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Das Loch in der Schwarte. btb, Band 73710

   von Mikael Niemi

buch.de-Verkaufsrang:
20480
ISBN-10:
3-442-73710-9
ISBN-13:
978-3-442-73710-9
Erschienen:
04.2008
Sofort lieferbar
Aus der Reihe:
«btb»
Einband:
kartoniert/broschiert
Sonstiges:
19 cm
Seitenzahl:
221
Gewicht:
210 g
Erschienen bei:
BTB
Übersetzer: Christel Hildebrandt

Beschreibung

Geschichten aus der fernen Zukunft: grandios komisch, ungeheuer verwegen, absolut unterhaltsam Pajala ist ᅵberall! Neues vom Autor des Bestsellers ᅵPopulᅵrmusik aus Vittulaᅵ. Und die schwedische Presse ist erneut begeistert: ᅵWir wuᅵten es schon immer. Nun sind die letzten Zweifel beseitigt: Mikael Niemi spinnt. Aber auf so verdammt brillante Weise, dass wir ihm bedingungslos folgen, wohin immer er geht.ᅵ Diesmal fᅵhrt er uns in die ferne Zukunft, in einen Alltag, der in all seiner Skurrilitᅵt, seinen Irrungen und Wirrungen doch sehr dem Leben im nᅵrdlichen Schweden ᅵhnelt. ᅵIntelligenter Unsinn, virtuos lakonisch aufgezeichnet, also brᅵllend komisch.ᅵ Literarische Welt ᅵFantastisch, skurril und urkomisch!ᅵ TV movie ᅵDie ganze Welt erfuhr durch Niemis Bestseller von Pajala, schᅵttete sich aus vor Lachen und begann, sich fᅵr das parallele Universum am Polarkreis zu begeistern. [ᅵ] Also berichtet Niemi heute vom Weltall, was so fremd und amᅵsant und seltsam wirkt wie Vittula.ᅵ Berliner Morgenpost

Leseprobe

Die Sonne stand tief im Norden ᅵber dem Waldhorizont. Die rote, zitternde Scheibe spiegelte sich im Wasser und wurde in dicke, rote Pinselstriche gespalten, die auf der dahinflieᅵenden Oberflᅵche schaukelten. Ich saᅵ am Strand und lieᅵ den Schwermut aus mir hinausrinnen. In der Luft lag ein schwerer Duft nach Schlamm und Juligewᅵchsen. Es war eine Viertelstunde nach Mitternacht, die Ruhe war vollkommen, kein Wind, nicht eine Bewegung im Blattwerk des Erlenbusches. Nur das mᅵchtige Rauschen des Flusses. Tausende Tonnen von Wasser, die sich ihren Weg durch den Wald suchten, ein Wasserrᅵcken in alle Ewigkeit. Man konnte ihn betrachten, so lange man wollte. Die stᅵndige Verᅵnderung des Flusses, obwohl es doch der gleiche blieb. Genau wie Feuer. Das menschliche Lagerfeuer. Millionen von Jahren der Freundschaft.
Ich harkte das noch schwelende Holz zusammen, sah, wie die Flammen hochschossen. Die Glut glimmte grellrot in der Asche. Der Rauch stieg weiᅵ und leicht, fast durchsichtig nach oben. Er zog langsam stromaufwᅵrts ᅵbers Flussbett, ein Gespenst, das sich entlang der Wasseroberflᅵche aalte, unvermittelt abtauchte, sich wieder erhob, und schon war es verschwunden. Dicht ᅵber der Glut hing eine ᅵsche, auf einen frisch geschnitzten Zweig gespieᅵt. Die Fischhaut siedete in
der Gluthitze, ich drehte vorsichtig den Spieᅵ. Die ᅵsche hatte an der Bachmᅵndung bei Westrinslᅵnda angebissen, hatte sich mit ihrer groᅵen, aufgerichteten Rᅵckenflosse gewehrt, und wieder einmal hatte ich das Leben gespᅵrt. Das Leben, ganz nah. Jetzt wurde der Fisch langsam gegrillt, eine Kᅵstlichkeit von vierhundert, vielleicht fᅵnfhundert Gramm. Meine alte Angel mit dem Fliegenkᅵder aus den Kinderjahren stand an eine krumm gewachsene Birke gelehnt, der Stamm zeigte Spuren heftiger Schneeschmelze. Der Fischkopf und die Eingeweide lagen am Flussufer auf silbrigen kleinen Steinen.
