Leseprobe:
1
Vorsichtig schlug Iker die Augen auf. Er konnte sich nicht rühren. Mit Händen und Füßen war er an den Hauptmast eines großen Segelschiffs gefesselt, das in voller Fahrt über ruhige See glitt.
Die Küste, an der er nach einem langen Arbeitstag spazieren gegangen war, die fünf Männer, die plötzlich über ihn hergefallen waren und ihn mit Stöcken geschlagen hatten, dann die plötzliche Leere… Der ganze Körper tat ihm weh, sein Kopf dröhnte vor Schmerzen.
»Bindet mich los!«, flehte er.
Ein beleibter, bärtiger Mann kam auf ihn zu. »Du bist doch nicht etwa unzufrieden mit deinem Schicksal, mein Junge?«
»Warum habt ihr mich entführt?«, wollte Iker wissen.
»Weil wir dich vielleicht bald brauchen. Schönes Schiff, hab ich Recht? Es heißt Gefährte des Windes, ist hundertzwanzig Ellen lang und vierzig breit. So eins musste ich haben, um meinen Auftrag auszuführen.«
»Welchen Auftrag denn?«
»Du bist ja nicht gerade wenig neugierig! Egal, bei dem, was dich erwartet, kann ich dir ruhig sagen, dass wir ins Land Punt segeln.«
»Das göttliche Land? Das gibt es doch gar nicht, das ist doch nur eine Fantasiegeschichte für Kinder!« Der Kapitän grinste. »Meinst du etwa, hundertzwanzig Seeleute, die mutiger und entschlossener sind als Löwen, sind losgefahren, um ein Fantasieland zu erobern? Meine Mannschaft besteht nicht aus Träumern, sondern aus grimmigen Gesellen, die bei dem Unternehmen reich werden wollen, sehr reich.«
»Reichtum interessiert mich nicht! Ich will Schreiber werden.«
»Das kannst du vergessen, Schluss mit Palette, Pinsel und Papyrus. Schau, das Meer ist eine Gottheit, die genauso gefährlich und unbezwingbar ist wie Seth. Wenn der nächste Sturm über uns hereinbricht, weiß ich schon, wie ich das Meer besänftigen kann. Wir brauchen nur eine schöne Opfergabe, damit wir Punt erreichen. Deshalb werfen wir dich lebendig in die Fluten. Wenn du ertrinkst, beschützt du uns.«
»Aber warum… warum denn ich?«
Der Kapitän legte den Zeigefinger auf die Lippen.
»Das ist ein großes Geheimnis des Reiches«, flüsterte er. »Ich darf es dir nicht verraten, obwohl du ja nicht mehr lange zu leben hast.«
Der Kapitän ging weg, und Iker musste sich zusammennehmen, um nicht in Tränen auszubrechen. Mit fünfzehn sterben zu müssen und ohne zu wissen, warum – wenn das nicht der Gipfel der Ungerechtigkeit war? Wütend versuchte er, sich aus seinen Fesseln zu befreien, aber vergeblich.
»Das hat keinen Sinn, Junge, die Knoten hat ein Fachmann gemacht«, bemerkte ein grobschlächtiger, etwa vierzig Jahre alter Mann, der Zwiebeln kaute. »Ich war es nämlich, der dich gefesselt hat, und was Schildkröten-Auge macht, das macht er richtig.«
»Mach dich doch nicht zum Verbrecher! Sonst strafen dich die Götter.«
»Wenn man dir zuhört, vergeht einem glatt der Appetit.«
Schildkröten-Auge verschwand ans Heck.
Iker war ein Waisenkind und äußerst wissbegierig. Ein alter Schreiber hatte ihn in sein Herz geschlossen und erzogen. Mit Beharrlichkeit und Fleiß wäre es ihm sicher gelungen, Arbeit in einer Tempelverwaltung zu finden und dort viele glückliche Stunden zu verbringen.
Aber das zählte alles nicht mehr – jetzt hatte er nur noch diese unendliche Wasserfläche vor sich, die ihn bald verschlingen würde.
Ein junger Seemann ging mit einem Ruder über der Schulter an dem Gefangenen vorbei.
»He, du, hilf mir bitte!«, rief Iker.
Der Mann blieb stehen. »Was willst du?«, fragte er.
