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Der Ruf des Henkers - Goldmanns Taschenbücher

   von Andrew Taylor

buch.de-Verkaufsrang:
ISBN-10:
3-442-46457-9
ISBN-13:
978-3-442-46457-9
Erschienen:
04.2008
Ist nicht mehr lieferbar.
Aus der Reihe:
«Goldmanns Taschenbücher»
Einband:
kartoniert/broschiert
Sonstiges:
19 cm
Seitenzahl:
474
Gewicht:
384 g
Erschienen bei:
Goldmann
Übersetzer: Isabel Bogdan Mitarbeiter: Isabel Bogdan

Beschreibung

Der neue Fall aus der preisgekrönten Lydmouth-Serie mit Inspector Thornhill und Journalistin Jill Francis Richard Thornhill plagen die Geister der Vergangenheit. Als junger Polizist war er während der letzten Monate des Britischen Mandats in Palästina stationiert. Was er dort gesehen und getan hat, verfolgt ihn noch heute bis in den Schlaf. Und plötzlich taucht jemand aus dieser schrecklichen Zeit in Lydmouth auf, dem kleinen Ort an der walisischen Grenze: sein ehemaliger Vorgesetzter Jock Slether. Als kurz darauf eine Leiche aufgefunden wird, gerät Thornhill in Verdacht, der Mörder zu sein, denn er ist der Einzige, der den Toten kennt ? ?Die Lydmouth-Serie ist exzellent!? The Times ?Ein Krimi, wie er besser nicht sein kann!? The Sunday Times ?Der bisher beste Roman der Lydmouth-Serie.? The Globe and Mail