Ich zog vorsichtig an der Rᅵckenflosse. Sie lᅵste sich, der Fisch war gar. Am Feuer sitzend, begann ich mit den Fingern zu essen. Ich lᅵste das weiᅵe Fleisch von den nadeldᅵnnen Grᅵten und stopfte es mir in den Mund. Es war, als ᅵᅵe ich
warmen Schnee. Ein zarter Geschmack, ein Hauch von Rauch. Fluss und Feuer. Ich schloss die Augen, um die Erinnerung zu bewahren. Versenkte sie in meinem weichen Herzen.
Satt und zufrieden wanderte ich in Richtung Landungssteg. Die Bretter wiegten sich unter meinem Gewicht, das Wasser gluckste und schwappte. Ich ging auf dem Wasser. Ich spazierte auf der Flusshaut, die direkt unter meinen Fᅵᅵen strᅵmte. Drauᅵen auf einem Floᅵ schwamm die Sauna selbst, mit Ketten in der Flussstrᅵmung verankert. Sie war aus Brettern zusammengenagelt, ein kleines, hᅵbsches Holzhaus, das auf dem Wasser schaukelte.
Die Hitze schlug mir entgegen, als ich in den Vorraum trat. Erwartungsvoll zog ich mich aus, hᅵngte meine Kleider an die Haken. Als Allerletztes ᅵffnete ich mein Saunabier, trank den ersten, schᅵumenden Schluck. Schmeckte das Malz, die zischende Frische in der Kehle. Dann ᅵffnete ich die Tᅵr zum Saunaraum selbst. Die Hitze war stark und harzig. Ich schob die glᅵhend heiᅵe Ofenklappe mit einem
Stock auf, stocherte in ein paar Holzscheiten und kletterte auf die oberste Liege. Die Kupferkelle funkelte im Eimer. Ich ergriff den abgenutzten, glatten Holzgriff und fᅵllte die Kelle, hielt sie einen Moment lang hoch und sah, wie das Flusswasser ᅵber die Kante lief.
Dann goss ich. Der Wasserkᅵrper rieselte durch die Luft, schlug auf die Steine auf und wurde in reiᅵenden, beiᅵenden Dampf verwandelt. Ich goss noch einmal und spᅵrte, wie die Ohrlᅵppchen brannten, beugte mich schwerfᅵllig vor und atmete durch die geballte Faust. Meine Finger rochen immer noch nach Fisch. Und ich fᅵhlte so ein Glᅵck. So ein innerliches, verletzliches Glᅵck. Das Tornedal.
Das sollte es immer geben. Ich wᅵrde es mit mir durch Lichtjahre hindurch tragen.
Hinten von Mommankangas ist plᅵtzlich Dᅵsenjetdrᅵhnen zu hᅵren. Etwas Schweres, Dunkles zischt in der Stille, es klingt wie eine P 42, eine von der Bereitschaft. Die letzte Nacht, denke ich. Die letzte Nacht auf der Erde.
Dampfend heiᅵ gehe ich hinaus auf die Plattform. Dort stehe ich, die Abendsonne in den Augen, und stoᅵe mich mit meinen nackten Fᅵᅵen von den Bodenplanken ab. Dann schieᅵe ich hinaus, kopfᅵber mit breiten Schulterblᅵttern. Segle.