»Mach mich los, ich flehe dich an!«
»Und wo willst du dann hin, du Schwachkopf? Es wäre ziemlich dumm, wenn du vorzeitig ertrinkst. Du sollst sterben, wenn’s nötig ist, dann kannst du dich wenigstens etwas nützlich machen. Und jetzt lass uns verdammt noch mal in Ruhe! Sonst schneide ich dir die Zunge ab. Und was Messerklinge sagt, macht er auch.«
Iker rührte sich nicht mehr. Sein Schicksal war besiegelt. Aber warum ausgerechnet er? Ehe er von dieser Erde verschwand, wollte er wenigstens eine Antwort auf diese Frage. Ein großes Geheimnis… Wie sollte denn er, ein armer Schreiberlehrling, den mächtigen Pharao Sesostris bedrohen können, den Dritten dieses Namens, der mit starker Faust über Ägypten herrschte? Wahrscheinlich hatte sich der Kapitän nur über ihn lustig machen wollen. Und seine Piratenbande hatte sich den Erstbesten geschnappt, den sie erwischen konnten.
Schildkröten-Auge gab ihm einen Schluck Wasser zu trinken.
»Essen tust du besser nichts. Du schaust nicht besonders seefest aus.«
»Kann der Kapitän wirklich einen Sturm vorhersehen?«
»Das kannst du ihm schon glauben!«
»Und wenn es keinen Sturm gibt? Lasst ihr mich dann frei?«
Der Kapitän schob Schildkröten-Auge zur Seite. »Verschwende keinen Gedanken daran, mein Junge. Du bist dazu bestimmt, geopfert zu werden. Finde dich einfach damit ab und genieße diesen wunderbaren Anblick: Was gibt es Schöneres als das Meer?«
»Meine Eltern werden nach mir suchen lassen, dann kommt ihr alle ins Gefängnis!«
»Red keinen Unsinn, du hast keine Eltern mehr, und keine Menschenseele wird dein Verschwinden bemerken. Du bist bereits so gut wie tot.«
2
Auf einmal herrschte völlige Flaute, und die Hitze wurde drückend schwül. Die meisten Besatzungsmitglieder dösten auf Deck vor sich hin. Sogar der Kapitän war eingenickt.
Iker hatte jegliche Hoffnung aufgegeben und war verzweifelt. Diese Banditen waren fest entschlossen, ihn zu töten, komme was da wolle. Und er sah keinerlei Möglichkeit, ihnen zu entfliehen. Der Gedanke daran, vom Meer verschlungen zu werden, fern von Ägypten, ohne irgendeine religiöse Feier und ohne Begräbnis, versetzte den jungen Mann in Angst und Schrecken. Das bedeutete nicht nur den körperlichen Tod, diese Art zu sterben wäre auch eine schreckliche Demütigung, wie sie eigentlich Verbrechern vorbehalten war.
Was hatte er sich nur zuschulden kommen lassen, dass er ein solches Schicksal verdiente?
Iker war kein Mörder und auch kein Dieb, weder Verlogenheit noch Faulheit konnten ihm vorgeworfen werden. Dennoch befand er sich hier, auf diesem Schiff, zur Höchststrafe verurteilt.
Am Horizont flimmerte die Wasseroberfläche. Zuerst glaubte Iker glitzernde Spiegelungen zu sehen, aber das Naturphänomen wurde schnell immer größer. Eine Art Springflut baute sich vor ihnen auf, und zwar so schnell wie ein Raubtier, das sich auf seine Beute stürzen will. Gleichzeitig zogen Hunderte von kleinen Wolken aus dem Nichts auf und verdunkelten den Himmel wie eine einzige schwarze Masse.
Unsanft aus dem Schlaf gerissen, starrte der Kapitän die entfesselten Naturgewalten an. »Da war nichts, was diesen Sturm angekündigt hätte«, murmelte er entsetzt und rieb sich die Augen.
»Wach auf und sag uns, was wir machen sollen«, verlangte Schildkröten-Auge.
»Die Segel… Holt die Segel ein! Alle Mann auf ihre Posten!«
Der Donner grollte so schrecklich, dass die meisten der Seeleute starr vor Angst waren.
»Wir müssen den Jungen opfern!«, rief Messerklinge.
»Das machst du gleich selbst«, befahl ihm der Kapitän.