Leseprobe

Palästina
So sehr er es auch zu vermeiden versucht, in seinen Träumen kehrt Ricky doch zurück. Gelegentlich erwischt es ihn auch im Wachzustand, wenn er müde ist oder Sorgen hat. Wird er es je hinter sich lassen können? Er nimmt es wahr wie das Hintergrundrauschen im Radio - es ist immer da, aber manchmal fällt es einem stärker auf als sonst.
Das Muster ist festgelegt. Und so passiert das Schlimmste von allem.
Es wird bereits dunkel. Heimlich, still und leise schwindet das Licht vom Himmel, der im Westen violett und golden leuchtet. Die Fahrt hat länger gedauert als erwartet. Die Tore zum Hof stehen offen. Alles, was sich zu plündern lohnte, ist bereits fort.
Der Lieutenant weist den Fahrer an, den Lastwagen rückwärts auf den Hof zu fahren und direkt hinter dem Tor zu parken, falls sie eilig aufbrechen müssen. Ricky verlässt die Fahrerkabine, und von dem rissigen Asphalt steigt die gespeicherte Hitze des Tages auf.
Außer ihnen ist niemand zu sehen, weder auf dem Hof noch im Gestrüpp auf den Hügeln, die hinter der Straße ansteigen. Er weiß, dass irgendwer sie beobachten wird. Man wird immer beobachtet. Er und der Lieutenant warten, während der Sergeant die Ladeklappe herunterlässt. Das Rattern der Kette und das Aufeinanderschlagen von Metall sind furchterregend laut. In einer Ecke des Hofes kratzt etwas oder jemand über einen Haufen rostiger Ölfässer.
»Scheißkatzen«, sagt der Offizier; eher eine Hoffnung als eine Feststellung. Er ist ein junger Mann mit einem vorstehenden Adamsapfel, der auf und ab hüpft wie ein Jo-Jo.
Einer nach dem anderen springen die Soldaten aus dem Lastwagen. Alle haben Gewehre dabei. Der letzte zieht das Minensuchgerät hinter sich her. Sie sehen so jung aus, denkt Ricky, Kinder, die Soldaten spielen, und nicht zum ersten Mal fühlt er sich alt.
»Gut«, sagt der Lieutenant gespielt zuversichtlich. »Wir sehen uns erstmal hier draußen um, dann gehen wir rein.«
Sie arbeiten sich an dem rostenden Zaun entlang. Hinten steht eine Reihe verfallender Schuppen. Ricky und der Sergeant untersuchen die Außenwände des Hauptgebäudes, wo die Werkstätten sind. Die Fenster sind vergittert. Das verbliebene Glas ist blind vor Staub. Die Finbowes sind erst vor einem halben Jahr ausgezogen, aber das Haus ist bereits eine Ruine; dafür haben Mensch und Natur gesorgt.
Ricky weiß, dass dieser Ort mit Bedacht gewählt worden war. Die Finbowes sind nicht um ihrer selbst willen von Bedeutung, sondern wegen des Klaviers. Wäre das Klavier nicht gewesen, dann hätte niemand von ihnen einen Grund, hier zu sein.
»Wir gehen ganz langsam vor«, sagt der Lieutenant mit monotoner Stimme, als spräche er im Traum eines anderen mit sich selbst. »Wir müssen auf alles gefasst sein.«
Die Doppeltür wäre groß genug für einen Lastwagen, und ein Flügel steht offen. So jung sie auch sind, die Soldaten sind bereits Experten in diesen Dingen. Sie treten langsam ein, einer nach dem anderen, einer gibt dem anderen Deckung. Sie folgen dem Mann mit dem Minensuchgerät. Zwei Taschenlampenstrahlen leuchten in dem langen, schmutzigen Raum auf und ab.
Ricky hört den schnellen, lauten Atem des dicken Jungen zu seiner Linken. Der Junge rechts kaut mit offenem Mund Kaugummi. Es macht ein schmatzendes Geräusch, das Ricky an seine Kindheit erinnert, wenn er an regnerischen Nachmittagen über ein schlammiges Feld lief.
»Himmel«, sagt der mit dem schweren Atem. »Riechen Sie das?«
Niemand antwortet. Es ist kein Geruch, noch nicht, es ist etwas weniger Eindeutiges, eine Art Schmutz in der Luft.
»Hier ist nichts, anscheinend«, sagt der Offizier, dreht sich um sich selbst und zieht den Lauf seiner Sten Gun in einem lässigen Bogen hinter sich her.
»Hinter der Tür da am Ende ist noch eine kleinere Werkstatt«, sagt Ricky. Er hat mit einem Mann gesprochen, der früher einmal hier gearbeitet hat. »Und ein paar Büros daneben.«
Der Offizier nickt, sagt aber nichts. Sein Adamsapfel hüpft auf und ab. Türen sind immer schlecht. Man weiß nie, was einen auf der anderen Seite erwartet. Sie schränken auch die Bewegungsfreiheit ein und machen einen verletzlich.
Er drückt die Tür auf. Der Schmutz in der Luft ist jetzt ein Geruch. Die Taschenlampen harken durch die dahinterliegende Leere. Keine Stolperdrähte. Ebenfalls Betonboden. Der Mann mit dem Minensuchgerät geht voran, seine Bewegungen sind präzise und verlaufen nach einem festen Muster, wie Tanzschritte.
Plötzlich wird der Geruch intensiver. Der Junge mit dem Kaugummi würgt. Wehrdienst-Kinder, denkt Richard wütend, zu jung für diese Arbeit, zu jung für diesen Ort. Er spürt, wie ihm selbst übel wird, und kämpft das Gefühl nieder. Hinter ihm flucht der dicke Junge in einem steten Strom wild ineinander verwobener Obszönitäten und Blasphemien.