Mit offenen Sinnen nᅵhere ich mich der Wasseroberflᅵche. Mein Zeigefinger berᅵhrt die Wasserhaut mit der allerᅵuᅵersten Fingerspitze. Sie wᅵlbt sich, hᅵlt jedoch dagegen, diese glᅵnzende Oberflᅵchenspannung. Unten aus der Tiefe steigt mein Abbild im Spiegel herauf. Ein Zwilling, voller Dunkelheit. Es ist der Fluss, der mich anstarrt, der seinen Finger meinem entgegendrᅵckt. Gleich werde ich ᅵberspᅵlt, im nᅵchsten Moment.
Doch hier wollen wir innehalten, lasst uns diese Szene im sanften Licht betrachten. Eine glᅵnzende Wasserschicht gegen eine steif aufgerichtete Fingerspitze. Ein dampfender Menschenkᅵrper, der auf dieser bebenden Haut balanciert. Ein nacktes, schwebendes Zwillingspaar, und zwischen ihm die Wasseroberflᅵche wie ein funkelnder Text, ein schwarzer, sich spiegelnder Sternenhimmel.
Ich saᅵ eines unterirdischen Abends im Roadercafe auf dem Asteroid Wichssocke. (Es gibt etwas, das mich bei Science-Fiction-Filmen immer ᅵrgert, und zwar diese langweiligen, stereotypen Namen der fremden, bewohnten Himmelskᅵrper. Alle heiᅵen sie Epsilon, Centaurus und ᅵhnlich fantasielos. Oder noch schlimmer, sie bestehen aus Buchstabenkombinationen, bei denen immer ein X vorkommt, wie XCT, WXQ-Alpha und ᅵhnliches. In Wirklichkeit haben die Planeten ja fast immer auffᅵllig alberne Namen, die in den Ohren anderer Zivilisationen oft total bescheuert klingen.)
Ich saᅵ also wie gesagt an einem Plastiktisch auf dem Asteroid Wichssocke, nippte an einem Glas vulkanischem Joghurt und glotzte durch die Frontscheibe hinunter auf den schmutzig grauen Beton des Hangars, auf dem wir gelandet waren, um Brennstoff zu tanken. Es gibt nur wenige Orte, die so deprimierend sind wie diese ᅵden Servicestationen entlang des ᅵuᅵeren Erzgᅵrtels. Alles ist nur Warten, blinkende Leuchtstoffrᅵhren, ein Sternenhimmel voll brennender Einsamkeit, eine Ecke mit abgefuckten Spielautomaten, an denen ein vierbeiniger Grubenarbeiter seine sauer verdienten Groschen los wird. Am Kneipentisch nebenan saᅵen ein paar Gelblinge und schlᅵrften Wachs, mehr, als ihnen gut tat. Schlieᅵlich, aus reiner Langeweile, fragten sie, wie denn der Ort heiᅵe, von dem ich komme.
ᅵErdeᅵ, sagte ich.
Fehlanzeige, sie kapierten gar nichts, und das lag nicht allein am Wachs, wie ich nach einer Weile feststellte. Ich ᅵbersetzte es in alle zehn Sprachen, die ich im Kopf hatte und noch dazu in weitere 340 aus dem Translator, aber sie hatten ihre Lochᅵffnungen nur erstaunt weit geᅵffnet.
ᅵErdeᅵ, gestikulierte ich. ᅵWo Gras und Blumen wachsen.ᅵ
Die Gelblinge guckten noch verstᅵndnisloser, und schlieᅵlich ging ich zum Eingang, wo die wenigen Gᅵste ihre Raumanzᅵge aufgehᅵngt hatten, und holte aus dem Kaktusbeet eine Hand voll magerer Muttererde. Ich kam mit der Erde zurᅵck, kippte sie auf den Tisch und erklᅵrte, dass mein Planet so heiᅵe. Und als sie kapierten, dass es stimmte, dass ich keinen Spaᅵ machte, dass ich nicht einmal versuchte, unverschᅵmt zu sein, da fingen sie an lauthals zu lachen, dass ihre Haarschuppen rasselten, sie schlugen die Tentakel gegeneinander und schnaubten mit ihren Kiefern, wankten vor und zurᅵck, bis das Wachs ihnen aus den ᅵffnungen spritzte, und schlieᅵlich drehte sich ein Bergarbeiter um und fragte, was zum Teufel denn bitte schᅵn so witzig sei, und sie erzᅵhlten ihm, dass ich von der Erde kᅵme, und zeigten auf meinen kleinen Erdhaufen, und da fing auch der Bergarbeiter an zu brᅵllen, lachen und schnauben, dass die Spielchips wie ein Hagelschauer durch den Raum flogen. Was soll man da machen?