Sobald er losgebunden war, wollte Iker um sein Leben kämpfen. Natürlich hatte er keine Chance, seinen Gegner zu besiegen, aber dann würde er wenigstens ehrenhaft sterben.
»Erst mal schneid ich dir die Kehle durch«, verkündete Messerklinge. »Dann lebst du immer noch ein bisschen, wenn ich dich über Bord werfe. Und der Meeresgott wird zufrieden sein.«
Iker starrte die Silex-Klinge an, mit der er gleich getötet werden sollte.
Doch als sie in sein Fleisch schnitt, fuhr ein Blitz aus den Wolken, wuchs zu einer Feuerzunge an und versengte Messerklinge. Der Seemann ging zu Boden und brüllte vor Schmerzen.
»Schaut nur, die Woge!«, schrie Schildkröten-Auge. »Sie ist riesig!«
Eine Wasserwand wälzte sich bedrohlich heran und stürzte sich auf das Schiff. Obwohl sie alle erfahrene Seeleute waren, hatte keiner der Männer jemals etwas derart Furcht erregendes gesehen. Starr vor Angst standen sie da und unternahmen nichts, weil sie wussten, dass jede Maßnahme zwecklos war. Sie ließen die Arme hängen, unfähig, den Blick von der Woge zu wenden, die sich schrecklich brüllend über Gefährte des Windes hermachte.
Iker tastete vorsichtig mit der rechten Hand herum, und er spürte etwas feuchtes Weiches. War das vielleicht Sand… Ja, das konnte nur Sand sein.
Dann schien also das Jenseits eine vom unersättlichen Meer überflutete Sandwüste zu sein, die vermutlich von abscheulichen Kreaturen bevölkert war, die jeden Verurteilten verschlangen.
Da er noch eine Hand hatte, besaß Iker ja vielleicht auch noch einen Fuß – oder sogar zwei?
Sie regten sich, und auch seine linke Hand ließ sich bewegen.
Schließlich wagte es Iker sogar, die Augen zu öffnen und sich umzusehen.
Er lag an einem Strand. Einem prachtvollen weißen Sandstrand mit vielen großen Bäumen im Hintergrund.
Doch warum war nur sein Körper so schwer?
Da sah Iker, dass er um den Bauch herum noch immer an einen Rest vom Mast gefesselt war. Mühsam machte er sich los und stand langsam auf – ohne sich darüber im Klaren zu sein, ob er eigentlich tot oder lebendig war.
Draußen auf dem Meer verstreut, trieben die Überreste von Gefährte des Windes. Die riesige Welle hatte den Mast samt Iker mitgerissen, um ihn ans Ufer dieser sonnigen, üppig bewachsenen Insel zu werfen.
Iker hatte lediglich ein paar Schrammen und Prellungen.
Mit unsicheren Schritten ging er einmal rund um die Insel. Vielleicht hatten einige der Seeleute genauso viel Glück gehabt wie er. Für alle Fälle richtete er sich darauf ein, sich verteidigen zu müssen!
Aber der Strand war menschenleer. Das Schiff war mit Mann und Maus von dem wütenden Meer verschlungen worden. Und Iker war der einzige Überlebende – er, der eigentlich dem gefräßigen Meer als Opfergabe versprochen war.
Er hatte schrecklichen Hunger und wagte sich zögernd ins Innere der Insel. Dort entdeckte er Dattelpalmen, Feigenbäume, Weinstöcke und sogar einen Garten, in dem Gurken am Rand einer kristallklaren Quelle wuchsen.
Iker ließ sich die Früchte schmecken, ehe er auf den Gedanken kam, dass er nicht der einzige Bewohner dieses mitten im Meer verlorenen Fleckchens Land sein konnte.
Aber warum versteckten sich der oder die anderen, und wie würden sie wohl auf einen Eindringling reagieren?
Voller Angst machte sich Iker auf die Suche. Aber da war niemand. Und er fand auch keine einzige Spur von einem Inselbewohner. Er hatte nur sich selbst zur Gesellschaft.
Erschöpft von all den Aufregungen, schlief er bald im Schatten einer Sykomore ein.
Kaum war er wieder wach, erkundete Iker sein neues Reich ein zweites Mal, wobei er aber zu keinem anderen Ergebnis kam.
