Leseprobe:
Manieren geben
der Liebe Halt
Die Glückserwartungen sind höher denn je, der Alltag fordert, und nur die Liebe hält alles zusammen. Wenn die rosarote Brille dem kühlen Blick weicht, braucht die Romantik Airbags: Verhaltensweisen, die guttun, wenn alles rund läuft, und die den Aufprall abfangen, wenn die Liebe ins Schlingern gerät.
Drei von vier Deutschen finden: Gute Manieren sind für die Partnerschaft wichtiger als guter Sex. Zu diesem Ergebnis kam 2004 eine Ipsos-Studie im Auftrag der Frauenzeitschrift Elle. Hinter dem Wunsch nach Höflichkeit und Umgangsformen steht die Erkenntnis: Um zwischen Doppelkarriere und Baukredit, Bügelwäsche und Playmobil, seinen Eltern, ihrem Ex und beider Freunden eine gute Figur zu machen, braucht es mehr als den perfekten Body. Aufmerksamkeit, Takt und Wertschätzung erhalten die Liebe am Leben - in den guten Tagen und erst recht in den schwierigen.
Die neue Lust auf alte Werte
Dass gute Manieren bei fast allen zu den wichtigsten Erwartungen an den Mann, die Frau fürs Leben gehören, war nicht immer so. Anders als unsere europäischen Nachbarn pflegten wir Deutschen von jeher ein zwiespältiges Verhältnis zu Höflichkeit und Umgangsformen. Zwar galten Manieren als Ausweis guter Erziehung, zwar waren gesellschaftlicher und beruflicher Erfolg zu allen Zeiten an ein gewandtes Auftreten gekoppelt, gleichzeitig aber haftete gutem Benehmen der Verdacht des Gekünstelten und Maskenhaften an.
Schon Goethe griff das Thema auf. "Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?", weist Mephistopheles im Faust einen flegelhaften Schüler zurecht. Worauf dieser lässig zurückgibt: "Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist." Die jahrhundertealte Skepsis gegen Benimm und Etikette bewirkte, dass Stilfragen in Deutschland eine spürbar unwichtigere Rolle spielten (und spielen) als in Österreich, England, Frankreich oder Spanien.
Wirklich an den Kragen ging es den Manieren allerdings erst mit der 68er-Studentengeneration, als linke Intellektuelle das Ende der Höflichkeit ausriefen und gepflegte Umgangsformen als autoritäres Einschüchterungsritual attackierten. Von da an ersetzte in weiten Kreisen das allgemeine Duzen die komplizierten Rituale des Miteinander-Bekanntmachens, grüne Politiker leisteten den Amtseid in Turnschuhen ab, in den Fußgängerzonen verdrängten T-Shirts, Jeans und Freizeitjacken Krawatten, Kleider und Kostüme, und für Cheeseburger und Pizza brauchte man den Umgang mit dem Brotmesser ebenso wenig zu beherrschen wie die gewandte Konversation bei Tisch.
Der Schriftsteller Oliver Hassencamp fasste die Erosion der guten Manieren in einem Satz zusammen: "Umgangsformen sind Formen, die zunehmend umgangen werden." An ihre Stelle traten Selbstentfaltung, Freizügigkeit und Echtheit als neue Ideale. Mit dem Wertewandel veränderte sich auch die Liebe - besonders die Liebe. Mehr noch als in anderen Lebensbereichen wollte man in der Partnerschaft spontan sein dürfen, ungezwungen und ganz man selbst.
Heute, gut 30 Jahre später, ändern sich die Werte und Lebensvorstellungen erneut. Die sozialen Netze werden dünner, der wirtschaftliche Erfolg schwieriger, die Biografien brüchiger. Nach drei Jahrzehnten des Anything goes ist Benimm wieder in. Gleichzeitig erlebt die Sehnsucht nach Stabilität und dauerhaftem Familienglück ein Revival. Die Kinder der 68er-Revolutionäre haben erfahren, dass die Ehe weder heilig noch ewig ist. Entsprechend groß ist ihre Angst vor dem Verlassenwerden, entsprechend ausgeprägt der Wunsch nach Treue und der einen wahren Liebe, die für immer hält. Oder wenn schon nicht für immer, dann wenigstens auf Zeit.