ᅵWichssocke!ᅵ, rief ich und versuchte, auch hᅵhnisch zu lachen, doch keiner kapierte, was ich damit meinte, obwohl es doch ein viel lᅵcherlicherer Name war.
ᅵErde!ᅵ, schrien die Gelblinge so laut, dass der Erdhaufen in einem Sturm von Prusten weggeblasen wurde. Ich war gezwungen, das Lokal zu verlassen. Ich konnte unmᅵglich bleiben. Also ging ich zu der heftig geschminkten Haarkugel an der Kasse und holte mein Elektrotᅵfelchen heraus, aber da musste ich feststellen, dass auch sie so heftig lachte, dass sie fast vom Haken rutschte, und zwischen den Lachattacken versuchte sie hervorzubringen, dass es fᅵr mich gratis sei, denn so viel Spaᅵ habe sie noch nie gehabt und werde ihn vermutlich auch nie wieder haben, bis ich das nᅵchste Mal wiederkomme, und wie mein Planet denn noch einmal heiᅵe?
ᅵErde, verdammt noch mal.ᅵ
Und jetzt wurde es noch schlimmer, sie warfen sich haltlos zu Boden, ein Sumpfmaul am nᅵchsten Tisch klinkte sich ein und ein paar Lederspinnen mit ihren Puppentellern auch, alle wanden sich wie in Krᅵmpfen, sie machten sich nass und lᅵsten sich an ihren Rᅵndern auf. ᅵErde!ᅵ
Noch schlimmere, noch wahnsinnigere Anfᅵlle, und jetzt starben zwei sogar, die Lederspinnen verschmolzen miteinander und koagulierten, und am Bartresen saᅵ ein Trichtersᅵufer, wurde ganz lila und hielt sich den Schᅵdel.
ᅵErde! Erde!ᅵ
Und dann verschied der Trichtersᅵufer mit einem schnalzenden Gerᅵusch und stieᅵ dabei einen sauren Atemstoᅵ aus, und auch die Gelblinge waren an ihre Grenzen gelangt, und ich dachte, wenn ich ᅵErdeᅵ noch einmal sage, dann bringe ich sie um, also sagte ich: ᅵErde!ᅵ
Und sie schluchzten, platzten innerlich und peitschten mit ihren Gliedern in spastischen Zuckungen, und ich dachte nur, verflucht, nur weg von hier, sonst zermalme ich sie noch alle, ich darf nicht mehr ᅵErdeᅵ sagen, und dann sagte ich: ᅵErdeᅵ, und es war das reinste Gemetzel, und ich flitzte hinaus zu meinem Flieger, startete und hob vom Planeten Wichssocke ab, um nie wieder meinen Fuᅵ darauf zu setzen.
Sie behaupteten, ich hᅵtte die Lebewesen mit Laserwaffen abgeschlachtet, ich wurde wegen Massenmordes gesucht, und als sie mich schlieᅵlich zu fassen kriegten, stand es schlecht um mich. Es kam zur Gerichtsverhandlung, und
mein einziger Zeuge war die Haarkugel von der Kasse, die fᅵr ihr ganzes Leben behindert bleiben wᅵrde. Und als der Richter meine Version hᅵren wollte, sagte ich, dass ich vom Planeten Erde komme. Und da begann der Richter laut brᅵllend zu lachen, und das ganze Gericht und die Zuschauer auch, und die Wachleute und Sekretᅵrinnen, und mitten in dem Chaos starb die Haarkugel vor Lachen, also huschte ich an den sich krampfhaft schᅵttelnden Wachen vorbei und dachte, dass ich nicht noch mehr Leben auf dem Gewissen haben wollte.