Er stellte jedoch fest, dass viele große Fische ganz nah ans Ufer schwammen und so eine leichte Beute waren. Aus einem Ast und einem Stück Schnur machte sich der Junge eine Angel und befestigte einen Wurm als Köder. Er hatte seinen provisorischen Angelhaken gerade erst ins Wasser getaucht, als auch schon ein Barsch anbiss.
An diesem Strand würde man als Schiffbrüchiger nicht so schnell verhungern.
Jetzt musste er nur noch irgendwie Feuer machen – und zwar ohne den Feuerbohrer, den man in Ägypten dafür verwendete. Aber Iker hatte Glück und fand ein Stück weiches und ein anderes, längliches und spitzes Stück Holz. Das weiche Holz klemmte er sich zwischen die Knie und drehte dann die Spitze des anderen mit leichtem Druck und so schnell es ging darauf herum. So erzeugte er Hitze, die schließlich Funken schlug. Iker fütterte die winzige Flamme mit trockenen Palmblattfasern, machte ein schönes Feuer und grillte seinen Fisch.
Ehe er ihn essen durfte, hatte er aber noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen: Er musste den Göttern dafür danken, dass sie ihm das Leben gerettet hatten.
Als Iker gerade die Hände zum Gebet über die Flammen hob, begann es laut zu donnern, die Bäume schwankten und die Erde bebte.
Voller Angst versuchte Iker zu flüchten, stolperte aber und prallte mit dem Kopf unsanft gegen einen Feigenbaum.
3
Blitze zuckten über einen Himmel, der in Flammen zu stehen schien, und vor ihm tauchte eine riesige goldene Schlange mit Augen wie Lapislazuli auf. Diesmal war Iker fest überzeugt, dass er jetzt wirklich gestorben war und dieser monströse Geist aus dem Jenseits sich auf ihn stürzen und ihn zermalmen würde.
Doch das Reptil kam nicht näher, ließ ihn aber auch nicht aus den Augen. »Warum hast du dieses Feuer gemacht, kleiner Mann?«, fragte ihn die Schlange.
»Um… Um dir die Ehre zu erweisen!«
»Und wer hat dich hierher gebracht?«
»Niemand, oder doch, eine Welle… Ein Schiff, Seeleute… Und dann…« »Sag die ganze Wahrheit und zwar schnell, rede nicht drum herum. Sonst äschere ich dich ein.«
»Ich wurde von Piraten entführt, in Ägypten. Sie haben mich mitgenommen, weil sie mich bei lebendigem Leib ins Meer werfen wollten, falls es einen Sturm geben sollte – als Opfer, um das Meer zu beruhigen! Aber der Kapitän hatte keine Ahnung, wie schrecklich der Sturm sein würde. Das Schiff wurde zerstört, ich bin der einzige Überlebende.«
»Gott hat dir das Leben gerettet«, bestätigte die Schlange. »Dies hier ist die Insel des ka, der Schöpfungskraft, der Urkraft des Universums. Ohne sie gibt es kein Leben. Doch dieses Reich wurde von einem Stern getroffen, der vom Himmel gefallen ist, und alles ist in Flammen aufgegangen. Nicht einmal ich, der Herr über dieses himmlische Land, das wunderbare Land Punt, konnte das Ende dieser Welt verhindern. Und du, kannst du dein Land retten?«
Ein brennender Schmerz weckte Iker aus seinem Traum. Das Feuer hatte einen Busch in Brand gesetzt und leckte an Ikers Waden. Er entfernte sich von den Flammen und sah die riesige Schlange auf einmal nicht mehr, die sich über den Boden gewunden hatte. Dann löschte er das Feuer.
Was für ein seltsamer Traum… Iker hätte schwören können, dass er sich das Reptil nicht eingebildet und dass es wirklich mit ihm gesprochen hatte – mit einer Stimme, die er noch nie gehört hatte und die er nie wieder vergessen würde. Als die letzten Funken verglüht waren, ging Iker zu der Quelle.
Zwei große Truhen standen dort auf der Erde.
Iker rieb sich die Augen.
Aber die beiden Truhen waren noch immer da. Langsam ging er auf sie zu, vorsichtig, als stellten sie eine Gefahr für ihn dar.
Irgendjemand erlaubte sich ein Spiel mit ihm. Irgendjemand versteckte sich hier im Gebüsch und hatte gerade diese Beutestücke von Gefährte des Windes oder einem anderen Schiff hergeschafft. Jemand, der bald dafür sorgen würde, den ungebetenen Eindringling loszuwerden, um seinen Schatz nicht mit ihm teilen zu müssen.