»Da«, flüstert der Lieutenant. »Da drüben, seht ihr? In der Ecke.«
In diesem Teil des Gebäudes ist es viel dunkler. Vor den Fenstern sind Läden. Über den Boden fallen Streifen des Abendlichts, dazwischen tanzen die Strahlen der Taschenlampen. Ein Strahl fährt an der Wand entlang und zur Decke. Da sieht Richard den Strick. Er ist an einem Balken befestigt, der über die gesamte Breite des Gebäudes verläuft und die Wände zusammenhält. Der Lichtstrahl wandert tiefer, und plötzlich ist alles zu Ende.
Der Körper ist nackt. Der Lichtstrahl fährt schnell vom Kopf zu den Füßen, dann wieder hinauf, dann fort. Die Leiche ist kaum mehr zu sehen. Aber Ricky weiß, dass es zu spät ist. Die Leiche wird immer da sein, für ihn, und für die anderen wahrscheinlich auch. Er ist jetzt ein Teil von ihm, ein Teil, den er niemals loswerden wird, wie sehr er es auch versucht.
»Scheiß-Ameisen«, sagt der Kaugummi-Kauer. »Sie sind überall. Die Scheiß-Fliegen auch.«
Jemand erbricht sich, heftig, immer wieder, Flüssigkeit klatscht auf den Beton.
»Ist er das?«, fragt der Lieutenant, der plötzlich eine heisere Stimme hat; Angst kann diesen Effekt haben.
Der Taschenlampenstrahl kehrt zu dem Gesicht zurück. Ricky betrachtet es. Nicht stranguliert, denkt er, trotz des Stricks um den Hals des armen Teufels. Er muss schon tot gewesen sein, als sie ihn aufgehängt haben.
»Oh, ja«, sagt Ricky. »Das ist er. Haben Sie ein Messer?«
»Rühren Sie ihn nicht an. Er könnte vermint sein. So was haben sie schon mal gemacht.«
Ricky nickt, er weiß, dass er den Tadel verdient hat, er weiß, dass die Anspannung auch an ihm und seinem Denken nicht spurlos vorübergeht.
»Zurück«, bellt der Lieutenant. »Alle. In die andere Werkstatt.«
Langsam, kleinlaut, ziehen sie sich zurück. Sie fächern aus und suchen Schutz hinter der Wand. Der Offizier steht in der Tür, breitbeinig, die Sten Gun im Anschlag. Ricky schaut über die Schulter zurück.
Ein Geräusch platzt durch die Luft, plötzlich und hässlich. Der nackte Körper tanzt an dem Strick. Dann kehrt wieder Stille ein, durchbrochen nur vom Kratzen kleiner Krallen und abbröckelndem Putz. Noch einmal schießt der Offizier. Die Leiche zuckt und schwingt hin und her. Aber sie explodiert nicht. Das Geräusch erstirbt. Der Geruch ist noch beißender als zuvor.
Die Stimme des jungen Mannes zittert, als er drei Männern befiehlt, die Büros zu durchsuchen. Die übrigen scharen sich um die Leiche, in gebührendem Abstand, als sei der Tod ansteckend. Sie haben die Hände vor die Münder und Nasen geschlagen. Flüssigkeit tropft zu Boden. Es klingt wie ein tropfender Wasserhahn. Plötzlich und mit einem Zischen entweicht eingeschlossene Luft aus der Leiche wie ein großer Furz. Jemand lacht.
»Nicht mit einem Knall, Kumpel«, murmelt der Lieutenant mit einem hohen, nervösen Kichern, »sondern mit einem Wimmern.«
Ricky ignoriert ihn. »Du meine Güte, holen wir ihn da runter. Geben Sie mir ein Messer.«
»Sie müssen sich auf was draufstellen«, sagt der Offizier und klingt wieder ganz normal.
Der Junge mit dem Kaugummi tritt an einen Metalltisch heran, der ein paar Meter von der Leiche entfernt auf der Seite liegt. Einen Augenblick lang schwebt er zwischen hier und dort, seltsam würdevoll, der linke Arm vom Gewehr nach unten gezogen, der rechte zu dem Tisch hin ausgestreckt. Im selben Moment tropft ein weiterer Tropfen Flüssigkeit aus der Leiche. Der Junge fasst eines der Tischbeine an und zieht.
Ricky hört seine eigene Stimme, die nur ein Wort ruft: »Nein!«
Am Dienstag, dem dritten April, saß Edith Thornhill in Ruispidge Hall und starrte aus dem Fenster. Es regnete immer noch, und sie machte sich immer noch Sorgen. Ihre jüngste Tochter Susie wand sich auf ihrem Schoß. Susie hätte sich gern den beiden vierjährigen Jungen angeschlossen, die zwischen den Regenmänteln in der Nähe der Tür Verstecken spielten.
»Die Köpfe hoch!«, rief Miss Awre mit durchdringender Stimme. »Und die Füße strecken!«
Die Kinderreihe bewegte sich unter ihrer Anleitung gehorsam durch den Saal, während Miss Buckholt die Begleitung ins Klavier hämmerte. Fünfzehn Kinder waren in der Kindertanzstunde, alles Mädchen. Die Zweite in der Reihe war Ediths ältere Tochter Elizabeth, hinter ihr tanzte ihre Freundin Gwen Raven.
Miss Awre schaute auf die Uhr und klatschte in die Hände. Sofort blieb die schlängelnde, hüpfende Reihe kleiner Mädchen stehen. Am Klavier hackte Miss Buckholt sich dennoch weiter durch einen rebellischen halben Takt, der in einer stattlichen Dissonanz seinen Höhepunkt fand.