Auf den ersten Blick haben die beiden Phänomene - das zunehmende Interesse an guten Manieren und die Rückbesinnung auf emotionale und sexuelle Treue - wenig miteinander zu tun. Schaut man jedoch genauer hin, hängen sie eng miteinander zusammen: Wenn nach dem Rausch der Verliebtheit und der Euphorie des Zusammenziehens die Routine des Alltags einkehrt, mindert jede Missstimmung und jedes Voneinander-angenervt-Sein die Chancen auf eine dauerhafte Beziehung. Wer sich wünscht, gemeinsam alt zu werden, braucht deshalb funktionierende Strategien, die emotionale Reibungsverluste verhindern und die gegenseitige Bewunderung am Leben erhalten.
Die Liebe und der gute Ton
"Für die Liebes- und Ehekunst in einer Gesellschaft der 80- bis 90-jährigen Biographien brauchen wir bessere Sozialtechniken", bringt es der Soziologe und Trendforscher Matthias Horx auf den Punkt. Die Forderung klingt ungeheuer nüchtern, wenn man sich (wie die meisten) insgeheim nach Seelengemeinschaft, Leidenschaft und Hollywoodromantik-bis-ans-Ende-aller-Tage sehnt. Dabei ist der Rat zu mehr Überlegtheit in Liebesdingen keine Erfindung moderner Soziologen. Schon der Urvater des beziehungsförderlichen Miteinanders, Adolph Freiherr Knigge, glaubte nicht an Wunder, sondern an Beziehungsarbeit, und zwar lebenslang. In seinem Klassiker Über den Umgang mit Menschen empfiehlt er Paaren eindringlich mehr Klugheit in Gefühlsdingen:
Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie sich so täglich sehen, und also Muße und Gelegenheit genug haben, einer mit des andern Fehlern und Launen bekannt zu werden und, selbst durch die kleinsten derselben, manche Ungemächlichkeit zu leiden; wichtig ist es, Mittel zu erfinden, sich dann nicht gegenseitig lästig, langweilig, nicht kalt, gleichgültig gegeneinander zu werden oder gar Ekel und Abneigung zu empfinden. Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nötig. Verstellung fällt in allem Betrachte weg; aber einer gewissen Achtsamkeit auf sich selbst und der möglichsten Entfernung alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man sich befleißigen.
Knigges Sprache klingt in unseren Ohren verstaubt. Aber sein Plädoyer, die wichtigste Beziehung im Leben intelligent zu formen, ist aufgeklärt und hochaktuell.
Vordenker und Realist: Adolph Freiherr Knigge
Die meisten verbinden den Namen Knigge mit kleinlichen Anstandsregeln und steifer Etikette. Dabei verlor der Aufklärer Adolph Freiherr Knigge (das "von" ließ er aus seinem Namen streichen) in seinem Buch Über den Umgang mit Menschen kein Wort über Krawattenknoten oder Tischmanieren. Er verfolgte ein ganz anderes Ziel: Ihm ging es um ein aufgeklärtes Miteinander, um Fairness, Respekt und Verständigung - um innere Haltungen also, nicht um äußerliche Verhaltensnormen. Erst spätere Bearbeiter ergänzten Knigges Buch um explizite Benimmvorschriften P
Kleine Gesten, große Gefühle
Seit gutes Benehmen wieder in ist, wimmelt es von Knigges aller Art: Job- und Manager-Knigges, Campus- und Kinder-Knigges, Ess- und Tisch-Knigges, Reise- und Anti-Blamier-Knigges, Flirt- und Erotik-Knigges wiegen uns in der Sicherheit, uns in jeder Lebenslage angemessen zu verhalten. Nur über eines schweigen sich die neuen Knigges aus: darüber, wie es nach dem Verliebtsein, der Verlobung und der stilvoll arrangierten Hochzeit weitergeht. Für die wichtigste aller Beziehungen gibt es in den neuen Knigges keine Stilregeln. Ehe- und andere Paare werden höchstens im Zusammenhang mit der Platzierung bei Tisch kurz erwähnt.
Dabei weiß jeder, der schon mal mehr als eine lockere Affäre hatte: Nähe ohne einen Hauch von schönem Schein kann schwer erträglich sein, und kleine Nachlässigkeiten kränken oft mehr als große Konflikte. Wenn sie zu oft vorkommen, sind sie genau das, was Paare erst zur Verzweiflung und irgendwann auseinander treibt. Zwar dürften einer tiefen gewachsenen Liebe die Haare im Waschbecken, der vergessene Hochzeitstag oder der gereizte Unterton gerade eben am Telefon nichts anhaben. Doch die Paarforschung bestätigt das subjektive Erleben - ob eine Beziehung gelingt oder scheitert, hängt von scheinbar belanglosen Kleinigkeiten ab:
Ob sie Augen und Ohren für ihn hat, wenn er abends nach Hause kommt, oder kaum den Blick vom Bildschirm hebt.