»Wer du auch bist – von mir hast du nichts zu fürchten!«, rief Iker. »Dein Schatz interessiert mich nicht! Zeig dich endlich! Kämpfen wir doch lieber gemeinsam ums Überleben, anstatt uns gegenseitig zu bekämpfen!«
Keine Antwort.
Noch einmal durchsuchte Iker die Insel, wobei er ständig die Richtung änderte, sich immer wieder umdrehte und unvermittelt schneller oder langsamer wurde. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Sinnen forschte er nach einem Hinweis auf die Gegenwart eines möglichen Feindes.
Völlig umsonst.
Er musste sich also wohl oder übel damit abfinden, dass er der einzige Bewohner dieses Eilands war.
Aber was war mit diesen Kisten…? Wahrscheinlich hatte er sie bisher nur nicht bemerkt. Sie stammten vermutlich von einem anderen Schiffbruch und waren erst jetzt an Land gespült worden.
Jetzt musste er sie nur noch öffnen.
Sie enthielten Leinensäckchen und Fläschchen aus Steingut, aus denen es köstlich duftete. Es handelte sich wohl um kostbare Duftwässer, die bestimmt ein kleines Vermögen wert waren.
War Iker wirklich mit dem Leben davongekommen? Hier auf der Insel kam es ihm zwar weniger grausam als auf dem Piratenschiff vor, doch das Schicksal schien ihm auch dort nicht gerade gewogen zu sein. Auch wenn es hier genug gab, um es einige Monate oder vielleicht sogar Jahre auszuhalten, hatte er doch Angst, dass ihn diese Einsamkeit verrückt machen würde. Und was wäre, wenn die Quelle versiegen oder wenn er keine Fische mehr fangen würde? Um ein stabiles Floß zu bauen, bräuchte er Werkzeug. Und käme es nicht sowieso einem Selbstmordversuch gleich, sich mit so einem zerbrechlichen Gefährt auf dieses unbekannte Meer zu wagen?
Iker musste die ganze Zeit daran denken, was ihm die Schlange, der Herr über das sagenhafte Land Punt, offenbart hatte. Wie konnte diese winzige Insel nur das viel gesuchte, angeblich vor Reichtümern strotzende himmlische Land sein?
Das war doch völlig abwegig!
Die goldene Schlange war gewiss nur die Einbildung eines Schiffbrüchigen. Aber warum hatte sie ihn dazu aufgefordert, sein eigenes Land zu retten? Nachdem ein Pharao an der Macht war, konnte Ägypten doch nicht in Gefahr sein!
Ach, Ägypten, sein Land war so weit weg, so unerreichbar! Iker dachte an sein Heimatdorf in der Nähe des Heiligtums von Medamud, einem mysteriösen Ort im Norden von Theben. Dank des alten Schreibers, der ihn bei sich aufgenommen hatte, musste Iker nur äußerst selten auf dem Feld arbeiten und konnte sich ganz dem Lesen und Schreiben widmen. Dieses Vorrecht missgönnten ihm viele, was ihn aber nicht interessierte, weil er nun einmal ausschließlich im Lernen Befriedigung fand.
Iker zeichnete die Hieroglyphen in den Sand, die er bereits schreiben konnte. So entstand ein Satz, der den Beruf des Schreibers rühmte. Dann betrachtete er den Sonnenuntergang, blickte lange in den Sternenhimmel und schlief schließlich in der ängstlichen Hoffnung ein, die riesige Schlange wiederzusehen.
Als er erwachte, hatte Iker Appetit auf einen gegrillten Fisch. Mit seiner Angel in der Hand machte er sich auf den Weg zum Strand. Dort musste er verblüfft feststellen, dass der Strand vom Meer überspült worden war.
Das war mit Sicherheit nur ein vorübergehender Zustand.
Trotzdem warf er einige Male die Angel aus, aber kein Fisch biss an. Erstaunt tauchte er ins Wasser und schwamm lange herum, ohne auch nur einen einzigen Fisch zu entdecken.
Als er wieder an Land kam, bemerkte er, dass das Meer noch immer stieg. Hauptsache, die Insel ging nicht unter…