Mit in die Seiten gestemmten Armen ließ Miss Awre den Blick durch den Raum schweifen, von den Mädchen vor der Wand zu den Müttern und Kleinkindern auf den Stühlen. Es herrschte absolute Stille. Selbst die beiden Jungen, die bei den Regenmänteln spielten, hielten inne. Miss Buckholt war gedrungen wie eine Kröte und wirkte in ihrer gelben
Strickjacke wie eine Buddhastatue. Miss Awre hatte das Gesicht und die Autorität ihres Vaters geerbt, der einst ein Regiment von Bengal Lancers befehligt hatte.
»Gut«, sagte sie. »Das habt ihr schön gemacht. Wir wollen heute pünktlich Schluss machen, weil die Großen wegen des Balls zusätzliche Stunden haben. Wir sehen uns nächste Woche um dieselbe Zeit.« Sie gestattete sich ein grimmiges Lächeln. »Nach dem Ball.«
Selbst Edith reagierte mit einem gefälligen Kichern. Miss Buckholt lachte nicht. Sie schaute zur Tür zwischen Saal und Lobby, von wo aus es in die Welt hinausging. Edith folgte ihrem Blick; Beatrice Winderfield war soeben hereingekommen. Sie war kaum größer als manches der Kinder und trug einen khakifarbenen, vom Regen glitzernden Regenmantel, der sie einhüllte wie ein Zelt.
Miss Awre klatschte in die Hände, das Zeichen, dass sie entlassen waren. Die Kindertanzklasse löste sich auf, und das Summen von einem Dutzend Gespräche erfüllte den Raum. Kinder liefen zu ihren Müttern. Miss Awre blinzelte Richtung Beatrice Winderfield, als versuche sie sich zu erinnern, wer sie war.
Miss Buckholt erhob sich vom Klavier und scheuchte die kleinen Jungen mit unnötiger Strenge von den Mänteln fort. Sie hob die hinuntergefallenen Regenmäntel auf und knallte sie wieder an die Haken. Edith sah, wie sie etwas in die Tasche ihrer Strickjacke steckte.
Elizabeth kam zu Edith und Susie. Ihre Freundin Gwen war ein paar Schritte hinter ihr. Gwen war Miss Winderfields Nichte, und sie hatte ihre Zartheit und ihre schrägstehenden, blauen Augen geerbt.
»Mummy, kann ich zum Tee zu Gwen?«, fragte Elizabeth.
Edith schaute die beiden Mädchen an. »Von mir aus. Wenn Miss Winderfield es erlaubt?«
Gwen nickte. »Ich habe sie noch nicht gefragt, Mrs. Thornhill, aber das erlaubt sie bestimmt.«
Miss Winderfield kam durch den Raum auf sie zu und lächelte Edith an. »Sie sind Mrs. Thornhill, nicht wahr?«
Edith bestätigte das.
»Gwen hat mir so viel von Elizabeth erzählt«, fuhr Miss Winderfield fort. Sie hatte eine weiche und sehr schöne Stimme. Es hieß, sie hätte Musikerin werden können, wenn ihre Eltern nicht gewesen wären.
»Auntie Beatrice«, sagte Gwen und berührte sie am Arm. »Kann Elizabeth zum Tee zu uns mitkommen?«
Sie lächelte immer noch. »Natürlich. Das heißt, wenn Mrs. Thornhill nichts dagegen hat.«
Die Sache war schnell geregelt. Edith würde Elizabeth gegen fünf Uhr abholen.
»Sie wissen, wo wir wohnen?«, fragte Miss Winderfield.
»Ich glaube schon«, sagte Edith, als wäre sie nicht sicher. »Castle Green, oder?«
»Genau - The Chantry. Ich fürchte, wir müssen los. Ich muss Walter suchen und dafür sorgen, dass er in die Tanzstunde für die Großen geht.«
»Walter kann Tanzen nicht leiden«, vertraute Gwen Elizabeth in einem lauten Flüstern an.
»Gwens Bruder«, erklärte Miss Winderfield. »Er ist für die Ferien aus dem Internat nach Hause gekommen und fühlt sich wie ein Fisch auf dem Trockenen.«
Sie verabschiedete sich. Susie, die während des Gesprächs den Kopf an der Schulter ihrer Mutter geborgen hatte, kletterte von ihrem Schoß. Edith schaute Miss Winderfield hinterher, als sie mit Gwen an der einen Seite und Elizabeth an der anderen den Saal verließ. Sie hatten es nicht weit. In der hohen Mauer um den Garten der Chantry war ein Tor, fast genau gegenüber von Ruispidge Hall.
Miss Awre beobachtete sie ebenfalls. An der Tür warf Miss Winderfield einen Blick zurück, allerdings nicht zu Edith, sondern zu Miss Awre.
Es regnete immer noch, und Edith Thornhill sorgte sich immer noch. Sie ging die Chepstow Road hinunter, Susie stolperte neben ihr her. Ein Teil ihrer Gedanken galt der praktischen Organisation des Nachmittags - nach Hause gehen, Susie etwas zu essen machen, etwas Trockenes anziehen, dann wieder zurückgehen zur Chantry, wahrscheinlich mit Susie, ziemlich sicher im Regen. Sie bereute es nicht, Elizabeth erlaubt zu haben, zu Gwen zu gehen - woher denn -, aber es verkomplizierte die Dinge. Doch das war nichts, womit sie nicht fertig werden würde. Was ihr wirklich Sorgen machte, war das andere Problem, das, mit dem sie nicht fertig wurde.
Hinter sich hörte sie eine Hupe. Ein Auto hielt unmittelbar vor ihr an wie eine Antwort auf ein Gebet. Mrs. Drake beugte sich herüber und öffnete die Beifahrertür von innen.