Ob er das Licht ausmacht, wenn sie müde ist, oder weiter geräuschvoll in seinem Krimi blättert.
Ob sie ohne Wenn und Aber auf das Tennisturnier am Samstag verzichtet, weil seine Mutter Geburtstag feiert.
Ob er auch im zehnten Ehejahr Spaß daran hat, ihr formvollendet die Autotür zu öffnen und wieder zu schließen.
Ob sie den ironischen Einwurf unterdrückt, der ihr auf der Zunge liegt, wenn er nun schon zum fünften Mal erzählt, wie er seinen Lieblingswidersacher kaltstellte und das Team auf seine Seite brachte.
Glaubt man den Paarforschern, leben Beziehungen weder vom welterschütternden Sex noch von den Momenten tiefer innerer Übereinstimmung. So viel uns solche Augenblicke geben, entscheidend für das dauerhafte Glück zu zweit ist die Art und Weise, wie das Paar miteinander umgeht. Genau das bedeutet das Wort Manieren seinem französischen Ursprung nach: la manière, die Art und Weise, etwas zu tun.
Wie Manieren die Liebe beflügeln
Wer "seinen Knigge" auch im Zusammenleben zu zweit beachtet, hat die besten Chancen, langfristig eine erfüllende Partnerschaft zu gestalten. Dafür gibt es einen einfachen Grund, denn wie von Zauberhand entfallen viele der Abertausend Mikrostressoren, die das Zusammenleben als Paar erschweren: Musik dröhnt, das Badezimmer steht unter Wasser, der Kaminofen ist kalt geblieben. An ihre Stelle treten ebenso viele Gesten der Zuwendung und Aufmerksamkeit: Kerzen brennen, das Haus sieht einladend aus, eine warme Decke legt sich um die Schulter. Eine wunderbare Vorstellung, oder? Lesen Sie, wie gute Manieren die Liebe beflügeln.
Liebesverstärker 1: Aufmerksamkeit
Menschen mit Manieren kultivieren einen siebten Sinn für die Bedürfnisse anderer. Ihre Achtsamkeit äußert sich in winzigen Gesten, die dem Partner, der Partnerin das Gefühl geben, beachtet, verstanden, geliebt zu werden: Man weiß schon beim zweiten Date, dass die neue Liebe den Cappuccino gern mit extra viel Milch trinkt. Man achtet beim Einräumen der Einkäufe darauf, dass die eine Mehl und Zucker in Reichweite vorfindet oder der andere sein Lieblingsöl am gewohnten Platz. Man sieht, wie gestresst der Partner wirkt und legt die leisen Jazz-Standards auf, die ihn nach einem anstrengenden Tag entspannen. Was so unspektakulär klingt, verändert die Liebe: Ein aufmerksamer Partner ist da, hört hin und lässt sich nicht lange bitten. Allerdings entspringt Achtsamkeit einer Geisteshaltung. Man kann sich selbst darum bemühen - sie aber dem Partner nur schwer abverlangen.
Liebesverstärker 2: Sicherheit
Natürlich kann nichts und niemand sicherstellen, dass man mit dem Menschen, den man als den Mann, die Frau fürs Leben sieht, wirklich auf immer und ewig zusammenbleibt. Fest steht jedoch: Höfliche machen ganz automatisch Tag für Tag vieles von dem richtig, was Paarforscher als günstige Voraussetzungen für eine gelingende Beziehung ansehen. Sie wenden sich dem anderen zu, unterstützen ihn und bewahren auch bei Krisen die entspannte Gelassenheit, die Menschen mit guten Manieren auszeichnet. Und zwar - das ist der springende Punkt - unabhängig von Lust und Laune: Wer Manieren hat, ist auch dann höflich, wenn ihm der Sinn mal nicht danach steht. Angenehmer Nebeneffekt: Partner mit Manieren stärken mit ihrem Verhalten nicht nur die Beziehung. Sie wirken dabei auch selbst anziehend und angenehm.
