zu einem kräftigen Lachen. »Stephanie, du überraschst mich immer wieder aufs Neue!«
»Und das war erst der Anfang«, erwiderte Stephanie lächelnd. »Die Frage ist allerdings: Kannst du jetzt endlich mal locker lassen oder nicht? Sogar im Taxi warst du angespannt wie eine Klaviersaite.«
»Aber nur, weil ich Angst hatte, wir würden nicht heil hier ankommen, nicht wegen der Rechnung.«
»Na, komm schon, mein Goldesel«, sagte Stephanie und schob Daniel vorwärts. »Gehen wir in unsere Suite.«
»Suite?«, fragte Daniel, während er sich zum Empfangstresen schleppen ließ.
Stephanie hatte nicht übertrieben. Von ihrer Suite aus konnten sie die Chesapeake Bay und den Ohio Canal sowie den dahinter liegenden Potomac River sehen. Auf dem niedrigen Tischchen im Wohnzimmer war ein Eiskübel mit einer Flasche Champagner darin platziert. Und auf der Kommode im Schlafzimmer und auf der ausgedehnten Ablagefläche des großzügig geschnittenen Marmorbades standen Vasen mit frischen Blumensträußen.
Sobald der Page verschwunden war, legte Stephanie die Arme um Daniel. Ihre dunklen Augen blickten hinauf in seine blauen. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. »Ich weiß, dass du morgen eine Menge Stress hast«, begann sie. »Also, wie wär's, wenn ich das Kommando übernehme? Wir wissen beide, dass Senator Butlers Gesetzesvorlage auf ein Verbot deines großartigen, patentierten Verfahrens hinauslaufen würde. Und das hätte den sofortigen Finanzierungsstopp für die Firma zur Folge, mit katastrophalen Konsequenzen, das ist klar. Damit ist alles gesagt, was dazu gesagt werden muss. Jetzt lass es uns für diesen Abend einfach vergessen. Schaffst du das?«
»Ich kann's versuchen«, sagte Daniel, obwohl er wusste, dass das ausgeschlossen war. Vor nichts fürchtete er sich mehr als vor dem Versagen.
»Mehr verlange ich gar nicht«, sagte Stephanie. Sie gab ihm noch einen schnellen Kuss, dann löste sie sich von ihm und machte sich an der Champagnerflasche zu schaffen. »Also, mein Plan sieht folgendermaßen aus! Wir trinken zuerst ein Glas Blubberwasser, dann nehmen wir eine erfrischende Dusche. Im Anschluss daran ist in einem Restaurant hier in der Nähe, dem Citronelle, ein Tisch für uns reserviert. Ich habe gehört, dass es ganz fantastisch sein soll. Nach einem wundervollen Essen kommen wir wieder hierher und fallen wahnsinnig und leidenschaftlich übereinander her. Was sagst du dazu?«
»Ich müsste verrückt sein, etwas dagegen zu haben«, sagte Daniel und hob zum Zeichen der Kapitulation die Hände.
Stephanie und Daniel lebten jetzt seit mehr als zwei Jahren zusammen und hatten eine angenehme Vertrautheit entwickelt. Sie waren schon Mitte der Achtzigerjahre aufeinander aufmerksam geworden. Damals war Daniel an die Universität zurückgekehrt, während Stephanie noch Chemiestudentin in Harvard war. Sie fühlten sich zwar zueinander hingezogen, hatten aber beide dem Drängen widerstanden, da solche Verbindungen von der Universitätsleitung überhaupt nicht gerne gesehen wurden. Außerdem hatten sie nicht die geringste Ahnung gehabt, dass ihre jeweiligen Gefühle auch erwidert wurden, zumindest nicht bis zu dem Zeitpunkt, als Stephanie ihre Doktorarbeit abgeschlossen hatte und in den Lehrkörper aufgerückt war. Dadurch konnten sie einander zumindest auf einer ähnlichen Ebene begegnen.
Auch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit ergänzten sie sich. Als Daniel der Universität den Rücken zukehrte, um seine Firma zu gründen, da war es selbstverständlich, dass Stephanie mit ihm kam.

Autorenportrait:

Robin Cook hat lange Jahre in der medizinischen Forschung und als HNO-Arzt gearbeitet. Inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben seiner Bestseller, von denen mehrere für das Fernsehen verfilmt wurden. Robin Cook sagt von sich, dass er die Leser mit seinen Medizin-Thrillern einerseits unterhalten will, andererseits möchte er auf die Gefahren aufmerksam machen, die die medizinische Forschung, aber auch die Praxis täglich mit sich bringen. Er lebt heute als freier Schriftsteller mit seiner Frau in Florida.

8,95* EUR