»Edith, bei dem Wetter ertrinkt man ja draußen. Ich nehme Sie mit.«
»Wir sind klatschnass.«
»Das macht doch nichts. Steigen Sie ein, meine Liebe, sonst kommt nur der Regen rein.«
Es war nie einfach, der Frau des Deputy Chief Constable etwas abzuschlagen, und in diesem Fall wollte Edith das auch gar nicht. Sie reichte Susie hinein zu Mrs. Drake und setzte sich dann auf den Beifahrersitz des Armstrong Siddeley. Sie seufzte und zog Susie auf ihren Schoß.
Mrs. Drake sah sie einen Moment lang an. »Haben Sie ein halbes Stündchen Zeit für mich?«
»Ja - ich muss um fünf wieder in der Stadt sein und Elizabeth abholen, aber bis dahin habe ich Zeit.«
»Dann kommen Sie doch mit und trinken Sie eine Tasse Tee mit mir. Ich kann Sie dann ja wieder in die Stadt fahren - ich muss sowieso Vincent abholen, da macht das gar keine Umstände.«
Edith nahm das Angebot an. Es war eine Erleichterung, gesagt zu bekommen, was man tun sollte. Es war eine Erleichterung, in einem bequemen Wagen gefahren zu werden und die Aussicht auf eine Tasse Tee zu haben, die jemand anders zubereiten würde.
Die Drakes wohnten in einem gediegenen, modernen Haus in der Chepstow Road, außerhalb von Lydmouth. Sie tranken den Tee im Wohnzimmer. Mildred Drake holte eine Kiste mit angeschlagenem Spielzeug und ließ Susie auf dem Kaminvorleger damit spielen.
»Das ist Lizzie«, sagte Susie und griff nach einem einarmigen Zinnsoldaten aus dem ersten Weltkrieg. Mit der anderen Hand nahm sie einen Dudelsackspieler ohne Kopf. »Und das ist Gwennie.« Sie drückte die beiden Soldaten aneinander und drehte sie im Kreis herum. »Die tanzen!«
»Wir kommen gerade aus der Ruispidge Hall«, erklärte Edith. »Elizabeth und ihre Freundin Gwen gehen in die Kindertanzstunde.«
»Ah. Die wunderbare Miss Awre. Im Moment hat sie bestimmt gut zu tun. Ist nicht Ende der Woche der Ruispidge Charity-Ball?«
»Sie sind schon alle in heller Aufregung, wie immer. Ich glaube, die Mütter sind die Schlimmsten. In ein oder zwei Jahren müssen wir mit David da durch, schätze ich, und dann die Mädchen. Ehrlich gesagt, ich bin nicht gerade wild darauf.«
Das Gespräch plätscherte von den Bällen in der Vergangenheit und der Gegenwart zu den Enkeln der Drakes und den Plänen der Thornhills für die Sommerferien. Bei der zweiten Tasse Tee wechselte Mrs. Drake allerdings abrupt das Thema.
»Also, meine Liebe«, sagte sie. »Was beschäftigt Sie?«
Edith schaute auf. Sie kannte Mildred Drake so gut, dass sie nicht überrascht war. Sie sagte: »Ist es so offensichtlich?«
Mrs. Drake antwortete nicht. Edith überlegte, ob der leicht panische Ton in ihrer Stimme ihrer Gastgeberin ebenso aufgefallen war wie ihr selbst. Susie krähte fröhlich, weil sie ein Puzzle aus neun Holzklötzen fertig bekommen hatte, das kleine, flauschige Tiere beim Picknick zeigte.
Edith seufzte. »Ich mache mir Sorgen um Richard.«
»Ein Vögelchen hat mir gezwitschert«, sagte Amy Gwyn-Thomas, »dass Edith Thornhill ein klitzekleines bisschen verstimmt ist.«
Jill Francis schaute hinaus in den Regen, der wie klares Fett am Fenster hinunterrann. »Warum das denn?«
»Ich weiß nicht, ob ihr das gefällt.«
»Was sollte sie dagegen haben, dass ihr Uncle Bernie ein Café eröffnet?«
Amy senkte die Stimme. »Es kursiert das Gerücht, dass er und Mrs. Merini mal ... na ja, sehr gut befreundet waren. Sie sieht nicht ... nicht mehr so aus, inzwischen, eher im Gegenteil, aber manche Frauen geraten halt mit dem Alter ein bisschen aus der Form, nicht wahr?« Amy ließ die Hand an ihrer Taille entlang und über ihre linke Hüfte gleiten. Selbst ihre ärgste Feindin hätte sie nicht dick nennen können. »Vielleicht ist Mrs. Merini eine alte Flamme von Bernie Broadbent. Und er hat sie zur Geschäftsführerin gemacht, sozusagen als . na ja, als eine Art Bezahlung.«
Jill nickte; nach allem, was sie über Bernie Broadbent wusste, war es allerdings wahrscheinlicher, dass Mrs. Merinis Mann seine alte Flamme gewesen war. Sie wünschte, es würde aufhören zu regnen. Das Dach der Gazette hatte ein Leck, und je mehr es regnete, desto schlimmer wurde es, und desto teurer würde die Reparatur werden. Sie schaute auf die Uhr auf ihrem Schreibtisch. Es war erst halb vier.
Amy folgte immer noch ihrem eigenen Gedankengang. »Wenn sie so war wie die Tochter, dann könnte man das natürlich verstehen.«
»Wessen Tochter?«
»Mrs. Merinis. Sie ist erst fünfzehn oder sechzehn, aber ziemlich gut entwickelt für ihr Alter. Sie wissen schon. So sind die Italienerinnen eben. Sie geht auf die Highschool, meine Nichte sagt, sie ist nicht besonders beliebt. Jedenfalls nicht bei den Mädchen.«