ᅵErde!ᅵ, schrie ich, um einen kleinen Vorsprung zu haben, und es gelang mir, von einem Frachter mitgenommen zu werden, und seitdem habe ich diese Ecke der Galaxis gemieden.
Abenteurer wird es immer geben. Einzelne, versprengte Existenzen, die sich nicht anpassen kᅵnnen. Die stᅵndig unterwegs sind, nie zur Ruhe kommen, die meistens schon einen Fuᅵ angehoben haben. Wenn sie einen Berg sehen, mᅵssen sie klettern, sehen sie einen Abgrund, mᅵssen sie hinuntertauchen, fᅵngt es an zu stᅵrmen, stellen sie sich mit dem Gesicht in den Wind. Sie spᅵren ein ewiges Jucken. Ab und zu gelingt ihnen das Unmᅵgliche, die Sonne wᅵrmt ihnen plᅵtzlich das Gesicht. Dann fᅵhlen sie sich augenblicklich leer und erschᅵpft, verzweifelt vor lauter ᅵberdruss. Sie mᅵchten jemanden lieben, doch das Glᅵck ᅵdet sie an. Leben, das muss wehtun. Die Haut muss sich an Kletterseilen und Satteln scheuern. Die Haarmᅵhne muss nach hinten geblasen werden. Die Welt ist zu klein, stᅵndig schrumpft sie, jeder Job und jede Verpflichtung verwandelt sich sofort in eine Uniform, deren Falten und Nᅵhte jucken.
Es ist diese Sorte Mensch, die es einst wagte, sich dem Feuer zu nᅵhern, die anfing, grᅵᅵere Tiere als sich selbst zu jagen, die jede Wᅵste, jede Gebirgskette und jeden Ozean als eine Herausforderung ansah. Als Kitzel, dem nicht zu widerstehen war.
Als das Weltall sich ᅵffnete, schien es, als wartete es nur auf diese Abenteurer. Anfangs schob ihnen zwar die Technik noch einen Riegel vor. Und die Kosten. Ein Raumfahrzeug kostete so viel wie ein Wolkenkratzer, und die Astronauten, das waren disziplinierte, ausgesuchte, hart gedrillte Marinecorpstypen.
Doch dann begann der Bergbau. Mond und Mars und mehrere der Asteroiden wurden erschlossen, und die ᅵberlandfrachter begannen zu pendeln. Der Beruf des Roaders wurde geboren. Und mit der Zeit, analog zur Entwicklung der Technik und je mehr immer modernere Schiffe und Shuttle in Betrieb genommen wurden, entstand ein wachsender Gebrauchtwarenmarkt fᅵr Raumfahrtkram. Plᅵtzlich wurde es fᅵr die Allgemeinheit mᅵglich, sich ein Raumschiff zu kaufen. Meistens ein abgenutztes, klapprig und leckend, aber wer geschickt war, konnte das meiste reparieren. Und jetzt fᅵllten sich die Raumschiffdocks mit sehnigen, am ganzen Kᅵrper tᅵtowierten Jᅵnglingen, hinkenden Kerlen mit Hemingwaybart, mageren Mᅵdchen mit Pistolenhalfter und Injektionsnarben, stummen Frauenzimmern mit rasierten Schᅵdeln und wegoperierten Brᅵsten. Alle fummelten an ihrer eigenen Karre herum. Sie lagen auf dem Rᅵcken und schweiᅵten in einem absolut unbequemen Winkel, standen mit einer Lupe im Auge ᅵber Heerscharen von Spinnennetzelektroniken gebeugt, sie fluchten und zerrten an irgendwelchen Hitzeschilden, die sich festgebrannt hatten und ausgetauscht werden mussten, sie installierten tragbare Gewᅵchshᅵuser, Trockenduschkabinen, Gravitationskreisel, Videogerᅵte mit Pornofilmen, Sonnenwindfᅵnger, Chirurgenausstattungen fᅵr die Eigenoperation mit dazugehᅵrigem Lehrbuch, Feuchtigkeitsabsorber, die Schweiᅵ und Kᅵrperflᅵssigkeiten in Trinkwasser umwandelten, und anderes Unentbehrliches fᅵr eine lange Reise.