Liebesverstärker 3: Realismus
Manieren sind gelebtes Sich-umeinander-Bemühen. Sie drücken aus: Du bist es mir wert - dass man anruft, wenn man abends später kommt, das Badezimmer genauso makellos hinterlässt, wie man es vorfindet, und die Anzeichen der Ungeduld unterdrückt, wenn er mal wieder die Autoschlüssel nicht findet oder sie jetzt schon seit 10 Minuten schwankt, ob sie lieber den anthrazitfarbenen oder den hellgrauen V-Pulli kaufen soll. Hinter dem kontinuierlichen Einsatz für die Beziehung steht die nüchterne Erkenntnis: Die Liebe ist kein Glückszustand, den wir einmal erobern und dann für immer genießen. Sie darf nicht überstrapaziert und muss regelmäßig aufgeladen werden.
Liebesverstärker 4: Unkompliziertheit
Wer Manieren hat, zeigt sich weder schwierig im Umgang noch macht er anderen das Leben schwer. Angenehme Umgangsformen wirken deshalb auf die Beziehung wie ein Anti-Stress-Programm: Sie vereinfachen das Zusammenleben, beugen kleinen Nervereien vor und sorgen dafür, dass man Haltung bewahrt, auch wenn es in der Beziehung mal kriselt und hakt. Die anerzogenen, angelesenen und gemeinsam entwickelten Verhaltensstandards haben übrigens nichts mit steifer Etikette und kalter Pracht zu tun. Regelmäßig gelebt wirken sie unauffällig, selbstverständlich und ungezwungen.
Liebesverstärker 5: Fairness
In einer Welt der auseinanderstrebenden Werte und Vorstellungen sind auch Liebende nicht immer ein Herz und eine Seele. Paarforschern zufolge ist dauernde Übereinstimmung auch nicht notwendig. Viel wichtiger ist es, wie klug, sachlich und beherrscht das Paar seine Konflikte löst. Gute Manieren bieten dabei eine zuverlässige Orientierungshilfe: Höfliche verzichten auf aufreizende Sticheleien ebenso selbstverständlich wie auf abfällige Bemerkungen, Pauschalurteile ("Du hast doch keine Ahnung"), Beschimpfungen ("Du bist ja hysterisch"), Türenschlagen, vorwurfsvolles Schweigen und nachtragendes tagelanges Grollen. Mehr als eine faire Form der Auseinandersetzung verlangt der gute Ton allerdings nicht: Immer nur nachzugeben und die eigenen Interessen hintanzustellen, ginge weit über die Maßstäbe der Höflichkeit hinaus.
Liebesverstärker 6: Teamgeist
Natürlich bleiben wir auch als Teil eines Paares eigenständige Persönlichkeiten. Aber sobald aus einer Liebe eine Beziehung wird, nimmt man uns unweigerlich im Doppelpack war: Über kurz oder lang werden Charlotte und Paul in den Augen der Welt zu "CharlotteundPaul", und das Benehmen des einen fällt auf die andere zurück. Die Geburtstagsglückwünsche und Weihnachtskarten, die Charlotte versendet, werfen auch auf Paul ein positives Licht. Leider greift der Mechanismus auch umgekehrt: Macht Paul auf die potenzielle Vermieterin einen unsympathischen Eindruck, sinken auch Charlottes Chancen auf die begehrte Altbauwohnung. Als Paar bestimmen wir unsere Außenwirkung also nicht mehr allein - sie hängt auch vom Partner ab. Haben beide gute Manieren, profitiert das Paar zweifach davon: Nach innen, weil es stolz macht, wenn der Partner, die Partnerin sich souverän zu bewegen weiß. Und nach außen, weil man als eingespieltes Zweierteam gleich doppelt überzeugend wirkt.
Liebesverstärker 7: Stil
Rote Rosen, Kerzenlicht, Kavaliersgesten, schöne Kleidung, ein gepflegtes Zuhause - es macht einfach Spaß, sich voreinander und der Welt ein bisschen in Szene zu setzen. Nicht nur das: Die amerikanische Psychologin Sandra Murray hat herausgefunden: Positive Illusionen beflügeln das Liebesglück und die persönliche Entwicklung. Paare, die einander (in Maßen) idealisieren, blühen im Laufe der Jahre immer mehr zum Traumpaar auf. So gesehen geben Manieren der Liebe nicht nur Halt, sie sind eine schöne Möglichkeit, den anderen immer wieder neu zu umwerben und zu bezaubern.