Kurzbeschreibung

Der neue Fall aus der preisgekrönten Lydmouth-Serie mit Inspector Thornhill und Journalistin Jill Francis<br />
<br />Richard Thornhill plagen die Geister der Vergangenheit. Als junger Polizist war er während der letzten Monate des Britischen Mandats in Palästina stationiert. Was er dort gesehen und getan hat, verfolgt ihn noch heute bis in den Schlaf. Und plötzlich taucht jemand aus dieser schrecklichen Zeit in Lydmouth auf, dem kleinen Ort an der walisischen Grenze: sein ehemaliger Vorgesetzter Jock Slether. Als kurz darauf eine Leiche aufgefunden wird, gerät Thornhill in Verdacht, der Mörder zu sein, denn er ist der Einzige, der den Toten kennt ...<br />
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Rezension

"meisterhaft versteht es Taylor, den Schein einer scheinbar friedlichen Kleinstadtwelt, deren Konflikte im Grunde lächerlich, aber für die Betroffenen hochbedeutsam sind, aufzubauen und zugleich in dieser nostalgischen Gemütlichkeitsaura präzise Zeichen zu platzieren, die den kommenden Kollaps vorausahnen lassen." Tobias Gohlis, arte.tv

Portrait

Andrew Taylor wurde 1951 in Stevenage, England, geboren. Er ist der Autor zahlreicher preisgekrönter Kriminalromane, darunter die Romane der Lydmouth-Serie und der Roth-Trilogie. Andrew Taylor wurde bereits mit dem Edgar Award, dem John Creasy Memorial Award der Crime Writers' Association und dem Historical Dagger ausgezeichnet sowie für den Gold Dagger nominiert. 2009 erhielt er den Cartier Diamond Dagger, die Auszeichnung der britischen Crime Writers` Association.



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