Dann machten sie sich auf den Weg. Allein. Schweigend, fast im Geheimen. Manchmal merkte man nicht einmal, dass es los ging, plᅵtzlich waren sie einfach weg. Verschluckt vom Weltall. Ab und zu hᅵrte man von ihnen. Viele Monate spᅵter wurde vielleicht eine rasselnde, verzweifelte Mitteilung vom Notsender aufgefangen:
ᅵHilfe, Hill... Generator kaputt... irre umhl... Wasser bald zu Eni... helft mir, Hilfe, Hill...ᅵ
Die Erde schickte ein Funksignal zu der Notstelle irgendwo im Sonnensystem und rechnete die Retourkoordinaten aus, damit der Betreffende zurᅵckkehren konnte. Aber er lieᅵ nie wieder von sich hᅵren. Die Reserveenergie ging zu Ende. Armer Teufel.
Anfangs waren die Risiken ungemein groᅵ. Wir Roader schᅵttelten nur den Kopf, wenn wir an ihren schlecht erleuchteten Schrotthaufen im Dunkel des Alls vorbeisegelten, vernarbt vom Weltraumkies und verbrannt von kosmischer Strahlung. In den Fᅵhrerkabinen konnten wir irgendwelche halb dahindᅵsenden Gestalten erkennen, die Fᅵᅵe in den Cowboystiefeln auf dem Armaturenbrett, die Kopfhᅵrer voll mit Bob Dylan, das Gesicht glᅵnzend vom alten Kᅵrperfett. Wir hatten unseren eigenen Spitznamen fᅵr sie, nannten sie die Pissetrinker. Ihre Entsalzungsmaschinen waren von der billigen Sorte, und das Wasser, das immer von Neuem aus den Feuchtigkeitsabsorbern wiedergewonnen wurde, bekam bereits nach wenigen Wochen einen deutlichen Beigeschmack nach Urin. Das ganze Raumschiff verwandelte sich mit der Zeit mehr und mehr in eine qualmende Sardinenbᅵchse. Tatsache war, dass der Gestank in einem Raumschiff, das ein paar Jahre herumdᅵst, so entsetzlich ist, dass jedem, der sich ihm von auᅵen nᅵhert, ᅵbel wird. Die Besatzung selbst wird eins mit dem Geruch. Sie gewᅵhnt sich dran.
In den ersten Jahren dieser Epoche gelang es nur wenigen zurᅵckzukehren, ihre Karre wieder auf Mutter Erde zu stellen und herauszukrabbeln, schwindlig und mit zitternden Beinen. Ihr infernalischer Gestank fᅵhrte dazu, dass man bald eine spezielle Baracke neben dem Haupthangar fᅵr sie einrichtete, mit Dusche und Desinfektion, wo sie sich den schlimmsten sauren Talg abschrubben konnten. Doch die allermeisten Abenteurer blieben verschwunden. Vermutlich starben sie. Ihre alten Kisten leckten und waren unzureichend ausgestattet, und sie selbst waren nur schlecht auf die Tristesse und Isolation vorbereitet. Die meisten fuhren in den sicheren Tod. Wahrscheinlich rechnete eine ganze Reihe von ihnen sogar damit. Entschlossen stellten sie den Navigator ab, sobald sie das Sonnensystem verlieᅵen, davon ᅵberzeugt, nie wieder zurᅵckzukehren. Andere hatten sorgfᅵltig ausgerechnet, wie sie nach einer zehnmonatigen Alleinfahrt zurᅵckkehren wollten, erlitten dann aber dort, wo es keine Hilfe gab, Schiffbruch. Vergessen, ausradiert. Verwandelten sich in herumtreibenden Weltraumschrott.
Mit der Zeit besserten sich die Zustᅵnde. Die gebrauchten Fahrzeuge waren von immer besserer Qualitᅵt, die Ausrᅵstung ebenso, und vor allem lernte man aus den Erfahrungen. Mehrere der Alleinsegler, denen es gelungen war, wieder zur Erde zurᅵckzukommen, gaben Reiseberichte heraus mit Titeln wie: Hallo Kosmos! - Unter Asteroiden und Vakuumpilzen - Eine Blase im Glas des Alls - oder, ein richtiger Bestseller: Ich schaute bei Gott vorbei, doch es war niemand zu Hause, von Ruben Stanislawski. Letzteres eine Mischung aus zarter Weltraumpoesie, Reparaturhandbuch, Midlifecrisis und nicht zuletzt einer Schilderung der Psychose, von der Stanislawski in seiner Isolation ᅵberfallen wurde. Das Kapitel darᅵber, wie er wochenlang alle Nieten des Schiffs zᅵhlt und es anschlieᅵend mit einem Kunstledersofa treibt, ist bereits ein literarischer Klassiker.
Dinge gehen kaputt. Diese Erfahrung war allen Reisenden gemein. Aber im Unterschied zur Erde konnte man nicht einfach in den nᅵchsten Laden gehen und sich eine neue Lᅵtlampe kaufen. Jeder lockere Kontakt, jede kleine Korrosion kann schicksalsentscheidend sein. Eine Luftschleuse, die nur ein klein wenig leckt, kann in einem halben Jahr das gesamte Schiff leeren. Ein einziger Kreis, der zusammenbricht, und die komplette Navigationsausrᅵstung wird unbrauchbar. Man musste also ein Reservesystem haben. Das war das A und O. Reserveteile und Reparaturwerkzeug. Funktionierte die Wasserklᅵrung nicht, starb man. So einfach war das. Ohne Gewᅵchshaus gab es keine Fotosynthese, und ohne Fotosynthese gab es keinen Sauerstoff. Das haben diverse Geisterschiffe dort drauᅵen erfahren mᅵssen.

Kurzbeschreibung

Geschichten aus der fernen Zukunft: grandios komisch, ungeheuer verwegen, absolut unterhaltsam<br />
<br />Pajala ist überall! Neues vom Autor des Bestsellers "Populärmusik aus Vittula". Und die schwedische Presse ist erneut begeistert: "Wir wußten es schon immer. Nun sind die letzten Zweifel beseitigt: Mikael Niemi spinnt. Aber auf so verdammt brillante Weise, dass wir ihm bedingungslos folgen, wohin immer er geht." Diesmal führt er uns in die ferne Zukunft, in einen Alltag, der in all seiner Skurrilität, seinen Irrungen und Wirrungen doch sehr dem Leben im nördlichen Schweden ähnelt.<br />
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Portrait

Mikael Niemi, Jahrgang 1959, wuchs im hohen Norden Schwedens in Pajala auf, wo er heute noch lebt. Im Jahr 2000 erschien sein erster Roman "Populärmusik aus Vittula", für den er den angesehenen Augustpreis bekam. Es war das spektakulärste Debüt, das Schweden je erlebt hatte. Das Buch stand monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste, verkaufte sich über 800.000 mal und wurde in 24 Sprachen übersetzt. "Der Mann, der starb wie ein Lachs" ist sein dritter Roman.



Mehr über...
  • Mehr über:  Schwedische Belletristik / Roman, Erzählung, Schwedische SchriftstellerInnen: Werke (div.), fahrzeuge
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